Sind Politiker verrückt?
Von Merz ist man einiges gewohnt. Er lässt kein Fettnäpfchen aus. Aber dass er sich ausgerechnet eine Gerechtigkeits-Parole zu eigen macht, wie man sie sonst von SPD, Grünen und Linken hört, war dann doch bemerkenswert.
Warum macht er das? Prof. Dr. Christian Rieck geht dieser Frage in seinem neuesten Video nach – aus spieltheoretischer und wahrnehmungspsychologischer Sicht erklärt er, warum Spitzenpolitiker, Führungskräfte und Eliten oft Entscheidungen treffen, die von außen unvernünftig oder realitätsfern wirken. Seine Kernthesen:
Zieldefinition als Selbstschutz
Nach einer anfänglichen Handlungsphase holen unerledigte Baustellen und Widerstände die Führungsperson ein. Statt das Scheitern einzugestehen, definiert sie das Ziel um – Steuer- und Abgabenerhöhungen oder Kürzungen werden dann etwa als »Reformen« verkauft.
Der Hofstaat-Effekt
Wer aus den eigenen Reihen sachlich Kritik übt, gilt schnell als Saboteur oder Verräter. Die Folge: Niemand traut sich mehr, schlechte Nachrichten zu überbringen. Ein Beraterkreis isoliert die Führung zusätzlich, indem er Informationen im eigenen Interesse filtert oder schönt.
Blasenbildung und »Luxury Beliefs«
Menschen umgeben sich bevorzugt mit Gleichgesinnten gleicher Herkunft, Bildung und Weltsicht – Filterblasen entstehen. In gehobenen Zirkeln etablieren sich Haltungen, die vor allem dem eigenen Sozialstatus und der moralischen Selbstvergewisserung dienen; die Kosten tragen meist andere Bevölkerungsschichten. Die »Reformen« betreffend diejenigen, die sie durchsetzen nicht, oder nur mäßig.
Verzögertes Feedback.
Der Markt gibt tägliche Rückmeldung, die Politik erst bei Wahlen. Fehlentwicklungen werden entsprechend spät korrigiert.
Pfadabhängigkeit.
Träge Institutionen halten an überholten Mustern fest, selbst wenn sich die Rahmenbedingungen längst verändert haben.
Rieck mag umstritten sein, hier trifft er den Nagel auf den Kopf. Dieselben Muster zeigen sich nicht nur in der Politik, sondern ebenso bei Unternehmensführern – besonders dort, wo das System sie noch begünstigt. Im schlimmsten Fall bleibt konstruktive Kritik dann ganz auf der Strecke. In der Politik zahlt am Ende der Wähler die Rechnung; die Quittung geht in Form von Wahlergebnissen an die politischen Eliten.
Prosit
Die Website, muenchenkotzt.de dokumentiert das seit einigen Jahren recht eindrucksvoll.
Ebenfalls dokumentiert: Das komplette Fehlen von Selbstbeherrschung ob alkoholbedingter Hormonschwankungen, was in Folge beispielsweise zu Freiluftfellatio führen kann.
Die Umtriebe die sich durch das Zusammenspiel alkoholbedingten Gemengelage und musikalischer Aufforderung zum hemmungslosem Suff Bahn brechen, hat in loser Abfolge immer wieder der geschätzte Reeperbahn-Blogger Matt Wagner großartig beschrieben.
Ähnliches, nur eben für das Oktoberfest, kann ich auch für den Text der Bloggerkollegin Frau Klugscheisser sagen.
Also dann: …Oans, zwoa, gsuffa
Reinheit der Volksgemeinschaft
Man hätte eigentlich nur Höckes Buch lesen müssen, um zu wissen, was die AfD plant. Dort ist von »wohltemperierten Grausamkeiten« die Rede, um die Remigration „nicht integrierbarer Migranten” zu beschreiben. Wer das als »gruselige Erzählung« abtut und nicht glaubt, dass eine Regierung dazu fähig ist, hat erstens im Schulfach Geschichte nicht aufgepasst und verweigert sich zweitens den aktuellen Tatsachen.
Klar ist jedenfalls: Die ersten Maßnahmen zur Umsetzung des Euphemismus »Remigration« sollen so bald wie möglich erfolgen.
Wer nun argumentiert, die AfD wolle ja nur kriminelle Migranten oder solche, die das Sozialsystem der Bundesrepublik ausnutzen, loswerden, irrt gewaltig. Bundeskanzler Merz hat es in der Bundestags-Generaldebatte vom 9. September 2026 – drei Tage nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt – so formuliert: »Das Wort Remigration ist nichts anderes als ein Synonym für ethnische Säuberung nach Hautfarbe und Herkunft.« Das ist eine scharfe Zuspitzung. Was aber unbestritten ist – und wofür es keine Zuspitzung braucht, sondern nur den Text selbst –, zeigen die folgenden Quellen.
Der Blogbeitrag (https://sezession.de/71212/remigration-ein-plan-fuer-sachsen-anhalt) und das dazugehörige Policy Paper zur Remigration in Sachsen-Anhalt sprechen eine eindeutige Sprache.
Verfasst hat den Blogbeitrag Philipp Huemer, Geschäftsführer des Wiener »Instituts für Remigration« – ein der AfD nahestehender Thinktank. Sein Papier versteht sich als »strategische und institutionelle Weiterentwicklung« der AfD-Vorschläge für Sachsen-Anhalt Das Papier ist zwar nicht Beschlusslage der AfD, aber es zeigt, mit welchen Konzepten das intellektuelle Umfeld der Partei arbeitet – und die AfD Sachsen-Anhalt hat, so der Autor, einen erheblichen Teil der Vorschläge bereits selbst formuliert.
Zwar sei der Handlungsspielraum auf Länderebene beschränkt: »Ein Bundesland kann weder eigenmächtig die Grenzen schließen noch das Asylrecht abschaffen oder das Staatsangehörigkeitsrecht grundlegend verändern«, so der Autor.
»Daraus allerdings zu folgern, dass eine Landesregierung migrationspolitisch weitgehend machtlos wäre, ist falsch«, heißt es weiter im Blogbeitrag.
Für Sachsen-Anhalt gibt das Policy Paper dann auch gleich Handlungsempfehlungen:
»Sie [die Landesregierung] nutzt den bestehenden Rechtsrahmen maximal aus und macht zugleich sichtbar, an welchen Stellen dieser Rahmen weitergehende Remigrationspolitik verhindert. Sachsen-Anhalt kann so nicht nur Vollzugs‑, sondern auch Reformlabor einer neuen Migrationspolitik werden.«
Im Papier selbst kommt man dann zur Sache: Unter Punkt 3.3 werden die Zielgruppen einer landesweiten Remigrationspolitik definiert – darunter „Gruppe C”:
»Gruppe C bezeichnet eingebürgerte und andere deutsche Staatsangehörige mit Migrationshintergrund, bei denen trotz deutscher Staatsangehörigkeit erhebliche sprachliche, kulturelle oder gesellschaftliche Distanz zur Mehrheitsgesellschaft fortbesteht.«
Das Papier erkennt selbst an, dass diese Gruppe rechtlich nicht wie Ausländer behandelt werden kann – deutsche Staatsangehörige lassen sich nicht abschieben, das Grundgesetz schützt vor Entzug der Staatsangehörigkeit. Genau deshalb setzt der »Ansatz« hier nicht bei Abschiebung an, sondern bei dem, was das Papier »strukturelle und kulturelle Remigration« nennt: Assimilationsdruck, restriktive Einbürgerungspraxis, eine als »Leitkultur« bezeichnete Politik im öffentlichen Raum.
Die AfD möchte also nicht nur straffällig gewordene Migranten abschieben, sondern auch deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund unter staatlichen Anpassungsdruck setzen, wenn sie sich nach Ansicht der Rechtsextremen »unangepasst« verhalten.
Diese Logik – Staatsbürger nach ethnischer und kultureller Herkunft in Kategorien einzuteilen, an die unterschiedliche staatliche Behandlung geknüpft wird –war im dritten Reich klar definiert. In der NS-Rassenpolitik ging es um die »Reinheit der Volksgemeinschaft«, um die Abgrenzung von Nicht-Deutschen sowie um Vertreibung und Germanisierung im besetzten Europa. Die Wesensverwandtschaft zur Zielorientierung der Neurechten zeigt sich überdeutlich.
Es soll hinterher niemand sagen, man hätte wieder mal nichts gewusst.
Was ist bloß mit Sahra los?
Geblieben ist mir der Eindruck: Ein Intellektueller wie Mahler sah sich und seine Bewegung als elitären Zirkel, dessen vermeintliche Überlegenheit in Allmachtsphantasien kippte. Gilt das auch für Parteien die weit links stehen?
Die Hufeisentheorie – wonach sich politische Extreme in ihren Positionen annähern – gilt als widerlegt. Strukturelle Parallelen gibt es trotzdem: Freund-Feind-Denken, Verachtung für pluralistische Institutionen, Neigung zu autoritären Lösungen finden sich an beiden Rändern.
Erklärt das, warum Sahra Wagenknecht in Sachsen-Anhalt eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht ausschließt – einer Partei, die der Verfassungsschutz dort als gesichert rechtsextrem einstuft? Nach der Landtagswahl vom September 2026 scheint der Befund differenzierter: Wagenknecht lehnt die „Brandmauer” als starren Automatismus ab und will mit allen Parteien in der Sache sprechen. Eine Koalition und die Wahl des AfD-Kandidaten zum Ministerpräsidenten schließt sie dagegen bisher zumindest ausdrücklich aus, Kooperationen mit der AFD »für Veränderungen im Land, die sich die Bürger wünschen«, jedoch nicht.
Bleiben zwei Ansätze die sich nicht gegenseitig ausschließen: Erstens: reines Kalkül – dem stärksten Gegner der Altparteien den Steigbügel halten, um im Windschatten dauerhaft Stimmen zu binden und zwar bei denen, die den Positionen der AFD nahe stehen die aber die AFD nicht unterstützen wollen.
Oder Zweitens, dass die inhaltlichen Schnittmengen zum Rechtsextremismus größer sind, als das BSW, bzw. ihre Gründerin, zugeben will.
Ich weiß nicht was schlimmer wäre.
Eine Klatsche für den BlackRock-Kanzler
Auch wenn die Generalsekretärin der CDU, Franziska Hoppermann, am Vortag nicht müde wurde stakkato artig zu wiederholen, dass die Bundesregierung für vier Jahre gewählt sei und Veränderungen nicht zur Debatte stünden, bleibt klar: Das Ergebnis ist vor allem eine Klatsche für den amtierenden Bundeskanzler. Merz war oberlehrerhaft angetreten, um Wählerinnen und Wähler zu maßregeln – und, schlimmer noch, zu beleidigen. Der Ausgang der Wahlen ist das direkte Ergebnis seiner maßlosen Arroganz gegenüber den realen Sorgen der Bevölkerung.
Dabei hätte es die CDU wissen können. Merz war zwar jahrelang Abgeordneter und Fraktionsvorsitzender, hat aber nie ein Exekutivamt geführt – weder als Minister auf Landes- oder Bundesebene noch als Bürgermeister. Ihm fehlt neben dem Einfühlungsvermögen schlichtweg die Erfahrung.
Er hat Geld gescheffelt, viel Geld – das sei ihm gegönnt. Ein Multimillionär mit Privatflugzeug ist als Bundeskanzler jedoch ähnlich geeignet wie ein Teelöffel zum Schneeschippen. Seine Jahre als Aufsichtsratschef des Vermögensverwalters BlackRock in Deutschland sind der beste Beleg dafür, dass er primär die Perspektive der Finanzwirtschaft vertritt.
Merz agiert impulsiv und spaltet durch rhetorische Zuspitzungen. Zudem verspricht er viel und hält wenig – nicht nur einmal musste er seine Aussagen wieder zurückrudern.
Darüber hinaus wird ihm selbst aus den eigenen Reihen ein autoritärer, wenig kompromissbereiter Führungsstil zugeschrieben. Gebraucht werden allerdings Brückenbauer, keine autoritären CEOs. Merz hat weder die Geduld noch die Fähigkeiten, komplexe Dreier- oder Viererbündnisse geräuschlos durch Krisen zu steuern – das bescheinigen ihm zumindest seine engsten Mitarbeiter.
Wer aus dem Blickwinkel eines Großinvestors und Aktionärs denkt, kann die Probleme derjenigen nicht begreifen, die für ihr Geld hart arbeiten müssen. Das hat er nun mehrfach bewiesen, zuletzt mit seinen Reformvorschlägen zur Rente.
Die CDU täte also gut daran, bereits jetzt den Rückzug ihres Bundeskanzlers vorzubereiten und nicht erst die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern abzuwarten.
Die Umfragen sehen die CDU derzeit dort auch nur noch bei 8 Prozent
Update: »Merz ist offenkundig der falsche Mann in diesem Amt in diesen Zeiten.«
Leitartikel von Dirk Kurbjuweit — Der SPIEGEL. (€)
»Unsere Marktwirtschaft [..] lebt von der materiellen Ungleichheit.«
Friedrich Merz in »Mehr Kapitalismus wagen«
Ebenfalls zum Thema:
»Herr Merz und seine Regierung haben die AfD nicht halbiert, sie haben dem Faschismus in unserem Land zu neuer Größe verholfen und sich damit zum Narren gemacht. Herr Merz und alle, die ihm nach dem Munde reden, haben ihre Chance vertan. Die Menschen werden das nicht verzeihen und an der Wahlurne antworten.“ uhilger.de

