Das Heilsversprechen lautet dann verlässlich, dass wir schleunigst zur 40-Stunden-Woche zurückkehren und insgesamt einfach wieder deutlich mehr klotzen müssen. Nur so ließen sich angeblich die internationale Wettbewerbsfähigkeit und das Wirtschaftswachstum sichern.
Der Fokus auf eine ausgewogene Work-Life-Balance sei verkehrt, mit dieser Sichtweise ließe sich der Wohlstand in Deutschland nicht halten.
Die Realität sieht anders aus: Seit 1990 hat die Zahl der Erwerbstätigen, die neben ihrer Haupttätigkeit noch eine Nebentätigkeit haben verdoppelt.
Diese Argumentation der Politik ist also nur eine extrem verkürzte Darstellung komplexer Zusammenhänge, sondern schlichtweg falsch. Wahrer Fortschritt, bahnbrechende Innovationen und tatsächliche Produktivitätsgewinne entstehen eben gerade nicht dadurch, dass erschöpfte Beschäftigte noch mehr Lebenszeit am Arbeitsplatz absitzen. Das Gegenteil ist der Fall.
In den vergangenen Jahrzehnten haben die Arbeitnehmer bereits gewaltige Produktivitätssteigerungen gestemmt. Getrieben wurde diese Entwicklung vor allem durch die Digitalisierung, die fortschreitende Automatisierung und spürbar effizientere Prozesse. Man leistet heute in kürzerer Zeit fundamental mehr als früher.
Und: Die Früchte dieser Effizienzgewinne wurden laut Kritikern extrem ungleich verteilt. Während Unternehmen und Kapitalgeber kräftig profitierten, gingen die eigentlichen Leistungsträger – die Beschäftigten – bei der Verteilung in Form von adäquaten Lohnerhöhungen oder spürbaren Arbeitszeitverkürzungen weitgehend leer aus. Besonders absurd wirkt vor diesem Hintergrund die verstaubte Vorstellung, die Belegschaften müssten jetzt einfach noch einmal „mehr leisten“, obwohl der historische Zuwachs an Produktivität ohnehin schon längst auf ihren Schultern abgeladen wurde.
Bedenkt man weiter, dass zumindest im Nettoeinkommensvergleich Deutschland nur im Mittelfeld der Gehälter in der EU liegt, dürfte klar sein, dass die Aussage: Mehr Arbeit – mehr Wohlstand schlichtweg falsch ist. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Ausweitung der Arbeitszeit heißt ja nichts anderes als eine Lohnkürzung durch die Hintertür. Wir würden also im EU-Durchschnitt in der Nettolohnentwicklung weiter zurückfallen. Denkt man das weiter, ist bei einem Lohnverzicht der Binnenmarkt durch Konsumzurückhaltung der Bevölkerung mit den entsprechenden Auswirkungen für die Wirtschaft zusätzlich gefährdet.
Ich wünschte, in »den Medien« oder von den maßgeblichen Entscheidern nur ein einziges Mal eine so treffend und zugleich einfach zusammengefasste Darstellung zu lesen oder hören. Dort macht sich stattdessen ein »Neusprech« breit, in dem Kürzungen zu »Reformen« werden und echte Reformen gar nicht mehr vorkommen.
Eine echte Reform wäre eine strukturelle Veränderung, die messbar mehr Leistung für dieselben oder weniger Kosten erbrächte. Aber eben nicht mehr Leistung im Sinne von mehr Arbeit sondern im Sinne von mehr Ertrag aus bestehender Arbeitsleistung durch Innovation.
@Ulrich: Vielen Dank für die Blumen 😉 Leider ist es oftmals so, dass Medien den Argumenten der Politik unkritisch folgen.
Hallo Peter, das ist ein wirklich wichtiges und auch nerviges Thema! Angefangen bei der Anmaßung derer, die Arbeit “geben”, darüber entscheiden zu wollen, wie viel jemand arbeiten muss, der Arbeit annimmt über den von dir beleuchteten Trugschluss bis hin zum großen Elefanten in diesem Arbeitsladen: die weitere technologische Verdichtung, die zwar mit Effizienzgewinnen einhergeht, aber das nur indem sie stetig mehr von den Arbeitenden verlangt (wir kennen das aus dem Übergang von Brief zu E‑Mail – keine Entlastung, sondern gehobene Erwartungen – und werden das bei KI wieder sehen). Die Effizienzgewinne werden dann ganz selbstverständlich von den “Gebern” eingestrichen.
Was mich bei der derzeitigen Debatte besonders besorgt (vielleicht ist es intendiert, mindestens aber praktisch für die “Geber”): Es wird vermieden, darüber strategisch zu denken, zu sprechen und zu handeln, was es eigentlich heißt ( z.B. für soziale Sicherungssysteme etc.), wenn all die Leute dank KI nicht mehr in dem Maße gebraucht werden. Das wäre eine Debatte, die hilfreich und zukunftsweisend wäre. Die Debatte, ob wir zu faul sind oder so, ist lediglich eine Ablenkung, die uns teuer zu stehen kommen wird, wenn wir es als Gesellschaft in der Breite wieder verpasst haben werden, uns und allen gesellschaftlichen Akteuren eine Teilhabe an den Effizienzgewinnen zu sichern. Dann werden wir einfach nur weiter beklagen, wie die Schere auseinandergeht und die falschen politischen Akteure davon profitieren. Stupidity.
@Gilbert: Ich denke, dass die Möglichkeiten der KI bei weitem noch unterschätzt werden. Wenn es erst zum Durchbruch kommt, werden wir sehen, dass in einigen Bereichen sogar 35 Stunden zu viel sind. Der Ansatz der Neoliberalen ist mir klar: Mit mehr Arbeitsstunden und vermutlich erheblichen Effizienzgewinnen durch KI braucht es noch weniger Mitarbeiter. Leider gibt es für die meisten Menschen, unsere Regierung eingeschlossen, nur eine einfache Addition der Gegebenheiten mit der bekannten irrigen Annahme, dass Mehrarbeit zu mehr führt.
Du hast recht, aber es nicht “die Politik” und auch nicht “die Wirtschaft”, die kostenlose(!) Mehrarbeit fordern, es sind ganz bestimmte Interessen aus der Politik und der Wirtschaft, Kapital-Interessen hätte dazu früher gesagt. Vereinfacht könnte man sagen: Es gibt Leute, die wollen mehr vom Kuchen, als die bekommen, die dafür sorgen, dass der Kuchen überhaupt da ist. Statistisch auch ganz interessant: Die meisten Milliardäre in Deutschland haben noch nie gearbeitet für ihr Vermögen, sondern es lediglich vererbt bekommen.
@Rainer: Ja sicher, aber die Interessengruppen sind verstärkt genau da zu finden. Das ganze ist in sofern eine Farce, weil in der Industrie beispielsweise längst auftragsbezogen von 30–40 Std./Woche gearbeitet wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Unternehmen auf diese Flexibilisierung verzichten möchten.