Sommerloch


Inspi­riert durch Horst Schul­tes und Wort­vo­gels Retro­spek­ti­ve füh­le ich mich her­aus­ge­for­dert, auch etwas über die Kind­heit mei­ner Gene­ra­ti­on zu erzählen. 

Wobei mei­ne Kind­heit und Jugend auch schon län­ger zurück­liegt und ich manch­mal nicht sicher bin, ob mich mei­ne Erin­ne­rung trügt oder etwas herbeiphantasiert. 

Prä­gen­de Erin­ne­rung in einer Kind­heit war die Zeit­lo­sig­keit, zumin­dest nach der Schu­le. Kei­ne Uhren, kei­ne Han­dys, nichts. Die Gene­ra­ti­on X waren die »Schlüs­sel­kin­der«. Die Eltern waren meist bei­de berufs­tä­tig. Wenn wir mit­tags von der Schu­le kamen, gab’s ent­we­der im Kühl­schrank beher­berg­tes Vor­ge­koch­tes oder eine Schüs­sel Hafer­flo­cken. Nach­mit­tags war die gro­ße Frei­heit ange­sagt. Ein­zi­ge Bedin­gung: Die Schul­klei­dung muss­ten gegen Frei­zeit­klei­dung getauscht wer­den und wenn es dun­kel wur­de, ging’s nach Hau­se. Ansons­ten gehör­te der Rest des Tages uns, zeit­los ohne Auf­sicht und immer auf der Suche nach Aben­teu­ern. Meist zu Fuß in einer Hor­de durch­streif­ten wir die Gegend, die Wäl­der und – immer hung­rig – auch die nahen Schre­ber­gär­ten im Som­mer, um uns an dem zu bedie­nen, was der Gar­ten hergab. 

Nicht immer ganz unge­fähr­lich denn die Schre­ber­gärt­ner waren nicht zim­per­lich, beim Ver­such einen von uns erwisch­ten. Da flog auch schon mal eine Mist­ga­bel, zin­ken­vor­wärts in unse­re Richtung. 

Ich schwei­fe ab, erzäh­len woll­te ich von mei­nem größ­ten Jugend­traum, der sich, neben dem Besitz eines Kett­cars, nicht erfül­len sollte. 

© Wiki­pe­dia gemeinfrei
Einer der Nach­bar­jungs führ­te eines Nach­mit­tags ein nie­gel­na­gel­neu­es Bonan­za­rad vor. Sowas hat­ten wir noch nicht gese­hen. Das spreng­te alle Vor­stel­lun­gen von Cool­ness, das war ein­fach nur ober­cool. Die brei­ten Rei­fen, die »Sprin­ger­ga­bel«, der hohe Len­ker, der Bana­nen­sat­tel und die Schal­tung in der Mit­te. Das Fahr­rad war der ulti­ma­ti­ve Wunsch jedes Zwölf­jäh­ri­gen. Natür­lich auch mei­ner. Der Ver­such den Wunsch an mei­ne Eltern mit dem berühm­ten Satz: »Ihr braucht mir nie wie­der was schen­ken« zu rea­li­sie­ren, schlug fehl. Die argu­men­ta­ti­ve Ver­nunft mei­nes Vaters in Hin­blick auf eine gewis­se Unhand­lich­keit beim Fah­ren ob des hohen Len­kers und der kon­struk­ti­ven Bau­wei­se, ließ die Chan­cen auf das heiß­be­gehr­te Bonan­za­rad auf Null sinken. 

Weih­nach­ten im Jah­re 1978 dann die Über­ra­schung. Ein Jugend­rad, 26 Zoll in stahl­blau not­dürf­tig mit Geschenk­pa­pier dra­piert, stand unter’m Weih­nachts­baum. Mei­ne Ent­täu­schung hät­te nicht grö­ßer sein kön­nen. Das Ding war mit Schutz­ble­chen und Licht­an­la­ge eben­so ver­nünf­tig wie uncool. 

Eine Woche spä­ter war das 26 Zoll Jugend­rad der Mar­ke Her­cu­les kom­plett zer­legt. Das Mon­tie­ren eines hohen Len­kers und eines Bana­nen­sat­tels mit­tels Kauf auf Pump beim dama­li­gen hei­mi­schen Fahr­rad­händ­ler, brach­te dem Fahr­rad die nöti­ge Cool­ness für die Nachbarsachaftkinderhorde. 

Mei­ne Erzie­hungs­be­rech­tig­ten teil­ten mei­ne Glücks­se­lig­keit aller­dings nicht. Noch jah­re­lang hör­te ich mei­nen Vater ob des Prei­ses von 150 Mark, für den Tausch eines voll funk­ti­ons­fä­hi­gen Jugend­rads gegen ein ver­kehrs­un­tüch­ti­ges ver­bas­tel­tes Zwei­rads schimpfen. 

1 Kommentar zu „Sommerloch“

  1. Jaaaaa … ein Bonan­za­rad. Wie cool. Hab ich auch nie bekom­men. Konn­te ich lamen­tie­ren wie ich woll­te. Kei­ne Chan­ce. Gab dann auch ein „rich­ti­ges“ Fahr­rad. Wur­de natür­lich auch sofort „ver­edelt“.

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