Werbung für die AFD?

Der SPIEGEL hat den AFD Mann Ulrich Sieg­mund in sei­ner jüngs­ten Aus­ga­be aufs Titel­blatt gehievt. Sieg­mund ist AfD-Spit­zen­kan­di­dat für das Minis­ter­prä­si­den­ten­amt in Sach­sen-Anhalt, 35 Jah­re alt, in Umfra­gen mit über 40 Pro­zent Zustim­mung der Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler im Land. Am 6. Sep­tem­ber könn­te er Chef der Chef der Lan­des­re­gie­rung wer­den und das für einen Lan­des­ver­band, den der Ver­fas­sungs­schutz seit 2023 als »gesi­chert rechts­extrem« führt. 

Das Maga­zin titelt dazu auf dem Cover: »Der gefähr­lichs­te Mann Deutsch­lands« und dürf­te dem Spit­zen­kan­di­dat und er AFD damit einen Rie­sen­ge­fal­len getan haben.

Denn — was ver­mut­lich als War­nung gemeint war, wirkt im Zusam­men­hang mit der Titel-Geschich­te eher er wie Werbung.

Sieg­mund kam 2024 bun­des­weit ins Gespräch, als sei­ne Teil­nah­me am Pots­da­mer Tref­fen im Land­haus Adlon bekannt wur­de – jenem Tref­fen, bei dem laut Cor­rec­tiv über einen »Mas­ter­plan« zur Ver­trei­bung von Mil­lio­nen Men­schen unter dem Begriff Remi­gra­ti­on gespro­chen wur­de. Von da an geht es im Arti­kel vor allem um Ver­pa­ckung: Wo ande­re in der AfD pol­tern, lächelt Sieg­mund. Wo ande­re Angst schü­ren, ver­kauft er Nähe. Der SPIEGEL nennt ihn gar »Schwie­ger­mut­ter-Typ«. Mit 19 CDU, mit 24 zur AfD, seit 2016 im Land­tag, seit 2022 Frak­ti­ons­chef zusam­men mit Oli­ver Kirch­ner. Dazu Tik­Tok-Kanal, Sim­son-Kor­sos, Ver­eins­prä­senz im gan­zen Land.

Inhalt­lich kri­ti­siert das Maga­zin zwar die straf­fe Linie Sieg­munds: Abschaf­fung des Asyl­grund­rechts, »Remi­gra­ti­ons­of­fen­si­ve«, Rück­bau des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks auf zwei Pro­gram­me, Bil­dungs­pflicht statt Schul­pflicht zur Ermög­li­chung von Heimunterricht. 

Das ist aller­dings kei­ne Kri­tik, das ist eine Beschrei­bung des AfD-Pro­gramms, das der Mann seit Jah­ren ver­tritt. Was soll­te er sonst vertreten?

Erst spät im Text kom­men die Fak­ten, die eigent­lich den Auf­ma­cher hät­ten tra­gen sol­len: Pres­se­spre­cher Patrick Harr war in der 2009 ver­bo­te­nen neo­na­zis­ti­schen »Hei­mat­treu­en Deut­schen Jugend« (HDJ) aktiv, eben­so Frak­ti­ons­mit­ar­bei­ter Lau­rens Not­h­durft, einer der füh­ren­den Köp­fe der HDJ. Land­tags­kan­di­dat Simon Lans­mann soll auf sei­nem Grund­stück eine völ­ki­sche Sonn­wend­fei­er ver­an­stal­tet haben, bei der laut Recher­chen ein Lied der Hit­ler­ju­gend gesun­gen wur­de. Recher­chen von t‑online und Cor­rec­tiv leg­ten zudem sys­te­ma­ti­sche Vet­tern­wirt­schaft offen: Abge­ord­ne­te beschäf­ti­gen ihre Ver­wand­ten als Mit­ar­bei­ter, bezahlt aus Steuergeld.

Wie ernst Sieg­mund die Macht­über­nah­me nimmt, zeigt ein Detail aus dem SPIE­GEL-Inter­view selbst: Sein Kabi­nett habe er „zu 95 Pro­zent” fer­tig, Namen nen­ne er aber nicht, das wür­de »medi­al ablen­ken«. Der SPIEGEL selbst schreibt, Sieg­munds Erfolg beru­he nicht auf gemä­ßig­ten Inhal­ten, son­dern auf Nah­bar­keit, Medi­en­prä­senz und der Fähig­keit, radi­ka­le Poli­tik so zu ver­pa­cken, dass sie nicht radi­kal wirkt. Genau das lie­fert der Titel dann auch: ein Foto, eine rei­ße­ri­sche Über­schrift, und ein Text, der über wei­te Stre­cken das Bild eines poli­ti­schen Machers zeich­net, bevor er zu den eigent­lich rele­van­ten rechts­extre­men Ver­bin­dun­gen kommt. 

Im Zusa­men­hang ergibt sich für die meis­ten Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler eher das Bild eines Machers in der Poli­tik, dem selbst eta­blier­te Medi­en min­des­tens Aner­ken­nung zol­len. Der AFD jeden­falls konn­te nichts Bes­se­res pas­sie­ren, als die, wenn auch unge­woll­te, Dar­stel­lung eines boden­stän­di­gen, bür­ger­na­hen Man­nes, der es offen­sicht­lich schafft, die not­wen­di­ge poli­ti­sche Auf­merk­sam­keit zu errei­chen. Der SPIEGEL jeden­falls hat ihm die­se zuteil kom­men las­sen. Eigent­lich woll­te man davor war­nen, dass mit der Wahl die ers­te rechts­extre­mis­ti­sche Lan­des­re­gie­rung seit 1945 an die Macht kom­men könn­te, des­sen Spit­zen­kan­di­dat die inhalt­li­che und poli­ti­sche Linie in Gän­ze unterstützt. 

Da hilft auch kei­ne nach­träg­li­che Recht­fer­ti­gung mehr.

2 Kommentare zu „Werbung für die AFD?“

  1. Schlimm, dass wir heut­zu­ta­ge (nicht zuletzt von Links­grün ver­ur­sacht) jede Stel­lung­nah­me zu heik­len The­men ver­mei­den möch­ten, weil man die­se falsch bzw. anders­her­um inter­pre­tie­ren könn­te. “Man bie­tet sol­chen Leu­ten kein Podi­um”, heißt es dann. Sei es bei Lanz oder ande­ren Talk­shows oder in Bei­trä­gen, in denen vor den Füh­rern der neu­en Bewe­gung gewarnt wird. Da fra­ge ich mich, wie man über­haupt noch kom­mu­ni­zie­ren will, wenn das wei­ter Schu­le macht.

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