Wer dachte, wir hätten nach den Krisenjahren das Tal der Tränen durchschritten, wird hier unsanft geweckt. Es gibt kein langes Herumreden: Wir haben einen neuen, traurigen Rekord zu vermelden.
Lässt man das statistische Vorgeplänkel weg und schaut direkt auf das, was hängenbleibt, so zeichnet sich ein düsteres Bild in Deutschland: Die relative Einkommensarmut in Deutschland hat im Jahr 2025 (das dem Bericht 2026 zugrunde liegt) einen historischen Höchststand im laufenden Fünf-Jahres-Beobachtungszeitraum erreicht.
16,1 Prozent der Menschen in diesem Land sind von Armut betroffen. Das entspricht der abstrakten Masse von sage und schreibe 13,3 Millionen Menschen. Wenn man sich anschaut, wer besonders oft von Armut betroffen ist, fallen vor allem drei Gruppen auf.
Das Alter als Armutsfalle
Besonders bitter sieht es am Lebensabend aus. Bei den Menschen ab 65 Jahren liegt die Quote bei 19,5 Prozent. Fast jede fünfte ältere Person in Deutschland lebt in Armut, wobei Frauen ab 65 Jahren tmit einer Armutsquote von 21,3 Prozent das deutlich höhere Risiko tragen.
Alleinerziehende und Ein-Personen-Haushalte
Wer sein Leben allein oder mit Kindern ohne Partner wuppen muss, steht finanziell fast immer mit dem Rücken zur Wand. Alleinerziehende belegen eine Quote von 28,9 Prozent. Bei den Alleinlebenden (Ein-Personen-Haushalte) sind es sogar 30,3 Prozent. Kurz: In diesen Lebenslagen ist rund jede dritte Person betroffen.
Die „Unsichtbaren“ in der Statistik
Ein fast schon ironischer Nebenaspekt des Berichts betrifft die sogenannten „sonstigen Nicht-Erwerbstätigen“. Das klingt im Amtsdeutsch wunderbar nach Freizeit, meint aber Menschen, die im Alltag bis zum Hals in Arbeit stecken: Sie pflegen Angehörige, betreuen kleine Kinder oder studieren. Statistisch sind sie jedoch besonders armutsgefährdet.
Relative Einkommensarmut ist das eine – sie misst, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. Das fühlt sich abstrakt an. Richtig greifbar wird es beim Thema „materielle Entbehrung“ (Deprivation).
4,6 Millionen Menschen in Deutschland leben in erheblicher materieller Entbehrung. Das bedeutet konkret: Da ist kein Geld für eine neue Waschmaschine da, wenn die alte den Geist aufgibt, kein Geld für eine ausgewogene Mahlzeit oder eine beheizte Wohnung. Besonders erschreckend: Unter diesen 4,6 Millionen befinden sich rund eine Million minderjährige Kinder und Jugendliche sowie 650.000 Altersrentner und Rentnerinnen.
Was macht die Politik? Die Regierung will den Sozialstaat »reformieren« und reagiert mit Sparplänen, die vermutlich die am ehesten treffen, die im Armutsbericht erwähnt sind. Diskutierte Kürzungen beim Wohngeld (das zu über der Hälfte an Rentner geht) oder beim Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende verschärfen die Situation noch.
Anstatt strukturelle Armut durch gute Löhne, vernünftige Renten und bezahlbaren Wohnraum anzugehen, erleben wir im gesellschaftlichen Diskurs zunehmend eine Stigmatisierung der Betroffenen.
Der Armutsbericht 2026 hält uns einen Spiegel vor: 13,3 Millionen Betroffene sind kein “sozialer Rand” mehr – das ist ein handfestes strukturelles Problem mitten in der Gesellschaft. Wenn jede dritte alleinerziehende Person und jeder fünfte Rentner statistisch als arm gelten, läuft in der Verteilung etwas mächtig schief.