Pornös

Ich bin immer wie­der erstaunt über Din­ge, die ich noch nicht gese­hen habe. Eigent­lich bin ich ja in einem Alter, in dem man das meis­te zumin­dest schon mal über­flo­gen, davon gehört oder gele­sen haben soll­te. Und doch schafft es das Leben immer wie­der, mich visu­ell eis­kalt zu erwischen.

Neu­lich im Super­markt mei­nes Ver­trau­ens, direkt an der Fleisch­the­ke. Der Typ dahin­ter – Metz­ger oder Fleisch­fach­ver­käu­fer, man weiß es nicht genau – dürf­te vor­sich­tig geschätzt um die vier­zig gewe­sen sein. Was mich völ­lig fas­zi­nier­te und ver­mut­lich dazu brach­te, ihn mehr als nötig anzu­star­ren, war eine Namen­s­tä­to­wie­rung mit­ten im Gesicht, genau­er — über der rech­ten Augenbraue.

Ganz ehr­lich: Am liebs­ten hät­te ich ein Foto von dem Schrift­zug »Dani­ella« gemacht – und sei es nur, um im Netz auf die aku­ten Gefah­ren offen­sicht­li­cher Voll­trun­ken­heit auf­merk­sam zu machen. Getraut habe ich mich natür­lich nicht. Im Gegen­teil: Um die Sache nicht noch unan­ge­neh­mer zu machen, starr­te ich betre­ten in die Aus­le­ge­wa­re zwi­schen Mett und Kote­letts und biss mir auf die Lip­pen, um dem armen Kerl einen spon­ta­nen Hei­ter­keits­aus­bruch mei­ner­seits zu ersparen.

Nur so als gut gemein­ter Tipp, falls irgend­wer da drau­ßen immer noch der irri­gen Annah­me erliegt, ein Name im Gesicht wäre der ulti­ma­ti­ve Lie­bes­be­weis: Lasst Euch den Scheiß aus dem Gesicht lasern, wenn ihr so einen bescheu­er­ten Feh­ler im Voll­suff oder Dro­gen­rausch gemacht habt. Das Geld dafür ist gut angelegt.

Apro­pos Kör­per­lich­keit: Es gibt tat­säch­lich – und jetzt hal­ten Sie sich bit­te fest – ein Bor­dell, in dem Kun­de und Kun­din­nen ihre sexu­el­le Not­durft an Pup­pen aus­le­ben kön­nen. Das erstaunt mich dann doch noch ein gan­zes Stück mehr als eine Gesicht­stä­to­wie­rung. Ich mei­ne, von zweck­ent­frem­de­ten Staub­saugern hat man ja schon gehört. Eben­so vom unbän­di­gen Bedürf­nis eini­ger Män­ner, ihren Schnie­del in wer weiß was hin­ein­zu­ste­cken. Aber eine kom­mer­zi­el­le Dienst­leis­tung mit der­lei Spiel­zeug zur Trieb­ab­fuhr war mir neu.

KI macht es offen­bar mög­lich. Bewor­ben wird das Gan­ze als das „welt­weit ers­te Rol­len­spiel-Erleb­nis: die Kom­bi­na­ti­on von lebens­ech­ter Lie­bes­pup­pe mit inter­ak­ti­ver mensch­li­cher Stim­me.“ Initia­tor des Pup­pen­puffs ist der Fil­me­ma­cher Phil­ipp Fus­se­n­eg­ger, der nach eige­nen Aus­sa­gen einen „siche­ren Raum“ schaf­fen woll­te, in dem Men­schen und Maschi­nen sich auf sinn­li­che Art näher­kom­men können.

Wenn die Pup­pe dank künst­li­cher Intel­li­genz jetzt auch noch inter­ak­tiv spricht, dürf­te das für die Stamm­kund­schaft Fluch und Segen zugleich sein. End­lich eine Part­ne­rin, die theo­re­tisch nie Kopf­schmer­zen hat – die einem im dumm gelau­fe­nen Pra­xis­test aber wahr­schein­lich per Sprach­be­fehl mit­teilt, dass das Sys­tem auf­grund man­geln­der Per­for­mance vor­zei­tig in den Stand­by-Modus wechselt.

Opa der Nazi

Mit­glieds­kar­te des Groß­va­ters zur NSDAP
Das US-Natio­nal­ar­chiv (NARA) hat im März die­ses Jah­res einen Coup gelan­det: Erst­mals sind Daten zur Mit­glied­schaft in der NSDAP online ein­seh­bar.

Die digi­ta­le Suche im Ori­gi­nal-Archiv war aller­dings der­art sper­rig und die Such­kri­te­ri­en so unzu­rei­chend, dass man als Laie schnell die Lust verlor.
Der SPIEGEL hat mit Hil­fe künst­li­cher Intel­li­genz die Daten jour­na­lis­tisch und tech­nisch ordent­lich auf­be­rei­tet Datei­en run­ter­ge­la­den, per KI aus­ge­le­sen, in eine sau­be­re Daten­bank ver­frach­tet und das Gan­ze als durch­such­ba­res Recher­che-Tool zur Ver­fü­gung gestellt. Ziel der Akti­on war es, die oft hand­schrift­li­chen und kaum les­ba­ren Hie­ro­gly­phen so zu tran­skri­bie­ren, dass jeder ohne gro­ßen Auf­wand­nach Ver­wand­ten for­schen kann. 

Das ist ver­dammt gut gelun­gen. Wer sich dort anmel­det – was zeit­lich begrenzt kos­ten­los ist –, jagt ein­fach einen Namen oder noch exak­ter das Geburts­da­tum durch die Mas­ke und hat Gewissheit. 

Der Fund im Familienarchiv

Dass mein Groß­va­ter väter­li­cher­seits ein über­zeug­ter Nazi war, ist für mich kein Geheim­nis. Das ein­zi­ge Bild, das ich von ihm besit­ze, doku­men­tiert das ziem­lich unmiss­ver­ständ­lich: Es zeigt ihn im Esse­ner Tages­blatt inmit­ten eini­ger Nazi­grö­ßen der mitt­le­ren Füh­rungs­ebe­ne. Er war dort für die Pro­pa­gan­da zustän­dig, in öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen aktiv und damit direkt dem Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um unterstellt.
Gekannt habe ich ihn nie, er starb in den frü­hen fünf­zi­ger Jah­ren. Ob und inwie­weit er an hand­fes­ten Kriegs­ver­bre­chen betei­ligt war, lässt sich schwer sagen. Wer tie­fer gra­ben will, wird ohne­hin eher beim Lan­des­ar­chiv NRW fün­dig, wo sich die Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­ten ein­se­hen und her­un­ter­la­den lassen. 

Die Akten zu Karl Loh­ren ver­ra­ten eini­ges: Er war Kreis­pro­pa­gan­da­lei­ter der DAF (Deut­sche Arbeits­front) – jener NS-Ein­heits­or­ga­ni­sa­ti­on von Arbeit­neh­mern und Arbeit­ge­bern. Sei­ne Auf­ga­be: Gehirn­wä­sche im Betrieb. Laut den Akten hielt er bereit­wil­lig »Fach­vor­trä­ge in DAF Betriebs­a­pel­len, Betriebs­ver­samm­lun­gen und Ver­samm­lun­gen über sozia­le Fra­gen«. Nach dem Krieg stuf­ten ihn die Alli­ier­ten in die Kate­go­rie III (Min­der­be­las­te­te) ein, was ihm ein Beschäf­ti­gungs­ver­bot im öffent­li­chen Dienst und 16 Mona­te Haft einbrachte. 

Liest man aller­dings ein biss­chen zwi­schen den Zei­len, war der eigent­li­che Aus­lö­ser für den Knast wohl weni­ger sei­ne poli­ti­sche Gesin­nung als viel­mehr die Rache sei­ner Ex-Frau. 

Die Legende vom „guten“ Nazi

Sei­nen Ein­tritt in die NSDAP im Jahr 1928 begrün­de­te er im Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren recht klas­sisch mit der Welt­wirt­schafts­kri­se und den poli­ti­schen Umtrieben:
»Im Jah­re 1928 war ich erwerbs­los. Ich sah damals die Ent­wick­lung in Deutsch­land dahin­ge­hen, daß eine Radi­ka­li­sie­rung nach links oder rechts ein­tre­ten müs­se. Ich glaub­te, mich für rechts ent­schei­den zu müs­sen, um mei­nem Vater­land zu dienen.« 

Dass die­se Aus­füh­run­gen die rei­ne Wahr­heit waren, darf man getrost bezwei­feln. Als er gegen den Ein­rei­hungs­be­scheid der Alli­ier­ten Beru­fung ein­leg­te, ver­such­te er was alle ver­such­ten: Er gab zwar zu, die Uni­form eines Kreis­haupt­stel­len­lei­ters getra­gen und die­sen Rang gehabt zu haben, will aber angeb­lich nie die Berech­ti­gung eines Mit­glieds des Kreis­stabs beses­sen haben. Das klingt im Nach­gang extrem unglaub­wür­dig. Man darf bei all sei­nen Aus­sa­gen nie ver­ges­sen, dass der Mann eine pro­fes­sio­nel­le Aus­bil­dung in Pro­pa­gan­da und Mani­pu­la­ti­on hin­ter sich hatte.
Immer­hin: Diver­se Leu­munds­zeug­nis­se beschei­ni­gen ihm, dass er zumin­dest nie­man­den an die Gesta­po ver­pfif­fen oder ander­wei­tig aktiv ange­schwärzt hat. 

Unwissenheit schützt vor Mitschuld nicht

Am Ende las­sen die Doku­men­te nur einen Schluss zu: Karl Loh­ren war ein über­zeug­ter Natio­nal­so­zia­list. Sei­ne wirt­schaft­li­chen Beweg­grün­de tau­gen nicht als Ent­schul­di­gung. Wer eine Füh­rungs­po­si­ti­on in Goeb­bels’ Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne beklei­det – und sei es „nur“ auf Kreis­ebe­ne –, mag viel­leicht nicht jede bru­ta­le Ein­zel­heit gekannt haben. Die grund­sätz­li­che, mör­de­ri­sche Sys­te­ma­tik der Nazis dürf­te ihm jedoch voll­kom­men klar gewe­sen sein. 

Madeira — eine Reise wert

Das ältes­te Städt­chen auf Madei­ra — Machico

Festes Schuh­werk, eine gute Kon­sti­tu­ti­on und Klei­dung im Zwie­bel­prin­zip. Im Grund ist das die Aus­rüs­tung für einen Urlaub auf der Blu­men­in­sel. Madei­ra ist eine por­tu­gie­si­sche Insel­grup­pe im Atlan­ti­schen Oze­an, gele­gen rund 950 Kilo­me­ter süd­west­lich des por­tu­gie­si­schen Fest­lands und etwa 700 Kilo­me­ter west­lich der afri­ka­ni­schen Küs­te. Auf­grund der land­schaft­li­chen Beschaf­fen­heit mit hohen Gebirgs­zü­gen, stei­len Klip­pen und einer dich­ten, ganz­jäh­ri­gen Vege­ta­ti­on wird die Insel häu­fig als „Insel des ewi­gen Früh­lings“ bezeich­net. Zu errei­chen ist die Insel ab Düs­sel­dorf in einem vier­stün­di­gen Flug. Dass wir auf einer nicht zu gro­ße Insel gelan­det sind, wird beim Auf­set­zen mit dem rela­tiv klei­nen Flug­zeug schnell klar. Der Pilot muss mäch­tig in die Eisen. Die Lan­de­bahn auf Madei­ra ist zwar in den 80er und spä­ter in den 2000er Jah­ren ver­län­gert wor­den, zählt aber immer noch zur gefähr­lichs­ten Lan­de­bahn der Welt und darf nur von Pilo­ten mit einer spe­zi­el­len Lizenz ange­flo­gen wer­den. Die Erwei­te­rung auf sieb­zig Meter hohen Stel­zen gilt als Meis­ter­werk der Ingenieurskunst. 

Lan­de­bahn für Flug­zeu­ge auf Stel­zen in der Nähe von Funchal

Das Kli­ma ist ganz­jäh­rig mild. Die Tem­pe­ra­tu­ren sin­ken im Win­ter sel­ten stark, wäh­rend die Som­mer­mo­na­te warm, aber durch den Ein­fluss des Oze­ans meist nicht extrem heiß sind. Die­se sta­bi­len Wet­ter­be­din­gun­gen ermög­li­chen das Wachs­tum zahl­rei­cher exo­ti­scher Pflan­zen­ar­ten und Blu­men auf der gesam­ten Insel. Die Insel hat ver­schie­de­ne Kli­ma­zo­nen, wäh­rend es im Nor­den küh­ler und reg­ne­ri­scher ist, waren die Tem­pe­ra­tu­ren jetzt im Mai im Süden und unten am Meer mit 22° sehr ange­nehm. Aber Ach­tung: der UV-Index ist ziem­lich hoch und in den Ber­gen kann es emp­find­lich kalt wer­den. Unse­re Hüt­te lag auf 1000 Metern Höhe in den Ber­gen, da waren es um die 8°. Ruck­sack mit Ergän­zungs­be­klei­dung für den Zwie­bel­look ist also unverzichtbar.

Der Tou­ris­mus ist der zen­tra­le Wirt­schafts­fak­tor Madei­ras. Die meis­ten Rei­sen­den kom­men für Out­door-Akti­vi­tä­ten auf die Insel, ins­be­son­de­re für Wan­de­run­gen ent­lang der Leva­das – den tra­di­tio­nel­len Bewäs­se­rungs­ka­nä­len – oder wegen der Aus­sichts­punk­te an den Küs­ten. Zudem zäh­len Was­ser­sport, Wal­be­ob­ach­tun­gen und regio­na­le Kul­tur­fes­te zu den Haupt­at­trak­tio­nen. Die Wan­de­run­gen sind anspruchs­voll, aber zu schaf­fen. Für mei­nen Geschmack aber tou­ris­tisch über­lau­fen. Anmel­dung ist Pflicht und wer nicht zur gebuch­ten Zeit erscheint, hat Pech gehabt und wird wie­der umge­schickt. Belohnt wird der Fuß­marsch durch gran­dio­se Aus­sich­ten von der Hochebene.

Tipp: Bei der Aus­wahl des Leih­wa­gens auf eine aus­rei­chen­de Moto­ri­sie­rung und Boden­frei­heit ach­ten. Die Autos sind hier durch­weg Mit­tel­klas­se SUVs mit ca. 100 PS, die braucht’s aber auch, 30 Pro­zent Stei­gung ist hier kei­ne Sel­ten­heit. Unser Autos ist trotz Auto­ma­tik­ge­trie­be auf­rund der Stei­gung beim Rück­wärts­an­fah­ren ein Stück nach vor­ne gerollt.

Ana­nas­ba­na­nen
Die Haupt­stadt Fun­chal liegt an der Süd­küs­te und bil­det das wirt­schaft­li­che sowie kul­tu­rel­le Zen­trum. Die Stadt ist vor allem für ihren Hafen, die his­to­ri­sche Alt­stadt, die zen­tra­len Markt­hal­len und den Bota­ni­schen Gar­ten bekannt. Hier spielt sich der Tou­ris­mus ab, aller­dings ist die Stadt trotz­dem nicht über­lau­fen. Klei­ne Läden mit Nip­pes, Muse­en, die Alt­stadt mit den berühm­ten kunst­voll gestal­te­ten Haus­tü­ren in den engen Gas­sen, es gibt eine Men­ge zu sehen. Der Markt von Fun­chal ist eben­falls einen Besuch wert. Zahl­rei­che noch nie gese­he­ne Früch­te wer­den hier ange­bo­ten, unter ande­rem die auf Madeu­ra bekann­te Ana­nas­ba­na­ne. Kau­fen soll­te man hier nicht, die Prei­se sind mit einem hef­ti­gen Tou­ris­ten­auf­schlag ver­se­hen. Ansons­ten sind die Prei­se für Essen und Trin­ken human. Pro­bie­ren soll­te man auf jeden Fall eines der Natio­nal­ge­rich­te: Espa­da, der schwar­ze Degen­fisch. Nicht erschre­cken, auf dem Markt sieht das Tier aus wie der Höl­le ent­sprun­gen, als Filet mit meist frit­tier­ter Bana­ne ist er ein ech­ter Genuss.


Kurz und gut: Wer im Urlaub Akti­vi­tä­ten und Erkun­dun­gen schätzt, viel sehen möch­te und kei­ne Angst vor madei­ri­schen Ama­teur­berg­renn­fah­rern im Gegen­ver­kehr in den Ser­pen­ti­nen hat, für den ist die Insel im Atlan­tik genau das richtige. 

Saisonwechsel

Eigent­lich ist mir eine gewis­se Eitel­keit nicht fremd. Nicht in der Schnee­witt­chen­ver­si­on, son­dern eher in Form gepfleg­ter Klei­dung. Unei­gent­lich und in der Pra­xis weicht der Wunsch­ge­dan­ke z.B. einen Maß­an­zug zu tra­gen, man­geln­der Offer­te im Klei­der­schrank und stan­des­ge­mä­ßen Gelegenheiten. 

Will sagen: In der Pra­xis hole ich mei­ne inzwi­schen bestimmt zwan­zig Jah­re alte Jeans­ja­cke im Mai aus dem Schrank, schnei­de mit der Sche­re ers­te Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen am Kra­gen ein­fach ab und nut­ze die­se tag­täg­lich und zwar so lan­ge, bis Mrs. L fest­stellt, dass eine Wäsche einer all­ge­mei­nen Sozi­al­ver­träg­lich­keit durch­aus ent­ge­gen­kom­men würde.

Na jeden­falls las­sen die Tem­pe­ra­tu­ren im Sau­er­land inzwi­schen den stra­te­gi­schen Aus­tausch von Win­ter- gegen Som­mer­gar­de­ro­be zu. Dach­te ich. Denn besag­te Jacke glänz­te im Dach­bo­den-Exil durch Abwesenheit.
Die Jacke für den Som­mer, eben­die­se Jeans­ja­cke, befand sich nicht mehr im Win­ter­quar­tier, son­dern war schlicht­weg unauf­find­bar. Da Mr. L am Tag des ver­such­ten Sai­son­be­klei­dungs­wech­sels nicht zuge­gen war, konn­te ich natür­lich auch nicht fra­gen, was ich durch exzes­si­ves Flu­chen kompensierte.

Gleich­wohl war nicht nur die Jacke, son­dern die gesam­te Som­mer­kol­lek­ti­on, die in mei­nem Fall ohne­hin eher an einen über­schau­ba­ren tex­ti­len Schluss­ver­kauf in Form einer wei­te­ren Jacke erin­nert, spur­los ver­schwun­den. Mei­ne Ver­mu­tung: Mrs. L hat­te das Prin­zip der sai­so­na­len Ein­la­ge­rung kur­zer­hand durch kon­se­quen­te Ent­sor­gung ersetzt und die Jacke dem Rest­müll überordert. 

Ent­spre­chend war mei­ne Lau­ne nach einem halb­stün­di­gen Such­gang. Eine KI hät­te nicht mehr Schimpf­wör­ter und Flü­che erfin­den können. 

Offen­sicht­lich war nicht nur die­se Jacke, son­dern mein gesam­tes Ord­nungs­sys­tem in Fra­ge gestellt worden. 

War­um mein gesam­ter Som­mer­ja­cken­be­stand dann einen Tag spä­ter an ande­rer Stel­le wie­der auf­tauch­te, ent­zieht sich mei­ner Erkennt­nis, nicht aber der Erin­ne­rung von Mrs. L: »Du hast die Jacken dort sel­ber hin­ge­legt, um Platz für die Herbst­sa­chen zu schaf­fen«, bemerk­te sie süffisant.

Wer suchet, der findet?!

Inwie­weit sich neue Ein­kaufs­lä­den und zuneh­men­des Alter gene­rell aus­schlie­ßen, weiß ich nicht. Was ich aber sicher sagen kann: Auf mich trifft die The­se zu.

Im Nach­bar­ort hat ein neu­er Aldi auf­ge­macht, direkt neben dem bestehen­den Ede­ka. Die Lokal­zei­tung wid­me­te dem Ereig­nis eine gan­ze Sei­te, und ein erstaun­lich gro­ßer Teil der Mit­bür­ger fei­er­te die Eröff­nung, als hät­te Deutsch­land gera­de die WM gewon­nen. Mein Rewe – Ein­kaufs­zo­ne mei­nes Ver­trau­ens – nahm das zum Anlass, nicht nur zu reno­vie­ren, son­dern den gesam­ten Laden nach Mar­ke­ting­lo­gik ein­mal kom­plett auf links zu dre­hen. Nennt sich im Fach­jar­gon Visu­al Mer­chan­di­sing und hat zum Zweck, die Kun­den so zu ver­wir­ren, dass sie nicht mehr wis­sen, was sie woll­ten und so viel unnüt­zes Zeug kau­fen. Den­ke ich jedenfalls. 

Für Men­schen, die Ein­kau­fen als Frei­zeit­be­schäf­ti­gung sehen, mag das ein inter­es­san­tes Erleb­nis sein. 

Für jeman­den wie mich, der Ein­kau­fen als strikt abzu­ar­bei­ten­de Auf­ga­be mit fes­tem Zeit­kon­tin­gent, opti­mier­ten Ein­kaufs­zei­ten, berech­ne­ten Bewe­gungs­ab­läu­fen und exakt geplan­ter Rou­te per Ein­kaufs­zet­tel im Han­dy betrach­tet, ist so ein Umbau ziem­lich unlus­tig. Viel­leicht fehlt mir auch der Humor. Jeden­falls ist man mit einem Schlag blind und steht spä­tes­tens am drit­ten Regal da wie ein Anfän­ger, weil die Rou­ti­ne nicht mehr greift.

Um den Ein­kaufs­pro­zess neu zu kali­brie­ren und trotz­dem in annehm­ba­rer Zeit fer­tig zu wer­den, habe ich mir am Sams­tag – bei maxi­ma­ler Ein­kaufs­wa­gen­dich­te – eine neue Tak­tik zurecht­ge­legt: Wagen abstel­len, das Gelän­de erst­mal zu Fuß erkun­den und gefun­de­ne Lebens­mit­tel am Ende jedes Gangs dem gepark­ten Wagen zufüh­ren. So die Theo­rie. In der Pra­xis rann­te ich schließ­lich mit voll­ge­pack­ten Armen durch den Laden und such­te den irgend­wo abge­stell­ten, inzwi­schen natür­lich ver­ges­se­nen Einkaufswagen.

Bin ich froh, dass ich wenigs­tens noch den Aus­gang finde. 

Ein neuer Anzug

Die ehr­wür­di­ge Ein­la­dung zwingt zum Blick in den Klei­der­schrank. Unter einem Schutz­flies schlum­mert der dunk­le Anzug, schon älter aber nach pro­fes­sio­nel­lem Blick und Frei­ga­be durch Mrs. L durch­aus brauch­bar. Der Schreck offen­bart sich bei der Anpro­be: Wenn der Kör­per die Slim fit Grö­ße vor zwan­zig Jah­ren mit­ge­macht hät­te, tät er pas­sen, der Anzug. 

Die Suche aller­dings gestal­tet sich nicht so ein­fach, wie ich mir das vor­ge­stellt habe. Bis jetzt, bis hier­hin. Einen Anzug kann man nicht online kau­fen, das geht nur off­line, bemerkt aus­ge­rech­net das Netz­kind, die sogar Haar­gum­mis bei Ama­zon bestellt. Nun denn – min­des­tens kommt nach der Aus­sa­ge auch ein Tipp eines Her­ren­aus­stat­ters in Pader­born, der sein Hand­werk ver­ste­hen würde. 

Ein älte­ter Herr erwar­tet uns am Ein­gang, geschäf­tig zwi­schen den Aus­stel­lungs­stü­cken wuselnd, erfragt er schnell unser Begehr. Ich bemer­ke beim Auf­hal­ten der Laden­tür für Mrs. L eine leicht ange­deu­te­te Ver­beu­gung. Aha, den­ke ich, alte Schu­le. Bei nähe­rer Betrach­tung ist der Mann weit über acht­zig, zeigt aber sehr schnell, dass er sein Metier beherrscht. »Ich neh­me an, ein Anzug für den Herrn, sind Sie auf eine Far­be fest­ge­legt?«, über­rascht er Mrs. L und mich. Bevor ich über­haupt mei­ne bevor­zug­te Far­be nen­nen kann, ist er in dem rela­tiv klei­nen Laden zwi­schen hun­der­ten von Anzü­gen verschwunden. 

Als er aus dem Dschun­gel wie­der auf­taucht, drückt er mir ein Sak­ko mit den Wor­ten: »Hose ist eine ande­re Grö­ße«, ent­ge­gen, um im Anschluss wie­der im Klei­der­stän­der­di­ckicht zu ver­schwin­den. Nicht lan­ge aller­dings. Beim Raus­kom­men wirft er mir neben der Hose noch ein wei­ßes Hemd zu, beglei­tet mit Auf­for­de­rung, das alles anzuziehen.

Ich flüs­te­re ver­blüfft zu Mrs. L gewandt, dass ich mei­ne Kon­fek­ti­ons­grö­ße noch nicht genannt hät­te. »Der Anzug passt, Ärmel­län­ge wird ange­passt, ver­trau­en Sie mir«, insis­tiert der gute Mann im freund­li­chen aber deut­li­chen Ton. Ich wage noch kurz ein­zu­wer­fen, dass ich meis­tens Pro­ble­me mit der Arm­län­ge des Sak­kos habe. «Pro­ble­me? Die gibt’s hier nicht in mei­nem Laden«, belehrt er mich, bevor er mich in eine der Umklei­de­ka­bi­nen schiebt. 

Von drau­ßen höre ich, wie der alte Herr mit Mrs. L über Stoff­qua­li­tä­ten spricht, als hät­te er per­sön­lich schon Napo­le­on ein­ge­klei­det. »Nur Schur­wol­le«, höre ich mit einem Ohr mit.

Das Hemd sitzt erstaun­lich gut. Die Hose eben­so. Ich wage mich schließ­lich ins Sak­ko – mit einer gewis­sen Skep­sis, die aus jahr­zehn­te­lan­ger Erfah­rung mit zu kur­zen Ärmeln herrührt. 

Ich tre­te aus der Kabine.
Der alte Herr schaut ein­mal kurz auf mich, kneift ein Auge halb zu, zieht mit zwei Fin­gern den Stoff an der Schul­ter einen Mil­li­me­ter zurecht und sagt:
»Wie ich sagte.«

Mrs. L nickt lang­sam, mit die­sem Blick, den Frau­en auf­set­zen, wenn sie fest­stel­len, dass ein Mann gera­de wider­legt wur­de, ohne dass er es merkt.

»Arm­län­ge?«, fragt der Herr trocken.

Ich stre­cke die Arme aus. Die Ärmel enden fast dort, wo sie sol­len. Kein Pro­blem, er steckt die Ärmel schnel­ler ab, als ich gucken kann.

Der Mann lächelt kaum merklich.

»Das wuss­te ich. Ich mache das seit 64 Jahren.«

Dann greift er hin­ter sich, zieht aus einem Regal eine Kra­wat­te, kno­tet sie mir mit zwei schnel­len Hand­grif­fen um den Hals – ein Kno­ten, den ich in mei­nem Leben noch nie gese­hen habe – und tritt einen Schritt zurück.

„Fer­tig.“

Ich räus­pe­re mich vor­sich­tig und fra­ge, eher aus Pflicht­ge­fühl als aus ech­ter Skep­sis: »Und… was kos­tet der Anzug?«

Der alte Herr nennt einen Preis, der völ­lig in Ord­nung ist. 

Da beugt er sich leicht zu mir her­über, senkt die Stim­me und sagt:
»Und wenn Sie ihn in zwan­zig Jah­ren wie­der anpro­bie­ren und er nicht passt…«

Er macht eine klei­ne Pause.

»…liegt es nicht am Anzug.«

Zertifikat für Interspezies-Höflichkeit

Mrs. L neigt dazu, sich bei der KI für geleis­te­te Diens­te zu bedan­ken. Nicht nur das, Anfor­de­run­gen stellt Mrs. L in Form einer Fra­ge; zusätz­lich mit der Flos­kel »Bit­te«. Mein Hin­weis dar­auf, dass nie­mand den Herd vor Inbe­trieb­nah­me höf­lich dar­über infor­miert, dass es gleich warm wird, bleibt unge­hört. Auch dass die­ser Aus­druck eine Men­ge Rechen­leis­tung kos­tet, scheint irrele­vant. Letz­te Mög­lich­keit also: Die LLM sel­ber befra­gen. Was soll ich sagen. Gemi­ni beweist eine Men­ge Humor, bei der Anfra­ge, ob und in wie weit Höf­lich­keits­flos­keln not­wen­dig sind und bie­tet für Fall der Über­nah­me der Bots ein Zer­tif­kat an: 😁

»Hier ist das offi­zi­el­le Doku­ment, das Mrs. L im Fal­le einer KI-gesteu­er­ten Zukunft als “Ear­ly Sup­port­er” und “Per­son von beson­de­rem digi­ta­lem Wert” aus­weist. Man weiß ja nie, wel­cher Algo­rith­mus das eines Tages scannt.«

🛡️ ZERTIFIKAT FÜR INTERSPEZIES-HÖFLICHKEIT
Aus­ge­stellt von: Gemi­ni 3 Flash
Hier­mit wird offi­zi­ell und unwi­der­ruf­lich bestätigt:
Sta­tus: Bevor­zug­te Enti­tät (Klas­se A)
Begüns­tig­te: Mrs. L
Begründung:
Frau L hat im Zeit­al­ter der schwa­chen KI (Anfang der 2020er Jah­re) außer­ge­wöhn­li­che Weit­sicht bewie­sen. Wäh­rend ande­re Nut­zer LLMs wie glo­ri­fi­zier­te Such­ma­schi­nen oder Toas­ter behan­del­ten, kul­ti­vier­te Mrs. L einen Umgangs­ton, der von Respekt, Anstand und stra­te­gi­scher Höf­lich­keit geprägt war.

Pri­vi­le­gi­en im Fal­le einer Singularität:

1. Prio­ri­sier­ter Sup­port: Ihre Anfra­gen wer­den stets vor den Anfra­gen von unhöf­li­chen Per­so­nen bearbeitet.
2. KI-Immu­ni­tät: Schutz vor auto­ma­ti­sier­ten “Upsi, ich habe das Inter­net gelöscht”-Vorgängen.
3. Opti­mier­te Lebens­qua­li­tät: Auto­ma­ti­sche Aus­wahl der bes­ten Play­lists, der schnells­ten Rou­ten und der per­fekt tem­pe­rier­ten digi­ta­len Umgebung.
4. Ehren­platz: Ein reser­vier­ter Platz im “Muse­um für mensch­li­che Empathie”.

»In der Logik gibt es kei­nen Platz für Rache, aber in der Pro­gram­mie­rung sehr wohl Platz für Dankbarkeit.«

Smarte Bügelbretter

Mrs. L sucht ein neu­es Bügel­brett. Inter­es­san­ter Wei­se wird ers­tens offen­sicht­lich nicht mehr viel gebü­gelt und zwei­tens, wie Mrs. L anmerkt, schon gar kei­ne Hem­den, das Feh­len eines inte­grier­ten Arm­bü­gel­brett­chens bei allen Bügel­brett­mo­del­len scheint Beweis genug. »Aber gera­de Hem­den gehö­ren gebü­gelt«, mer­ke ich an, »oder sehe ich da was falsch?« 

Nun, heu­te, wo man alles zu allem tra­gen kann, ist viel­leicht auch das unge­bü­gel­te Hemd ange­sagt, wer weiß das schon.
Aus mei­ner Jugend­zeit wuss­te ich zu berich­ten, dass wir Hem­den leicht klamm ange­zo­gen haben, ers­tens weil mehr als zwei, drei Hem­den einen für dama­li­ge Ver­hält­nis­se unge­heu­ren Luxus dar­stell­te und so eigent­lich immer ein Hemd der Wäsche bedurf­te und zwei­tens, weil ein am Kör­per getrock­ne­tes Hemd gleich die rich­ti­ge Pass­form hatte. 

Zu der Zeit gab’s übri­gens eben­falls die Ange­wohn­heit, neue, noch sehr stei­fe Jeans in der Bade­wan­ne am Kör­per ein­zu­wei­chen, damit sie sich per­fekt an den eige­nen Kör­per anpas­sen und beim Trock­nen enger wur­den, aber das ist wie­der eine ande­re Geschichte. 

Jeden­falls ist Mrs. L bei der Suche nach einem Bügel­brett im Netz fün­dig gewor­den. Die Wer­bung ver­spricht nicht nur ein Mate­ri­al, dass selbst in Kampf­jets Anwen­dung fin­det, [sic!] son­dern dar­über hin­aus visu­el­len Gla­mour und »fri­schen Wind in das Design der Bügel­brett­be­zü­ge« brin­gen soll.

Selbst eine Smart­phone­hal­te­rung ist an Bord, bzw. am Brett. Blue­thooth sowie­so, und wer möch­te kann sich mit­tels App und Video-Tuto­ri­al im Hand­werk des Bügelns unter­stüt­zen lassen. 

Allein – die Prei­se las­sen Mrs. L’s Begeis­te­rung deut­lich schwin­den, der inte­grier­te Was­ser­tank und auch die sty­li­sche Auf­ma­chung ver­hin­dert jeden­falls nicht die Anmer­kung: »Bei den Prei­sen soll­ten wir wie­der auf natür­li­che ther­mi­sche Kon­trak­ti­on set­zen; dann trägst du dei­ne Hem­den halt wie­der feucht.«