Vom Weihnachtsfestessen

Im 19. Jahr­hun­dert leg­te man sehr viel Wert auf die Eti­ket­te. Der Schrift­stel­ler Juli­us Stet­ten­heim nahm das zum Anlass, im Jah­re 1899 eine Benimm Fibel für gesell­schaft­li­che Anläs­se zu ver­fas­sen. Unter ande­rem gab er in sei­nem »Leit­fa­den durch das Jahr und die Gesell­schaft«, Tipps für die Gefah­ren, in die man beim Abend­essen gera­ten kann.

»Über den Umgang mit der Ser­vi­et­te möch­te ich eini­ge Zei­len sagen. Zu erschöp­fen wird die­ser Gegen­stand nicht sein. Ich fin­de, daß die Ser­vi­et­te, obwohl sie so etwas von einer Fah­ne der Kul­tur hat, eigent­lich ste­hen geblie­ben ist und heu­te noch wie vor hun­dert Jah­ren die Spei­sen­den mehr ärgert, als ihnen dient. Wer sie nicht zwi­schen Hals und Bin­de steckt, oder gar so befes­tigt, daß sie als Brust­schür­ze dient, – bei­des trägt nicht zur Hebung der mensch­li­chen Erschei­nung bei – wird die Bemer­kung machen, daß sie häu­fi­ger den Fuß­bo­den als den Schoß bedeckt. Stets strebt sie, her­ab­zu­fal­len, und man könn­te des­halb von einer Nie­der­tracht der Ser­vi­et­te sprechen.

Der Gast wird natür­lich immer wie­der dies eben­so nütz­li­che als untreue Wäsche­stück ein­zu­fan­gen suchen und zu die­sem Zweck sich seuf­zend bücken und die Hand unter die Tisch­de­cke ver­schwin­den las­sen müs­sen. Die­ser ein­fa­che, harm­lo­se und dem Rei­nen abso­lut rei­ne Vor­gang wird aber häu­fig miß­deu­tet, und es ist daher nötig, daß der tau­chen­de Gast sei­ne Tisch­nach­ba­rin genau abzu­schät­zen trach­tet, bevor er der abge­stürz­ten Ser­vi­et­te nachjagt.

Denn es gie­bt Damen, wel­che die­se Bewe­gung ihres Tisch­nach­bars miß­deu­ten und einen Schrei des Ent­set­zens aus­sto­ßen, so daß sich Män­ner in der Nähe fin­den, wel­che bereit schei­nen, die gar nicht gefähr­de­te Ehre der Schrei­en­den ener­gisch zu schützen.« 

Juli­us Stet­ten­heim — Der moder­ne Kinig­ge 1899

Darwin Award 2020

Auch die­ses Jahr wie­der fin­det die Preis­ver­lei­hung des Dar­win Award im Inter­net statt.Zur Erin­ne­rung: Der Dar­win Award wird meist post­hum an Men­schen ver­lie­hen, die sich durch gren­zen­lo­se Dumm­heit aus dem Gen­pool ver­ab­schie­det haben. In die­sem Jahr sind nominiert:

Der schieß­wü­ti­ge Haus­be­sit­zer aus dem US-Bun­des­staat Main, der sich mit einer selbst­ge­bas­tel­ten Selbst­schuss­an­la­ge an sei­ner Haus­tür höchst­ei­gen erschoss.

Eben­falls aus den USA, aus Mon­ta­na, ist der Pilot eines Pri­vat­flug­zeu­ges nomi­niert. Obschon ihm auf­ge­fal­len war, dass eine Lecka­ge am Tank das Cock­pit liter­wei­se mit Sprit flu­te­te, setz­te er den Flug nach einem Zwi­schen­stopp und den drin­gen­den Rat des dor­ti­gen Mecha­ni­kers, dies nicht zu tun, fort. Als er sich kurz nach dem Start anders ent­schied, dreh­te er um. Dabei ver­lor er die Kon­trol­le über das Flug­zeug und ende­te auf­grund des aus­ge­lau­fe­nen Treib­stoffs in einer Riesenexplosion.

Die drit­te Nomi­nie­rung wird an einen Über­le­ben­den ver­lie­hen, jedoch erfüllt der Kan­di­dat vor­aus­sicht­lich das zwei­ten Kri­te­ri­ums, weil aller Vor­aus­sicht nach das Skrot­um eben­falls in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wor­den ist und sich der Kan­di­dat so aus dem Gen­pool zurück­ge­zo­gen hat:

Zwei Freun­de in Öster­reich nut­zen an Sil­ves­ter die Poba­cken des Einen zur Abschuss­ram­pe für eine Feu­er­werks­ra­ke­te. Der Aus­er­wähl­te hat sich nach Poli­zei­an­ga­ben offen­bar so erschro­cken, dass er die Poba­cken fest zusam­men­kniff; in Fol­ge des­sen konn­te die Rake­te nicht star­ten und ist im Bereich des Gesä­ßes explodiert.

Netzlese

Es gibt sie noch, die Despe­ra­dos im Netz. Word­Press und Co sorg­ten zwar mit den Stan­dard­tem­pla­tes für eine gewis­se Aus­le­se gewag­ter HTML-Sei­ten (lei­der), den­noch stößt man beim Sur­fen im Netz auf die ein oder ande­re Sei­te, die sich aller Gesetz­mä­ßig­kei­ten wider­setzt. Seid gewiss: Auch ihr wer­det gefunden.

Da ist die Heim­sei­te der Fami­lie Kru­pi­cka, deren Web­mas­ter frei­lich durch Abwe­sen­heit glänzt. Die Frame­sei­te (ja sowas gibt‘s tat­säch­lich noch) weist in ihrer Info zur Web­site auf eine offen­sicht­lich anhal­ten­de Bau­stel­le. Die letz­te Ände­rung stammt von 2005. Alle wei­te­ren Ver­su­che und Sei­ten zei­gen so Inter­es­san­tes wie Hoch­zeits­bil­der aus dem Jah­re 2006 und dem gene­rier­ten Hin­wei­se, dass man noch glück­lich ver­hei­ra­tet sei. Immerhin.

http://krupicka.name

Die Sei­te der Fami­lie Blitz-Hoechst immer­hin bemüht sich mit­un­ter dar­um, ihren Besu­chern zu erklä­ren, war­um Sei­ten­be­trie­ber Ger­not Blitz die Sei­te über­haupt ins Netz gestellt hat. Auf gelb brau­nen Kacheln berich­tet der Web­mas­ter vom Som­mer­ur­laub 2018 und sei­ner Lie­be zum SV Darm­stadt 98. Laut Web­sei­ten­be­trei­ber Blitz ver­folgt sei­ne Sei­te kei­ner­lei „poli­ti­sche, reli­giö­se, kom­mer­zi­el­le und welt­an­schau­li­che Zwe­cke“, was einer­seits Hoff­nung macht, aber ander­seits trotz­dem eine Nomi­nie­rung für Despe­ra­do­sei­ten mit sich bringt. Der Nach­satz könn­te als Ent­schul­di­gung an alle Besu­cher gemeint sein, muss er aber nicht: “Da wir alle glück­lich und gesund sind, möch­ten wir die Besu­cher unse­rer Sei­te ein wenig dar­an teil­ha­ben lassen !” 

https://blitzhoechst.lima-city.de

Kult­sta­tus im Netz hat Rein­hard Pfaf­fen­berg, löb­li­cher und umtrie­bi­ger Rent­ner, deren Web­sei­te schon seit Jah­ren online ist und der sei­ne Auf­ga­be dar­in sieht, „leid­ge­prüf­ten Erzie­hungs­be­rech­tig­ten hilf­rei­che Rat­schlä­ge zum Umgang mit jugend­li­chen Rabau­ken zu ertei­len” und über sein „span­nen­des und löb­li­ches Leben zu berich­ten”. Die Sei­te ist offen­sicht­lich als Sati­re gedacht, das hin­dert aber Besu­cher nicht am Schrei­ben von Leser­brie­fen zu Hän­den des Herrn Pfaf­fen­berg. Schön auch die Sei­te Kum­mer­kas­ten, auf der Rein­hard Pfaf­fen­berg zu all­täg­li­chen Pro­ble­men sei­ner Leser Stel­lung nimmt.

http://pfaffenberg.permuda.net

Stromlos

Franz Josef Wag­ner ist Kolum­nist der BILD Zei­tung und für sei­ne Spal­te „Post von Wag­ner“, berühmt berüch­tigt. Ob pis­sen­de Män­ner, sinn­li­che Frau­en, Wag­ner poe­ti­siert zu jedem The­ma. Meis­tens ist das unfrei­wil­lig komisch, wenn er wie­der ein­mal mit­hil­fe sei­nes stil­prä­gen­den Bra­chi­al­ge­schreib­sels sein Inne­res erklärt. Der Sieg der Grü­nen bei der EU-Wahl war offen­sicht­lich dem hart­ge­sot­te­nen Wag­ner zu viel, sieht er sich doch mit der Umwelt­par­tei in die Stein­zeit zurück­ver­setzt. War­um er aller­dings aus­ge­rech­net eine Herz­trans­plan­ta­ti­on ver­mis­sen wür­de, bleibt sein Geheim­nis, ist aber viel­leicht mit dem Ziga­ret­ten­kon­sum Wag­ners zu erklären.

Aber wie sähe unse­re Welt mit den Grü­nen aus? Ker­zen, kein elek­tri­sches Licht, kei­ne Autos, kei­ne Mond­fahrt, kei­ne Herztransplantation. 

Quel­le: bild.de

Netzlese

Wenn Hei­mat­mi­nis­ter See­ho­fer, so wie er behaup­tet, tat­säch­lich in den acht­zi­ger Jah­ren im Inter­net unter­wegs war, hät­te er wahr­schein­lich nicht viel gese­hen. Das Netz wie wir es ken­nen, ent­wi­ckel­te sich erst ab Anfang bis Mit­te der neun­zi­ger Jah­re zu einem Medi­um für alle. Neben dem gro­ßen Dot­com Boom schuf das Netz eine Viel­zahl von Netz­pio­nie­ren, die das neue Medi­um zum publi­zie­ren ani­mier­te. Durch die leicht zu erler­nen­de Aus­zeich­nungs­spra­che HTML konn­te jeder sei­ne per­sön­li­chen Prä­fe­ren­zen öffent­lich machen. Das führ­te nicht nur zu skur­ri­len Netz­auf­trit­ten, wie die des bekann­tes­ten Exhi­bi­tio­nis­ten String Emil, den es tat­säch­lich noch gibt, son­dern oft­mals zu ambi­tio­nier­ten Ver­su­chen, eine gewis­se Sinn­haf­tig­keit von Design und Inhalt unter Ver­wen­dung meist rudi­men­tä­rer HTML-Kennt­nis­se zu vereinen.

Bei vie­len ist es beim Ver­such geblie­ben und die größ­ten Trash-Sei­ten schaff­ten sei­ner­zeit eine Nomi­nie­rung auf der end­gül­ti­gen Müll­sei­te. Die Müll­sei­te wird seit 2007 nicht mehr aktua­li­siert, was zum einen scha­de ist, aber zum ande­ren ver­ständ­lich, da seit die­ser Zeit vor­ge­fer­tig­te Blog­sys­te­me mit ent­spre­chen­den The­mes die Design­ar­beit über­nah­men und so der Ein­heits­brei von Word­Press The­mes den muti­gen „Design­sei­ten“ Platz machte.

Aber es gibt sie noch, die ver­we­ge­nen Sei­ten. Uner­schro­cke­ne Web­mas­ter, die sich den ästhe­ti­schen Grund­prin­zi­pi­en beharr­lich ver­wei­gern, grund­le­gen­de HTML-Regeln mutig miss­ach­ten und den Besu­cher mit selbst­ge­fäl­li­ger Ortho­gra­phie überraschen.

Da wäre WoGru, der tat­säch­lich in der Gro­tesk-Schrift­art Comic Sans MS Belang­lo­ses inhalt­lich über­sicht­lich zur Ver­fü­gung stellt. War­um er die Sei­te nicht löscht, die offen­kun­dig als Home­page­lei­che über­spann­ter Ambi­ti­on die Hoch­zeit im Netz zu prä­sen­tie­ren übrig geblie­ben ist, bleibt sein Geheimnis.

Dipl.-Ing. Jür­gen A. Neu­ber hin­ge­gen weist in sei­ner His­to­rie dar­auf hin, sich tat­säch­lich noch um sei­ne Sei­te zu küm­mern. Der letz­te Ein­trag datiert auf den 10. Janu­ar 2019. Jür­gen A. Neuber’s Design zeich­net sich durch eine abso­lu­te Unüber­sicht­lich­keit in der Hin­ter­grund­far­be grau, fünf ver­schie­de­nen Schrift­far­ben und wild ver­teil­ten Tex­ten aus, die zu allem Über­fluss teil­wei­se unter­stri­chen sind. In den Tex­ten dann, eben­falls wild gestreut, etli­che Links zu den ver­schie­dens­ten The­men­ge­bie­ten, die den Dipl.-Ing. aus Sach­sen interessieren.

Karl Frit­sch nennt eine Home­page sein Eigen, bei der man die Ver­mu­tung haben könn­te, es hand­le sich um Sati­re. Die Sei­te blinkt und schreit in allen Far­ben. Die ein­zi­gen Hin­wei­se dar­auf, dass es sich bei Karl Frit­sch um eine tat­säch­lich exis­tie­ren­de Per­son han­deln könn­te, ist ein ver­steck­tes Impres­sum und die Tat­sa­che, dass auf der Sei­te nach einer Part­ne­rin gesucht wird, die schlank, Nicht­rau­che­rin und haus­halts­af­fin ist.

Das Messer

Wer mit dem Flug­zeug an den bevor­zug­ten Urlaubs­ort fliegt, weiß, dass die Kon­trol­len und Sicher­heits­be­stim­mun­gen seit ein paar Jah­ren erheb­lich ver­schärft wor­den sind. Ms. L und mir war das bekannt und so haben wir bei­de am Abend vor dem Abflug sämt­li­che Taschen umge­krem­pelt, um etwa­ige Ver­stö­ße beim Sicher­heits­check am Flug­platz zu vermeiden.

Feu­er­zeu­ge, Streich­höl­zer, Par­füm­fla­schen mit Inhalt sind ver­bo­ten. Natür­lich auch Waf­fen jeg­li­cher Art, dazu zäh­len auch Taschen­mes­ser. Rei­nen Gewis­sens über­ge­ben wir uns und unser Gepäck am Flug­ha­fen der Secu­ri­ty, die uns nach Ganz­kör­per­scan und noch­ma­li­gem Abtas­ten pas­sie­ren lässt. Alles in Ord­nung – fast jeden­falls. Am Ende des Trans­port­bands für das Bord­ge­päck ange­kom­men, sehe ich nach dem Ver­schwin­den des Ruck­sacks von Ms. L durch die Rönt­gen­schleu­se, hek­ti­sche Hand­be­we­gun­gen und das Zei­gen auf den Monitor.

Offen­sicht­lich stimm­te etwas mit unse­rem Gepäck nicht. Er müs­se den Ruck­sack durch­su­chen, der Scan­ner zei­ge einen läng­li­chen Gegen­stand an den er nicht zuord­nen kön­ne, teilt mir der Sicher­heits­mann mit. Ms. L und ich nicken zustim­mend. Nach eini­gem Suchen, noch­ma­li­gem Rönt­gen und wie­der­hol­tem Durch­su­chen des Ruck­sacks fin­det der Mann unter dem Boden ein Mes­ser aus alten Armee­be­stän­den, dass ich Ms. L sei­ner­zeit geschenkt hat­te. Die zeigt sich sogleich erfreut über den Fund des ver­meint­li­chen Ver­lus­tes. Das Sicher­heits­per­so­nal ist weni­ger erfreut und teilt Ms. L und mir mit, dass der Tat­be­stand des Schmug­gelns von Mes­sern, gera­de die­ses Mes­sers, ein Fall für die Bun­des­po­li­zei wäre, denen man den Fall jetzt über­ge­ben müs­se. Ms. L ist ins­be­son­de­re empört, sich als Fall am Flug­platz bezeich­nen las­sen zu müssen.

Lei­der haben die Bun­des­po­li­zis­ten an einem Flug­ha­fen wenig Ver­ständ­nis für ein ver­leg­tes Mes­ser. Mir wird auf­ge­tra­gen am Tat­ort zu war­ten, wäh­rend Ms. L zur Pro­to­koll­auf­nah­me gebe­ten wird. Mei­ne Bemer­kung über feh­len­de Hand­schel­len bei Rück­kehr, kon­tert Ms. L mit einem Blick, den man auch ohne Mes­ser als ein­schnei­dend bezeich­nen könnte.

‘S is a Kreiz mid am nein Amt

Die neue Bun­des­re­gie­rung ist als gro­ße Koali­ti­on kaum gestar­tet, da sor­gen die ers­ten Minis­ter bereits für Gesprächsstoff.

Hei­mat­mi­nis­ter See­ho­fer hat sich von sei­nem Kabi­netts­kol­le­gen Jens Spahn eini­ges abge­guckt. Spahn ist eigent­lich Gesund­heits­mi­nis­ter, neben­bei aller­dings auch Fach­mann für steu­er­fi­nan­zier­te Hil­fen vom Staat und damit ist nicht sei­ne von frü­hes­ter Jugend an durch Steu­er­gel­der finan­zier­te Exis­tenz gemeint.

See­ho­fer lässt das Volk wis­sen, der Islam gehö­re nicht zu Deutsch­land, um dann gleich wie­der zu rela­ti­vie­ren, der Islam nicht — Mus­li­me schon und Weih­nach­ten wird wei­ter gefei­ert, Ostern auch, Pfings­ten sowieso.

Was will uns der neue Hei­mat­mi­nis­ter eigent­lich sagen? Nichts Genau­es weiß man nicht.

Bin gespannt, wer sich als nächs­tes aus der Deckung wagt.

Verhalten auf Partys

Damen, welche sich den Fünfziger nähern und die Absicht haben die Einladung zur Feier anzunehmen, werden gut dran tun, schließlich um neun Uhr abends anstatt einer Maske das Nachtkostüm anzulegen und schlafen zu gehen. Der Schlaf vor Mitternacht ist der gesündeste.

Juli­us Stet­ten­heim — Der moder­ne Knig­ge 1899