Typisch deutsch?

Es mag viel­leicht fünf­zehn Jah­re her sein, da war der Schü­ler­aus­tausch an den Ober­schu­len obli­ga­to­risch. Das Netz­kind reis­te sei­ner­zeit in die USA und wir konn­ten bei uns zuhau­se ein Mäd­chen aus Frank­reich begrü­ßen. Eines der ers­ten Merk­wür­dig­kei­ten war, dass die­ses Mäd­chen hin­ter jede Tür guck­te und ob unse­rer Ver­wun­de­rung in rudi­men­tä­ren Eng­lish nach einem Por­trait­bild Hit­lers frag­te, dass es hin­ter der Tür vermutete. 

Ich war völ­lig per­plex. Das Mäd­chen erzähl­te dann, dass ihre Eltern und Groß­el­tern ihr mit auf den Weg gege­ben hät­ten, dass die meis­ten Deut­schen noch heu­te Natio­nal­so­zia­lis­ten wären und man das gut am hin­ter der Tür ver­steck­te Por­trait­bild Adolf Hit­lers erken­nen könne. 

So irren vie­le Kli­schees offen­bar noch heu­te durch die Köp­fe nicht nur unse­rer euro­päi­schen Nachbarn. 

Aber wie ver­hält sich das nun wirk­lich mit den Kli­schees über Deutsch­land? Sind wir tat­säch­lich die pünkt­li­chen, flei­ßi­gen, Ord­nung – und sau­ber­keits­lie­ben­den, spar­sa­men, spie­ßi­gen, Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten in einer Excel-Lis­te ein­tra­gen­den Volk von fin­di­gen Maschi­nen­bau-Inge­nieu­ren? Ein Volk, das zum Lachen in den Kel­ler geht, um da gleich die Lieb­lings­spei­se in Form von Kar­tof­feln mit nach oben zu bringen? 

Ein genauer Blick zeigt ein differenziertes Bild.

Ori­en­tie­ren wir uns an der deut­schen Bahn, könn­te man durch­aus eine gewis­se Lais­sez-fai­re-Hal­tung dar­aus ablei­ten, zumin­dest was die Pünkt­lich­keit angeht. Im beruf­li­chen Kon­text ist Pünkt­lich­keit noch immer eine Tugend, wer zu spät kommt, kann das zumin­dest heu­te leicht mit einer SMS entschuldigen. 

Auch das Ver­ständ­nis vom flei­ßi­gen Deut­schen hat sich ver­scho­ben: Galt noch vor ein paar Jah­ren die rei­ne Anwe­sen­heit als Fleiß, so inter­pre­tie­ren eini­ge Unter­neh­mer das heu­te rich­ti­ger­wei­se eher als Inef­fi­zi­enz und man­geln­den Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent. Die um 11.00 Uhr abends abge­sen­de­te E‑Mail mit CC an den Chef, gilt als ser­vi­les Ver­hal­ten, nicht als Fleiß.

Beim The­ma Ord­nungs­sinn zeigt sich heu­te unter ande­rem im Bereich der Müll­tren­nung und im hohen Stel­len­wert von Nor­men und Zer­ti­fi­zie­run­gen, etwa im Umwelt- und Qua­li­täts­ma­nage­ment. Deutsch­land gilt im inter­na­tio­na­len Ver­gleich als Land mit einer ver­gleichs­wei­se hoch ent­wi­ckel­ten Recy­cling- und Rege­lungs­kul­tur, wobei sich damit kaum eine Ord­nungs­lie­be des Ein­zel­nen able­sen lässt. All­ge­mein dürf­te die Ord­nungs­lie­be immer noch tief in der deut­schen Kul­tur ver­an­kert sein.

In der inter­kul­tu­rel­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­schung wird deut­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on im Ver­gleich etwa zu US-ame­ri­ka­ni­scher häu­fig als sach­be­zo­ge­ner und direk­ter beschrie­ben, mit gerin­ge­rer Beto­nung von Höf­lich­keits­flos­keln bei nega­ti­ver Rück­mel­dung. Die­se Direkt­heit wird in moder­nen Arbeits­kon­tex­ten oft als »kon­struk­ti­ves Feed­back« bezeich­net. Small­talk ist uns zwar nicht fremd, erreicht aber bei wei­ten nicht die Aus­prä­gung wie z.B. in den USA. 

Deut­sche Haus­hal­te gel­ten im euro­päi­schen Ver­gleich tra­di­tio­nell als spar­n­ei­gend, mit ver­gleichs­wei­se hoher Spar­quo­te und einem Hang zu sicher­heits­ori­en­tier­ten Anla­ge­for­men wie Fest­geld oder Ver­si­che­rungs­pro­duk­te gegen­über risi­ko­rei­che­ren Akti­en­an­la­gen. Das Spar­buch dürf­te aller­dings auf­grund von Nega­tiv­zin­sen bei den meis­ten Deut­schen nicht mehr gefragt sein. Jeder fünf­te Deut­sche inves­tiert sein Geld heu­te an der Bör­se. Die höchs­te Betei­li­gungs­quo­te inner­halb einer Alters­grup­pe sind dabei die 50–59jährigen.

Das stärks­te Wachs­tum und inzwi­schen größ­te Grup­pe sind aller­dings die Unter-40-Jäh­ri­ge. Das Fazit dar­aus ist wohl, dass die typisch deut­schen Tugen­den nicht ver­schwun­den sind, sich aber in ihrer Aus­prä­gung ver­än­dert haben. 

Eine Aus­nah­me bil­det die Pünkt­lich­keit im Bahn­ver­kehr, die sich anhand der Betriebs­da­ten nach­weis­bar ver­schlech­tert hat. Bei den übri­gen Berei­chen han­delt es sich eher um eine Ver­schie­bung der Aus­drucks­form als um einen beleg­ba­ren Bedeutungsverlust. 

Von einem Schwund deut­scher Tugen­den kann also nicht die Rede sein, ein­zig die Anpas­sung an heu­ti­ge Ver­hält­nis­se kann beob­ach­tet wer­den. Für alles ande­re scheint die gene­ti­sche Prä­gung, wenn man das so bezeich­nen will, dann doch zu stark zu sein. 😊

2 Kommentare zu „Typisch deutsch?“

  1. Typisch Deutsch? Das gibt es auf­grund der “Unter­wan­de­rung” durch ande­re mitt­ler­wei­le ein­ge­deutsch­te Kul­tu­ren schon län­ger nicht mehr. Das Bei­spiel Müll­tren­nung neh­me ich ger­ne auf: auch wenn Deutsch­land, was das recy­celn angeht im Ver­gleich gut da steht — die Bür­ger sind, nach mei­ner Beob­ach­tung hier bei den Mie­tern — was das Müll­ver­hal­ten angeht — die größ­ten Säue.
    Auch die Rei­ni­gung des Haus­flurs, Dach­bo­den, Außen­rei­ni­gung — frü­her ein Hap­pe­ning — das freu­de­strah­lend durch­ge­führt wur­de und einem das woh­li­ge Gefühl gab, eine wich­ti­ge Leis­tung für die Gemein­schaft erbracht zu haben, wird seit min­des­tens 20 Jah­ren nicht mehr frei­wil­lig gemacht, obwohl es im Miet­ver­trag und der Haus­or­dung ein­deu­tig Pflicht des Mie­ters ist. Lie­ber lässt man alles lie­gen (Rekord war ein halb ange­fres­se­nes Stück Bana­ne — die 2 Wochen auf der Trep­pe lag und deren Ver­fall von Hell über fle­ckig­braun zu einem mat­schi­gen schwar­zen Fleck jeden Bio­lo­gen erfreut hät­te) — der seni­le Opa von oben links (das bin ich) wird die kacke schon für die vom Arbeits­le­ben so gestress­ten Vips wegräumen.
    Das typisch Deut­sche basiert mei­ner Erfah­rung nach auf einem Gemein­schafts­sinn, bei dem jeder ein schlech­tes Gewis­sen hat­te, wenn ein Kol­le­ge wegen einer plötz­li­chen Erkran­kung mehr arbei­ten muss­te. Viel­leicht will Merz durch sei­ne zwin­gend perön­li­che Krank­schrei­bung am ers­ten Tag wie­der etwas mehr “typisch deut­sches” in uns fau­le Säcke hin­ein­prü­geln. Wir ver­ste­hen den Mann nur ein­fach nicht…
    Und ich glau­be, dass die­ses “typisch deut­sche Ver­hal­ten” durch den Weg­fall einer oder zwei Erzie­hungs­ge­nera­tio­nen in denen die Groß­müt­ter, den Müt­tern noch die Kin­der­er­zie­hung und die sozia­len Skills der Kin­der gelehrt haben kom­plett weg ist. Wir sind bes­ten­falls euro­päi­sches Mit­tel­maß. Des­halb wur­den wir auch nicht Fuss­ball­welt­meis­ter.. soo..

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    • Viel­leicht im Koh­len­pott, mein Lie­ber. Hier im Sau­er­land, zumal auf dem Dorf, herrscht noch Ord­nung. Da kann es schon mal pas­sie­ren, dass die 80zigjährige Oma von neben­an samt Gar­ten­ge­rä­ten über den Zaum klet­tert, weil das Unkraut ihrer Mei­nung nach über­hand nimmt. 

      Wenn Du die (fast tau­be) Groß­mutter dann fragt’s, ob das nicht ein biss­chen über­grif­fig wäre, was sie das macht, ant­wor­tet die nur:»Gerne gesche­hen, ich hab’ mir schon gedacht, dass ihr dafür kei­ne Zeit habt.« 😅

      Gruß aus dem unkraut­frei­en Sauerland

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