Warum ist das so und vor allem: Können wir den Machtzuwachs der Extremisten eigentlich noch stoppen? Ist es nicht so, dass gerade der zwanghafte versuchte Konsens in der Politik dazu führt, dass sich der Extremismus als politische Alternative Bahn bricht? Die wohl einflussreichste philosophische Abhandlung hierzu, stammt von der belgischen Politikphilosophin Chantal Mouffe und nennt sich Agonistischer Pluralismus (oder Postpolitik-Kritik).
Mouffe kritisiert, dass wenn eine Gesellschaft versucht, jeden echten politischen Konflikt wegzudiskutieren und einen künstlichen, alternativlosen Konsens zu erzwingen, die legitimen demokratischen Ventile fehlen. Der politische Streit verschwindet aber nicht, sondern bricht sich dann im Extremismus Bahn. (vgl: Über das Politische: Wider die kosmopolitische Illusion, Chantal Mouffe)
Verdrängter Agonismus, also die politische Streitkultur, könnte so als rassistischer Hass und Rechtsextremismus als »einzig diskursives« Angebot wiederkehren. Rechtspopulisten und Extremisten sind dann oft die Einzigen, die das Gefühl vermitteln: »Wir brechen diesen erstickenden Konsens auf. Wir bieten euch wieder eine echte Unterscheidung zwischen Wir und Die.« Der Extremismus füllt also das Vakuum, das die konsensgetriebene Politik hinterlassen hat.
Mouffe argumentiert, dass die westliche Politik seit den 1990er Jahren einem fatalen Irrglauben aufgesessen ist: der Annahme, man könne durch rationale Debatten einen universellen Konsens erzielen, bei dem am Ende alle das Gleiche wollen.
Wenn etablierte Parteien sich so stark annähern, dass dem Bürger suggeriert wird: »Es gibt keine echten Alternativen mehr, wir sind uns im Grunde alle einig«, passiert laut Mouffe Folgendes:
In einer gesunden Demokratie gibt es »Gegner«, die man leidenschaftlich bekämpft, deren Existenzrecht man aber respektiert. Wenn jedoch der Konsens die einzig rationale und moralisch richtige Lösung ist, wird jeder, der außerhalb dieses Konsenses steht, nicht mehr als politischer Gegner wahrgenommen, sondern als moralisch böse oder irrational.
Wenn das demokratische System keine Arena mehr bietet, in der diese Konflikte als legitime Alternativen ausgetragen werden können (z. B. eine echte Wahl zwischen links und rechts), suchen sich diese Energien andere Kanäle.
Rechtspopulisten und Extremisten sind dann oft die Einzigen, die das Gefühl vermitteln: »Wir brechen diesen erstickenden Konsens auf. Wir bieten euch wieder eine echte Unterscheidung.« Der Extremismus füllt also das Vakuum, dass die konsensgetriebene Gesellschaft, bzw. Poitik hinterlassen hat.
Die Theorie besagt also verkürzt zusammengefasst: Extremismus ist oft die Quittung für eine Politik, die nur auf Konsens bedacht ist. Wo kein Raum für legitimen, harten demokratischen Streit gelassen wird, radikalisiert sich der Widerspruch in Form von Extremismus, um überhaupt noch gehört zu werden.



