Pornös

Ich bin immer wie­der erstaunt über Din­ge, die ich noch nicht gese­hen habe. Eigent­lich bin ich ja in einem Alter, in dem man das meis­te zumin­dest schon mal über­flo­gen, davon gehört oder gele­sen haben soll­te. Und doch schafft es das Leben immer wie­der, mich visu­ell eis­kalt zu erwischen.

Neu­lich im Super­markt mei­nes Ver­trau­ens, direkt an der Fleisch­the­ke. Der Typ dahin­ter – Metz­ger oder Fleisch­fach­ver­käu­fer, man weiß es nicht genau – dürf­te vor­sich­tig geschätzt um die vier­zig gewe­sen sein. Was mich völ­lig fas­zi­nier­te und ver­mut­lich dazu brach­te, ihn mehr als nötig anzu­star­ren, war eine Namen­s­tä­to­wie­rung mit­ten im Gesicht, genau­er — über der rech­ten Augenbraue.

Ganz ehr­lich: Am liebs­ten hät­te ich ein Foto von dem Schrift­zug »Dani­ella« gemacht – und sei es nur, um im Netz auf die aku­ten Gefah­ren offen­sicht­li­cher Voll­trun­ken­heit auf­merk­sam zu machen. Getraut habe ich mich natür­lich nicht. Im Gegen­teil: Um die Sache nicht noch unan­ge­neh­mer zu machen, starr­te ich betre­ten in die Aus­le­ge­wa­re zwi­schen Mett und Kote­letts und biss mir auf die Lip­pen, um dem armen Kerl einen spon­ta­nen Hei­ter­keits­aus­bruch mei­ner­seits zu ersparen.

Nur so als gut gemein­ter Tipp, falls irgend­wer da drau­ßen immer noch der irri­gen Annah­me erliegt, ein Name im Gesicht wäre der ulti­ma­ti­ve Lie­bes­be­weis: Lasst Euch den Scheiß aus dem Gesicht lasern, wenn ihr so einen bescheu­er­ten Feh­ler im Voll­suff oder Dro­gen­rausch gemacht habt. Das Geld dafür ist gut angelegt.

Apro­pos Kör­per­lich­keit: Es gibt tat­säch­lich – und jetzt hal­ten Sie sich bit­te fest – ein Bor­dell, in dem Kun­de und Kun­din­nen ihre sexu­el­le Not­durft an Pup­pen aus­le­ben kön­nen. Das erstaunt mich dann doch noch ein gan­zes Stück mehr als eine Gesicht­stä­to­wie­rung. Ich mei­ne, von zweck­ent­frem­de­ten Staub­saugern hat man ja schon gehört. Eben­so vom unbän­di­gen Bedürf­nis eini­ger Män­ner, ihren Schnie­del in wer weiß was hin­ein­zu­ste­cken. Aber eine kom­mer­zi­el­le Dienst­leis­tung mit der­lei Spiel­zeug zur Trieb­ab­fuhr war mir neu.

KI macht es offen­bar mög­lich. Bewor­ben wird das Gan­ze als das „welt­weit ers­te Rol­len­spiel-Erleb­nis: die Kom­bi­na­ti­on von lebens­ech­ter Lie­bes­pup­pe mit inter­ak­ti­ver mensch­li­cher Stim­me.“ Initia­tor des Pup­pen­puffs ist der Fil­me­ma­cher Phil­ipp Fus­se­n­eg­ger, der nach eige­nen Aus­sa­gen einen „siche­ren Raum“ schaf­fen woll­te, in dem Men­schen und Maschi­nen sich auf sinn­li­che Art näher­kom­men können.

Wenn die Pup­pe dank künst­li­cher Intel­li­genz jetzt auch noch inter­ak­tiv spricht, dürf­te das für die Stamm­kund­schaft Fluch und Segen zugleich sein. End­lich eine Part­ne­rin, die theo­re­tisch nie Kopf­schmer­zen hat – die einem im dumm gelau­fe­nen Pra­xis­test aber wahr­schein­lich per Sprach­be­fehl mit­teilt, dass das Sys­tem auf­grund man­geln­der Per­for­mance vor­zei­tig in den Stand­by-Modus wechselt.

Warum Mehrarbeit der falsche Weg ist

Es ist ein immer wie­der­keh­ren­des Ritu­al: Stockt die Wirt­schaft, muss mehr gear­bei­tet wer­den, so das Man­tra von Poli­tik und Wirtschaft. 

Das Heils­ver­spre­chen lau­tet dann ver­läss­lich, dass wir schleu­nigst zur 40-Stun­den-Woche zurück­keh­ren und ins­ge­samt ein­fach wie­der deut­lich mehr klot­zen müs­sen. Nur so lie­ßen sich angeb­lich die inter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit und das Wirt­schafts­wachs­tum sichern. 

Der Fokus auf eine aus­ge­wo­ge­ne Work-Life-Balan­ce sei ver­kehrt, mit die­ser Sicht­wei­se lie­ße sich der Wohl­stand in Deutsch­land nicht halten. 

Die Rea­li­tät sieht anders aus: Seit 1990 hat die Zahl der Erwerbs­tä­ti­gen, die neben ihrer Haupt­tä­tig­keit noch eine Neben­tä­tig­keit haben ver­dop­pelt.

Die­se Argu­men­ta­ti­on der Poli­tik ist also nur eine extrem ver­kürz­te Dar­stel­lung kom­ple­xer Zusam­men­hän­ge, son­dern schlicht­weg falsch. Wah­rer Fort­schritt, bahn­bre­chen­de Inno­va­tio­nen und tat­säch­li­che Pro­duk­ti­vi­täts­ge­win­ne ent­ste­hen eben gera­de nicht dadurch, dass erschöpf­te Beschäf­tig­te noch mehr Lebens­zeit am Arbeits­platz absit­zen. Das Gegen­teil ist der Fall.

In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten haben die Arbeit­neh­mer bereits gewal­ti­ge Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­run­gen gestemmt. Getrie­ben wur­de die­se Ent­wick­lung vor allem durch die Digi­ta­li­sie­rung, die fort­schrei­ten­de Auto­ma­ti­sie­rung und spür­bar effi­zi­en­te­re Pro­zes­se. Man leis­tet heu­te in kür­ze­rer Zeit fun­da­men­tal mehr als früher. 

Und: Die Früch­te die­ser Effi­zi­enz­ge­win­ne wur­den laut Kri­ti­kern extrem ungleich ver­teilt. Wäh­rend Unter­neh­men und Kapi­tal­ge­ber kräf­tig pro­fi­tier­ten, gin­gen die eigent­li­chen Leis­tungs­trä­ger – die Beschäf­tig­ten – bei der Ver­tei­lung in Form von adäqua­ten Lohn­er­hö­hun­gen oder spür­ba­ren Arbeits­zeit­ver­kür­zun­gen weit­ge­hend leer aus. Beson­ders absurd wirkt vor die­sem Hin­ter­grund die ver­staub­te Vor­stel­lung, die Beleg­schaf­ten müss­ten jetzt ein­fach noch ein­mal „mehr leis­ten“, obwohl der his­to­ri­sche Zuwachs an Pro­duk­ti­vi­tät ohne­hin schon längst auf ihren Schul­tern abge­la­den wurde.

Bedenkt man wei­ter, dass zumin­dest im Net­to­ein­kom­mens­ver­gleich Deutsch­land nur im Mit­tel­feld der Gehäl­ter in der EU liegt, dürf­te klar sein, dass die Aus­sa­ge: Mehr Arbeit – mehr Wohl­stand schlicht­weg falsch ist. Umge­kehrt wird ein Schuh draus: Die Aus­wei­tung der Arbeits­zeit heißt ja nichts ande­res als eine Lohn­kür­zung durch die Hin­ter­tür. Wir wür­den also im EU-Durch­schnitt in der Net­to­lohn­ent­wick­lung wei­ter zurück­fal­len. Denkt man das wei­ter, ist bei einem Lohn­ver­zicht der Bin­nen­markt durch Kon­sum­zu­rück­hal­tung der Bevöl­ke­rung mit den ent­spre­chen­den Aus­wir­kun­gen für die Wirt­schaft zusätz­lich gefährdet.

Opa der Nazi

Mit­glieds­kar­te des Groß­va­ters zur NSDAP
Das US-Natio­nal­ar­chiv (NARA) hat im März die­ses Jah­res einen Coup gelan­det: Erst­mals sind Daten zur Mit­glied­schaft in der NSDAP online ein­seh­bar.

Die digi­ta­le Suche im Ori­gi­nal-Archiv war aller­dings der­art sper­rig und die Such­kri­te­ri­en so unzu­rei­chend, dass man als Laie schnell die Lust verlor.
Der SPIEGEL hat mit Hil­fe künst­li­cher Intel­li­genz die Daten jour­na­lis­tisch und tech­nisch ordent­lich auf­be­rei­tet Datei­en run­ter­ge­la­den, per KI aus­ge­le­sen, in eine sau­be­re Daten­bank ver­frach­tet und das Gan­ze als durch­such­ba­res Recher­che-Tool zur Ver­fü­gung gestellt. Ziel der Akti­on war es, die oft hand­schrift­li­chen und kaum les­ba­ren Hie­ro­gly­phen so zu tran­skri­bie­ren, dass jeder ohne gro­ßen Auf­wand­nach Ver­wand­ten for­schen kann. 

Das ist ver­dammt gut gelun­gen. Wer sich dort anmel­det – was zeit­lich begrenzt kos­ten­los ist –, jagt ein­fach einen Namen oder noch exak­ter das Geburts­da­tum durch die Mas­ke und hat Gewissheit. 

Der Fund im Familienarchiv

Dass mein Groß­va­ter väter­li­cher­seits ein über­zeug­ter Nazi war, ist für mich kein Geheim­nis. Das ein­zi­ge Bild, das ich von ihm besit­ze, doku­men­tiert das ziem­lich unmiss­ver­ständ­lich: Es zeigt ihn im Esse­ner Tages­blatt inmit­ten eini­ger Nazi­grö­ßen der mitt­le­ren Füh­rungs­ebe­ne. Er war dort für die Pro­pa­gan­da zustän­dig, in öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen aktiv und damit direkt dem Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um unterstellt.
Gekannt habe ich ihn nie, er starb in den frü­hen fünf­zi­ger Jah­ren. Ob und inwie­weit er an hand­fes­ten Kriegs­ver­bre­chen betei­ligt war, lässt sich schwer sagen. Wer tie­fer gra­ben will, wird ohne­hin eher beim Lan­des­ar­chiv NRW fün­dig, wo sich die Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­ten ein­se­hen und her­un­ter­la­den lassen. 

Die Akten zu Karl Loh­ren ver­ra­ten eini­ges: Er war Kreis­pro­pa­gan­da­lei­ter der DAF (Deut­sche Arbeits­front) – jener NS-Ein­heits­or­ga­ni­sa­ti­on von Arbeit­neh­mern und Arbeit­ge­bern. Sei­ne Auf­ga­be: Gehirn­wä­sche im Betrieb. Laut den Akten hielt er bereit­wil­lig »Fach­vor­trä­ge in DAF Betriebs­a­pel­len, Betriebs­ver­samm­lun­gen und Ver­samm­lun­gen über sozia­le Fra­gen«. Nach dem Krieg stuf­ten ihn die Alli­ier­ten in die Kate­go­rie III (Min­der­be­las­te­te) ein, was ihm ein Beschäf­ti­gungs­ver­bot im öffent­li­chen Dienst und 16 Mona­te Haft einbrachte. 

Liest man aller­dings ein biss­chen zwi­schen den Zei­len, war der eigent­li­che Aus­lö­ser für den Knast wohl weni­ger sei­ne poli­ti­sche Gesin­nung als viel­mehr die Rache sei­ner Ex-Frau. 

Die Legende vom „guten“ Nazi

Sei­nen Ein­tritt in die NSDAP im Jahr 1928 begrün­de­te er im Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren recht klas­sisch mit der Welt­wirt­schafts­kri­se und den poli­ti­schen Umtrieben:
»Im Jah­re 1928 war ich erwerbs­los. Ich sah damals die Ent­wick­lung in Deutsch­land dahin­ge­hen, daß eine Radi­ka­li­sie­rung nach links oder rechts ein­tre­ten müs­se. Ich glaub­te, mich für rechts ent­schei­den zu müs­sen, um mei­nem Vater­land zu dienen.« 

Dass die­se Aus­füh­run­gen die rei­ne Wahr­heit waren, darf man getrost bezwei­feln. Als er gegen den Ein­rei­hungs­be­scheid der Alli­ier­ten Beru­fung ein­leg­te, ver­such­te er was alle ver­such­ten: Er gab zwar zu, die Uni­form eines Kreis­haupt­stel­len­lei­ters getra­gen und die­sen Rang gehabt zu haben, will aber angeb­lich nie die Berech­ti­gung eines Mit­glieds des Kreis­stabs beses­sen haben. Das klingt im Nach­gang extrem unglaub­wür­dig. Man darf bei all sei­nen Aus­sa­gen nie ver­ges­sen, dass der Mann eine pro­fes­sio­nel­le Aus­bil­dung in Pro­pa­gan­da und Mani­pu­la­ti­on hin­ter sich hatte.
Immer­hin: Diver­se Leu­munds­zeug­nis­se beschei­ni­gen ihm, dass er zumin­dest nie­man­den an die Gesta­po ver­pfif­fen oder ander­wei­tig aktiv ange­schwärzt hat. 

Unwissenheit schützt vor Mitschuld nicht

Am Ende las­sen die Doku­men­te nur einen Schluss zu: Karl Loh­ren war ein über­zeug­ter Natio­nal­so­zia­list. Sei­ne wirt­schaft­li­chen Beweg­grün­de tau­gen nicht als Ent­schul­di­gung. Wer eine Füh­rungs­po­si­ti­on in Goeb­bels’ Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne beklei­det – und sei es „nur“ auf Kreis­ebe­ne –, mag viel­leicht nicht jede bru­ta­le Ein­zel­heit gekannt haben. Die grund­sätz­li­che, mör­de­ri­sche Sys­te­ma­tik der Nazis dürf­te ihm jedoch voll­kom­men klar gewe­sen sein. 

Das Märchen von der Flexibilität

Arbeits­zeit 1906 — Der 12-Stun­den Tag war normal.
Wenn Arbeit­ge­ber­ver­bän­de plötz­lich das Wört­chen „Fle­xi­bi­li­tät“ ent­de­cken, ist höchs­te Vor­sicht gebo­ten. Aktu­ell betrifft das die Debat­te, den klas­si­schen Acht­stun­den­tag durch eine wöchent­li­che Höchst­ar­beits­zeit zu erset­zen. Das Framing ist so durch­schau­bar wie plump: Ver­kauft wird das Gan­ze als Wunsch der Beschäf­tig­ten nach mehr Frei­raum. Dahin­ter steckt aller­dings nichts ande­res als der Ver­such, den Acht­stun­den­tag per Direk­ti­ons­recht aus­zu­he­beln. Zur Erin­ne­rung: Die Begren­zung auf acht Stun­den wur­de 1918 nach dem Ende des Ers­ten Welt­kriegs von der Arbei­ter­schaft hart erkämpft und 1919 in der Wei­ma­rer Repu­blik for­mal ver­an­kert. Aus gutem Grund. Vor dem 19. Jahr­hun­dert schuf­te­ten Men­schen oft 10 bis 16 Stun­den täg­lich. Arbeits­me­di­zi­ni­sche Stu­di­en zei­gen unmiss­ver­ständ­lich, dass Pro­duk­ti­vi­tät und Kon­zen­tra­ti­on nach sechs bis acht Stun­den dras­tisch in den Kel­ler gehen.

Die fes­te Tages­gren­ze ist nicht will­kür­lich gewählt – sie schützt vor Über­las­tung. Wer sie auf­weicht, nimmt sehen­den Auges mehr Unfäl­le und stei­gen­de Kran­ken­zah­len in Kauf. Volks­wirt­schaft­lich ist die­se Dere­gu­lie­rung also ziem­li­cher Blöd­sinn. Wachs­tum ent­steht heu­te nicht mehr dadurch, dass man stumpf mehr Stun­den kloppt, son­dern durch Inno­va­ti­on und Effi­zi­enz­ge­win­ne. Krea­ti­vi­tät und smar­te Pro­blem­lö­sun­gen ent­ste­hen aber nicht unter Dau­er­druck in der elf­ten Arbeits­stun­de. Wenn Beschäf­tig­te nur noch im Über­le­bens­mo­dus funk­tio­nie­ren, bleibt die Inno­va­ti­ons­kraft des Unter­neh­mens auf der Stre­cke. Wir ver­wal­ten dann nur noch den Sta­tus quo, statt die Wirt­schaft zukunfts­fä­hig aufzustellen.

Wenn der Staat zulässt, dass Arbeit­neh­mer sys­te­ma­tisch über­las­tet wer­den, sozia­li­siert das die Kos­ten und pri­va­ti­siert die Gewin­ne. Heißt kon­kret: Die Unter­neh­men strei­chen kurz­fris­tig mehr Leis­tung ein, aber die Zeche für die dar­aus resul­tie­ren­den chro­ni­schen Krank­hei­ten, Burn­outs und psy­chi­schen Lei­den zahlt die All­ge­mein­heit über die Krankenkassen.

Zumal das Argu­ment der „star­ren Regeln“ ohne­hin nicht zieht: Es gibt längst hun­der­te Tarif­ver­trä­ge und Betriebs­ver­ein­ba­run­gen, die fle­xi­ble Lösun­gen erlau­ben. Ob im Schicht­be­trieb oder zur Abwen­dung wirt­schaft­li­cher Schä­den – Betriebs­rä­te haben prag­ma­ti­schen Anpas­sun­gen schon immer zuge­stimmt, natür­lich gegen ent­spre­chen­den mone­tä­ren oder zeit­li­chen Ausgleich.

Und, um auch das Argu­ment der Kapi­tal­eig­ner auf­zu­grei­fen, Wirt­schaft funk­tio­nie­re nur durch Wachs­tum: Wer schuf­tet, shop­pt nicht. Eine Aus­wei­tung der Arbeits­zeit würgt den inner­deut­schen Markt schlicht­weg ab.

Es geht bei der aktu­el­len Kam­pa­gne also kei­nes­wegs um moder­nes, fle­xi­bles Arbei­ten. Es geht schlicht dar­um, Arbeits­zei­ten auf Kos­ten der Beschäf­tig­ten aus­zu­wei­ten. Das Spiel ken­nen wir schon: Vor ein paar Jah­ren ver­such­te man mit dem Euphe­mis­mus »Fle­xi­bi­li­tät«, die 40-Stun­den-Woche durch die Hin­ter­tür wie­der als Stan­dard zu etablieren.

Madeira — eine Reise wert

Das ältes­te Städt­chen auf Madei­ra — Machico

Festes Schuh­werk, eine gute Kon­sti­tu­ti­on und Klei­dung im Zwie­bel­prin­zip. Im Grund ist das die Aus­rüs­tung für einen Urlaub auf der Blu­men­in­sel. Madei­ra ist eine por­tu­gie­si­sche Insel­grup­pe im Atlan­ti­schen Oze­an, gele­gen rund 950 Kilo­me­ter süd­west­lich des por­tu­gie­si­schen Fest­lands und etwa 700 Kilo­me­ter west­lich der afri­ka­ni­schen Küs­te. Auf­grund der land­schaft­li­chen Beschaf­fen­heit mit hohen Gebirgs­zü­gen, stei­len Klip­pen und einer dich­ten, ganz­jäh­ri­gen Vege­ta­ti­on wird die Insel häu­fig als „Insel des ewi­gen Früh­lings“ bezeich­net. Zu errei­chen ist die Insel ab Düs­sel­dorf in einem vier­stün­di­gen Flug. Dass wir auf einer nicht zu gro­ße Insel gelan­det sind, wird beim Auf­set­zen mit dem rela­tiv klei­nen Flug­zeug schnell klar. Der Pilot muss mäch­tig in die Eisen. Die Lan­de­bahn auf Madei­ra ist zwar in den 80er und spä­ter in den 2000er Jah­ren ver­län­gert wor­den, zählt aber immer noch zur gefähr­lichs­ten Lan­de­bahn der Welt und darf nur von Pilo­ten mit einer spe­zi­el­len Lizenz ange­flo­gen wer­den. Die Erwei­te­rung auf sieb­zig Meter hohen Stel­zen gilt als Meis­ter­werk der Ingenieurskunst. 

Lan­de­bahn für Flug­zeu­ge auf Stel­zen in der Nähe von Funchal

Das Kli­ma ist ganz­jäh­rig mild. Die Tem­pe­ra­tu­ren sin­ken im Win­ter sel­ten stark, wäh­rend die Som­mer­mo­na­te warm, aber durch den Ein­fluss des Oze­ans meist nicht extrem heiß sind. Die­se sta­bi­len Wet­ter­be­din­gun­gen ermög­li­chen das Wachs­tum zahl­rei­cher exo­ti­scher Pflan­zen­ar­ten und Blu­men auf der gesam­ten Insel. Die Insel hat ver­schie­de­ne Kli­ma­zo­nen, wäh­rend es im Nor­den küh­ler und reg­ne­ri­scher ist, waren die Tem­pe­ra­tu­ren jetzt im Mai im Süden und unten am Meer mit 22° sehr ange­nehm. Aber Ach­tung: der UV-Index ist ziem­lich hoch und in den Ber­gen kann es emp­find­lich kalt wer­den. Unse­re Hüt­te lag auf 1000 Metern Höhe in den Ber­gen, da waren es um die 8°. Ruck­sack mit Ergän­zungs­be­klei­dung für den Zwie­bel­look ist also unverzichtbar.

Der Tou­ris­mus ist der zen­tra­le Wirt­schafts­fak­tor Madei­ras. Die meis­ten Rei­sen­den kom­men für Out­door-Akti­vi­tä­ten auf die Insel, ins­be­son­de­re für Wan­de­run­gen ent­lang der Leva­das – den tra­di­tio­nel­len Bewäs­se­rungs­ka­nä­len – oder wegen der Aus­sichts­punk­te an den Küs­ten. Zudem zäh­len Was­ser­sport, Wal­be­ob­ach­tun­gen und regio­na­le Kul­tur­fes­te zu den Haupt­at­trak­tio­nen. Die Wan­de­run­gen sind anspruchs­voll, aber zu schaf­fen. Für mei­nen Geschmack aber tou­ris­tisch über­lau­fen. Anmel­dung ist Pflicht und wer nicht zur gebuch­ten Zeit erscheint, hat Pech gehabt und wird wie­der umge­schickt. Belohnt wird der Fuß­marsch durch gran­dio­se Aus­sich­ten von der Hochebene.

Tipp: Bei der Aus­wahl des Leih­wa­gens auf eine aus­rei­chen­de Moto­ri­sie­rung und Boden­frei­heit ach­ten. Die Autos sind hier durch­weg Mit­tel­klas­se SUVs mit ca. 100 PS, die braucht’s aber auch, 30 Pro­zent Stei­gung ist hier kei­ne Sel­ten­heit. Unser Autos ist trotz Auto­ma­tik­ge­trie­be auf­rund der Stei­gung beim Rück­wärts­an­fah­ren ein Stück nach vor­ne gerollt.

Ana­nas­ba­na­nen
Die Haupt­stadt Fun­chal liegt an der Süd­küs­te und bil­det das wirt­schaft­li­che sowie kul­tu­rel­le Zen­trum. Die Stadt ist vor allem für ihren Hafen, die his­to­ri­sche Alt­stadt, die zen­tra­len Markt­hal­len und den Bota­ni­schen Gar­ten bekannt. Hier spielt sich der Tou­ris­mus ab, aller­dings ist die Stadt trotz­dem nicht über­lau­fen. Klei­ne Läden mit Nip­pes, Muse­en, die Alt­stadt mit den berühm­ten kunst­voll gestal­te­ten Haus­tü­ren in den engen Gas­sen, es gibt eine Men­ge zu sehen. Der Markt von Fun­chal ist eben­falls einen Besuch wert. Zahl­rei­che noch nie gese­he­ne Früch­te wer­den hier ange­bo­ten, unter ande­rem die auf Madeu­ra bekann­te Ana­nas­ba­na­ne. Kau­fen soll­te man hier nicht, die Prei­se sind mit einem hef­ti­gen Tou­ris­ten­auf­schlag ver­se­hen. Ansons­ten sind die Prei­se für Essen und Trin­ken human. Pro­bie­ren soll­te man auf jeden Fall eines der Natio­nal­ge­rich­te: Espa­da, der schwar­ze Degen­fisch. Nicht erschre­cken, auf dem Markt sieht das Tier aus wie der Höl­le ent­sprun­gen, als Filet mit meist frit­tier­ter Bana­ne ist er ein ech­ter Genuss.


Kurz und gut: Wer im Urlaub Akti­vi­tä­ten und Erkun­dun­gen schätzt, viel sehen möch­te und kei­ne Angst vor madei­ri­schen Ama­teur­berg­renn­fah­rern im Gegen­ver­kehr in den Ser­pen­ti­nen hat, für den ist die Insel im Atlan­tik genau das richtige. 

Saisonwechsel

Eigent­lich ist mir eine gewis­se Eitel­keit nicht fremd. Nicht in der Schnee­witt­chen­ver­si­on, son­dern eher in Form gepfleg­ter Klei­dung. Unei­gent­lich und in der Pra­xis weicht der Wunsch­ge­dan­ke z.B. einen Maß­an­zug zu tra­gen, man­geln­der Offer­te im Klei­der­schrank und stan­des­ge­mä­ßen Gelegenheiten. 

Will sagen: In der Pra­xis hole ich mei­ne inzwi­schen bestimmt zwan­zig Jah­re alte Jeans­ja­cke im Mai aus dem Schrank, schnei­de mit der Sche­re ers­te Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen am Kra­gen ein­fach ab und nut­ze die­se tag­täg­lich und zwar so lan­ge, bis Mrs. L fest­stellt, dass eine Wäsche einer all­ge­mei­nen Sozi­al­ver­träg­lich­keit durch­aus ent­ge­gen­kom­men würde.

Na jeden­falls las­sen die Tem­pe­ra­tu­ren im Sau­er­land inzwi­schen den stra­te­gi­schen Aus­tausch von Win­ter- gegen Som­mer­gar­de­ro­be zu. Dach­te ich. Denn besag­te Jacke glänz­te im Dach­bo­den-Exil durch Abwesenheit.
Die Jacke für den Som­mer, eben­die­se Jeans­ja­cke, befand sich nicht mehr im Win­ter­quar­tier, son­dern war schlicht­weg unauf­find­bar. Da Mr. L am Tag des ver­such­ten Sai­son­be­klei­dungs­wech­sels nicht zuge­gen war, konn­te ich natür­lich auch nicht fra­gen, was ich durch exzes­si­ves Flu­chen kompensierte.

Gleich­wohl war nicht nur die Jacke, son­dern die gesam­te Som­mer­kol­lek­ti­on, die in mei­nem Fall ohne­hin eher an einen über­schau­ba­ren tex­ti­len Schluss­ver­kauf in Form einer wei­te­ren Jacke erin­nert, spur­los ver­schwun­den. Mei­ne Ver­mu­tung: Mrs. L hat­te das Prin­zip der sai­so­na­len Ein­la­ge­rung kur­zer­hand durch kon­se­quen­te Ent­sor­gung ersetzt und die Jacke dem Rest­müll überordert. 

Ent­spre­chend war mei­ne Lau­ne nach einem halb­stün­di­gen Such­gang. Eine KI hät­te nicht mehr Schimpf­wör­ter und Flü­che erfin­den können. 

Offen­sicht­lich war nicht nur die­se Jacke, son­dern mein gesam­tes Ord­nungs­sys­tem in Fra­ge gestellt worden. 

War­um mein gesam­ter Som­mer­ja­cken­be­stand dann einen Tag spä­ter an ande­rer Stel­le wie­der auf­tauch­te, ent­zieht sich mei­ner Erkennt­nis, nicht aber der Erin­ne­rung von Mrs. L: »Du hast die Jacken dort sel­ber hin­ge­legt, um Platz für die Herbst­sa­chen zu schaf­fen«, bemerk­te sie süffisant.

Die Geschichte von Borgward

Borg­ward Isa­bell­la von 1958

Gestern beim Werk­statt­be­such ent­deck­te ich den auto­mo­bi­len Beweis her­aus­ra­gen­der deut­scher Inge­nieurs­kunst: Eine Borg­ward Isa­bel­la von 1958. 

Ein ech­tes Auto mit Cha­rak­ter, noch von Hand gezeich­net und noch nicht im Wind­ka­nal rund­ge­lutscht. Grund genug, mal tief in die Geschich­te einer Mar­ke ein­zu­tau­chen, deren Auf­stieg und Fall zu den fas­zi­nie­rends­ten Kapi­teln der deut­schen Auto­mo­bil­ge­schich­te gehören.

[Recher­che mit Hil­fe von Gemini]

Die Anfänge (1890–1924)

Alles begann mit einem Mann, der den unbe­ding­ten Kon­struk­ti­ons­wil­len im Blut hat­te: Carl Fried­rich Wil­helm Borg­ward. Gebo­ren am 10. Novem­ber 1890 in Alto­na, absol­vier­te er zunächst eine soli­de Leh­re als Schlos­ser, um das Hand­werk von der Pike auf zu ler­nen. Es folg­te ein Maschi­nen­bau­stu­di­um am Tech­ni­kum in Ham­burg. Nach den Wir­ren des Ers­ten Welt­kriegs trat er 1919 als Teil­ha­ber in die Fir­ma Bre­mer Rei­fen­in­dus­trie GmbH ein. Der eigent­li­che Genie­streich gelang ihm jedoch 1924: Borg­ward ent­wi­ckel­te das Lie­fer­drei­rad Blitz­kar­ren. Für 980 Reichs­mark ange­bo­ten, traf das spar­ta­ni­sche, aber unge­mein prak­ti­sche Gefährt exakt den Nerv der von der Hyper­in­fla­ti­on gebeu­tel­ten Wirt­schaft. Es wur­de ein rie­si­ger Erfolg und leg­te das finan­zi­el­le Fun­da­ment für alles, was noch kom­men sollte.

Expansion und Aufstieg (1928–1938)

Borg­ward dach­te groß und han­del­te schnell. Im Jahr 1928 grün­de­te er die »Goli­ath-Wer­ke Borg­ward & Co GmbH« und über­nahm nur ein Jahr spä­ter, im Jahr 1929, die wirt­schaft­lich ange­schla­ge­nen Han­sa-Lloyd Wer­ke. Dass er ein per­fek­tes Gespür für den Mas­sen­markt besaß, bewies er 1931/32 mit der Drei­rad-Limou­si­ne Pio­nier. Der end­gül­ti­ge Durch­bruch in der eta­blier­ten auto­mo­bi­len Ober­li­ga gelang der Mar­ke auf der Inter­na­tio­na­len Auto­mo­bil­aus­stel­lung 1934 in Ber­lin. Mit den moder­nen, ele­gan­ten Model­len Han­sa 1100 und Han­sa 1700 zeig­te Borg­ward der Kon­kur­renz, was tech­no­lo­gi­sche Inno­va­ti­on gepaart mit anspre­chen­dem Design bedeu­te­te. Die­se rasan­te Expan­si­on gip­fel­te im Jahr 1938 mit dem Bau des damals moderns­ten und fort­schritt­lichs­ten Auto­werks Euro­pas in Bremen-Sebaldsbrück.

Zweiter Weltkrieg und Wiederaufbau (1939–1950)

Die dunk­len Jah­re des Zwei­ten Welt­kriegs mach­ten die Erfolgs­ge­schich­te jedoch jäh zunich­te. Die Borg­ward-Wer­ke wur­den gezwun­ge­ner­ma­ßen als Haupt­lie­fe­rant für die Wehr­macht ein­ge­spannt; statt ele­gan­ter Limou­si­nen wur­den fort­an Halb­ket­ten­fahr­zeu­ge, Schüt­zen­pan­zer und schwe­re Zug­ma­schi­nen pro­du­ziert. Die Quit­tung folg­te prompt: Das erst 1938 fei­er­lich eröff­ne­te Werk in Bre­men wur­de durch alli­ier­te Luft­an­grif­fe fast kom­plett zer­stört. Doch wer glaub­te, das sei das Ende der Borg­ward-Ära gewe­sen, unter­schätz­te den unbän­di­gen Steh­auf­männ­chen-Geist des Grün­ders und sei­ner Beleg­schaft. Man mach­te sich sofort an den müh­sa­men Wie­der­auf­bau – der Weg war frei für die gro­ßen Iko­nen der Nach­kriegs­zeit. Iko­nen wie jene Isa­bel­la, die heu­te noch in der Werk­statt die Bli­cke auf sich zieht.

Borgward Isabella (1954–1961) – Das Herzstück

Und damit wären wir wie­der bei mei­nem ein­gangs erwähn­ten Werk­statt-Fund­stück, dem eigent­li­chen Star der Bre­mer Auto­mo­bil­ge­schich­te: der Borg­ward Isa­bel­la. Sie war das abso­lu­te Herz­stück des Unter­neh­mens, ein Mit­tel­klas­se-PKW, den die Carl F. W. Borg­ward GmbH von 1954 bis 1961 in Bre­men-Sebalds­brück vom Band lau­fen ließ. Sie war nicht ein­fach nur ein Auto; sie war das Sym­bol des Wirt­schafts­wun­ders.Der Vier­zy­lin­der-Rei­hen­mo­tor mit drei­fach gela­ger­ter Kur­bel­wel­le und par­al­lel hän­gen­den Ven­ti­len hat­te eine seit­li­che Nocken­wel­le, die über ein Stirn­rad­ge­trie­be mit Zahn­rad aus gewe­be­ver­stärk­tem Phe­nol­harz (Novo­tex) ange­trie­ben wird. Das Ansaug­rohr ist Teil des Zylin­der­kop­fes; der Ver­ga­ser ist auf dem Ven­til­de­ckel ange­flanscht. Neu war damals die hydrau­lisch betä­tig­te Kupp­lung. Das Vier­gang­ge­trie­be mit Lenk­rad­schal­tung ist voll syn­chro­ni­siert, der 1,5 l Motor leis­tet zwi­schen 60 und 75 PS. Die Isa­bel­la war mit 7.265,00 DM teu­rer als der Opel Rekord oder der Ford 12 M, aber güns­ti­ger als ein Mer­ce­des 180. Im ers­ten Pro­duk­ti­ons­jahr stell­te Borg­ward 11.150 Isa­bel­las her. (Wiki­pe­dia) Den Namen soll das Auto durch eine Gleich­gül­tig­keit des Fir­men­chefs erhal­ten haben: Auf die Fra­ge der Inge­nieu­re, wie der Pro­to­typ beti­telt wer­den soll­te, hat der Erzäh­lung nach Borg­ward geant­wor­tet: »Das ist mir egal, schreibt mei­net­we­gen Isa­bel­la drauf.«

Der Untergang (1960–1963)

Der tie­fe Fall folg­te auf dem Fuße, und er kam schnell. Im Win­ter 1960 geriet der Kon­zern mas­siv in Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten. Um die stol­ze Zahl von 27.000 Mit­ar­bei­tern irgend­wie zu hal­ten, benö­tig­te Borg­ward drin­gend eine Kre­dit­hil­fe des Bre­mer Senats. Die Poli­tik zöger­te, sodass das Geld nur zum Teil über­haupt zur Aus­zah­lung kam.

Die Affäre Borgward — BMW

Der Inter­es­sen­kon­flikt
Als Borg­ward 1961 in finan­zi­el­le Not geriet und der Bre­mer Senat ein­sprang, muss­te ein Sanie­rer her. Der Finanz­se­na­tor traf sich mit dem Unter­neh­mens­be­ra­ter Johan­nes Sem­ler, und Bür­ger­meis­ter Kai­sen plan­te die Grün­dung einer Akti­en­ge­sell­schaft. Dabei wäre eine Zusam­men­ar­beit mit VW oder BMW denk­bar gewe­sen, die bereits Inter­es­se signa­li­siert hat­ten. Der ent­schei­den­de Haken dabei: Nie­mand im Bre­mer Senat wuss­te bis dahin, dass Sem­ler zugleich Auf­sichts­rats­mit­glied bei BMW war. Das bestä­tigt auch Wiki­pe­dia: Am 1. Febru­ar 1960 wur­de Sem­ler Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der bei BMW – und 1961 gleich­zei­tig Sach­ver­stän­di­ger für den Bre­mer Senat in der Sache Borgward.

Sabo­ta­ge statt Sanierung?
Anstatt die Fir­ma wie­der auf die Bei­ne zu brin­gen, plan­te Sem­ler laut spä­te­ren Vor­wür­fen ein »Aus­blu­ten«, sodass BMW die Borg­ward-Wer­ke zum kleinst­mög­li­chen Preis über­neh­men könn­te. So schick­te er sogleich sechs Borg­ward-Kon­struk­teu­re nach Mün­chen – dekla­riert als »Wei­ter­bil­dung«. Zwei Wochen nach sei­nem Amts­an­tritt bezeich­ne­te Sem­ler den Borg­ward-Kom­plex noch als »unge­wöhn­lich gesund« – doch Borg­wards Ruf war da bereits ruiniert.

Der Plan schei­tert – aber Borg­ward auch
Sem­lers Plan ging nicht auf: BMW war nur an Borg­wards Haupt­werk inter­es­siert und schlug das Kauf­an­ge­bot aus. Der Bre­mer Senat wur­de unru­hig, weil Sem­ler kei­ne sicht­ba­ren Erfol­ge vor­wei­sen konn­te. Nach­dem er wei­te­re 50 Mil­lio­nen for­der­te und die Wer­ke nicht ver­kau­fen konn­te, wur­de sei­ne Gene­ral­voll­macht wider­ru­fen – und das end­gül­ti­ge Ende der Auto­mo­bil­pro­duk­ti­on war besiegelt.

Der dama­li­ge Senats­prä­si­dent Wil­helm Kai­sen fäll­te Jah­re spä­ter ein ver­nich­ten­des Urteil: »Dr. Sem­ler erwies sich als eine Niete.«

Am 4. Febru­ar 1961 kapi­tu­lier­te der sicht­lich mür­be gemach­te Fir­men­grün­der und über­gab sei­ne Wer­ke ent­schä­di­gungs­los dem Land Bre­men. Der Senat instal­lier­te dar­auf­hin einen Sanie­rer, der die Sache aller­dings nicht bes­ser, son­dern gründ­li­cher mach­te und noch mehr Schul­den anhäuf­te – die Sanie­rung schlug gran­di­os fehl. Nach den Werks­fe­ri­en 1961 war end­gül­tig Schluss: Allen Mit­ar­bei­tern wur­de gekün­digt. Der genia­le Geist hin­ter dem Impe­ri­um, Carl F. W. Borg­ward, über­leb­te das Ende sei­nes Lebens­werks nicht lan­ge und starb 1963.

Das Erbe und die Wiederbelebung

Man soll­te mei­nen, damit wäre die Geschich­te zu Ende, aber im Zeit­al­ter des Mar­ken-Zom­bie­fi­zie­rungs-Trends lässt man Legen­den sel­ten in Frie­den ruhen. Ab 2005 ver­such­te Chris­ti­an Borg­ward, der Enkel des Grün­ders, die Auto­mo­bil­mar­ke wie­der­zu­be­le­ben. Nach viel Vor­lauf ver­kauf­te er die Mar­ken­rech­te 2014 schließ­lich nach Chi­na. Doch auch die­ser reani­mier­te Ver­such, der mit den alten Klas­si­kern außer dem Namen und dem Rhom­bus wenig zu tun hat­te, schei­ter­te letzt­lich an der har­ten Rea­li­tät des Mark­tes: Die neue Borg­ward-Grup­pe mel­de­te 2022 eben­falls Insol­venz an. Was bleibt ist die Erin­ne­rung an einen gro­ßen Unter­neh­mer, der in den Nach­kriegs­jah­ren die Design­spra­che neu defi­nier­te und dem die Nach­welt eini­ge der schöns­ten, wenn auch nur noch ganz weni­gen deut­schen Autos ver­dankt. Borg­ward bleibt eines der fas­zi­nie­rends­ten, tra­gischs­ten und span­nends­ten Kapi­tel der deut­schen Auto­mo­bil­ge­schich­te. Ein ech­tes Bre­mer Urge­stein, das den bei­spiel­lo­sen Auf­stieg vom schlich­ten, drei­räd­ri­gen Lie­fer­kar­ren zum viert­größ­ten Auto­her­stel­ler Deutsch­lands geschafft hat – und danach eben­so dra­ma­tisch wie­der von der Bild­flä­che ver­schwand. Scha­de eigentlich. 


Quel­len:

  • Schul­mu­se­um Bre­men / Weser-Kurier (Geschichts­ar­chiv)
  • Staats­ar­chiv Bre­men / Der Spiegel
  • Han­dels­blatt / Auto­mo­bil Industrie
  • Wirt­schafts­be­richt­erstat­tung (u.a. WELT, Focus Online)
  • Wiki­pe­dia — Borgward
  • Wiki­pe­dia- Carl F.W. Borgward
  • Film: Die Affä­re Borgward