Nützliches Erbe

Der Kum­pel erzählt von einem ganz beson­de­ren Geschenk für sei­nen gera­de voll­jäh­rig gewor­de­nen Sohn.

Er habe ihm am Geburts­tag in sei­nen Hob­by­raum geschleppt. Der Hob­by­raum ist eine ein­ge­rich­te­te Werk­statt mit einem Sam­mel­su­ri­um von Motor­rä­dern in Teilen.

Dem erstaun­ten Spröss­ling gra­tu­lier­te er dann mit den Wor­ten:“ Herz­li­chen Glück­wunsch zum Geburts­tag, Du bist nun stol­zer Besit­zer einer Hon­da Bold­or, musst Dir nur noch die pas­sen­den Tei­le suchen und zusammenschrauben.“

Nach zwei drei Anläu­fen gab der Jun­ge mit dem Hin­wei­se auf, das nächs­te Mal soll­te es viel­leicht ein Geschenk in Rich­tung PC-Hard­ware sein, da ken­ne er sich aus.

Vor etwa drei­ßig Jah­ren, über­reich­te mir über­ra­schen­der Wei­se der Groß­va­ter einer Bekann­ten meh­re­re Zigar­ren­kis­ten, in denen er fein säu­ber­lich, im Innern mit Sperr­holz­plätt­chen abge­trennt, die Schrau­ben auf­be­wahr­te, die ihm offen­sicht­lich im Lau­fe des Lebens in die Fin­ger gekom­men waren.

Mei­ne Hoch­ach­tung galt der Akri­bie der Sam­mel­lei­den­schaft und der Men­ge gerauch­ter Zigar­ren gleichermaßen.

Ges­tern dann der Lohn für jahr­zehn­te­lan­ger Auf­be­wah­rung der zweck­ent­frem­de­ten Käst­chen: Eine drin­gend benö­tig­te Spe­zi­al­schrau­be, weder im Bau­markt noch sonst wo zu bekom­men, fand sich in Zigar­ren­kis­te Num­mer Zwei.

Volksbegehren in Beleckes Aula

Jürgen Becker in Belecke
Jür­gen Becker in Belecke

Nein, das war nicht der Jür­gen Becker, der als poli­ti­scher Kaba­ret­tist bekannt ist. Und es war auch nicht der Mann, der bei der Kaba­retts­en­dung Mit­ter­nachts­spit­zen sei­nen Fin­ger in gesell­schaft­li­chen Wun­den legt und Miss­stän­de mit einem Schlag Köl­ner Humor par­odiert. Jür­gen Becker gas­tier­te ges­tern in Bele­cke in der Aula und wer vom Pro­gramm­ti­tel „Volks­be­geh­ren“ auf eine kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung direk­ter Demo­kra­tie geschlos­sen haben soll­te, der lag falsch.… wei­ter im Text

Die Weihnachtsplätzchenmaschine

Die bes­se­re Hälf­te liebt es tra­di­tio­nell. An Weih­nach­ten gibt’s einen Weih­nachts­baum, natür­lich natür­lich, nicht zu reich­hal­tig geschmückt, mit bun­ten Kugeln, Ker­zen, ein wenig Lamet­ta, fertig.
Vor Weih­nach­ten, also etwa um die­se Zeit, wird geba­cken. Dazu muss der Teig durch eine Weih­nachts­plätz­chen-Maschi­ne gedreht wer­den, die die Bezeich­nung Maschi­ne ob der quä­len­den mecha­ni­schen Bedie­nung mit­tels Kur­bel nicht verdient.

Eine Kur­bel! Ich mei­ne, wir leben im 21. Jahr­hun­dert, und ich soll der bes­se­ren Hälf­te zur Hand gehen, indem ich eine Maschi­ne bedie­nen muss, die eine Kur­bel hat? Der Vor­schlag, eine Bohr­ma­schi­ne anzu­schlie­ßen, miss­ach­te­te die bes­se­re Hälf­te geflissentlich.

Die Kur­bel kur­belnd räso­nier­te ich über Sinn und Zweck der Maschi­ne mit der Kur­bel und woll­te zum rhe­to­ri­schen Dolch­stoß für eben­die­se Maschi­ne aus­ho­len, als mich die bes­se­re Hälf­te umge­hend zum Schwei­gen brach­te: “Ers­tens nennt man die Weih­nachts­plätz­chen­ma­schi­ne auch Fleisch­wolf und zwei­tens — wer nicht kur­belt, der kriegt auch kei­ne Plätzchen.”

Sauerländer Worte

Eigent­lich mag ich das Sau­er­län­der Idi­om gar nicht , aber selbst wenn man sich bemüht, man kommt aus sei­ner Spra­che nicht raus. So ist das Sau­er­län­disch zum einen von einer dras­ti­schen Ver­ein­fa­chung gekenn­zeich­net; der Geni­tiv exis­tiert prak­tisch nicht und die im Kau­sal­zu­sam­men­hang ein­lei­ten­den Wör­ter weil und dem, sind dem Sau­er­län­der eben­falls fremd. Das satz­be­kräf­ti­gen­de Wort „woll“ habe ich mir ja müh­sam abge­wöhnt, aber den­noch lässt sich die Her­kunft, wenn auch nur vom Ran­de des Sau­er­lands, nicht ver­leug­nen. Um das, was der Sau­er­län­der Spra­che nennt, etwas auf­zu­wer­ten, hat das woll-maga­zin ein Pla­kat mit typisch Sau­er­län­der Begrif­fen erstel­len las­sen. Soll wohl wat sein, woll?

Kulinarisches aus dem Sauerland

Aus einem Rei­se­füh­rer von 1974:

“Das Sau­er­land gehört zu West­fa­len und in West­fa­len ißt man def­tig. So ste­hen denn auch die berühm­ten West­fä­li­schen Schin­ken­plat­ten (zu denen man einen kla­ren Wach­hol­der­schnaps trinkt) auf den Spei­se­kar­ten der meis­ten Gast­stät­ten. Dicke Boh­nen mit Speck, hier­zu­lan­de ein Natio­nal­ge­richt, bekommt man fast zu jeder Jah­res­zeit. Pfef­fer­po­thast gibt es oft in klei­nen Schüs­seln – sozu­sa­gen als „Zwi­schen­mahl­zeit“. Als Vari­an­te zu den über­all ange­bo­te­nen Schnit­zeln ißt man hier gern „Krüst­chen“, das sind stark panier­te Schnit­zel mit Soße und klei­nen Beilagen.”

Der Autor hat gut recherchiert.

Jürgen Becker in Belecke

Humor und Reli­gi­on gehö­ren zusam­men. Das bewies Jür­gen Becker ges­tern in der Thea­ter­au­la Bele­cke mit sei­nem Pro­gramm: “Ja, was glau­ben sie denn?”
Das Lachen ist eine Fehl­in­for­ma­ti­on ans Gehirn, Tor­te auf dem Tisch ist nicht komisch, Tor­te im Gesicht schon. Becker spann­te geschichts­träch­tig in sei­nem zwei­stün­di­gen Solo­pro­gramm den Bogen vom Anfang der Reli­gio­nen über den frän­ki­schen König Chlod­wig, der nach dem Sieg bei Zül­pich zum katho­li­schen Glau­ben kon­ver­tier­te, über die Geschich­te des Islam und den Beginn des Mono­the­is­mus, und stell­te fest: “Am Ende des Jahr­hun­derts singt der Papst vom Minarett.”

Auch dem Wider­spruch der Reli­gi­on in sich nahm sich Becker an:
„Der Papst fährt einen Gelän­de­wa­gen mit einem Ter­ra­ri­um oben drauf. Der spricht von Gott­ver­trau­en, hat aber Panzerglas.“
Der Kaber­et­tist phi­lo­so­phier­te über die Leh­re des allei­ni­gen Got­tes als Aus­lö­ser für Strei­te­rei­en und klär­te auf:“ Mono­the­is­mus ist wie tau­send Fol­gen Lin­de­stra­ße nur mit Mut­ter Bei­mar. Das macht aggressiv.“
Das muss nicht sein, war­um um einen Gott strei­ten, wenn es viel schö­ner ist, meh­re­re Göt­ter zu haben?

Ein bun­ter, ver­gnüg­li­cher Abend, in des­sen Ver­lauf Becker ers­tens bewies, dass Reli­gi­on ohne Humor gefähr­lich ist und zwei­tens über­ra­schen­der Wei­se fest­stell­te, dass der Sau­er­län­der gar nicht so stur ist, wie es der Rhein­län­der annimmt.

Fraktales Strukturgemüse

Im Sau­er­land essen wir eigent­lich nichts, was wir nicht ken­nen. Und das Ding, das aus­sieht wie ein futu­ris­ti­scher Weih­nachts­baum, hät­te ich per­sön­lich auch nie in den Ein­kaufs­wa­gen gelegt. Mei­ne bes­se­re Hälf­te brach­te mir das Teil vom Gemü­se­stand mit. Damit war zumin­dest schon mal klar, dass es sich bei der mir beschränkt bekann­ten Arten­viel­falt der Bota­nik um etwas Ess­ba­res han­deln muss­te. Einer­seits beru­hi­gend, ande­rer­seits aber auch nicht beson­ders hifl­reich. Letzt­end­lich gab das Inter­net mal wie­der Auf­schluss dar­über, dass es sich um eine Zucht­form des Blu­men­kohls han­delt, Roma­nesco genannt und bereits seit dem 16. Jahr­hun­dert in Deutsch­land bekannt. Wo wären wir im Sau­er­land nur ohne Internet?