Geht’s den Rentnern zu gut?

Der Leit­ar­ti­kel im neu­en SPIEGEL ver­sucht sich an einer – ver­mut­lich schreck­lich gewoll­ten – Pro­vo­ka­ti­on. Chris­ti­an Rei­er­mann, selbst Ange­hö­ri­ger der Boo­mer-Rie­ge, zieht gegen die eige­ne Alters­klas­se zu Fel­de. Sein Vor­wurf: Refor­men in die­sem Land ver­san­den regel­mä­ßig an den Ego­is­men der Älte­ren, wäh­rend die Jugend die finan­zi­el­le Zeche zah­len darf. Ker­nig for­dert er ein Ende der „Tyran­nei der Alten“ und plä­diert für mehr Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit. Die Alten sei­en poli­tisch und finan­zi­ell bes­tens gepols­tert, wäh­rend die Jün­ge­ren unter der Last von Renten‑, Steu­er- und Sozi­al­po­li­tik ächzen.

So weit, so popu­lis­tisch. Schaut man sich den Arti­kel genau­er an, stol­pert man aller­dings über eini­ge Denkfehler. 

Als Reform­he­bel schlägt Rei­er­mann bei­spiels­wei­se eine höhe­re Mehr­wert­steu­er vor. Die Logik dahin­ter: In einer altern­den Gesell­schaft trifft das vor allem die­je­ni­gen, die im Herbst des Lebens ihr Erspar­tes ver­pras­sen. Das klingt in der Theo­rie nett, igno­riert aber die Rea­li­tät. Die meis­ten Rent­ner knab­bern ihre Erspar­nis­se nicht aus purem Luxus an, son­dern schlicht, weil sie es zum nack­ten Über­le­ben müs­sen. Das Geld fließt in die täg­li­che Exis­tenz­si­che­rung und nicht, wie der Autor uns womög­lich weiß machen will, in die fünf­te Pra­da-Hand­ta­sche oder den spon­ta­nen Kurz­trip nach Tessin.

Gleich­zei­tig schießt sich der SPIE­GEL-Autor auf den– sei­ner Mei­nung nach – Unfug der „Ren­te mit 63“ ein. Nur blöd, dass es die­se Ren­te mit 63 in der Form über­haupt nicht mehr gibt. Das war ein Pri­vi­leg für die Jahr­gän­ge 1952 bis 1964. Danach ist Schicht im Schacht: Die abschlags­freie Ver­ren­tung greift erst wie­der ab 65 Jah­ren – und auch nur dann, wenn man stol­ze 45 Ver­si­che­rungs­jah­re auf dem Buckel hat. Wer das für rei­nen Unsinn hält, lebt ent­we­der kom­plett an der Lebens­wirk­lich­keit der Men­schen vor­bei oder arbei­tet ver­mut­lich beim SPIEGEL. Dort scheint eine Lebens­ar­beits­zeit jen­seits der 65 offen­bar pro­blem­los mach­bar zu sein – ohne nen­nens­wer­te kör­per­li­che oder gesund­heit­li­che Alt­las­ten, die man sich durch jahr­zehn­te­lan­ge har­te Arbeit ein­ge­han­delt hat.

Auch an ande­rer Stel­le geht Rei­er­manns wohl­fei­le Ein­ord­nung mei­len­weit an der Rea­li­tät vor­bei. Wer ernst­haft die bes­se­re Aner­ken­nung von Erzie­hungs­zei­ten im Ren­ten­sys­tem kri­ti­siert, der braucht sich über den anhal­ten­den Sturz­flug der Gebur­ten­ra­te wahr­lich nicht zu wundern.

Als pri­vi­le­gier­ter Jour­na­list hat man gut reden: Wenn die haus­ei­ge­ne Alters­ver­sor­gung steht, die betriebs­ei­ge­ne Kita parat steht und das Gehalt weit über dem liegt, was ein Nor­mal­ver­die­ner jemals zu Gesicht bekommt, lässt sich herr­lich über die „Tyran­nei der Alten“ schwadronieren.

Die bit­te­re Wahr­heit, die gut­ver­die­nen­de Jour­na­lis­ten und Poli­ti­ker so ele­gant aus­blen­den, ist eine ganz ande­re: Die Alters­ar­mut in Deutsch­land ist in den letz­ten Jah­ren dras­tisch gestie­gen. Das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt mel­de­te für 2025 eine Armuts­ge­fähr­dungs­quo­te von sat­ten 19,5% für Men­schen ab 65 Jah­ren. Wer nicht das gro­ße Los gezo­gen hat, beim SPIEGEL oder in einem Groß­kon­zern mit Luxus-Alters­vor­sor­ge unter­zu­kom­men, der muss nach 45 Ver­si­che­rungs­jah­ren sehen, wie er mit einer Net­to­ren­te von ca.1.500 Euro net­to hin­kommt. Und selbst die­se Sum­me gibt es kei­nes­wegs geschenkt – dafür muss man in die­sen 45 Jah­ren schon rela­tiv gut ver­dient haben.

Wer­fen wir doch mal einen Blick auf die nack­ten Zah­len: Für das lau­fen­de Jahr 2026 liegt das vor­läu­fi­ge Durch­schnitts­ent­gelt in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bei stol­zen 51.944 Euro brut­to im Jahr.

Das bedeu­tet im Klar­text: Nur wer im Lau­fe des Jah­res 2026 exakt die­sen Betrag nach Hau­se bringt – was umge­rech­net 4.328,67 Euro im Monat sind – und dar­auf sei­ne Ren­ten­bei­trä­ge zahlt, bekommt für die­ses Jahr über­haupt einen ein­zi­gen, vol­len Ren­ten­punkt gutgeschrieben.

Schaut man sich alle Erwerbs­tä­ti­gen an, schaf­fen es gera­de ein­mal mick­ri­ge 30 % bis 35 %, die­se Sum­me im Jahr über­haupt zu errei­chen. Heißt im Umkehr­schluss: Gut 70 Pro­zent der zukünf­ti­gen Rent­ne­rin­nen und Rent­ner steu­ern sehen­den Auges auf die Alters­ar­mut zu.

Im Ham­bur­ger Elfen­bein­turm lässt es sich leicht über die „Tyran­nei der Alten“ schrei­ben. Viel­leicht soll­te Rei­er­mann beim nächs­ten Zusam­men­tref­fen mit einem Pfand­fla­schen sam­meln­den Rent­ner fra­gen, wie­so er sei­nen Lebens­abend eigent­lich nicht in der Tos­ka­na verbringt. 

Friede, Freude, Eierkuchen — Der Weg in den Rechtsextremismus?

Die Poli­tik, allen vor­an die Regie­rung beschwört immer wie­der den Kon­sens der Par­tei­en. Man müs­se sich »zusam­men­rau­fen«, um Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler nicht in die Arme extre­mis­ti­scher Par­tei­en zu trei­ben. Genutzt hat das frei­lich wenig, bei den kom­men­den Land­tags­wah­len in Sach­sen-Anhalt pro­gnos­ti­zie­ren die Insti­tu­te mit sat­ten 42% der Stim­men für die AFD einen erheb­li­chen Zuwachs an Wählerstimmen. 

War­um ist das so und vor allem: Kön­nen wir den Macht­zu­wachs der Extre­mis­ten eigent­lich noch stop­pen? Ist es nicht so, dass gera­de der zwang­haf­te ver­such­te Kon­sens in der Poli­tik dazu führt, dass sich der Extre­mis­mus als poli­ti­sche Alter­na­ti­ve Bahn bricht? Die wohl ein­fluss­reichs­te phi­lo­so­phi­sche Abhand­lung hier­zu, stammt von der bel­gi­schen Poli­tik­phi­lo­so­phin Chan­tal Mouf­fe und nennt sich Ago­nis­ti­scher Plu­ra­lis­mus (oder Postpolitik-Kritik).

Mouf­fe kri­ti­siert, dass wenn eine Gesell­schaft ver­sucht, jeden ech­ten poli­ti­schen Kon­flikt weg­zu­dis­ku­tie­ren und einen künst­li­chen, alter­na­tiv­lo­sen Kon­sens zu erzwin­gen, die legi­ti­men demo­kra­ti­schen Ven­ti­le feh­len. Der poli­ti­sche Streit ver­schwin­det aber nicht, son­dern bricht sich dann im Extre­mis­mus Bahn. (vgl: Über das Poli­ti­sche: Wider die kos­mo­po­li­ti­sche Illu­si­on, Chan­tal Mouffe)

Ver­dräng­ter Ago­nis­mus, also die poli­ti­sche Streit­kul­tur, könn­te so als ras­sis­ti­scher Hass und Rechts­extre­mis­mus als »ein­zig dis­kur­si­ves« Ange­bot wie­der­keh­ren. Rechts­po­pu­lis­ten und Extre­mis­ten sind dann oft die Ein­zi­gen, die das Gefühl ver­mit­teln: »Wir bre­chen die­sen ersti­cken­den Kon­sens auf. Wir bie­ten euch wie­der eine ech­te Unter­schei­dung zwi­schen Wir und Die.« Der Extre­mis­mus füllt also das Vaku­um, das die kon­sens­ge­trie­be­ne Poli­tik hin­ter­las­sen hat.

Mouf­fe argu­men­tiert, dass die west­li­che Poli­tik seit den 1990er Jah­ren einem fata­len Irr­glau­ben auf­ge­ses­sen ist: der Annah­me, man kön­ne durch ratio­na­le Debat­ten einen uni­ver­sel­len Kon­sens erzie­len, bei dem am Ende alle das Glei­che wollen.

Wenn eta­blier­te Par­tei­en sich so stark annä­hern, dass dem Bür­ger sug­ge­riert wird: »Es gibt kei­ne ech­ten Alter­na­ti­ven mehr, wir sind uns im Grun­de alle einig«, pas­siert laut Mouf­fe Folgendes:

In einer gesun­den Demo­kra­tie gibt es »Geg­ner«, die man lei­den­schaft­lich bekämpft, deren Exis­tenz­recht man aber respek­tiert. Wenn jedoch der Kon­sens die ein­zig ratio­na­le und mora­lisch rich­ti­ge Lösung ist, wird jeder, der außer­halb die­ses Kon­sen­ses steht, nicht mehr als poli­ti­scher Geg­ner wahr­ge­nom­men, son­dern als mora­lisch böse oder irrational.

Wenn das demo­kra­ti­sche Sys­tem kei­ne Are­na mehr bie­tet, in der die­se Kon­flik­te als legi­ti­me Alter­na­ti­ven aus­ge­tra­gen wer­den kön­nen (z. B. eine ech­te Wahl zwi­schen links und rechts), suchen sich die­se Ener­gien ande­re Kanäle.

Rechts­po­pu­lis­ten und Extre­mis­ten sind dann oft die Ein­zi­gen, die das Gefühl ver­mit­teln: »Wir bre­chen die­sen ersti­cken­den Kon­sens auf. Wir bie­ten euch wie­der eine ech­te Unter­schei­dung.« Der Extre­mis­mus füllt also das Vaku­um, dass die kon­sens­ge­trie­be­ne Gesell­schaft, bzw. Poi­tik hin­ter­las­sen hat.

Die Theo­rie besagt also ver­kürzt zusam­men­ge­fasst: Extre­mis­mus ist oft die Quit­tung für eine Poli­tik, die nur auf Kon­sens bedacht ist. Wo kein Raum für legi­ti­men, har­ten demo­kra­ti­schen Streit gelas­sen wird, radi­ka­li­siert sich der Wider­spruch in Form von Extre­mis­mus, um über­haupt noch gehört zu werden.

Chan­tal Mouf­fe: Über das Politische.

Die neue Armut in Deutschland

Dem neu­en Armuts­be­richt des Pari­tä­ti­scher Gesamt­ver­band ist ein alar­mie­ren­des Bild der sozia­len Lage in Deutsch­land zu ent­neh­men. Die Armuts­quo­te stieg 2025 auf 16,1 % und erreich­te damit den höchs­ten Stand der ver­gan­ge­nen fünf Jah­re. Ins­ge­samt leben rund 13,3 Mil­lio­nen Men­schen in Ein­kom­mens­ar­mut. Der Titel der Aus­ga­be 2026: „Wach­sen­de Armut, schrump­fen­de Sicher­heit“. Klingt dra­ma­tisch? Ist es lei­der auch, wenn man die nack­ten Zah­len ohne das übli­che poli­ti­sche Weich­spül­ge­fa­sel betrachtet.

Wer dach­te, wir hät­ten nach den Kri­sen­jah­ren das Tal der Trä­nen durch­schrit­ten, wird hier unsanft geweckt. Es gibt kein lan­ges Her­um­re­den: Wir haben einen neu­en, trau­ri­gen Rekord zu vermelden.

Lässt man das sta­tis­ti­sche Vor­ge­plän­kel weg und schaut direkt auf das, was hän­gen­bleibt, so zeich­net sich ein düs­te­res Bild in Deutsch­land: Die rela­ti­ve Ein­kom­mens­ar­mut in Deutsch­land hat im Jahr 2025 (das dem Bericht 2026 zugrun­de liegt) einen his­to­ri­schen Höchst­stand im lau­fen­den Fünf-Jah­res-Beob­ach­tungs­zeit­raum erreicht.

16,1 Pro­zent der Men­schen in die­sem Land sind von Armut betrof­fen. Das ent­spricht der abs­trak­ten Mas­se von sage und schrei­be 13,3 Mil­lio­nen Men­schen. Wenn man sich anschaut, wer beson­ders oft von Armut betrof­fen ist, fal­len vor allem drei Grup­pen auf.

Das Alter als Armutsfalle

Beson­ders bit­ter sieht es am Lebens­abend aus. Bei den Men­schen ab 65 Jah­ren liegt die Quo­te bei 19,5 Pro­zent. Fast jede fünf­te älte­re Per­son in Deutsch­land lebt in Armut, wobei Frau­en ab 65 Jah­ren tmit einer Armuts­quo­te von 21,3 Pro­zent das deut­lich höhe­re Risi­ko tragen. 

Alleinerziehende und Ein-Personen-Haushalte

Wer sein Leben allein oder mit Kin­dern ohne Part­ner wup­pen muss, steht finan­zi­ell fast immer mit dem Rücken zur Wand. Allein­er­zie­hen­de bele­gen eine Quo­te von 28,9 Pro­zent. Bei den Allein­le­ben­den (Ein-Per­so­nen-Haus­hal­te) sind es sogar 30,3 Pro­zent. Kurz: In die­sen Lebens­la­gen ist rund jede drit­te Per­son betroffen.

Die „Unsichtbaren“ in der Statistik

Ein fast schon iro­ni­scher Neben­aspekt des Berichts betrifft die soge­nann­ten „sons­ti­gen Nicht-Erwerbs­tä­ti­gen“. Das klingt im Amts­deutsch wun­der­bar nach Frei­zeit, meint aber Men­schen, die im All­tag bis zum Hals in Arbeit ste­cken: Sie pfle­gen Ange­hö­ri­ge, betreu­en klei­ne Kin­der oder stu­die­ren. Sta­tis­tisch sind sie jedoch beson­ders armutsgefährdet. 

Rela­ti­ve Ein­kom­mens­ar­mut ist das eine – sie misst, wer weni­ger als 60 Pro­zent des mitt­le­ren Ein­kom­mens hat. Das fühlt sich abs­trakt an. Rich­tig greif­bar wird es beim The­ma „mate­ri­el­le Ent­beh­rung“ (Depri­va­ti­on).

4,6 Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land leben in erheb­li­cher mate­ri­el­ler Ent­beh­rung. Das bedeu­tet kon­kret: Da ist kein Geld für eine neue Wasch­ma­schi­ne da, wenn die alte den Geist auf­gibt, kein Geld für eine aus­ge­wo­ge­ne Mahl­zeit oder eine beheiz­te Woh­nung. Beson­ders erschre­ckend: Unter die­sen 4,6 Mil­lio­nen befin­den sich rund eine Mil­li­on min­der­jäh­ri­ge Kin­der und Jugend­li­che sowie 650.000 Alters­rent­ner und Rentnerinnen. 

Was macht die Poli­tik? Die Regie­rung will den Sozi­al­staat »refor­mie­ren« und reagiert mit Spar­plä­nen, die ver­mut­lich die am ehes­ten tref­fen, die im Armuts­be­richt erwähnt sind. Dis­ku­tier­te Kür­zun­gen beim Wohn­geld (das zu über der Hälf­te an Rent­ner geht) oder beim Unter­halts­vor­schuss für Allein­er­zie­hen­de ver­schär­fen die Situa­ti­on noch.

Anstatt struk­tu­rel­le Armut durch gute Löh­ne, ver­nünf­ti­ge Ren­ten und bezahl­ba­ren Wohn­raum anzu­ge­hen, erle­ben wir im gesell­schaft­li­chen Dis­kurs zuneh­mend eine Stig­ma­ti­sie­rung der Betroffenen.

Der Armuts­be­richt 2026 hält uns einen Spie­gel vor: 13,3 Mil­lio­nen Betrof­fe­ne sind kein “sozia­ler Rand” mehr – das ist ein hand­fes­tes struk­tu­rel­les Pro­blem mit­ten in der Gesell­schaft. Wenn jede drit­te allein­er­zie­hen­de Per­son und jeder fünf­te Rent­ner sta­tis­tisch als arm gel­ten, läuft in der Ver­tei­lung etwas mäch­tig schief.

Quel­le: Pari­tä­ti­scher Armuts­be­richt 2026 (PDF)

Warum Mehrarbeit der falsche Weg ist

Es ist ein immer wie­der­keh­ren­des Ritu­al: Stockt die Wirt­schaft, muss mehr gear­bei­tet wer­den, so das Man­tra von Poli­tik und Wirtschaft. 

Das Heils­ver­spre­chen lau­tet dann ver­läss­lich, dass wir schleu­nigst zur 40-Stun­den-Woche zurück­keh­ren und ins­ge­samt ein­fach wie­der deut­lich mehr klot­zen müs­sen. Nur so lie­ßen sich angeb­lich die inter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit und das Wirt­schafts­wachs­tum sichern. 

Der Fokus auf eine aus­ge­wo­ge­ne Work-Life-Balan­ce sei ver­kehrt, mit die­ser Sicht­wei­se lie­ße sich der Wohl­stand in Deutsch­land nicht halten. 

Die Rea­li­tät sieht anders aus: Seit 1990 hat die Zahl der Erwerbs­tä­ti­gen, die neben ihrer Haupt­tä­tig­keit noch eine Neben­tä­tig­keit haben ver­dop­pelt.

Die­se Argu­men­ta­ti­on der Poli­tik ist also nur eine extrem ver­kürz­te Dar­stel­lung kom­ple­xer Zusam­men­hän­ge, son­dern schlicht­weg falsch. Wah­rer Fort­schritt, bahn­bre­chen­de Inno­va­tio­nen und tat­säch­li­che Pro­duk­ti­vi­täts­ge­win­ne ent­ste­hen eben gera­de nicht dadurch, dass erschöpf­te Beschäf­tig­te noch mehr Lebens­zeit am Arbeits­platz absit­zen. Das Gegen­teil ist der Fall.

In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten haben die Arbeit­neh­mer bereits gewal­ti­ge Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­run­gen gestemmt. Getrie­ben wur­de die­se Ent­wick­lung vor allem durch die Digi­ta­li­sie­rung, die fort­schrei­ten­de Auto­ma­ti­sie­rung und spür­bar effi­zi­en­te­re Pro­zes­se. Man leis­tet heu­te in kür­ze­rer Zeit fun­da­men­tal mehr als früher. 

Und: Die Früch­te die­ser Effi­zi­enz­ge­win­ne wur­den laut Kri­ti­kern extrem ungleich ver­teilt. Wäh­rend Unter­neh­men und Kapi­tal­ge­ber kräf­tig pro­fi­tier­ten, gin­gen die eigent­li­chen Leis­tungs­trä­ger – die Beschäf­tig­ten – bei der Ver­tei­lung in Form von adäqua­ten Lohn­er­hö­hun­gen oder spür­ba­ren Arbeits­zeit­ver­kür­zun­gen weit­ge­hend leer aus. Beson­ders absurd wirkt vor die­sem Hin­ter­grund die ver­staub­te Vor­stel­lung, die Beleg­schaf­ten müss­ten jetzt ein­fach noch ein­mal „mehr leis­ten“, obwohl der his­to­ri­sche Zuwachs an Pro­duk­ti­vi­tät ohne­hin schon längst auf ihren Schul­tern abge­la­den wurde.

Bedenkt man wei­ter, dass zumin­dest im Net­to­ein­kom­mens­ver­gleich Deutsch­land nur im Mit­tel­feld der Gehäl­ter in der EU liegt, dürf­te klar sein, dass die Aus­sa­ge: Mehr Arbeit – mehr Wohl­stand schlicht­weg falsch ist. Umge­kehrt wird ein Schuh draus: Die Aus­wei­tung der Arbeits­zeit heißt ja nichts ande­res als eine Lohn­kür­zung durch die Hin­ter­tür. Wir wür­den also im EU-Durch­schnitt in der Net­to­lohn­ent­wick­lung wei­ter zurück­fal­len. Denkt man das wei­ter, ist bei einem Lohn­ver­zicht der Bin­nen­markt durch Kon­sum­zu­rück­hal­tung der Bevöl­ke­rung mit den ent­spre­chen­den Aus­wir­kun­gen für die Wirt­schaft zusätz­lich gefährdet.

Das Märchen von der Flexibilität

Arbeits­zeit 1906 — Der 12-Stun­den Tag war normal.
Wenn Arbeit­ge­ber­ver­bän­de plötz­lich das Wört­chen „Fle­xi­bi­li­tät“ ent­de­cken, ist höchs­te Vor­sicht gebo­ten. Aktu­ell betrifft das die Debat­te, den klas­si­schen Acht­stun­den­tag durch eine wöchent­li­che Höchst­ar­beits­zeit zu erset­zen. Das Framing ist so durch­schau­bar wie plump: Ver­kauft wird das Gan­ze als Wunsch der Beschäf­tig­ten nach mehr Frei­raum. Dahin­ter steckt aller­dings nichts ande­res als der Ver­such, den Acht­stun­den­tag per Direk­ti­ons­recht aus­zu­he­beln. Zur Erin­ne­rung: Die Begren­zung auf acht Stun­den wur­de 1918 nach dem Ende des Ers­ten Welt­kriegs von der Arbei­ter­schaft hart erkämpft und 1919 in der Wei­ma­rer Repu­blik for­mal ver­an­kert. Aus gutem Grund. Vor dem 19. Jahr­hun­dert schuf­te­ten Men­schen oft 10 bis 16 Stun­den täg­lich. Arbeits­me­di­zi­ni­sche Stu­di­en zei­gen unmiss­ver­ständ­lich, dass Pro­duk­ti­vi­tät und Kon­zen­tra­ti­on nach sechs bis acht Stun­den dras­tisch in den Kel­ler gehen.

Die fes­te Tages­gren­ze ist nicht will­kür­lich gewählt – sie schützt vor Über­las­tung. Wer sie auf­weicht, nimmt sehen­den Auges mehr Unfäl­le und stei­gen­de Kran­ken­zah­len in Kauf. Volks­wirt­schaft­lich ist die­se Dere­gu­lie­rung also ziem­li­cher Blöd­sinn. Wachs­tum ent­steht heu­te nicht mehr dadurch, dass man stumpf mehr Stun­den kloppt, son­dern durch Inno­va­ti­on und Effi­zi­enz­ge­win­ne. Krea­ti­vi­tät und smar­te Pro­blem­lö­sun­gen ent­ste­hen aber nicht unter Dau­er­druck in der elf­ten Arbeits­stun­de. Wenn Beschäf­tig­te nur noch im Über­le­bens­mo­dus funk­tio­nie­ren, bleibt die Inno­va­ti­ons­kraft des Unter­neh­mens auf der Stre­cke. Wir ver­wal­ten dann nur noch den Sta­tus quo, statt die Wirt­schaft zukunfts­fä­hig aufzustellen.

Wenn der Staat zulässt, dass Arbeit­neh­mer sys­te­ma­tisch über­las­tet wer­den, sozia­li­siert das die Kos­ten und pri­va­ti­siert die Gewin­ne. Heißt kon­kret: Die Unter­neh­men strei­chen kurz­fris­tig mehr Leis­tung ein, aber die Zeche für die dar­aus resul­tie­ren­den chro­ni­schen Krank­hei­ten, Burn­outs und psy­chi­schen Lei­den zahlt die All­ge­mein­heit über die Krankenkassen.

Zumal das Argu­ment der „star­ren Regeln“ ohne­hin nicht zieht: Es gibt längst hun­der­te Tarif­ver­trä­ge und Betriebs­ver­ein­ba­run­gen, die fle­xi­ble Lösun­gen erlau­ben. Ob im Schicht­be­trieb oder zur Abwen­dung wirt­schaft­li­cher Schä­den – Betriebs­rä­te haben prag­ma­ti­schen Anpas­sun­gen schon immer zuge­stimmt, natür­lich gegen ent­spre­chen­den mone­tä­ren oder zeit­li­chen Ausgleich.

Und, um auch das Argu­ment der Kapi­tal­eig­ner auf­zu­grei­fen, Wirt­schaft funk­tio­nie­re nur durch Wachs­tum: Wer schuf­tet, shop­pt nicht. Eine Aus­wei­tung der Arbeits­zeit würgt den inner­deut­schen Markt schlicht­weg ab.

Es geht bei der aktu­el­len Kam­pa­gne also kei­nes­wegs um moder­nes, fle­xi­bles Arbei­ten. Es geht schlicht dar­um, Arbeits­zei­ten auf Kos­ten der Beschäf­tig­ten aus­zu­wei­ten. Das Spiel ken­nen wir schon: Vor ein paar Jah­ren ver­such­te man mit dem Euphe­mis­mus »Fle­xi­bi­li­tät«, die 40-Stun­den-Woche durch die Hin­ter­tür wie­der als Stan­dard zu etablieren.

Die Geschichte von Borgward

Borg­ward Isa­bell­la von 1958

Gestern beim Werk­statt­be­such ent­deck­te ich den auto­mo­bi­len Beweis her­aus­ra­gen­der deut­scher Inge­nieurs­kunst: Eine Borg­ward Isa­bel­la von 1958. 

Ein ech­tes Auto mit Cha­rak­ter, noch von Hand gezeich­net und noch nicht im Wind­ka­nal rund­ge­lutscht. Grund genug, mal tief in die Geschich­te einer Mar­ke ein­zu­tau­chen, deren Auf­stieg und Fall zu den fas­zi­nie­rends­ten Kapi­teln der deut­schen Auto­mo­bil­ge­schich­te gehören.

[Recher­che mit Hil­fe von Gemini]

Die Anfänge (1890–1924)

Alles begann mit einem Mann, der den unbe­ding­ten Kon­struk­ti­ons­wil­len im Blut hat­te: Carl Fried­rich Wil­helm Borg­ward. Gebo­ren am 10. Novem­ber 1890 in Alto­na, absol­vier­te er zunächst eine soli­de Leh­re als Schlos­ser, um das Hand­werk von der Pike auf zu ler­nen. Es folg­te ein Maschi­nen­bau­stu­di­um am Tech­ni­kum in Ham­burg. Nach den Wir­ren des Ers­ten Welt­kriegs trat er 1919 als Teil­ha­ber in die Fir­ma Bre­mer Rei­fen­in­dus­trie GmbH ein. Der eigent­li­che Genie­streich gelang ihm jedoch 1924: Borg­ward ent­wi­ckel­te das Lie­fer­drei­rad Blitz­kar­ren. Für 980 Reichs­mark ange­bo­ten, traf das spar­ta­ni­sche, aber unge­mein prak­ti­sche Gefährt exakt den Nerv der von der Hyper­in­fla­ti­on gebeu­tel­ten Wirt­schaft. Es wur­de ein rie­si­ger Erfolg und leg­te das finan­zi­el­le Fun­da­ment für alles, was noch kom­men sollte.

Expansion und Aufstieg (1928–1938)

Borg­ward dach­te groß und han­del­te schnell. Im Jahr 1928 grün­de­te er die »Goli­ath-Wer­ke Borg­ward & Co GmbH« und über­nahm nur ein Jahr spä­ter, im Jahr 1929, die wirt­schaft­lich ange­schla­ge­nen Han­sa-Lloyd Wer­ke. Dass er ein per­fek­tes Gespür für den Mas­sen­markt besaß, bewies er 1931/32 mit der Drei­rad-Limou­si­ne Pio­nier. Der end­gül­ti­ge Durch­bruch in der eta­blier­ten auto­mo­bi­len Ober­li­ga gelang der Mar­ke auf der Inter­na­tio­na­len Auto­mo­bil­aus­stel­lung 1934 in Ber­lin. Mit den moder­nen, ele­gan­ten Model­len Han­sa 1100 und Han­sa 1700 zeig­te Borg­ward der Kon­kur­renz, was tech­no­lo­gi­sche Inno­va­ti­on gepaart mit anspre­chen­dem Design bedeu­te­te. Die­se rasan­te Expan­si­on gip­fel­te im Jahr 1938 mit dem Bau des damals moderns­ten und fort­schritt­lichs­ten Auto­werks Euro­pas in Bremen-Sebaldsbrück.

Zweiter Weltkrieg und Wiederaufbau (1939–1950)

Die dunk­len Jah­re des Zwei­ten Welt­kriegs mach­ten die Erfolgs­ge­schich­te jedoch jäh zunich­te. Die Borg­ward-Wer­ke wur­den gezwun­ge­ner­ma­ßen als Haupt­lie­fe­rant für die Wehr­macht ein­ge­spannt; statt ele­gan­ter Limou­si­nen wur­den fort­an Halb­ket­ten­fahr­zeu­ge, Schüt­zen­pan­zer und schwe­re Zug­ma­schi­nen pro­du­ziert. Die Quit­tung folg­te prompt: Das erst 1938 fei­er­lich eröff­ne­te Werk in Bre­men wur­de durch alli­ier­te Luft­an­grif­fe fast kom­plett zer­stört. Doch wer glaub­te, das sei das Ende der Borg­ward-Ära gewe­sen, unter­schätz­te den unbän­di­gen Steh­auf­männ­chen-Geist des Grün­ders und sei­ner Beleg­schaft. Man mach­te sich sofort an den müh­sa­men Wie­der­auf­bau – der Weg war frei für die gro­ßen Iko­nen der Nach­kriegs­zeit. Iko­nen wie jene Isa­bel­la, die heu­te noch in der Werk­statt die Bli­cke auf sich zieht.

Borgward Isabella (1954–1961) – Das Herzstück

Und damit wären wir wie­der bei mei­nem ein­gangs erwähn­ten Werk­statt-Fund­stück, dem eigent­li­chen Star der Bre­mer Auto­mo­bil­ge­schich­te: der Borg­ward Isa­bel­la. Sie war das abso­lu­te Herz­stück des Unter­neh­mens, ein Mit­tel­klas­se-PKW, den die Carl F. W. Borg­ward GmbH von 1954 bis 1961 in Bre­men-Sebalds­brück vom Band lau­fen ließ. Sie war nicht ein­fach nur ein Auto; sie war das Sym­bol des Wirt­schafts­wun­ders.Der Vier­zy­lin­der-Rei­hen­mo­tor mit drei­fach gela­ger­ter Kur­bel­wel­le und par­al­lel hän­gen­den Ven­ti­len hat­te eine seit­li­che Nocken­wel­le, die über ein Stirn­rad­ge­trie­be mit Zahn­rad aus gewe­be­ver­stärk­tem Phe­nol­harz (Novo­tex) ange­trie­ben wird. Das Ansaug­rohr ist Teil des Zylin­der­kop­fes; der Ver­ga­ser ist auf dem Ven­til­de­ckel ange­flanscht. Neu war damals die hydrau­lisch betä­tig­te Kupp­lung. Das Vier­gang­ge­trie­be mit Lenk­rad­schal­tung ist voll syn­chro­ni­siert, der 1,5 l Motor leis­tet zwi­schen 60 und 75 PS. Die Isa­bel­la war mit 7.265,00 DM teu­rer als der Opel Rekord oder der Ford 12 M, aber güns­ti­ger als ein Mer­ce­des 180. Im ers­ten Pro­duk­ti­ons­jahr stell­te Borg­ward 11.150 Isa­bel­las her. (Wiki­pe­dia) Den Namen soll das Auto durch eine Gleich­gül­tig­keit des Fir­men­chefs erhal­ten haben: Auf die Fra­ge der Inge­nieu­re, wie der Pro­to­typ beti­telt wer­den soll­te, hat der Erzäh­lung nach Borg­ward geant­wor­tet: »Das ist mir egal, schreibt mei­net­we­gen Isa­bel­la drauf.«

Der Untergang (1960–1963)

Der tie­fe Fall folg­te auf dem Fuße, und er kam schnell. Im Win­ter 1960 geriet der Kon­zern mas­siv in Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten. Um die stol­ze Zahl von 27.000 Mit­ar­bei­tern irgend­wie zu hal­ten, benö­tig­te Borg­ward drin­gend eine Kre­dit­hil­fe des Bre­mer Senats. Die Poli­tik zöger­te, sodass das Geld nur zum Teil über­haupt zur Aus­zah­lung kam.

Die Affäre Borgward — BMW

Der Inter­es­sen­kon­flikt
Als Borg­ward 1961 in finan­zi­el­le Not geriet und der Bre­mer Senat ein­sprang, muss­te ein Sanie­rer her. Der Finanz­se­na­tor traf sich mit dem Unter­neh­mens­be­ra­ter Johan­nes Sem­ler, und Bür­ger­meis­ter Kai­sen plan­te die Grün­dung einer Akti­en­ge­sell­schaft. Dabei wäre eine Zusam­men­ar­beit mit VW oder BMW denk­bar gewe­sen, die bereits Inter­es­se signa­li­siert hat­ten. Der ent­schei­den­de Haken dabei: Nie­mand im Bre­mer Senat wuss­te bis dahin, dass Sem­ler zugleich Auf­sichts­rats­mit­glied bei BMW war. Das bestä­tigt auch Wiki­pe­dia: Am 1. Febru­ar 1960 wur­de Sem­ler Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der bei BMW – und 1961 gleich­zei­tig Sach­ver­stän­di­ger für den Bre­mer Senat in der Sache Borgward.

Sabo­ta­ge statt Sanierung?
Anstatt die Fir­ma wie­der auf die Bei­ne zu brin­gen, plan­te Sem­ler laut spä­te­ren Vor­wür­fen ein »Aus­blu­ten«, sodass BMW die Borg­ward-Wer­ke zum kleinst­mög­li­chen Preis über­neh­men könn­te. So schick­te er sogleich sechs Borg­ward-Kon­struk­teu­re nach Mün­chen – dekla­riert als »Wei­ter­bil­dung«. Zwei Wochen nach sei­nem Amts­an­tritt bezeich­ne­te Sem­ler den Borg­ward-Kom­plex noch als »unge­wöhn­lich gesund« – doch Borg­wards Ruf war da bereits ruiniert.

Der Plan schei­tert – aber Borg­ward auch
Sem­lers Plan ging nicht auf: BMW war nur an Borg­wards Haupt­werk inter­es­siert und schlug das Kauf­an­ge­bot aus. Der Bre­mer Senat wur­de unru­hig, weil Sem­ler kei­ne sicht­ba­ren Erfol­ge vor­wei­sen konn­te. Nach­dem er wei­te­re 50 Mil­lio­nen for­der­te und die Wer­ke nicht ver­kau­fen konn­te, wur­de sei­ne Gene­ral­voll­macht wider­ru­fen – und das end­gül­ti­ge Ende der Auto­mo­bil­pro­duk­ti­on war besiegelt.

Der dama­li­ge Senats­prä­si­dent Wil­helm Kai­sen fäll­te Jah­re spä­ter ein ver­nich­ten­des Urteil: »Dr. Sem­ler erwies sich als eine Niete.«

Am 4. Febru­ar 1961 kapi­tu­lier­te der sicht­lich mür­be gemach­te Fir­men­grün­der und über­gab sei­ne Wer­ke ent­schä­di­gungs­los dem Land Bre­men. Der Senat instal­lier­te dar­auf­hin einen Sanie­rer, der die Sache aller­dings nicht bes­ser, son­dern gründ­li­cher mach­te und noch mehr Schul­den anhäuf­te – die Sanie­rung schlug gran­di­os fehl. Nach den Werks­fe­ri­en 1961 war end­gül­tig Schluss: Allen Mit­ar­bei­tern wur­de gekün­digt. Der genia­le Geist hin­ter dem Impe­ri­um, Carl F. W. Borg­ward, über­leb­te das Ende sei­nes Lebens­werks nicht lan­ge und starb 1963.

Das Erbe und die Wiederbelebung

Man soll­te mei­nen, damit wäre die Geschich­te zu Ende, aber im Zeit­al­ter des Mar­ken-Zom­bie­fi­zie­rungs-Trends lässt man Legen­den sel­ten in Frie­den ruhen. Ab 2005 ver­such­te Chris­ti­an Borg­ward, der Enkel des Grün­ders, die Auto­mo­bil­mar­ke wie­der­zu­be­le­ben. Nach viel Vor­lauf ver­kauf­te er die Mar­ken­rech­te 2014 schließ­lich nach Chi­na. Doch auch die­ser reani­mier­te Ver­such, der mit den alten Klas­si­kern außer dem Namen und dem Rhom­bus wenig zu tun hat­te, schei­ter­te letzt­lich an der har­ten Rea­li­tät des Mark­tes: Die neue Borg­ward-Grup­pe mel­de­te 2022 eben­falls Insol­venz an. Was bleibt ist die Erin­ne­rung an einen gro­ßen Unter­neh­mer, der in den Nach­kriegs­jah­ren die Design­spra­che neu defi­nier­te und dem die Nach­welt eini­ge der schöns­ten, wenn auch nur noch ganz weni­gen deut­schen Autos ver­dankt. Borg­ward bleibt eines der fas­zi­nie­rends­ten, tra­gischs­ten und span­nends­ten Kapi­tel der deut­schen Auto­mo­bil­ge­schich­te. Ein ech­tes Bre­mer Urge­stein, das den bei­spiel­lo­sen Auf­stieg vom schlich­ten, drei­räd­ri­gen Lie­fer­kar­ren zum viert­größ­ten Auto­her­stel­ler Deutsch­lands geschafft hat – und danach eben­so dra­ma­tisch wie­der von der Bild­flä­che ver­schwand. Scha­de eigentlich. 


Quel­len:

  • Schul­mu­se­um Bre­men / Weser-Kurier (Geschichts­ar­chiv)
  • Staats­ar­chiv Bre­men / Der Spiegel
  • Han­dels­blatt / Auto­mo­bil Industrie
  • Wirt­schafts­be­richt­erstat­tung (u.a. WELT, Focus Online)
  • Wiki­pe­dia — Borgward
  • Wiki­pe­dia- Carl F.W. Borgward
  • Film: Die Affä­re Borgward
  • Energiekrise: Schlimmer als gedacht?

    Durch die Schlie­ßung der Stra­ße von Hor­mus droht Deutsch­land eine Ener­gie­kri­se, die weit erns­ter aus­fal­len könn­te, als man uns glau­ben machen will. Trotz aller Beteue­run­gen der Poli­tik: Nicht nur Gas und Kero­sin könn­ten knapp wer­den, son­dern auch Basis­pro­duk­te wie Dün­ger und ande­re Pro­duk­te. Wäh­rend die Indus­trie bereits Alarm schlägt, üben sich Kanz­ler und Wirt­schafts­mi­nis­ter vor­nehm im Weg­du­cken. Durch den unsin­ni­gen Kon­flikt der USA und Isra­el mit dem Iran wur­de ein Erpres­sungs­po­ten­zi­al geschaf­fen, des­sen Hebel­wir­kung man dort nun sehr genau zu schät­zen weiß.

    Die ohne­hin pre­kä­re Lage wird durch die Ver­knap­pung des Ange­bots und den gewohnt schlep­pen­den Netz­aus­bau ver­schärft. Das Ergeb­nis sind Strom­prei­se, die für Indus­trie und Pri­vat­ver­brau­cher auf einem hohem Niveau ver­har­ren – oder gar wei­ter stei­gen –, das die Wett­be­werbs­fä­hig­keit des Stand­orts Deutsch­land mas­siv gefährdet.

    Der Chef der Inter­na­tio­na­len Ener­gie­agen­tur ver­stieg sich laut SPIEGEL zu der Aus­sa­ge, dass die Mensch­heit in der größ­ten Ener­gie­kri­se seit 50 Jah­ren ste­cke. Die Stra­ße von Hor­mus fun­giert dabei als Achil­les­ver­se der Welt­wirt­schaft: Durch die­se Meer­enge flie­ßen nicht bloß Erd­öl und Erd­gas, son­dern auch essen­zi­el­le Grund­stof­fe für die Dün­ge­mit­tel­her­stel­lung. Soll­te die­se Ver­sor­gung abrei­ßen, stün­de die Ernäh­rung der hal­ben Mensch­heit auf dem Spiel. Noch erreicht uns die­se Kri­se gewis­ser­ma­ßen in Zeit­lu­pe, da die Preis­stei­ge­run­gen bei Öl und Gas meist erst zeit­ver­setzt beim End­ver­brau­cher ankom­men. Bis­her jeden­falls hält sich die Belas­tung des Ver­brau­chers in Gren­zen. Zur Beru­hi­gung der erhitz­ten Gemü­ter wur­de die Steu­er auf Ben­zin und Die­sel gesenkt, die Heiz­pe­ri­ode ist mit Beginn des Som­mers vor­bei. Flü­ge wer­den zwar teu­rer, aber wer sich heut­zu­ta­ge noch einen Urlaub mit Flug­rei­se gön­nen kann, für den dürf­te eine sol­che Preis­er­hö­hung kaum exis­ten­zi­ell sein. 

    Der Bun­des­ver­band der Deut­schen Luft­ver­kehrs­wirt­schaft reagiert den­noch ner­vös und for­dert bereits die Frei­ga­be der stra­te­gi­schen Kero­sin­re­ser­ven – auf natio­na­ler wie euro­päi­scher Ebe­ne. Im Bereich der Gas­ver­sor­gung sieht die Lage kaum rosi­ger aus: Die Spei­cher­stän­de sind inzwi­schen auf unter 25 Pro­zent gefal­len, wäh­rend die Gas­händ­ler ange­sichts der Prei­se bei der Bevor­ra­tung lie­ber abge­war­tet haben. Mit jedem Tag, an dem die Sper­rung der Meer­enge andau­ert, wächst das Risi­ko einer hand­fes­ten Gas­man­gel­la­ge, die in der Heiz­pe­ri­ode im Herbst die Prei­se durch die Decke gehen las­sen könnte. 

    Umso dring­li­cher wird nun die Beschleu­ni­gung der Dekar­bo­ni­sie­rung beschwo­ren, auch im pri­va­ten Sek­tor. Wenn – ja, wenn – da nicht das lei­di­ge The­ma des schlep­pen­den Netz­aus­baus wäre. Mit der aktu­el­len Infra­struk­tur ist eine Umstel­lung auf Strom als pri­mä­re Ener­gie­form für Hei­zung und Ver­kehr schlicht noch nicht zu stemmen.
    Das Strom­netz wur­de his­to­risch schließ­lich dar­auf aus­ge­legt, dass nie alle Haus­hal­te gleich­zei­tig den Herd ein­schal­ten. Wenn nun jedoch in einer Stra­ße abends 20 Elek­tro­au­tos mit 11 kW laden, wäh­rend zeit­gleich 20 Wär­me­pum­pen bei Minus­tem­pe­ra­tu­ren auf Hoch­tou­ren lau­fen, sto­ßen die loka­len Orts­netz­trans­for­ma­to­ren unwei­ger­lich an ihre Grenzen. 

    Die Lei­tun­gen wür­den schlicht durchschmoren.