LLM’s das »menscheln« abgewöhnen

Wer sich lan­ge genug mit unter­schied­li­chen KIs beschäf­tigt, bemerkt irgend­wann die jewei­li­gen Eigen­hei­ten der Sprach­mo­del­le. Und die kön­nen auf Dau­er gehö­rig nerven.

Die eine KI punk­tet mit pedan­ti­scher Über­kor­rekt­heit, die nächs­te schmiert einem unun­ter­bro­chen Honig ums Maul, und wie­der ande­re klin­gen wie ein über­dreh­ter Prak­ti­kant, flap­sig und unge­fragt kum­pel­haft. Was im ech­ten Arbeits­le­ben anstren­gend ist, brau­che ich von einer Soft­ware erst recht nicht. Ich will kein digi­ta­les Werk­zeug, das zu allem brav Ja nickt, son­dern eine Arbeitsgrundlage, 

Die­sen Gedan­ken hat­te offen­bar auch Web­wor­ker und Word­Press-Spe­zia­list Vla­di­mir Simo­vić (auf vladimir-simovic.de bes­ser bekannt als Perun). Er hat spe­zi­ell zuge­schnit­te­ne Sys­tem-Prompts für Clau­de, Gemi­ni, Grok und ChatGPT ent­wi­ckelt. Das Ziel: den LLMs das ner­vi­ge Anbie­dern, Schul­ter­klop­fen und »men­scheln« aus­zu­trei­ben und ihnen statt­des­sen pro­fes­sio­nel­les Spar­ring anzuerziehen.

Wer also eben­falls »kein Werk­zeug braucht, das zu allem zustimmt und immer Ja sagt, son­dern eins, das auch wider­spricht, wenn es tat­säch­li­che Grün­de zum Wider­spruch gibt – wohl­wol­lend, kon­struk­tiv, aber nicht gefäl­lig«, wird hier fün­dig: Vla­di­mir hat die Prompts auf Git­Hub zur frei­en Nut­zung bereitgestellt.

Sechs Journalisten, fünf Länder, ein Aschenbecher

In den sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jah­ren präg­te eine Sen­dung die Dis­kus­si­ons­kul­tur in Deutsch­land, die in eini­gen Fami­li­en so fest zum Sonn­tags­ri­tu­al gehör­te wie der Sonntagsbraten.

Bezeich­net man den „Inter­na­tio­na­len Früh­schop­pen” als Talk­run­de, wür­de man der Sen­dung Unrecht tun. Unter dem Mot­to „Sechs Jour­na­lis­ten aus fünf Län­dern” dis­ku­tier­ten inter­na­tio­na­le Medi­en­ver­tre­ter tages­ak­tu­el­le welt­po­li­ti­sche Themen.

Früh­schop­pen des­halb, weil stan­dard­mä­ßig Glä­ser mit Wein und Was­ser auf dem Tisch stan­den. Dass dabei jemand zu Was­ser griff, ist mir nicht erinnerlich.

Wäh­rend ande­re Väter sonn­tags nach dem Hoch­amt in die Knei­pe wech­sel­ten, auch zum Früh­schop­pen übri­gens, ließ sich mein Vater bedeu­tungs­schwer mit einem Kaf­fee und einer Schach­tel Reval in den Ses­sel im Wohn­zim­mer fal­len. Dann war klar: Es ist Sonn­tag, 12 Uhr, und jetzt wird’s politisch.

Die The­men waren nicht auf regio­na­le Ereig­nis­se beschränkt, jedoch gab es nur ein aktu­el­les The­ma, das in der Sen­de­zeit von 45 Minu­ten aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven der Her­kunfts­län­der der ein­ge­la­de­nen Jour­na­lis­ten aus­ge­leuch­tet wurde.

Screen­shot: Der inter­na­tio­na­le Früh­schop­pen — ARD Media­thek — Klick zum Video

Beson­ders fas­zi­nie­rend: Es wur­de nicht nur getrun­ken, son­dern auch geraucht, was das Zeug hielt. Aus heu­ti­ger Sicht undenk­bar. Ich glau­be, der letz­te öffent­li­che Rau­cher im TV war der 2015 ver­stor­be­ne ehe­ma­li­ge Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt. Ihm lie­ßen die Mode­ra­to­ren das Qual­men im Stu­dio durch­ge­hen – schon allein aus Respekt davor, ket­ten­rau­chend über 90 Jah­re alt gewor­den zu sein.

Jeden­falls wur­de auch beim Inter­na­tio­na­len Früh­schop­pen mäch­tig gequalmt. Das war zu der Zeit frei­lich nichts Unge­wöhn­li­ches, ich erin­ne­re mich an lan­ge Auto­fahr­ten mit den Eltern, mit über­vol­len Ein­schub­aschen­be­chern im Fond, einem nebel­dich­ten Vor­hang aus Qualm im Opel Rekord und dem Hin­weis, nicht das Fens­ter auf­zu­ma­chen, da wir Kin­der ja sonst krank wer­den könnten.

Rau­chen war damals so nor­mal wie Essen und Trin­ken. Der Inter­na­tio­na­le Früh­schop­pen mach­te da kei­ne Aus­nah­me. Der Erzäh­lung nach soll Mode­ra­tor Wer­ner Höfer immer eine Schach­tel Ziga­ret­ten dabei­ge­habt haben, um lun­gen­schmach­ten­de Jour­na­lis­ten aus der Mise­re zu helfen.

Höfer war übri­gens nicht unum­strit­ten. Im Jah­re 1987 ver­öf­fent­lich­te der SPIEGEL einen Arti­kel, in dem der Jour­na­list und Mode­ra­tor Wer­ner Höfer ein Todes­ur­teil des Volks­ge­richts­hofs im Jah­re 1943 gegen einen Künst­ler gut hieß, und die Hin­rich­tung fei­er­te. Höfer zog sich zurück und starb nach Infor­ma­tio­nen ver­bit­tert im Jah­re 1997 im Alter von 84 Jah­ren. Dass es am Pas­siv­rau­chen im Stu­dio lag, ist nicht belegt. 

Die Sen­dung gibt’s heu­te immer noch, sie heißt jetzt Pres­se­club. Die Ziga­ret­ten­sor­te REVAL gibt’s auch noch. Geraucht wird aller­dings kaum noch. 

Wahr & Unwahr

Wahr ist, dass sich der CDU-Kreis­tags­mit­glied Bernd Pran­ge mit einem offe­nen Brief eine Allein­re­gie­rung der AFD für die Land­tags­wah­len in Sach­sen-Anhalt wünscht und für die Wahl der Rechts­extre­men wirbt.

Wahr ist auch, dass Pran­ge vor­gibt, sel­ber die AFD wäh­len zu wol­len, da ihm die CDU »zu links sei«.

Unwahr ist, dass Pran­ge seit der Geburt eine Stö­rung im Prae­fron­ta­len Kor­tex hat, die mit einer Rechts-Links Schwä­che korreliert. 

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Wahr ist, dass Fried­rich Merz sei­nen Urlaub auf­grund der Wald­brän­de auch im Sau­er­land, nicht unter­bre­chen wollte.

Wahr ist auch, dass Bun­des­kanz­ler Merz im Jah­re 2021 zur Flut­ka­ta­stro­phe den Rück­tritt der dama­li­gen Minis­te­rin Anne Spie­gel for­der­te, da sie sich in der Zeit im Urlaub befand.

Unwahr ist, dass Merz nur des­halb nicht am Ort der Kata­stro­phe war, da er sei­nen Urlaub im eige­nen Geld­spei­cher ver­bringt und ver­ges­sen hat, wie die Tre­sor­tür aufgeht.

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Wahr ist, dass es bei den Land­tags­wah­len in Sach­sen-Anhalt für eine Regie­rungs­bil­dung der rechts­extre­men AFD rei­chen könnte.

Unwahr ist, dass die AFD bereits für die Regie­rungs­bil­dung Anlei­hen bei abge­half­ter­ten Künst­lern macht und Xavier Nadoo als Wis­sen­schafts­mi­nis­ter nebst Hei­no als Kul­tus­mi­nis­ter gehan­delt wird. 

Macht Ihnen die Hitze zu schaffen?

Eine E‑Mail mei­ner Kran­ken­kas­se deu­tet auf eine wich­ti­ge Nach­richt für mich. Offen­sicht­lich so wich­tig und sicher­heits­re­le­vant, dass die Nach­richt nicht über den digi­ta­len Weg der E‑Mail zuge­stellt wer­den konn­te, denn ich soll­te mich in das Kran­ken­kas­sen­por­tal ein­log­gen, um eben­die­se Nach­richt zu abzu­ru­fen. War­um mir die Nach­richt nicht in der E‑Mail zuge­sen­det wird, die ich bekom­men habe, um mich dar­auf auf­merk­sam zu machen, dass mir eine wich­ti­ge Nach­richt zuteil wür­de, die ich eben in die­sem Por­tal fin­de, weiß nur der über­be­zahl­te Digi­tal Mar­ke­ting Manager. 

Jeden­falls ver­su­che ich mich umge­hend ein­zu­log­gen. Statt der erwar­te­ten wich­ti­gen Nach­richt errei­chen mich meh­re­re Pop-Ups, die eben­so­vie­le Akti­vi­tä­ten for­der­ten: Geben Sie ihre TAN ein, die ihnen per Tele­fon zuge­sandt wird, Wol­len Sie sich das nächs­te Mal nicht lie­ber per TIN, Tan Tun, oder was auch immer anmel­den? Captchaab­fra­ge: Bit­te kli­cken Sie auf die Bil­der mit einer Brü­cke. (ein Unter­fan­gen, das selbst mit Bril­le kaum zu bewerk­stel­li­gen ist, so klein sind die Bil­der). Lei­der falsch, kli­cken Sie nun auf die Bil­der mit Fahr­rä­dern. (Ja was denn jetzt?!) Akzep­tie­ren Sie die Coo­kies? Möch­ten Sie einen News­let­ter abon­nie­ren? Möch­ten Sie an der Prä­mi­en­ge­win­nung teil­neh­men? Möch­ten Sie dies und das und jenes? 

Nach einer gefühl­ten Vier­tel­stun­de spä­ter dann end­lich die Nach­richt: »Moment, Sie wer­den auf ihre Nach­rich­ten­sei­te weitergeleitet.«

End­lich gelan­ge ich zur wich­ti­gen Nach­richt mei­ner Krankenkasse:

Guten Tag,
macht Ihnen die aktu­el­le Hit­ze­wel­le zu schaf­fen? Gera­de bei höhe­ren Tem­pe­ra­tu­ren kön­nen Schwin­del, Kopf­schmer­zen oder Kreis­lauf­be­schwer­den Ihren All­tag belasten.
Wir bie­ten allen, die medi­zi­ni­schen Rat für die hei­ßen Tage suchen, eine kos­ten­lo­se Hit­ze-Hot­line an. (….)

Lie­be Krankenkasse,
mir nicht, aber Euch?

Werbung für die AFD?

Der SPIEGEL hat den AFD Mann Ulrich Sieg­mund in sei­ner jüngs­ten Aus­ga­be aufs Titel­blatt gehievt. Sieg­mund ist AfD-Spit­zen­kan­di­dat für das Minis­ter­prä­si­den­ten­amt in Sach­sen-Anhalt, 35 Jah­re alt, in Umfra­gen mit über 40 Pro­zent Zustim­mung der Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler im Land. Am 6. Sep­tem­ber könn­te er Chef der Chef der Lan­des­re­gie­rung wer­den und das für einen Lan­des­ver­band, den der Ver­fas­sungs­schutz seit 2023 als »gesi­chert rechts­extrem« führt. 

Das Maga­zin titelt dazu auf dem Cover: »Der gefähr­lichs­te Mann Deutsch­lands« und dürf­te dem Spit­zen­kan­di­dat und er AFD damit einen Rie­sen­ge­fal­len getan haben.

Denn — was ver­mut­lich als War­nung gemeint war, wirkt im Zusam­men­hang mit der Titel-Geschich­te eher er wie Werbung.

Sieg­mund kam 2024 bun­des­weit ins Gespräch, als sei­ne Teil­nah­me am Pots­da­mer Tref­fen im Land­haus Adlon bekannt wur­de – jenem Tref­fen, bei dem laut Cor­rec­tiv über einen »Mas­ter­plan« zur Ver­trei­bung von Mil­lio­nen Men­schen unter dem Begriff Remi­gra­ti­on gespro­chen wur­de. Von da an geht es im Arti­kel vor allem um Ver­pa­ckung: Wo ande­re in der AfD pol­tern, lächelt Sieg­mund. Wo ande­re Angst schü­ren, ver­kauft er Nähe. Der SPIEGEL nennt ihn gar »Schwie­ger­mut­ter-Typ«. Mit 19 CDU, mit 24 zur AfD, seit 2016 im Land­tag, seit 2022 Frak­ti­ons­chef zusam­men mit Oli­ver Kirch­ner. Dazu Tik­Tok-Kanal, Sim­son-Kor­sos, Ver­eins­prä­senz im gan­zen Land.

Inhalt­lich kri­ti­siert das Maga­zin zwar die straf­fe Linie Sieg­munds: Abschaf­fung des Asyl­grund­rechts, »Remi­gra­ti­ons­of­fen­si­ve«, Rück­bau des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks auf zwei Pro­gram­me, Bil­dungs­pflicht statt Schul­pflicht zur Ermög­li­chung von Heimunterricht. 

Das ist aller­dings kei­ne Kri­tik, das ist eine Beschrei­bung des AfD-Pro­gramms, das der Mann seit Jah­ren ver­tritt. Was soll­te er sonst vertreten?

Erst spät im Text kom­men die Fak­ten, die eigent­lich den Auf­ma­cher hät­ten tra­gen sol­len: Pres­se­spre­cher Patrick Harr war in der 2009 ver­bo­te­nen neo­na­zis­ti­schen »Hei­mat­treu­en Deut­schen Jugend« (HDJ) aktiv, eben­so Frak­ti­ons­mit­ar­bei­ter Lau­rens Not­h­durft, einer der füh­ren­den Köp­fe der HDJ. Land­tags­kan­di­dat Simon Lans­mann soll auf sei­nem Grund­stück eine völ­ki­sche Sonn­wend­fei­er ver­an­stal­tet haben, bei der laut Recher­chen ein Lied der Hit­ler­ju­gend gesun­gen wur­de. Recher­chen von t‑online und Cor­rec­tiv leg­ten zudem sys­te­ma­ti­sche Vet­tern­wirt­schaft offen: Abge­ord­ne­te beschäf­ti­gen ihre Ver­wand­ten als Mit­ar­bei­ter, bezahlt aus Steuergeld.

Wie ernst Sieg­mund die Macht­über­nah­me nimmt, zeigt ein Detail aus dem SPIE­GEL-Inter­view selbst: Sein Kabi­nett habe er „zu 95 Pro­zent” fer­tig, Namen nen­ne er aber nicht, das wür­de »medi­al ablen­ken«. Der SPIEGEL selbst schreibt, Sieg­munds Erfolg beru­he nicht auf gemä­ßig­ten Inhal­ten, son­dern auf Nah­bar­keit, Medi­en­prä­senz und der Fähig­keit, radi­ka­le Poli­tik so zu ver­pa­cken, dass sie nicht radi­kal wirkt. Genau das lie­fert der Titel dann auch: ein Foto, eine rei­ße­ri­sche Über­schrift, und ein Text, der über wei­te Stre­cken das Bild eines poli­ti­schen Machers zeich­net, bevor er zu den eigent­lich rele­van­ten rechts­extre­men Ver­bin­dun­gen kommt. 

Im Zusa­men­hang ergibt sich für die meis­ten Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler eher das Bild eines Machers in der Poli­tik, dem selbst eta­blier­te Medi­en min­des­tens Aner­ken­nung zol­len. Der AFD jeden­falls konn­te nichts Bes­se­res pas­sie­ren, als die, wenn auch unge­woll­te, Dar­stel­lung eines boden­stän­di­gen, bür­ger­na­hen Man­nes, der es offen­sicht­lich schafft, die not­wen­di­ge poli­ti­sche Auf­merk­sam­keit zu errei­chen. Der SPIEGEL jeden­falls hat ihm die­se zuteil kom­men las­sen. Eigent­lich woll­te man davor war­nen, dass mit der Wahl die ers­te rechts­extre­mis­ti­sche Lan­des­re­gie­rung seit 1945 an die Macht kom­men könn­te, des­sen Spit­zen­kan­di­dat die inhalt­li­che und poli­ti­sche Linie in Gän­ze unterstützt. 

Da hilft auch kei­ne nach­träg­li­che Recht­fer­ti­gung mehr.

Lizenz zum Schnüffeln

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg, noch unter dem Ein­druck der gän­gi­gen Gesta­po-Metho­den, ver­füg­ten die Alli­ier­ten für die noch jun­ge Bun­des­re­pu­blik eine strik­te Tren­nung zwi­schen Poli­zei und Geheim­dienst. Nie wie­der soll­te eine unkon­trol­lier­ba­re Geheim­po­li­zei ent­ste­hen. Im soge­nann­ten Poli­zei­brief von 1949 leg­ten die Sie­ger­mäch­te die orga­ni­sa­to­ri­sche Eigen­stän­dig­keit bei­der Behör­den­zwei­ge fest. Bis­her galt: exe­ku­ti­ve Zwangs­mit­tel – Durch­su­chun­gen, Fest­nah­men, Zugriff – blie­ben allein der Poli­zei vor­be­hal­ten, die dafür gegen­über Staats­an­walt­schaft und Gerich­ten rechen­schafts­pflich­tig ist. Geheim­dienst­li­che Arbeit soll­te sich auf das Sam­meln von Infor­ma­tio­nen und auf Beob­ach­tung beschrän­ken. Die­ses Tren­nungs­ge­bot ist bis heu­te eine der zen­tra­len Leh­ren aus Gesta­po und Stasi.

Genau an die­ser Grund­fes­te rüt­telt jetzt eine Reform, die wei­ter geht als alles, was es seit Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik gab. Am 12. August 2026 hat das Kabi­nett unter Kanz­ler Fried­rich Merz einen knapp 700 Sei­ten star­ken Gesetz­ent­wurf aus dem Haus von Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Alex­an­der Dob­rindt (CSU) gebil­ligt. Kanz­ler­amts­che­fin Nina War­ken nann­te es die grund­le­gends­te Reform der Nach­rich­ten­diens­te seit ihrem Bestehen.

Die zentralen Punkte:

  • Video­über­wa­chung in Echt­zeit: BfV und BND sol­len pri­va­te und öffent­li­che Kame­ra­sys­te­me – etwa an Bahn­hö­fen oder in Ein­kaufs­zen­tren – live anzap­fen dürfen.
  • Bio­me­tri­scher Daten­ab­gleich: Groß­flä­chi­ge bio­me­tri­sche Abglei­che im Inter­net, etwa per Gesichts­er­ken­nung, sol­len zuläs­sig werden.
  • Auto­no­me Hack­backs: KI-gestütz­te Sys­te­me sol­len künf­tig eigen­stän­dig digi­ta­le Gegen­an­grif­fe ein­lei­ten kön­nen – ohne dass zwin­gend ein Mensch dazwi­schen­ge­schal­tet ist.
  • Erwei­ter­te Daten­spei­che­rung: Der BND soll Infor­ma­tio­nen nicht mehr nur direkt am Daten­ka­bel abgrei­fen, son­dern auch vor­über­ge­hend spei­chern dürfen.
  • Online­durch­su­chun­gen im Inland: Der eigent­lich für das Aus­land zustän­di­ge BND soll Rech­ner und Han­dys auch im Inland durch­su­chen dür­fen, sofern ein Aus­lands­be­zug besteht.


  • Kurz gesagt: Aus Diens­ten, die bis­lang Infor­ma­tio­nen sam­meln, sol­len Diens­te wer­den, die aktiv ein­grei­fen – über Mani­pu­la­ti­on, Sabo­ta­ge und Täu­schung bis hin zum digi­ta­len Gegen­schlag. Dob­rindt selbst hat das Ziel schon Anfang des Jah­res offen benannt: Aus dem Nach­rich­ten­dienst soll ein ech­ter Geheim­dienst werden.

    Dass Deutsch­land auf hybri­de Bedro­hun­gen – rus­si­sche Sabo­ta­ge, Spio­na­ge, Cyber­an­grif­fe – reagie­ren muss, ist kei­ne Erfin­dung von Dob­rindt. Dass sich die Sicher­heits­la­ge spür­bar ver­schärft hat, dürf­te jeder mit­be­kom­men haben, der die Nach­rich­ten verfolgt. 

    Bri­san­ter als die ein­zel­nen neu­en Werk­zeu­ge ist, was mit der Kon­trol­le pas­siert. Bis­lang tei­len sich vier ver­schie­de­ne Gre­mi­en die Auf­sicht – Unab­hän­gi­ger Kon­troll­rat, Par­la­men­ta­ri­sches Kon­troll­gre­mi­um, G10-Kom­mis­si­on, Bun­des­amt für Daten­schutz. Künf­tig soll die­se Kon­trol­le beim Unab­hän­gi­gen Kon­troll­rat gebün­delt wer­den. Eine Bün­de­lung von Befug­nis­sen bei gleich­zei­ti­ger zuneh­men­der Intrans­pa­renz ist genau die Kom­bi­na­ti­on, vor der das Tren­nungs­ge­bot his­to­risch schüt­zen sollte.

    Berech­tig­te Kri­tik kommt ent­spre­chend von meh­re­ren Sei­ten. Eini­ge Par­tei­en pro­tes­tier­ten bereits im Kabi­nett. Ver­bän­de und Exper­ten kri­ti­sie­ren, dass mehr Befug­nis­se mit weni­ger Kon­trol­le ein­her­ge­hen. Der Rechts­wis­sen­schaft­ler Prof. Zöl­ler hält es für his­to­risch pro­ble­ma­tisch, dass der BND künf­tig auch im Inland gegen eige­ne Staats­bür­ger ope­rie­ren darf, und zieht dabei aus­drück­lich die Par­al­le­le zur Gesta­po. Auch aus juris­ti­scher Fach­ana­ly­se heißt es, der Ent­wurf defi­nie­re an meh­re­ren Stel­len nicht klar genug, wel­che Mit­tel die Diens­te wann ein­set­zen dür­fen – was vor allem dem BND erheb­li­chen Ermes­sens­spiel­raum verschafft.

    Hier liegt das eigent­li­che Risi­ko: nicht in der ein­zel­nen Kame­ra, dem ein­zel­nen Hack­back, dem ein­zel­nen bio­me­tri­schen Abgleich – son­dern in der schlei­chen­den Auf­wei­chung der Trans­pa­renz­pflicht. Man gau­kelt der Bevöl­ke­rung vor, dass die per­sön­li­che Frei­heit nur mit ent­spre­chen­der staat­li­cher Sicher­heit funk­tio­nie­re, für die es der wei­ter­ge­hen­den Mög­lich­kei­ten bedür­fe, die dem Bür­ger ver­schlos­sen sein sol­len. Wenn aller­dings Behör­den­kom­pe­ten­zen zuneh­mend gebün­delt wer­den und Geheim­diens­ten poli­zei­ähn­li­che Auf­ga­ben zufal­len, ist das im schlimms­ten Fall ein Schritt in Rich­tung Staat im Staa­te. Grund­ge­setz­lich ver­an­ker­te Rech­te wie die Unver­letz­lich­keit der Woh­nung dür­fen nicht ange­tas­tet wer­den – erst recht nicht durch einen Dienst, der sich der gewohn­ten gericht­li­chen und par­la­men­ta­ri­schen Kon­trol­le zuneh­mend entzieht.

    Bei einer Bün­de­lung der Diens­te und der damit ver­bun­de­nen Intrans­pa­renz wächst die Gefahr, dass sich Lan­des- und Bun­des­re­gie­run­gen künf­tig auch „vor­beu­gend” poli­zei­ähn­li­cher Mit­tel bedie­nen kön­nen, ohne dass es dafür einer Legi­ti­ma­ti­on durch die Staats­an­walt­schaft bedarf.

    Und — wenn die Schwel­le für ver­deck­te Beob­ach­tung und digi­ta­le Ein­grif­fe sinkt, über­legt es sich man­cher zwei­mal, an einer Demons­tra­ti­on teil­zu­neh­men oder zu öffent­li­cher Mei­nungs­äu­ße­rung. Genau das soll­te in einer Demo­kra­tie nicht passieren.

    Nicht der Staat hat sei­ne Bür­ger zu über­wa­chen. Die Bür­ger soll­ten den Staat überwachen.

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    Quel­len:
    netzpolitik.org, 10.07.2026: Geheim­dienst­re­form: Zei­ten­wen­de für Spione

    Hers­fel­der Zei­tung, 12.08.2026: Geheim­dienst-Reform: Kabi­nett beschließt neue Befug­nis­se für BND und Verfassungsschutz

    ZDFheu­te, 12.08.2026: Geheim­dienst­re­form: So weit sol­len die Befug­nis­se gehen

    t‑online, 09.08.2026: BND und Ver­fas­sungs­schutz: Jetzt sol­len Spio­ne zurück­schla­gen dürfen

    Recher­che­zu­sam­men­stel­lung mit KI