Die neue Armut in Deutschland

Dem neu­en Armuts­be­richt des Pari­tä­ti­scher Gesamt­ver­band ist ein alar­mie­ren­des Bild der sozia­len Lage in Deutsch­land zu ent­neh­men. Die Armuts­quo­te stieg 2025 auf 16,1 % und erreich­te damit den höchs­ten Stand der ver­gan­ge­nen fünf Jah­re. Ins­ge­samt leben rund 13,3 Mil­lio­nen Men­schen in Ein­kom­mens­ar­mut. Der Titel der Aus­ga­be 2026: „Wach­sen­de Armut, schrump­fen­de Sicher­heit“. Klingt dra­ma­tisch? Ist es lei­der auch, wenn man die nack­ten Zah­len ohne das übli­che poli­ti­sche Weich­spül­ge­fa­sel betrachtet.

Wer dach­te, wir hät­ten nach den Kri­sen­jah­ren das Tal der Trä­nen durch­schrit­ten, wird hier unsanft geweckt. Es gibt kein lan­ges Her­um­re­den: Wir haben einen neu­en, trau­ri­gen Rekord zu vermelden.

Lässt man das sta­tis­ti­sche Vor­ge­plän­kel weg und schaut direkt auf das, was hän­gen­bleibt, so zeich­net sich ein düs­te­res Bild in Deutsch­land: Die rela­ti­ve Ein­kom­mens­ar­mut in Deutsch­land hat im Jahr 2025 (das dem Bericht 2026 zugrun­de liegt) einen his­to­ri­schen Höchst­stand im lau­fen­den Fünf-Jah­res-Beob­ach­tungs­zeit­raum erreicht.

16,1 Pro­zent der Men­schen in die­sem Land sind von Armut betrof­fen. Das ent­spricht der abs­trak­ten Mas­se von sage und schrei­be 13,3 Mil­lio­nen Men­schen. Wenn man sich anschaut, wer beson­ders oft von Armut betrof­fen ist, fal­len vor allem drei Grup­pen auf.

Das Alter als Armutsfalle

Beson­ders bit­ter sieht es am Lebens­abend aus. Bei den Men­schen ab 65 Jah­ren liegt die Quo­te bei 19,5 Pro­zent. Fast jede fünf­te älte­re Per­son in Deutsch­land lebt in Armut, wobei Frau­en ab 65 Jah­ren tmit einer Armuts­quo­te von 21,3 Pro­zent das deut­lich höhe­re Risi­ko tragen. 

Alleinerziehende und Ein-Personen-Haushalte

Wer sein Leben allein oder mit Kin­dern ohne Part­ner wup­pen muss, steht finan­zi­ell fast immer mit dem Rücken zur Wand. Allein­er­zie­hen­de bele­gen eine Quo­te von 28,9 Pro­zent. Bei den Allein­le­ben­den (Ein-Per­so­nen-Haus­hal­te) sind es sogar 30,3 Pro­zent. Kurz: In die­sen Lebens­la­gen ist rund jede drit­te Per­son betroffen.

Die „Unsichtbaren“ in der Statistik

Ein fast schon iro­ni­scher Neben­aspekt des Berichts betrifft die soge­nann­ten „sons­ti­gen Nicht-Erwerbs­tä­ti­gen“. Das klingt im Amts­deutsch wun­der­bar nach Frei­zeit, meint aber Men­schen, die im All­tag bis zum Hals in Arbeit ste­cken: Sie pfle­gen Ange­hö­ri­ge, betreu­en klei­ne Kin­der oder stu­die­ren. Sta­tis­tisch sind sie jedoch beson­ders armutsgefährdet. 

Rela­ti­ve Ein­kom­mens­ar­mut ist das eine – sie misst, wer weni­ger als 60 Pro­zent des mitt­le­ren Ein­kom­mens hat. Das fühlt sich abs­trakt an. Rich­tig greif­bar wird es beim The­ma „mate­ri­el­le Ent­beh­rung“ (Depri­va­ti­on).

4,6 Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land leben in erheb­li­cher mate­ri­el­ler Ent­beh­rung. Das bedeu­tet kon­kret: Da ist kein Geld für eine neue Wasch­ma­schi­ne da, wenn die alte den Geist auf­gibt, kein Geld für eine aus­ge­wo­ge­ne Mahl­zeit oder eine beheiz­te Woh­nung. Beson­ders erschre­ckend: Unter die­sen 4,6 Mil­lio­nen befin­den sich rund eine Mil­li­on min­der­jäh­ri­ge Kin­der und Jugend­li­che sowie 650.000 Alters­rent­ner und Rentnerinnen. 

Was macht die Poli­tik? Die Regie­rung will den Sozi­al­staat »refor­mie­ren« und reagiert mit Spar­plä­nen, die ver­mut­lich die am ehes­ten tref­fen, die im Armuts­be­richt erwähnt sind. Dis­ku­tier­te Kür­zun­gen beim Wohn­geld (das zu über der Hälf­te an Rent­ner geht) oder beim Unter­halts­vor­schuss für Allein­er­zie­hen­de ver­schär­fen die Situa­ti­on noch.

Anstatt struk­tu­rel­le Armut durch gute Löh­ne, ver­nünf­ti­ge Ren­ten und bezahl­ba­ren Wohn­raum anzu­ge­hen, erle­ben wir im gesell­schaft­li­chen Dis­kurs zuneh­mend eine Stig­ma­ti­sie­rung der Betroffenen.

Der Armuts­be­richt 2026 hält uns einen Spie­gel vor: 13,3 Mil­lio­nen Betrof­fe­ne sind kein “sozia­ler Rand” mehr – das ist ein hand­fes­tes struk­tu­rel­les Pro­blem mit­ten in der Gesell­schaft. Wenn jede drit­te allein­er­zie­hen­de Per­son und jeder fünf­te Rent­ner sta­tis­tisch als arm gel­ten, läuft in der Ver­tei­lung etwas mäch­tig schief.

Quel­le: Pari­tä­ti­scher Armuts­be­richt 2026 (PDF)

Er kann’s nicht

Man hät­te fast hof­fen kön­nen, dass Lars Kling­beil die Kur­ve kriegt und end­lich mal ein paar ech­te Plus­punk­te für die Sozi­al­de­mo­kra­ten ein­sam­melt. Aber Pus­te­ku­chen – er hat’s ver­mas­selt, und zwar mit Ansa­ge. Beim Ver­such, die anste­hen­den Refor­men im Herbst vor­ab schön­zu­re­den, lie­fer­te er genau das, was die Leu­te von der SPD eigent­lich nicht mehr hören können.

Es ist kein Geheim­nis: Wenn Poli­ti­ker von »Refor­men« spre­chen, mei­nen sie meis­tens eine mone­tä­re Ver­schlech­te­rung für die brei­te Mas­se. War­um? Weil dort mathe­ma­tisch am meis­ten zu holen ist und der Wider­stand – im Gegen­satz zu den gro­ßen Lob­bys – ange­nehm über­schau­bar bleibt. Also knöpft man sich wie­der die­je­ni­gen vor, die kei­ne mil­lio­nen­schwe­re Lob­by im Rücken haben: die abhän­gig Beschäf­tig­ten, Rent­ner und Sozialhilfeempfänger.

Dabei fing Kling­beil gar nicht so übel an. Vor­schlä­ge wie die Ren­ten­kopp­lung an Arbeits­jah­re oder eine höhe­re Belas­tung für ech­te Ver­mö­gen klan­gen fast nach sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Hand­schrift, um nur zwei Sät­ze spä­ter in neo­li­be­ra­le Gebe­te zu ver­fal­len, die man sonst eher aus der FDP-Zen­tra­le kennt.

Phrasendrescher auf Hochtouren

Was dann folg­te, war der klas­si­sche Griff in die neo­li­be­ra­le Mottenkiste:

  • »Wir müs­sen als Gesell­schaft ins­ge­samt mehr arbei­ten« – der Klas­si­ker für alle, die schon jetzt am Limit laufen.
  • »Abbau von Teil­zeit-Anrei­zen« – genau, Aldi machts vor. Job­an­ge­bo­te für Ver­käu­fe­rin gibt’s fast nur in Teilzeit.
  • »Locke­rung von Befris­tun­gen«, damit Unter­neh­men noch schmerz­frei­er »fle­xi­bi­li­sie­ren« können.


  • Mit Sät­zen wie »2026 wird uns Mut abver­lan­gen“« oder der Auf­for­de­rung, »alte Gewohn­hei­ten auf­zu­ge­ben«, wirkt Kling­beil eher wie ein Anwär­ter auf den FDP Par­tei­vor­sitz als ein Sozi­al­de­mo­krat, der sein Kli­en­tel – die Arbei­ter und die Mit­tel­schicht – ver­tritt, bzw. ver­tre­ten sollte.

    Die Zeit der Schonung ist vorbei

    Hans Wal­low brach­te es im Blog der Repu­blik in einem offe­nen Brief hart, aber herz­lich auf den Punkt: 

    Wil­ly Brandt war auch wie Du, im Gegen­satz zu Hel­mut Schmidt, kein bril­lan­ter Red­ner. Aber er begeis­ter­te oft Men­schen­men­gen, die sei­nen Gedan­ken fol­gen konn­ten, unter­füt­tert von Cha­ris­ma, Krea­ti­vi­tät und einer Pri­se Humor. All das fehlt Dir! Wahr­hei­ten sind schmerzlich.

    Mein ers­ter Gedan­ke war: »Autsch, das ist dras­tisch.« Mein zwei­ter: »Recht hat er.« 

    Wer zuse­hen muss, wie 39 Pro­zent der Arbei­ter allei­ne im Wes­ten zur AfD abwan­dern, darf sich nicht wun­dern, wenn der Ton rau­er wird. 

    Die SPD muss sich ent­schei­den: Ent­we­der sie macht end­lich wie­der Poli­tik für ihre Basis – die abhän­gig Beschäf­tig­ten und den Mit­tel­stand – oder sie ver­schwin­det wie die FDP in der poli­ti­schen Bedeutungslosigkeit.

    Spä­tes­tens wenn das Lob von der fal­schen Sei­te kommt, ist Selbst­kri­tik gefragt. 

    Grüne und linke Spinner?

    In ein paar Stun­den dürf­te klar sein, wel­che Regie­rung zukünf­tig die Geschi­cke der Bun­des­re­pu­blik lenkt. Wahr­schein­lich ist es, dass der Bun­des­kanz­ler Fried­rich Merz heißt und wahr­schein­lich ist auch, dass er eine Koali­ti­on mit der SPD und den Grü­nen favo­ri­siert. War­um er aber zum Abschluss des Wahl­kampfs auf die­je­ni­gen ein­drischt (ab Minu­te 1:06), mit denen der eine Regie­rungs­bil­dung hin­be­kom­men will, bleibt wohl sein Geheim­nis. Ins­be­son­de­re den bis dahin favo­ri­sier­ten Koali­ti­ons­part­ner bezeich­net Merz als grü­ne Spin­ner. (ab Minu­te 2:00) Ich befürch­te, dass wir einen Bun­des­kanz­ler bekom­men, der es mit dem eige­nen Wort nicht so genau nimmt. Einen Schwät­zer und jeman­den, der sich nicht unter Kon­trol­le hat. Nur für das Archiv und dafür, dass Fried­rich Merz sich vor­aus­sicht­lich an nichts mehr erin­nern kann, ver­öf­fent­li­che ich an der Stel­le einen Auf­tritt von Merz bei der Abschluss­ver­an­stal­tung der CDU/CSU in München.

    Wahr und Unwahr

    Wahr ist, dass Poli­ti­ker Unsum­men für Foto­shoo­tings und Make-Up aus­ge­ben. Das Aus­wär­ti­ge Amt gab im Jahr 2022 bei­spiels­wei­se rund 137.000 Euro für die Visa­gis­tin von Außen­mi­nis­te­rin Anna­le­na Baer­bock aus.

    Wahr ist auch, dass eine Fri­sö­rin für die­se Sum­me ca. acht Jah­re lang arbei­ten muss.

    Unwahr ist, dass sich die über­be­zahl­te Visa­gis­tin aus Ren­ten­kür­zung für Fri­sö­rin­nen finanziert.

    Wahr ist, dass Fried­rich Merz sich eine Zusam­men­ar­beit mit der AFD auf kom­mu­na­ler Ebe­ne vor­stel­len kann.

    Unwahr ist, dass die AFD ihm bereits für eine mög­li­che Koali­ti­on auf Bun­des­ebe­ne die Unter­stüt­zung zur Kan­di­da­tur des Reichs­kanz­lers ange­bo­ten hat.

    Wahr ist, dass die Ener­gie­po­li­tik der jet­zi­gen Bun­des­re­gie­rung für stei­gen­de Ener­gie­prei­se sorgt und in Fol­ge zu einer Wirt­schafts­flau­te geführt hat.

    Wahr ist auch, dass die Bun­des­re­gie­rung zur Kom­pen­sa­ti­on den Bau bis zu 50 Gas­kraft­wer­ken braucht.

    Unwahr ist, dass Wirt­schafts­mi­nis­ter Habeck die Ver­stro­mung wei­ter Lebens­be­rei­che der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger der Bun­des­re­pu­blik plant, um die ein­ge­spar­ten fos­si­len Brenn­stof­fe den Ener­gie­ver­sor­gern zur Ver­fü­gung zu stel­len, die dann wie­der­um Strom für wei­te Tei­le der Lebens­be­rei­che der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger zur Ver­fü­gung stel­len, damit Bür­ge­rin­nen und Bür­ger fos­si­le Brenn­stof­fe spa­ren kön­nen, um sie den Ener­gie­ver­sor­gern zur Ver­fü­gung zu stel­len, damit die…

    Moment, Habeck hät­te damit das Per­pe­tu­um mobi­le erfun­den, Hut ab.