Was für ein Staat wird die Ukraine sein?

Soll­te die­ser elen­de Krieg zwi­schen Russ­land und der Ukrai­ne eines Tages enden, stellt sich zwangs­läu­fig die Fra­ge nach der künf­ti­gen staat­li­chen Ord­nung der Ukrai­ne. Wie wird die­se aus­se­hen? Ent­steht ein neu­er Natio­nal­staat mit einem neu defi­nier­ten ukrai­ni­schen Nationalbewusstsein?

Wie vie­le Staa­ten, die sich aus einem grö­ße­ren poli­ti­schen Ver­bund gelöst haben, steht auch die Ukrai­ne seit 1991, also seit dem Refe­ren­dum über die Unab­hän­gig­keit, vor der zen­tra­len Her­aus­for­de­rung der Neu­schaf­fung – bezie­hungs­wei­se der Neu­de­fi­ni­ti­on – einer natio­na­len Iden­ti­tät. Die­se Iden­ti­täts­su­che ist bis heu­te nicht abge­schlos­sen. Dabei lässt sich nicht leug­nen, dass es inner­halb der Ukrai­ne – zumin­dest in Tei­len – eine pro­ble­ma­ti­sche Nähe zu natio­na­lis­ti­schen, teils offen faschis­ti­schen Tra­di­ti­ons­li­ni­en gibt.

Wir erin­nern uns: Vor elf Jah­ren ehr­te der dama­li­ge ukrai­ni­sche Bot­schaf­ter in Deutsch­land, Andrij Mel­nyk, bei einem Besuch in Mün­chen am 27. April 2015 den Anti­se­mi­ten und NS-Kol­la­bo­ra­teur Ste­pan Ban­de­ra mit einem Blu­men­strauß an des­sen Grab. Ban­de­ra, ein über­zeug­ter Faschist, gilt in Tei­len der Ukrai­ne bis heu­te als Volksheld.

Es besteht daher die begrün­de­te Sor­ge, dass sich ein ukrai­ni­scher Natio­nal­staat – zumin­dest sym­bo­lisch – auf der Reha­bi­li­tie­rung und Heroi­sie­rung der natio­na­lis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen OUN/UPA und ihres Anfüh­rers Ste­pan Ban­de­ra auf­baut. Der Autor Micha­el Sit­niz­ki weist in die­sem Zusam­men­hang dar­auf hin:

Gleich zu Beginn der ukrai­ni­schen Eigen­staat­lich­keit fin­det seit August 1991 ein Pro­zess der Heroi­sie­rung der ehe­ma­li­gen Füh­rer der natio­na­lis­ti­schen Bewe­gung der 1920er- und 1940er-Jah­re statt. In der west­ukrai­ni­schen Stadt Kolo­mea (Oblast Iwa­no-Fran­kiwsk) wur­de eine der ers­ten Büs­ten zu Ehren von Ste­pan Ban­de­ra errichtet.

Identität, Werte und offene Fragen

Vor die­sem Hin­ter­grund stellt sich die Fra­ge, wie – und ob – nach Kriegs­en­de eine Iden­ti­täts­stif­tung auf Basis west­li­cher Wer­te in der Ukrai­ne gelin­gen kann. Vor allem aber: Ist eine sol­che Ent­wick­lung poli­tisch über­haupt gewollt?

Zwar spielt die Orga­ni­sa­ti­on Ukrai­ni­scher Natio­na­lis­ten heu­te fak­tisch kei­ne Rol­le mehr, und es ist nahe­lie­gend, dass Russ­land die Ban­de­ra-Tra­di­ti­on pro­pa­gan­dis­tisch instru­men­ta­li­siert. Den­noch bleibt fest­zu­hal­ten: Für eine voll­stän­di­ge poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Inte­gra­ti­on der Ukrai­ne in den Wes­ten müss­te der Per­so­nen­kult um den NS-Kol­la­bo­ra­teur Ban­de­ra kon­se­quent been­det werden.

Die Ukrai­ne täte gut dar­an, sämt­li­che sym­bo­li­schen Ehrun­gen – sei­en es Fei­er­ta­ge, Stra­ßen­na­men oder Denk­mä­ler – zu been­den und Per­so­nen wie Andrij Mel­nyk nicht län­ger als diplo­ma­ti­sche Reprä­sen­tan­ten ein­zu­set­zen. Denn selbst wenn die Ver­eh­rung Ban­de­ras und sei­ner ideo­lo­gi­schen Nach­fol­ger heu­te mar­gi­nal erschei­nen mag: Es könn­te sie als ideo­lo­gi­scher Zünd­fun­ke wir­ken und ein Fanal ins­be­son­de­re für die rechts­extre­men Par­tei­en und Bewe­gun­gen in Euro­pa und Deutsch­land setzen. 

Das Risi­ko ist nicht zu unterschätzen.

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