Cinderellas Rache


EEine klei­ne Stadt im Sau­er­land. Schmu­cke Ein­fa­mi­li­en­häu­ser, gepfleg­te Vor­gär­ten. Bund­ern ist ein Ort, an dem Geheim­nis­se tief unter der Erde begra­ben wer­den – bis Hal­lo­ween vor der Tür steht und die Erin­ne­run­gen auf schreck­li­che Art und Wei­se freigibt. 

Vor drei Wochen fing es an. Erst traf es Arthur Mül­ler, den ehe­ma­li­gen Inha­ber des ört­li­chen Eisen­wa­ren­han­dels. Zwei Tage spä­ter fand man den Pas­tor in sei­nem Stu­dier­zim­mer, und ges­tern war es der pen­sio­nier­te Ober­stu­di­en­rat Peter Wanke.

Die Todes­ur­sa­che bei allen drei­en: Mul­ti­ples Organ­ver­sa­gen, ohne erkenn­ba­ren Grund. Kei­ne Vor­er­kran­kun­gen, kei­ne Spu­ren, kei­ne Gif­te, kein Motiv, nichts. Die Nach­for­schun­gen der Poli­zei lie­fen ins Lee­re. Die ein­zi­ge Gemein­sam­keit der Lei­chen: Bei allen drei­en fand man ein Notiz­buch mit der­sel­ben Tele­fon­num­mer. Eine alte, längst abge­schal­te­te Orts­netz­num­mer aus den 1970er-Jah­ren. Neben den Lei­chen — der blu­ti­ge Abdruck einer Hand — wie aufgemalt. 

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Wem die Tele­fon­num­mer gehör­te, wuss­te nie­mand. Die Akten des loka­len Tele­fon­an­bie­ters schie­nen wie vom Erd­bo­den ver­schluckt – ein­zig die alte Frau Gabel schien etwas zu wis­sen. Die Frau saß auf ihrer ver­wit­ter­ten Veran­da, strick­te an einem schal­ähn­li­chen Etwas, das aus­sah wie ein Hen­kers­seil für das Jüngs­te Gericht und spuck­te auf die Veran­da, als der jun­ge Poli­zist sie nach der Num­mer fragte.

»Cin­de­r­el­la«, krächz­te sie und bleck­te die ver­blei­ben­den Zäh­ne. »So nann­ten die Jungs sie damals. Eigent­lich hieß sie anders, aber die Män­ner hier hat­ten einen schrä­gen Humor.« Frau Gabel kichert. In den sieb­zi­ger Jah­ren, erzähl­te sie, gehör­te die­ser Anschluss einer stadt­be­kann­ten Pro­sti­tu­ier­ten. Eine ein­sa­me Frau am Ran­de der Sied­lung, deren Diens­te von den männ­li­chen Ein­woh­nern des Dorfs nachts eif­rig und heim­lich in Anspruch genom­men wur­den. Tags­über, auf der Stra­ße, lie­ßen die­sel­ben Män­ner frei­lich kein gutes Haar an Cinderella. 

Sie spuck­ten aus, wenn sie sie sahen, tuschel­ten über sie und nann­ten sie den Schand­fleck der Stadt. Der Höhe­punkt der bür­ger­li­chen Heu­che­lei folg­te, als die Frau schwer an erkrank­te. Statt ihr zu hel­fen, trieb der gut­bür­ger­li­che Mob sie an einem Novem­ber­tag aus der Stadt in Rich­tung des nahen Sees. 

Was mit ihr geschah, wuss­te nie­mand so genau. Eini­ge ver­mu­te­ten, sie sie im nahen Bor­pe­see umge­kom­men sei und ihr Geist zu Hal­lo­ween immer noch durch die Klein­stadt schli­che. »Die alte Num­mer wur­de nie neu ver­ge­ben«, mur­mel­te Frau Gabel und strick­te see­len­ru­hig wei­ter. »Wer heu­te den Hörer abhebt und die Zif­fern wählt, hört eine Stim­me, die spricht: »Komm zu mir. Wer sich drauf ein­lässt und ant­wor­tet, zahlt mit sei­nem Leben. Cin­de­r­el­las Rache für das, was man damals im See ver­ges­sen las­sen wollte.«

Der jun­ge Poli­zist schluck­te, blick­te auf sein Notiz­buch und frag­te mit tro­cke­ner Keh­le, ob man jemals die Lei­che Cin­de­r­el­las gefun­den hät­te. Die Alte hör­te auf zu stri­cken, sah ihn mit ihren mil­chi­gen Augen direkt an und lächel­te:» Tja, Tim. Am bes­ten begibst du dich an den See heu­te in der Hal­lo­ween-Nacht und wartest.«

»Du wärst aber nicht der ers­te, der dort in der Hal­lo­ween-Nacht sei­nen Ver­stand ver­liert, also viel Spaß», krächz­te die Alte sicht­lich vergnügt.

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