Friede, Freude, Eierkuchen — Der Weg in den Rechtsextremismus?

Die Poli­tik, allen vor­an die Regie­rung beschwört immer wie­der den Kon­sens der Par­tei­en. Man müs­se sich »zusam­men­rau­fen«, um Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler nicht in die Arme extre­mis­ti­scher Par­tei­en zu trei­ben. Genutzt hat das frei­lich wenig, bei den kom­men­den Land­tags­wah­len in Sach­sen-Anhalt pro­gnos­ti­zie­ren die Insti­tu­te mit sat­ten 42% der Stim­men für die AFD einen erheb­li­chen Zuwachs an Wählerstimmen. 

War­um ist das so und vor allem: Kön­nen wir den Macht­zu­wachs der Extre­mis­ten eigent­lich noch stop­pen? Ist es nicht so, dass gera­de der zwang­haf­te ver­such­te Kon­sens in der Poli­tik dazu führt, dass sich der Extre­mis­mus als poli­ti­sche Alter­na­ti­ve Bahn bricht? Die wohl ein­fluss­reichs­te phi­lo­so­phi­sche Abhand­lung hier­zu, stammt von der bel­gi­schen Poli­tik­phi­lo­so­phin Chan­tal Mouf­fe und nennt sich Ago­nis­ti­scher Plu­ra­lis­mus (oder Postpolitik-Kritik).

Mouf­fe kri­ti­siert, dass wenn eine Gesell­schaft ver­sucht, jeden ech­ten poli­ti­schen Kon­flikt weg­zu­dis­ku­tie­ren und einen künst­li­chen, alter­na­tiv­lo­sen Kon­sens zu erzwin­gen, die legi­ti­men demo­kra­ti­schen Ven­ti­le feh­len. Der poli­ti­sche Streit ver­schwin­det aber nicht, son­dern bricht sich dann im Extre­mis­mus Bahn. (vgl: Über das Poli­ti­sche: Wider die kos­mo­po­li­ti­sche Illu­si­on, Chan­tal Mouffe)

Ver­dräng­ter Ago­nis­mus, also die poli­ti­sche Streit­kul­tur, könn­te so als ras­sis­ti­scher Hass und Rechts­extre­mis­mus als »ein­zig dis­kur­si­ves« Ange­bot wie­der­keh­ren. Rechts­po­pu­lis­ten und Extre­mis­ten sind dann oft die Ein­zi­gen, die das Gefühl ver­mit­teln: »Wir bre­chen die­sen ersti­cken­den Kon­sens auf. Wir bie­ten euch wie­der eine ech­te Unter­schei­dung zwi­schen Wir und Die.« Der Extre­mis­mus füllt also das Vaku­um, das die kon­sens­ge­trie­be­ne Poli­tik hin­ter­las­sen hat.

Mouf­fe argu­men­tiert, dass die west­li­che Poli­tik seit den 1990er Jah­ren einem fata­len Irr­glau­ben auf­ge­ses­sen ist: der Annah­me, man kön­ne durch ratio­na­le Debat­ten einen uni­ver­sel­len Kon­sens erzie­len, bei dem am Ende alle das Glei­che wollen.

Wenn eta­blier­te Par­tei­en sich so stark annä­hern, dass dem Bür­ger sug­ge­riert wird: »Es gibt kei­ne ech­ten Alter­na­ti­ven mehr, wir sind uns im Grun­de alle einig«, pas­siert laut Mouf­fe Folgendes:

In einer gesun­den Demo­kra­tie gibt es »Geg­ner«, die man lei­den­schaft­lich bekämpft, deren Exis­tenz­recht man aber respek­tiert. Wenn jedoch der Kon­sens die ein­zig ratio­na­le und mora­lisch rich­ti­ge Lösung ist, wird jeder, der außer­halb die­ses Kon­sen­ses steht, nicht mehr als poli­ti­scher Geg­ner wahr­ge­nom­men, son­dern als mora­lisch böse oder irrational.

Wenn das demo­kra­ti­sche Sys­tem kei­ne Are­na mehr bie­tet, in der die­se Kon­flik­te als legi­ti­me Alter­na­ti­ven aus­ge­tra­gen wer­den kön­nen (z. B. eine ech­te Wahl zwi­schen links und rechts), suchen sich die­se Ener­gien ande­re Kanäle.

Rechts­po­pu­lis­ten und Extre­mis­ten sind dann oft die Ein­zi­gen, die das Gefühl ver­mit­teln: »Wir bre­chen die­sen ersti­cken­den Kon­sens auf. Wir bie­ten euch wie­der eine ech­te Unter­schei­dung.« Der Extre­mis­mus füllt also das Vaku­um, dass die kon­sens­ge­trie­be­ne Gesell­schaft, bzw. Poi­tik hin­ter­las­sen hat.

Die Theo­rie besagt also ver­kürzt zusam­men­ge­fasst: Extre­mis­mus ist oft die Quit­tung für eine Poli­tik, die nur auf Kon­sens bedacht ist. Wo kein Raum für legi­ti­men, har­ten demo­kra­ti­schen Streit gelas­sen wird, radi­ka­li­siert sich der Wider­spruch in Form von Extre­mis­mus, um über­haupt noch gehört zu werden.

Chan­tal Mouf­fe: Über das Politische.

Kunstform CSS

Dave She­as ers­te Sei­te für zengarden.com
Manch­mal wünscht man sich ja ein Zurück, abseits vom Design­ein­heits­brei der meis­ten Web­sei­ten. Tat­säch­lich ach­te ich beim Sur­fen als Ers­tes auf das Design. Damit mei­ne ich noch nicht ein­mal ein anspruchs­vol­les Design, aber: Je weni­ger der Betrei­ber davon ver­steht, des­to schlich­ter und funk­tio­na­ler soll­te das Design einer Web­sei­te sein. In den frü­hen Jah­ren bas­tel­ten die meis­ten an ihren HTML-Web­sei­ten; vie­le ver­schlimm­bes­ser­ten dabei ihr Design ins Unkennt­li­che. Die dama­li­ge end­gül­ti­ge Müll­sei­te«, legt sei­ner­zeit Zeug­nis vom ver­zwei­fel­ten Ver­such eini­ger selbst­er­nann­ten Web­de­si­gner ab, ihre rudi­men­tä­ren HTML-Kennt­nis­se im Netz zu prä­sen­tie­ren. Auf der ande­ren Sei­te gab es die tat­säch­li­chen Künst­ler. Der Web­de­si­gner David Shea rief vor zwan­zig Jah­ren auf der Sei­te zen­gar­den dazu auf, eine krea­ti­ve Sei­te aus HTML und CSS-Bei­spiel­da­tei­en zu ent­wi­ckeln. Shea ging es vor allem dar­um zu zei­gen, was mit CSS mög­lich ist. Der CSS Zen Gar­den ist inzwi­schen einer der geschichts­träch­tigs­ten Orte des Web­de­signs. Er wur­de 2003 von Shea ins Leben geru­fen, um ein damals revo­lu­tio­nä­res Kon­zept zu demons­trie­ren: Die strik­te Tren­nung von Struk­tur (HTML) und Design (CSS).


Das Fas­zi­nie­ren­de am Zen Gar­den ist die Ein­schrän­kung: Jedes ein­zel­ne Design, das du auf der Sei­te aus­wäh­len kannst, nutzt exakt den­sel­ben HTML-Code. Die Teil­neh­mer dür­fen kei­ne ein­zi­ge Zei­le am HTML ändern, kein »div« hin­zu­fü­gen und kei­ne Klas­se umbe­nen­nen. Die gesam­te visu­el­le Trans­for­ma­ti­on – von mini­ma­lis­tisch über futu­ris­tisch bis hin zu klas­sisch – geschieht aus­schließ­lich über eine ein­zi­ge exter­ne CSS-Datei.

Bevor der Zen Gar­den popu­lär wur­de, war das Web voll von „Tabel­len-Lay­outs“ und unsicht­ba­ren Platz­hal­ter-GIFs. Design und Inhalt waren untrenn­bar im Code ver­mischt. Der Zen Gar­den dien­te als „Weg der Erleuch­tung“ (wie es im Text heißt), um Desi­gnern zu zeigen:

Wie­der­ver­wend­bar­keit: Man kann das Aus­se­hen einer kom­plet­ten Web­site ändern, ohne den Inhalt anzufassen.

Bar­rie­re­frei­heit: Da das HTML sau­ber struk­tu­riert bleibt, kön­nen Screen­rea­der den Text pro­blem­los lesen, egal wie wild das CSS dar­über liegt.

Effi­zi­enz: Ein zen­tra­les Style­sheet steu­ert das gesam­te Branding.

Mitt­ler­wei­le ist die Sei­te fast schon eine Art Muse­um. Wäh­rend moder­ne Tech­ni­ken wie Flex­box und CSS Grid heu­te Stan­dard sind, stam­men vie­le der berühm­ten Designs aus einer Zeit, in der man sich noch mit den Feh­lern des Inter­net Explo­rers her­um­schla­gen musste. 🤢

Das Pro­jekt zeigt ein­drucks­voll, dass tech­ni­scher Fort­schritt nicht nur aus neu­en Funk­tio­nen besteht, son­dern vor allem dar­aus, Schön­heit aus Struk­tur zu schaffen.

Ich ver­lie­re mich manch­mal in den wun­der­vol­len, anspruchs­voll gestal­te­ten Sei­ten der CSS-Künst­ler und Künst­le­rin­nen. Das dort wirk­lich nur die Crè­me de la crè­me antre­ten soll, wird schnell bei den Teil­nah­me­be­din­gun­gen klar. Expli­zit wird zur Teil­nah­me hin­ge­wie­sen: Bit­te nur Grafikkünstler.

Die neue Armut in Deutschland

Dem neu­en Armuts­be­richt des Pari­tä­ti­scher Gesamt­ver­band ist ein alar­mie­ren­des Bild der sozia­len Lage in Deutsch­land zu ent­neh­men. Die Armuts­quo­te stieg 2025 auf 16,1 % und erreich­te damit den höchs­ten Stand der ver­gan­ge­nen fünf Jah­re. Ins­ge­samt leben rund 13,3 Mil­lio­nen Men­schen in Ein­kom­mens­ar­mut. Der Titel der Aus­ga­be 2026: „Wach­sen­de Armut, schrump­fen­de Sicher­heit“. Klingt dra­ma­tisch? Ist es lei­der auch, wenn man die nack­ten Zah­len ohne das übli­che poli­ti­sche Weich­spül­ge­fa­sel betrachtet.

Wer dach­te, wir hät­ten nach den Kri­sen­jah­ren das Tal der Trä­nen durch­schrit­ten, wird hier unsanft geweckt. Es gibt kein lan­ges Her­um­re­den: Wir haben einen neu­en, trau­ri­gen Rekord zu vermelden.

Lässt man das sta­tis­ti­sche Vor­ge­plän­kel weg und schaut direkt auf das, was hän­gen­bleibt, so zeich­net sich ein düs­te­res Bild in Deutsch­land: Die rela­ti­ve Ein­kom­mens­ar­mut in Deutsch­land hat im Jahr 2025 (das dem Bericht 2026 zugrun­de liegt) einen his­to­ri­schen Höchst­stand im lau­fen­den Fünf-Jah­res-Beob­ach­tungs­zeit­raum erreicht.

16,1 Pro­zent der Men­schen in die­sem Land sind von Armut betrof­fen. Das ent­spricht der abs­trak­ten Mas­se von sage und schrei­be 13,3 Mil­lio­nen Men­schen. Wenn man sich anschaut, wer beson­ders oft von Armut betrof­fen ist, fal­len vor allem drei Grup­pen auf.

Das Alter als Armutsfalle

Beson­ders bit­ter sieht es am Lebens­abend aus. Bei den Men­schen ab 65 Jah­ren liegt die Quo­te bei 19,5 Pro­zent. Fast jede fünf­te älte­re Per­son in Deutsch­land lebt in Armut, wobei Frau­en ab 65 Jah­ren tmit einer Armuts­quo­te von 21,3 Pro­zent das deut­lich höhe­re Risi­ko tragen. 

Alleinerziehende und Ein-Personen-Haushalte

Wer sein Leben allein oder mit Kin­dern ohne Part­ner wup­pen muss, steht finan­zi­ell fast immer mit dem Rücken zur Wand. Allein­er­zie­hen­de bele­gen eine Quo­te von 28,9 Pro­zent. Bei den Allein­le­ben­den (Ein-Per­so­nen-Haus­hal­te) sind es sogar 30,3 Pro­zent. Kurz: In die­sen Lebens­la­gen ist rund jede drit­te Per­son betroffen.

Die „Unsichtbaren“ in der Statistik

Ein fast schon iro­ni­scher Neben­aspekt des Berichts betrifft die soge­nann­ten „sons­ti­gen Nicht-Erwerbs­tä­ti­gen“. Das klingt im Amts­deutsch wun­der­bar nach Frei­zeit, meint aber Men­schen, die im All­tag bis zum Hals in Arbeit ste­cken: Sie pfle­gen Ange­hö­ri­ge, betreu­en klei­ne Kin­der oder stu­die­ren. Sta­tis­tisch sind sie jedoch beson­ders armutsgefährdet. 

Rela­ti­ve Ein­kom­mens­ar­mut ist das eine – sie misst, wer weni­ger als 60 Pro­zent des mitt­le­ren Ein­kom­mens hat. Das fühlt sich abs­trakt an. Rich­tig greif­bar wird es beim The­ma „mate­ri­el­le Ent­beh­rung“ (Depri­va­ti­on).

4,6 Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land leben in erheb­li­cher mate­ri­el­ler Ent­beh­rung. Das bedeu­tet kon­kret: Da ist kein Geld für eine neue Wasch­ma­schi­ne da, wenn die alte den Geist auf­gibt, kein Geld für eine aus­ge­wo­ge­ne Mahl­zeit oder eine beheiz­te Woh­nung. Beson­ders erschre­ckend: Unter die­sen 4,6 Mil­lio­nen befin­den sich rund eine Mil­li­on min­der­jäh­ri­ge Kin­der und Jugend­li­che sowie 650.000 Alters­rent­ner und Rentnerinnen. 

Was macht die Poli­tik? Die Regie­rung will den Sozi­al­staat »refor­mie­ren« und reagiert mit Spar­plä­nen, die ver­mut­lich die am ehes­ten tref­fen, die im Armuts­be­richt erwähnt sind. Dis­ku­tier­te Kür­zun­gen beim Wohn­geld (das zu über der Hälf­te an Rent­ner geht) oder beim Unter­halts­vor­schuss für Allein­er­zie­hen­de ver­schär­fen die Situa­ti­on noch.

Anstatt struk­tu­rel­le Armut durch gute Löh­ne, ver­nünf­ti­ge Ren­ten und bezahl­ba­ren Wohn­raum anzu­ge­hen, erle­ben wir im gesell­schaft­li­chen Dis­kurs zuneh­mend eine Stig­ma­ti­sie­rung der Betroffenen.

Der Armuts­be­richt 2026 hält uns einen Spie­gel vor: 13,3 Mil­lio­nen Betrof­fe­ne sind kein “sozia­ler Rand” mehr – das ist ein hand­fes­tes struk­tu­rel­les Pro­blem mit­ten in der Gesell­schaft. Wenn jede drit­te allein­er­zie­hen­de Per­son und jeder fünf­te Rent­ner sta­tis­tisch als arm gel­ten, läuft in der Ver­tei­lung etwas mäch­tig schief.

Quel­le: Pari­tä­ti­scher Armuts­be­richt 2026 (PDF)

Pornös

Ich bin immer wie­der erstaunt über Din­ge, die ich noch nicht gese­hen habe. Eigent­lich bin ich ja in einem Alter, in dem man das meis­te zumin­dest schon mal über­flo­gen, davon gehört oder gele­sen haben soll­te. Und doch schafft es das Leben immer wie­der, mich visu­ell eis­kalt zu erwischen.

Neu­lich im Super­markt mei­nes Ver­trau­ens, direkt an der Fleisch­the­ke. Der Typ dahin­ter – Metz­ger oder Fleisch­fach­ver­käu­fer, man weiß es nicht genau – dürf­te vor­sich­tig geschätzt um die vier­zig gewe­sen sein. Was mich völ­lig fas­zi­nier­te und ver­mut­lich dazu brach­te, ihn mehr als nötig anzu­star­ren, war eine Namen­s­tä­to­wie­rung mit­ten im Gesicht, genau­er — über der rech­ten Augenbraue.

Ganz ehr­lich: Am liebs­ten hät­te ich ein Foto von dem Schrift­zug »Dani­ella« gemacht – und sei es nur, um im Netz auf die aku­ten Gefah­ren offen­sicht­li­cher Voll­trun­ken­heit auf­merk­sam zu machen. Getraut habe ich mich natür­lich nicht. Im Gegen­teil: Um die Sache nicht noch unan­ge­neh­mer zu machen, starr­te ich betre­ten in die Aus­le­ge­wa­re zwi­schen Mett und Kote­letts und biss mir auf die Lip­pen, um dem armen Kerl einen spon­ta­nen Hei­ter­keits­aus­bruch mei­ner­seits zu ersparen.

Nur so als gut gemein­ter Tipp, falls irgend­wer da drau­ßen immer noch der irri­gen Annah­me erliegt, ein Name im Gesicht wäre der ulti­ma­ti­ve Lie­bes­be­weis: Lasst Euch den Scheiß aus dem Gesicht lasern, wenn ihr so einen bescheu­er­ten Feh­ler im Voll­suff oder Dro­gen­rausch gemacht habt. Das Geld dafür ist gut angelegt.

Apro­pos Kör­per­lich­keit: Es gibt tat­säch­lich – und jetzt hal­ten Sie sich bit­te fest – ein Bor­dell, in dem Kun­de und Kun­din­nen ihre sexu­el­le Not­durft an Pup­pen aus­le­ben kön­nen. Das erstaunt mich dann doch noch ein gan­zes Stück mehr als eine Gesicht­stä­to­wie­rung. Ich mei­ne, von zweck­ent­frem­de­ten Staub­saugern hat man ja schon gehört. Eben­so vom unbän­di­gen Bedürf­nis eini­ger Män­ner, ihren Schnie­del in wer weiß was hin­ein­zu­ste­cken. Aber eine kom­mer­zi­el­le Dienst­leis­tung mit der­lei Spiel­zeug zur Trieb­ab­fuhr war mir neu.

KI macht es offen­bar mög­lich. Bewor­ben wird das Gan­ze als das „welt­weit ers­te Rol­len­spiel-Erleb­nis: die Kom­bi­na­ti­on von lebens­ech­ter Lie­bes­pup­pe mit inter­ak­ti­ver mensch­li­cher Stim­me.“ Initia­tor des Pup­pen­puffs ist der Fil­me­ma­cher Phil­ipp Fus­se­n­eg­ger, der nach eige­nen Aus­sa­gen einen „siche­ren Raum“ schaf­fen woll­te, in dem Men­schen und Maschi­nen sich auf sinn­li­che Art näher­kom­men können.

Wenn die Pup­pe dank künst­li­cher Intel­li­genz jetzt auch noch inter­ak­tiv spricht, dürf­te das für die Stamm­kund­schaft Fluch und Segen zugleich sein. End­lich eine Part­ne­rin, die theo­re­tisch nie Kopf­schmer­zen hat – die einem im dumm gelau­fe­nen Pra­xis­test aber wahr­schein­lich per Sprach­be­fehl mit­teilt, dass das Sys­tem auf­grund man­geln­der Per­for­mance vor­zei­tig in den Stand­by-Modus wechselt.

Warum Mehrarbeit der falsche Weg ist

Es ist ein immer wie­der­keh­ren­des Ritu­al: Stockt die Wirt­schaft, muss mehr gear­bei­tet wer­den, so das Man­tra von Poli­tik und Wirtschaft. 

Das Heils­ver­spre­chen lau­tet dann ver­läss­lich, dass wir schleu­nigst zur 40-Stun­den-Woche zurück­keh­ren und ins­ge­samt ein­fach wie­der deut­lich mehr klot­zen müs­sen. Nur so lie­ßen sich angeb­lich die inter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit und das Wirt­schafts­wachs­tum sichern. 

Der Fokus auf eine aus­ge­wo­ge­ne Work-Life-Balan­ce sei ver­kehrt, mit die­ser Sicht­wei­se lie­ße sich der Wohl­stand in Deutsch­land nicht halten. 

Die Rea­li­tät sieht anders aus: Seit 1990 hat die Zahl der Erwerbs­tä­ti­gen, die neben ihrer Haupt­tä­tig­keit noch eine Neben­tä­tig­keit haben ver­dop­pelt.

Die­se Argu­men­ta­ti­on der Poli­tik ist also nur eine extrem ver­kürz­te Dar­stel­lung kom­ple­xer Zusam­men­hän­ge, son­dern schlicht­weg falsch. Wah­rer Fort­schritt, bahn­bre­chen­de Inno­va­tio­nen und tat­säch­li­che Pro­duk­ti­vi­täts­ge­win­ne ent­ste­hen eben gera­de nicht dadurch, dass erschöpf­te Beschäf­tig­te noch mehr Lebens­zeit am Arbeits­platz absit­zen. Das Gegen­teil ist der Fall.

In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten haben die Arbeit­neh­mer bereits gewal­ti­ge Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­run­gen gestemmt. Getrie­ben wur­de die­se Ent­wick­lung vor allem durch die Digi­ta­li­sie­rung, die fort­schrei­ten­de Auto­ma­ti­sie­rung und spür­bar effi­zi­en­te­re Pro­zes­se. Man leis­tet heu­te in kür­ze­rer Zeit fun­da­men­tal mehr als früher. 

Und: Die Früch­te die­ser Effi­zi­enz­ge­win­ne wur­den laut Kri­ti­kern extrem ungleich ver­teilt. Wäh­rend Unter­neh­men und Kapi­tal­ge­ber kräf­tig pro­fi­tier­ten, gin­gen die eigent­li­chen Leis­tungs­trä­ger – die Beschäf­tig­ten – bei der Ver­tei­lung in Form von adäqua­ten Lohn­er­hö­hun­gen oder spür­ba­ren Arbeits­zeit­ver­kür­zun­gen weit­ge­hend leer aus. Beson­ders absurd wirkt vor die­sem Hin­ter­grund die ver­staub­te Vor­stel­lung, die Beleg­schaf­ten müss­ten jetzt ein­fach noch ein­mal „mehr leis­ten“, obwohl der his­to­ri­sche Zuwachs an Pro­duk­ti­vi­tät ohne­hin schon längst auf ihren Schul­tern abge­la­den wurde.

Bedenkt man wei­ter, dass zumin­dest im Net­to­ein­kom­mens­ver­gleich Deutsch­land nur im Mit­tel­feld der Gehäl­ter in der EU liegt, dürf­te klar sein, dass die Aus­sa­ge: Mehr Arbeit – mehr Wohl­stand schlicht­weg falsch ist. Umge­kehrt wird ein Schuh draus: Die Aus­wei­tung der Arbeits­zeit heißt ja nichts ande­res als eine Lohn­kür­zung durch die Hin­ter­tür. Wir wür­den also im EU-Durch­schnitt in der Net­to­lohn­ent­wick­lung wei­ter zurück­fal­len. Denkt man das wei­ter, ist bei einem Lohn­ver­zicht der Bin­nen­markt durch Kon­sum­zu­rück­hal­tung der Bevöl­ke­rung mit den ent­spre­chen­den Aus­wir­kun­gen für die Wirt­schaft zusätz­lich gefährdet.

Opa der Nazi

Mit­glieds­kar­te des Groß­va­ters zur NSDAP
Das US-Natio­nal­ar­chiv (NARA) hat im März die­ses Jah­res einen Coup gelan­det: Erst­mals sind Daten zur Mit­glied­schaft in der NSDAP online ein­seh­bar.

Die digi­ta­le Suche im Ori­gi­nal-Archiv war aller­dings der­art sper­rig und die Such­kri­te­ri­en so unzu­rei­chend, dass man als Laie schnell die Lust verlor.
Der SPIEGEL hat mit Hil­fe künst­li­cher Intel­li­genz die Daten jour­na­lis­tisch und tech­nisch ordent­lich auf­be­rei­tet Datei­en run­ter­ge­la­den, per KI aus­ge­le­sen, in eine sau­be­re Daten­bank ver­frach­tet und das Gan­ze als durch­such­ba­res Recher­che-Tool zur Ver­fü­gung gestellt. Ziel der Akti­on war es, die oft hand­schrift­li­chen und kaum les­ba­ren Hie­ro­gly­phen so zu tran­skri­bie­ren, dass jeder ohne gro­ßen Auf­wand­nach Ver­wand­ten for­schen kann. 

Das ist ver­dammt gut gelun­gen. Wer sich dort anmel­det – was zeit­lich begrenzt kos­ten­los ist –, jagt ein­fach einen Namen oder noch exak­ter das Geburts­da­tum durch die Mas­ke und hat Gewissheit. 

Der Fund im Familienarchiv

Dass mein Groß­va­ter väter­li­cher­seits ein über­zeug­ter Nazi war, ist für mich kein Geheim­nis. Das ein­zi­ge Bild, das ich von ihm besit­ze, doku­men­tiert das ziem­lich unmiss­ver­ständ­lich: Es zeigt ihn im Esse­ner Tages­blatt inmit­ten eini­ger Nazi­grö­ßen der mitt­le­ren Füh­rungs­ebe­ne. Er war dort für die Pro­pa­gan­da zustän­dig, in öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen aktiv und damit direkt dem Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um unterstellt.
Gekannt habe ich ihn nie, er starb in den frü­hen fünf­zi­ger Jah­ren. Ob und inwie­weit er an hand­fes­ten Kriegs­ver­bre­chen betei­ligt war, lässt sich schwer sagen. Wer tie­fer gra­ben will, wird ohne­hin eher beim Lan­des­ar­chiv NRW fün­dig, wo sich die Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­ten ein­se­hen und her­un­ter­la­den lassen. 

Die Akten zu Karl Loh­ren ver­ra­ten eini­ges: Er war Kreis­pro­pa­gan­da­lei­ter der DAF (Deut­sche Arbeits­front) – jener NS-Ein­heits­or­ga­ni­sa­ti­on von Arbeit­neh­mern und Arbeit­ge­bern. Sei­ne Auf­ga­be: Gehirn­wä­sche im Betrieb. Laut den Akten hielt er bereit­wil­lig »Fach­vor­trä­ge in DAF Betriebs­a­pel­len, Betriebs­ver­samm­lun­gen und Ver­samm­lun­gen über sozia­le Fra­gen«. Nach dem Krieg stuf­ten ihn die Alli­ier­ten in die Kate­go­rie III (Min­der­be­las­te­te) ein, was ihm ein Beschäf­ti­gungs­ver­bot im öffent­li­chen Dienst und 16 Mona­te Haft einbrachte. 

Liest man aller­dings ein biss­chen zwi­schen den Zei­len, war der eigent­li­che Aus­lö­ser für den Knast wohl weni­ger sei­ne poli­ti­sche Gesin­nung als viel­mehr die Rache sei­ner Ex-Frau. 

Die Legende vom „guten“ Nazi

Sei­nen Ein­tritt in die NSDAP im Jahr 1928 begrün­de­te er im Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren recht klas­sisch mit der Welt­wirt­schafts­kri­se und den poli­ti­schen Umtrieben:
»Im Jah­re 1928 war ich erwerbs­los. Ich sah damals die Ent­wick­lung in Deutsch­land dahin­ge­hen, daß eine Radi­ka­li­sie­rung nach links oder rechts ein­tre­ten müs­se. Ich glaub­te, mich für rechts ent­schei­den zu müs­sen, um mei­nem Vater­land zu dienen.« 

Dass die­se Aus­füh­run­gen die rei­ne Wahr­heit waren, darf man getrost bezwei­feln. Als er gegen den Ein­rei­hungs­be­scheid der Alli­ier­ten Beru­fung ein­leg­te, ver­such­te er was alle ver­such­ten: Er gab zwar zu, die Uni­form eines Kreis­haupt­stel­len­lei­ters getra­gen und die­sen Rang gehabt zu haben, will aber angeb­lich nie die Berech­ti­gung eines Mit­glieds des Kreis­stabs beses­sen haben. Das klingt im Nach­gang extrem unglaub­wür­dig. Man darf bei all sei­nen Aus­sa­gen nie ver­ges­sen, dass der Mann eine pro­fes­sio­nel­le Aus­bil­dung in Pro­pa­gan­da und Mani­pu­la­ti­on hin­ter sich hatte.
Immer­hin: Diver­se Leu­munds­zeug­nis­se beschei­ni­gen ihm, dass er zumin­dest nie­man­den an die Gesta­po ver­pfif­fen oder ander­wei­tig aktiv ange­schwärzt hat. 

Unwissenheit schützt vor Mitschuld nicht

Am Ende las­sen die Doku­men­te nur einen Schluss zu: Karl Loh­ren war ein über­zeug­ter Natio­nal­so­zia­list. Sei­ne wirt­schaft­li­chen Beweg­grün­de tau­gen nicht als Ent­schul­di­gung. Wer eine Füh­rungs­po­si­ti­on in Goeb­bels’ Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne beklei­det – und sei es „nur“ auf Kreis­ebe­ne –, mag viel­leicht nicht jede bru­ta­le Ein­zel­heit gekannt haben. Die grund­sätz­li­che, mör­de­ri­sche Sys­te­ma­tik der Nazis dürf­te ihm jedoch voll­kom­men klar gewe­sen sein. 

Das Märchen von der Flexibilität

Arbeits­zeit 1906 — Der 12-Stun­den Tag war normal.
Wenn Arbeit­ge­ber­ver­bän­de plötz­lich das Wört­chen „Fle­xi­bi­li­tät“ ent­de­cken, ist höchs­te Vor­sicht gebo­ten. Aktu­ell betrifft das die Debat­te, den klas­si­schen Acht­stun­den­tag durch eine wöchent­li­che Höchst­ar­beits­zeit zu erset­zen. Das Framing ist so durch­schau­bar wie plump: Ver­kauft wird das Gan­ze als Wunsch der Beschäf­tig­ten nach mehr Frei­raum. Dahin­ter steckt aller­dings nichts ande­res als der Ver­such, den Acht­stun­den­tag per Direk­ti­ons­recht aus­zu­he­beln. Zur Erin­ne­rung: Die Begren­zung auf acht Stun­den wur­de 1918 nach dem Ende des Ers­ten Welt­kriegs von der Arbei­ter­schaft hart erkämpft und 1919 in der Wei­ma­rer Repu­blik for­mal ver­an­kert. Aus gutem Grund. Vor dem 19. Jahr­hun­dert schuf­te­ten Men­schen oft 10 bis 16 Stun­den täg­lich. Arbeits­me­di­zi­ni­sche Stu­di­en zei­gen unmiss­ver­ständ­lich, dass Pro­duk­ti­vi­tät und Kon­zen­tra­ti­on nach sechs bis acht Stun­den dras­tisch in den Kel­ler gehen.

Die fes­te Tages­gren­ze ist nicht will­kür­lich gewählt – sie schützt vor Über­las­tung. Wer sie auf­weicht, nimmt sehen­den Auges mehr Unfäl­le und stei­gen­de Kran­ken­zah­len in Kauf. Volks­wirt­schaft­lich ist die­se Dere­gu­lie­rung also ziem­li­cher Blöd­sinn. Wachs­tum ent­steht heu­te nicht mehr dadurch, dass man stumpf mehr Stun­den kloppt, son­dern durch Inno­va­ti­on und Effi­zi­enz­ge­win­ne. Krea­ti­vi­tät und smar­te Pro­blem­lö­sun­gen ent­ste­hen aber nicht unter Dau­er­druck in der elf­ten Arbeits­stun­de. Wenn Beschäf­tig­te nur noch im Über­le­bens­mo­dus funk­tio­nie­ren, bleibt die Inno­va­ti­ons­kraft des Unter­neh­mens auf der Stre­cke. Wir ver­wal­ten dann nur noch den Sta­tus quo, statt die Wirt­schaft zukunfts­fä­hig aufzustellen.

Wenn der Staat zulässt, dass Arbeit­neh­mer sys­te­ma­tisch über­las­tet wer­den, sozia­li­siert das die Kos­ten und pri­va­ti­siert die Gewin­ne. Heißt kon­kret: Die Unter­neh­men strei­chen kurz­fris­tig mehr Leis­tung ein, aber die Zeche für die dar­aus resul­tie­ren­den chro­ni­schen Krank­hei­ten, Burn­outs und psy­chi­schen Lei­den zahlt die All­ge­mein­heit über die Krankenkassen.

Zumal das Argu­ment der „star­ren Regeln“ ohne­hin nicht zieht: Es gibt längst hun­der­te Tarif­ver­trä­ge und Betriebs­ver­ein­ba­run­gen, die fle­xi­ble Lösun­gen erlau­ben. Ob im Schicht­be­trieb oder zur Abwen­dung wirt­schaft­li­cher Schä­den – Betriebs­rä­te haben prag­ma­ti­schen Anpas­sun­gen schon immer zuge­stimmt, natür­lich gegen ent­spre­chen­den mone­tä­ren oder zeit­li­chen Ausgleich.

Und, um auch das Argu­ment der Kapi­tal­eig­ner auf­zu­grei­fen, Wirt­schaft funk­tio­nie­re nur durch Wachs­tum: Wer schuf­tet, shop­pt nicht. Eine Aus­wei­tung der Arbeits­zeit würgt den inner­deut­schen Markt schlicht­weg ab.

Es geht bei der aktu­el­len Kam­pa­gne also kei­nes­wegs um moder­nes, fle­xi­bles Arbei­ten. Es geht schlicht dar­um, Arbeits­zei­ten auf Kos­ten der Beschäf­tig­ten aus­zu­wei­ten. Das Spiel ken­nen wir schon: Vor ein paar Jah­ren ver­such­te man mit dem Euphe­mis­mus »Fle­xi­bi­li­tät«, die 40-Stun­den-Woche durch die Hin­ter­tür wie­der als Stan­dard zu etablieren.