Sind Politiker verrückt?

Als Bun­des­kanz­ler Merz am 21. Sep­tem­ber das dua­le Kran­ken­ver­si­che­rungs­sys­tem als »Gerech­tig­keits­pro­blem« bezeich­ne­te, dürf­te in der Uni­ons­frak­ti­on so man­chem die Kaf­fetas­se aus der Hand gefal­len ein. Der Ver­band der Pri­vat­ver­si­cher­ten reagier­te gleich scharf und warf der Uni­on vor, aus Angst vor schlech­ten Wahl­er­geb­nis­sen jahr­zehn­te­lan­ge Posi­tio­nen über Bord zu wer­fen. Auch aus der eige­nen Frak­ti­on kam prompt Wider­spruch: Frak­ti­ons­chef Thors­ten Frei stell­te klar, die PKV sol­le »mit Sicher­heit nicht« abge­schafft wer­den; CSU-Frak­ti­ons­chef Holet­schek nann­te den Vor­stoß »leicht­fer­tig«.

Von Merz ist man eini­ges gewohnt. Er lässt kein Fett­näpf­chen aus. Aber dass er sich aus­ge­rech­net eine Gerech­tig­keits-Paro­le zu eigen macht, wie man sie sonst von SPD, Grü­nen und Lin­ken hört, war dann doch bemerkenswert.

War­um macht er das? Prof. Dr. Chris­ti­an Rieck geht die­ser Fra­ge in sei­nem neu­es­ten Video nach – aus spiel­theo­re­ti­scher und wahr­neh­mungs­psy­cho­lo­gi­scher Sicht erklärt er, war­um Spit­zen­po­li­ti­ker, Füh­rungs­kräf­te und Eli­ten oft Ent­schei­dun­gen tref­fen, die von außen unver­nünf­tig oder rea­li­täts­fern wir­ken. Sei­ne Kernthesen:

Zieldefinition als Selbstschutz

Nach einer anfäng­li­chen Hand­lungs­pha­se holen uner­le­dig­te Bau­stel­len und Wider­stän­de die Füh­rungs­per­son ein. Statt das Schei­tern ein­zu­ge­ste­hen, defi­niert sie das Ziel um – Steu­er- und Abga­ben­er­hö­hun­gen oder Kür­zun­gen wer­den dann etwa als »Refor­men« verkauft.

Der Hofstaat-Effekt

Wer aus den eige­nen Rei­hen sach­lich Kri­tik übt, gilt schnell als Sabo­teur oder Ver­rä­ter. Die Fol­ge: Nie­mand traut sich mehr, schlech­te Nach­rich­ten zu über­brin­gen. Ein Bera­ter­kreis iso­liert die Füh­rung zusätz­lich, indem er Infor­ma­tio­nen im eige­nen Inter­es­se fil­tert oder schönt.

Blasenbildung und »Luxury Beliefs«

Men­schen umge­ben sich bevor­zugt mit Gleich­ge­sinn­ten glei­cher Her­kunft, Bil­dung und Welt­sicht – Fil­ter­bla­sen ent­ste­hen. In geho­be­nen Zir­keln eta­blie­ren sich Hal­tun­gen, die vor allem dem eige­nen Sozi­al­sta­tus und der mora­li­schen Selbst­ver­ge­wis­se­rung die­nen; die Kos­ten tra­gen meist ande­re Bevöl­ke­rungs­schich­ten. Die »Refor­men« betref­fend die­je­ni­gen, die sie durch­set­zen nicht, oder nur mäßig. 

Verzögertes Feedback.

Der Markt gibt täg­li­che Rück­mel­dung, die Poli­tik erst bei Wah­len. Fehl­ent­wick­lun­gen wer­den ent­spre­chend spät korrigiert.

Pfadabhängigkeit.

Trä­ge Insti­tu­tio­nen hal­ten an über­hol­ten Mus­tern fest, selbst wenn sich die Rah­men­be­din­gun­gen längst ver­än­dert haben.

Rieck mag umstrit­ten sein, aber hier trifft er den Nagel auf den Kopf. Die­sel­ben Mus­ter zei­gen sich nicht nur in der Poli­tik, son­dern eben­so bei Unter­neh­mens­füh­rern – beson­ders dort, wo das Sys­tem sie noch begüns­tigt. Im schlimms­ten Fall bleibt kon­struk­ti­ve Kri­tik dann ganz auf der Stre­cke. In der Poli­tik zahlt am Ende der Wäh­ler die Rech­nung; die Quit­tung geht in Form von Wahl­er­geb­nis­sen an die poli­ti­schen Eliten. 

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