So weit, so populistisch. Schaut man sich den Artikel genauer an, stolpert man allerdings über einige Denkfehler.
Als Reformhebel schlägt Reiermann beispielsweise eine höhere Mehrwertsteuer vor. Die Logik dahinter: In einer alternden Gesellschaft trifft das vor allem diejenigen, die im Herbst des Lebens ihr Erspartes verprassen. Das klingt in der Theorie nett, ignoriert aber die Realität. Die meisten Rentner knabbern ihre Ersparnisse nicht aus purem Luxus an, sondern schlicht, weil sie es zum nackten Überleben müssen. Das Geld fließt in die tägliche Existenzsicherung und nicht, wie der Autor uns womöglich weiß machen will, in die fünfte Prada-Handtasche oder den spontanen Kurztrip nach Tessin.
Gleichzeitig schießt sich der SPIEGEL-Autor auf den– seiner Meinung nach – Unfug der „Rente mit 63“ ein. Nur blöd, dass es diese Rente mit 63 in der Form überhaupt nicht mehr gibt. Das war ein Privileg für die Jahrgänge 1952 bis 1964. Danach ist Schicht im Schacht: Die abschlagsfreie Verrentung greift erst wieder ab 65 Jahren – und auch nur dann, wenn man stolze 45 Versicherungsjahre auf dem Buckel hat. Wer das für reinen Unsinn hält, lebt entweder komplett an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei oder arbeitet vermutlich beim SPIEGEL. Dort scheint eine Lebensarbeitszeit jenseits der 65 offenbar problemlos machbar zu sein – ohne nennenswerte körperliche oder gesundheitliche Altlasten, die man sich durch jahrzehntelange harte Arbeit eingehandelt hat.
Auch an anderer Stelle geht Reiermanns wohlfeile Einordnung meilenweit an der Realität vorbei. Wer ernsthaft die bessere Anerkennung von Erziehungszeiten im Rentensystem kritisiert, der braucht sich über den anhaltenden Sturzflug der Geburtenrate wahrlich nicht zu wundern.
Als privilegierter Journalist hat man gut reden: Wenn die hauseigene Altersversorgung steht, die betriebseigene Kita parat steht und das Gehalt weit über dem liegt, was ein Normalverdiener jemals zu Gesicht bekommt, lässt sich herrlich über die „Tyrannei der Alten“ schwadronieren.
Die bittere Wahrheit, die gutverdienende Journalisten und Politiker so elegant ausblenden, ist eine ganz andere: Die Altersarmut in Deutschland ist in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Das Statistische Bundesamt meldete für 2025 eine Armutsgefährdungsquote von satten 19,5% für Menschen ab 65 Jahren. Wer nicht das große Los gezogen hat, beim SPIEGEL oder in einem Großkonzern mit Luxus-Altersvorsorge unterzukommen, der muss nach 45 Versicherungsjahren sehen, wie er mit einer Nettorente von ca.1.500 Euro netto hinkommt. Und selbst diese Summe gibt es keineswegs geschenkt – dafür muss man in diesen 45 Jahren schon relativ gut verdient haben.
Werfen wir doch mal einen Blick auf die nackten Zahlen: Für das laufende Jahr 2026 liegt das vorläufige Durchschnittsentgelt in der gesetzlichen Rentenversicherung bei stolzen 51.944 Euro brutto im Jahr.
Das bedeutet im Klartext: Nur wer im Laufe des Jahres 2026 exakt diesen Betrag nach Hause bringt – was umgerechnet 4.328,67 Euro im Monat sind – und darauf seine Rentenbeiträge zahlt, bekommt für dieses Jahr überhaupt einen einzigen, vollen Rentenpunkt gutgeschrieben.
Schaut man sich alle Erwerbstätigen an, schaffen es gerade einmal mickrige 30 % bis 35 %, diese Summe im Jahr überhaupt zu erreichen. Heißt im Umkehrschluss: Gut 70 Prozent der zukünftigen Rentnerinnen und Rentner steuern sehenden Auges auf die Altersarmut zu.
Im Hamburger Elfenbeinturm lässt es sich leicht über die „Tyrannei der Alten“ schreiben. Vielleicht sollte Reiermann beim nächsten Zusammentreffen mit einem Pfandflaschen sammelnden Rentner fragen, wieso er seinen Lebensabend eigentlich nicht in der Toskana verbringt.


