
Die Todesursache bei allen dreien: Multiples Organversagen, ohne erkennbaren Grund. Keine Vorerkrankungen, keine Spuren, keine Gifte, kein Motiv, nichts. Die Nachforschungen der Polizei liefen ins Leere. Die einzige Gemeinsamkeit der Leichen: Bei allen dreien fand man ein Notizbuch mit derselben Telefonnummer. Eine alte, längst abgeschaltete Ortsnetznummer aus den 1970er-Jahren. Neben den Leichen — der blutige Abdruck einer Hand — wie aufgemalt.
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Wem die Telefonnummer gehörte, wusste niemand. Die Akten des lokalen Telefonanbieters schienen wie vom Erdboden verschluckt – einzig die alte Frau Gabel schien etwas zu wissen. Die Frau saß auf ihrer verwitterten Veranda, strickte an einem schalähnlichen Etwas, das aussah wie ein Henkersseil für das Jüngste Gericht und spuckte auf die Veranda, als der junge Polizist sie nach der Nummer fragte.
»Cinderella«, krächzte sie und bleckte die verbleibenden Zähne. »So nannten die Jungs sie damals. Eigentlich hieß sie anders, aber die Männer hier hatten einen schrägen Humor.« Frau Gabel kichert. In den siebziger Jahren, erzählte sie, gehörte dieser Anschluss einer stadtbekannten Prostituierten. Eine einsame Frau am Rande der Siedlung, deren Dienste von den männlichen Einwohnern des Dorfs nachts eifrig und heimlich in Anspruch genommen wurden. Tagsüber, auf der Straße, ließen dieselben Männer freilich kein gutes Haar an Cinderella.
Sie spuckten aus, wenn sie sie sahen, tuschelten über sie und nannten sie den Schandfleck der Stadt. Der Höhepunkt der bürgerlichen Heuchelei folgte, als die Frau schwer an erkrankte. Statt ihr zu helfen, trieb der gutbürgerliche Mob sie an einem Novembertag aus der Stadt in Richtung des nahen Sees.
Was mit ihr geschah, wusste niemand so genau. Einige vermuteten, sie sie im nahen Borpesee umgekommen sei und ihr Geist zu Halloween immer noch durch die Kleinstadt schliche. »Die alte Nummer wurde nie neu vergeben«, murmelte Frau Gabel und strickte seelenruhig weiter. »Wer heute den Hörer abhebt und die Ziffern wählt, hört eine Stimme, die spricht: »Komm zu mir. Wer sich drauf einlässt und antwortet, zahlt mit seinem Leben. Cinderellas Rache für das, was man damals im See vergessen lassen wollte.«
Der junge Polizist schluckte, blickte auf sein Notizbuch und fragte mit trockener Kehle, ob man jemals die Leiche Cinderellas gefunden hätte. Die Alte hörte auf zu stricken, sah ihn mit ihren milchigen Augen direkt an und lächelte:» Tja, Tim. Am besten begibst du dich an den See heute in der Halloween-Nacht und wartest.«
»Du wärst aber nicht der erste, der dort in der Halloween-Nacht seinen Verstand verliert, also viel Spaß», krächzte die Alte sichtlich vergnügt.
