Fall Ruhs — seid ihr noch gescheit?!

Julia Ruhs ist eine kon­ser­va­ti­ve Jour­na­lis­tin die durch das ARD-For­mat „Klar“ zu eini­ger Berühmt­heit gelangt ist. Weni­ger die Sen­dung, als der Umgang der öffent­lich-Recht­li­chen mit Julia Ruhs ist aller­dings ihrer jet­zi­gen Bekannt­heit geschul­det. Ruhs soll sich nicht an jour­na­lis­ti­sche Stan­dards gehal­ten haben und die Sen­dung wur­de schließ­lich vom NDR abge­setzt. Was folg­te war eine für bei­de Sei­ten ziem­lich pein­li­che Offen­ba­rung, wie es mit den öffent­lich-recht­li­chen Sen­dern in Deutsch­land inzwi­schen bestellt ist.

In den sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jah­ren gab es mit dem ZDF einen Sen­der, der sich dem Kon­ser­va­tis­mus ver­pflich­tet sah. Die poli­ti­sche Aus­rich­tung des ZDF war 1980 von einer CDU-nahen Ein­fluss­nah­me geprägt, die immer auch mal wie­der ver­such­te kri­ti­sche und lin­ke Sati­re im Pro­gramm ein­zu­schrän­ken und sich pro­gram­ma­tisch eher an par­tei­po­li­ti­schen Inter­es­sen, ins­be­son­de­re der Christ­so­zia­len, orientierte.

Auch die ARD war in die­sen Jah­ren von par­tei­po­li­ti­scher Steue­rung geprägt, Sen­der wie der WDR posi­tio­nier­ten sich eher links und zeich­ne­te sich durch kri­tisch-libe­ra­le Posi­tio­nen aus. Natür­lich wird man eine poli­ti­sche Ein­fluss­nah­me auf die Sen­dern allei­ne schon durch ihre föde­ra­le Struk­tur nicht ver­mei­den kön­nen. Aller­dings soll­te die­se Struk­tur einer unab­hän­gi­gen Bericht­erstat­tung im Sin­ne des ver­fas­sungs­recht­li­chen Auf­trags der Pres­se nicht im Wege ste­hen und tat sie im Gegen­satz zu heu­te auch nicht. 

Jour­na­lis­ti­sche Unab­hän­gig­keit soll für eine aus­ge­wo­ge­ne Bericht­erstat­tung sor­gen, nicht erzie­hen. Kom­men­tar und Mei­nung soll­ten getrennt sein von der Bericht­erstat­tung, „man macht sich als guter Jour­na­list nicht mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten. (Hanns Joa­chim Fried­richs).

So jeden­falls die Theorie. 

Die öffent­lich-recht­li­chen Sen­der wer­den aller­dings oft­mals eher als Erzie­hungs­an­stal­ten außer­halb des eige­nen Mei­nungs­kos­mos wahr­ge­nom­men. Damit aber schau­feln sich die Sen­der das eige­ne Grab. Nicht nur, dass vie­le zwi­schen Fake-News und ech­ten Nach­rich­ten nicht mehr unter­schei­den kön­nen. Die Sen­der öff­nen mehr und mehr den Rechts­extre­men Tür und Tor, die sie (die Öffent­lich-Recht­li­chen) eigent­lich per se abschaf­fen wol­len. Hier schließt sich der Kreis. Anstatt mit klu­gen Argu­men­ten auf kon­tro­ver­se Berich­te ein­zu­ge­hen, schmeißt man unlieb­sa­me Jour­na­lis­ten raus und ver­schafft der AFD eine wei­te­re Chan­ce die Pres­se wirk­mäch­tig zu kritisieren.

Wis­sent­lich der Tat­sa­che, dass Julia Ruhs beacht­li­che Zuschau­er­zah­len erziel­te und viel Zuspruch von Tei­len des Publi­kums erhielt, füt­tern die Rechts­extre­men damit wie­der ein­mal das Nar­ra­tiv vom gelenk­ten Staats­funk. Die Gesin­nungs­ka­me­ra­den der AFD brau­chen nicht viel zu tun, als in ihren sozia­len Hetz­me­di­en den Vor­fall aufzugreifen. 

Eine selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­ung sozu­sa­gen. Wenn wir nicht auf­pas­sen und den Rechts­extre­men immer wie­der Grün­de für ihre Kri­tik um der Kri­tik wil­len geben, braucht sich spä­ter nie­mand wun­dern, dass irgend­wann die­je­ni­gen an der Macht sind, die dann tat­säch­lich Jour­na­lis­mus lini­en­treu gestalten. 

Horst Schul­te schreibt eben­falls zum The­ma Ruhs.

2 Gedanken zu „Fall Ruhs — seid ihr noch gescheit?!“

  1. Ob die es noch ein­mal ler­nen? Ich fürch­te, die machen bis zu ihrer Pen­si­on wei­ter wie bis­her. Das scheint Bestand­teil der DNA gewor­den zu sein. Ja, alle Pfrün­de und Mei­nun­gen ver­tei­di­gen. Wer sich zuerst bewegt, hat verloren!

    Ich bin gera­de über einen span­nen­den Arti­kel im New Sta­tes­man zu den „Schnitt­feh­lern“ bei der BBC gestol­pert. Offen­bar setzt man sich dort intern sehr gründ­lich mit sol­chen Pro­ble­men aus­ein­an­der. Wenn ich so eine Selbst­kri­tik doch auch ein­mal beim deut­schen öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk erle­ben würde.

    Statt­des­sen wirkt es oft so, als wüss­ten sie selbst, dass sie sich auf die­se Wei­se frü­her oder spä­ter über­flüs­sig machen. Und wem wäre damit gehol­fen? Gut – die rund neun Mil­li­ar­den Euro lie­ßen sich dann auch anders ver­feu­ern. Immer­hin wäre das fast dop­pelt so viel wie die Müt­ter­ren­te oder die Strom­steu­er jeweils kosten.

    Wenn man bedenkt, dass eine Sen­kung der Strom­steu­er für Pri­vat­leu­te nur zwi­schen etwa 35 Euro (Sin­gles) und 93 Euro (Vier­per­so­nen­haus­halt) pro Jahr bringt, fra­ge ich mich wirk­lich, war­um dar­um so ein Thea­ter gemacht wird. Jour­na­lis­ten und Öko­no­men hal­ten das The­ma seit Ewig­kei­ten am Köcheln, und ich kann dar­über nur noch den Kopf schütteln.

    Sol­len sie doch den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk ver­klei­nern, kon­se­quent spa­ren und ihn mit deut­lich gerin­ge­ren Kos­ten betrei­ben. Und gleich­zei­tig gehö­ren Aus­ga­ben wie die Müt­ter­ren­te, die Pend­ler­pau­scha­le oder die redu­zier­te Mehr­wert­steu­er für die Gas­tro­no­mie zurück­ge­nom­men. Das wäre ein ech­tes Signal von Beweg­lich­keit. Aber dar­an scheint nie­mand ernst­haft zu denken.

    Dan­ke jeden­falls für die Erwähnung.

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    • Wobei — ich den­ke wir brau­chen die öffent­lich Recht­li­chen heu­te mehr denn je, sie müs­sen nur drin­gend refor­miert wer­den. Vor allem aber müs­sen sie zurück zu ihren Wur­zeln, Bil­dungs­auf­trag und neu­tra­le Bericht­erstat­tung, ohne Erziehungsauftrag.

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