Das Magazin titelt dazu auf dem Cover: »Der gefährlichste Mann Deutschlands« und dürfte dem Spitzenkandidat und er AFD damit einen Riesengefallen getan haben.
Denn — was vermutlich als Warnung gemeint war, wirkt im Zusammenhang mit der Titel-Geschichte eher er wie Werbung.
Siegmund kam 2024 bundesweit ins Gespräch, als seine Teilnahme am Potsdamer Treffen im Landhaus Adlon bekannt wurde – jenem Treffen, bei dem laut Correctiv über einen »Masterplan« zur Vertreibung von Millionen Menschen unter dem Begriff Remigration gesprochen wurde. Von da an geht es im Artikel vor allem um Verpackung: Wo andere in der AfD poltern, lächelt Siegmund. Wo andere Angst schüren, verkauft er Nähe. Der SPIEGEL nennt ihn gar »Schwiegermutter-Typ«. Mit 19 CDU, mit 24 zur AfD, seit 2016 im Landtag, seit 2022 Fraktionschef zusammen mit Oliver Kirchner. Dazu TikTok-Kanal, Simson-Korsos, Vereinspräsenz im ganzen Land.
Inhaltlich kritisiert das Magazin zwar die straffe Linie Siegmunds: Abschaffung des Asylgrundrechts, »Remigrationsoffensive«, Rückbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf zwei Programme, Bildungspflicht statt Schulpflicht zur Ermöglichung von Heimunterricht.
Das ist allerdings keine Kritik, das ist eine Beschreibung des AfD-Programms, das der Mann seit Jahren vertritt. Was sollte er sonst vertreten?
Erst spät im Text kommen die Fakten, die eigentlich den Aufmacher hätten tragen sollen: Pressesprecher Patrick Harr war in der 2009 verbotenen neonazistischen »Heimattreuen Deutschen Jugend« (HDJ) aktiv, ebenso Fraktionsmitarbeiter Laurens Nothdurft, einer der führenden Köpfe der HDJ. Landtagskandidat Simon Lansmann soll auf seinem Grundstück eine völkische Sonnwendfeier veranstaltet haben, bei der laut Recherchen ein Lied der Hitlerjugend gesungen wurde. Recherchen von t‑online und Correctiv legten zudem systematische Vetternwirtschaft offen: Abgeordnete beschäftigen ihre Verwandten als Mitarbeiter, bezahlt aus Steuergeld.
Wie ernst Siegmund die Machtübernahme nimmt, zeigt ein Detail aus dem SPIEGEL-Interview selbst: Sein Kabinett habe er „zu 95 Prozent” fertig, Namen nenne er aber nicht, das würde »medial ablenken«. Der SPIEGEL selbst schreibt, Siegmunds Erfolg beruhe nicht auf gemäßigten Inhalten, sondern auf Nahbarkeit, Medienpräsenz und der Fähigkeit, radikale Politik so zu verpacken, dass sie nicht radikal wirkt. Genau das liefert der Titel dann auch: ein Foto, eine reißerische Überschrift, und ein Text, der über weite Strecken das Bild eines politischen Machers zeichnet, bevor er zu den eigentlich relevanten rechtsextremen Verbindungen kommt.
Im Zusamenhang ergibt sich für die meisten Wählerinnen und Wähler eher das Bild eines Machers in der Politik, dem selbst etablierte Medien mindestens Anerkennung zollen. Der AFD jedenfalls konnte nichts Besseres passieren, als die, wenn auch ungewollte, Darstellung eines bodenständigen, bürgernahen Mannes, der es offensichtlich schafft, die notwendige politische Aufmerksamkeit zu erreichen. Der SPIEGEL jedenfalls hat ihm diese zuteil kommen lassen. Eigentlich wollte man davor warnen, dass mit der Wahl die erste rechtsextremistische Landesregierung seit 1945 an die Macht kommen könnte, dessen Spitzenkandidat die inhaltliche und politische Linie in Gänze unterstützt.
Da hilft auch keine nachträgliche Rechtfertigung mehr.
Schlimm, dass wir heutzutage (nicht zuletzt von Linksgrün verursacht) jede Stellungnahme zu heiklen Themen vermeiden möchten, weil man diese falsch bzw. andersherum interpretieren könnte. “Man bietet solchen Leuten kein Podium”, heißt es dann. Sei es bei Lanz oder anderen Talkshows oder in Beiträgen, in denen vor den Führern der neuen Bewegung gewarnt wird. Da frage ich mich, wie man überhaupt noch kommunizieren will, wenn das weiter Schule macht.