
Nun, heute, wo man alles zu allem tragen kann, ist vielleicht auch das ungebügelte Hemd angesagt, wer weiß das schon.
Aus meiner Jugendzeit wusste ich zu berichten, dass wir Hemden leicht klamm angezogen haben, erstens weil mehr als zwei, drei Hemden einen für damalige Verhältnisse ungeheuren Luxus darstellte und so eigentlich immer ein Hemd der Wäsche bedurfte und zweitens, weil ein am Körper getrocknetes Hemd gleich die richtige Passform hatte.
Zu der Zeit gab’s übrigens ebenfalls die Angewohnheit, neue, noch sehr steife Jeans in der Badewanne am Körper einzuweichen, damit sie sich perfekt an den eigenen Körper anpassen und beim Trocknen enger wurden, aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Jedenfalls ist Mrs. L bei der Suche nach einem Bügelbrett im Netz fündig geworden. Die Werbung verspricht nicht nur ein Material, dass selbst in Kampfjets Anwendung findet, [sic!] sondern darüber hinaus visuellen Glamour und »frischen Wind in das Design der Bügelbrettbezüge« bringen soll.
Selbst eine Smartphonehalterung ist an Bord, bzw. am Brett. Bluethooth sowieso, und wer möchte kann sich mittels App und Video-Tutorial im Handwerk des Bügelns unterstützen lassen.
Allein – die Preise lassen Mrs. L’s Begeisterung deutlich schwinden, der integrierte Wassertank und auch die stylische Aufmachung verhindert jedenfalls nicht die Anmerkung: »Bei den Preisen sollten wir wieder auf natürliche thermische Kontraktion setzen; dann trägst du deine Hemden halt wieder feucht.«
Lieber Peter,
was mich an dieser ganzen Smart-Bügelbrett-Geschichte eigentlich fasziniert, ist die verzweifelte Technologisierung des Alltäglichen. Wir leben in einer Zeit, in der ein Brett Bluetooth braucht – vermutlich, damit es uns per Push-Nachricht daran erinnert, dass wir seit drei Monaten nicht mehr gebügelt haben. Video-Tutorials fürs Bügeln! Als hätte die Menschheit Jahrtausende darauf gewartet, endlich wissenschaftlich fundiert die Ärmelfalte zu meistern.
Mrs. L’s Schlussfolgerung ist übrigens genial: Die eleganteste Lösung für überteuerte Innovation ist schlicht… Verzicht. Oder wie es mein Opa gesagt hätte: »Wozu ein teures Werkzeug kaufen, wenn man die Arbeit auch einfach sein lassen kann?«
Herzliche Grüße aus einer Welt, in der mein Bügeleisen vor Einsamkeit verstaubt,
Ron
@Ron: Die große Kunst der Werbung: Bedürfnisse schaffen, die vorher nicht da waren. 😉
Ich kann mich Ron nur anschließen.
Ergänzend kann ich noch anmerken, daß es nicht einfach war eine Kaffeemaschine zu finden, die nicht ’nach Hause telefoniert’, nachdem meine nach 20 Jahren die Dichtigkeit aufgegeben hatte. Von einem Airfryer ohne Chichi ganz zu schweigen. Das sind Recherchen, die verschlingen Stunden.🙂
Hier wird öfter gebügelt, ein Ärmelbrett habe ich allerdings nie vermisst — es geht auch gut ohne, wenn man gelernt hat wie.😉
Es gibt einen Trick: Bei Amazon gewünschtes Produkt mit dem Zusatz »ohne alles« eingeben. 😀
Früher war es “usus” (auch so ein Wort aus der alten Zeit, welches niemand mehr benutzt), dass auch Unterhosen gebügelt wurden — haben jedenfalls meine Mutter und deren Mutter noch gemacht. Habe nie verstanden, wieso. Man sieht den Schlüpper nicht, Bügelfalten braucht er deshalb nicht — und nach einem Tag kommt der Sackwärmer in die Tonne — so jedenfalls sollte es sein. Unnerbüxen waren ja zu der Zeit stylisch und Materialmäßig weit, weit — nein, noooooch weiter weg von aktueller Trikotage, die sich tatsächlich irgendwie an den Körper anpasst. Die Schlüpper von damals waren ätzend, das fing schon beim “Eingriff” an — diese kleine “hol ihn raus”-Öffnung, aus dem die einäugige Hosenschlange immer zu den ungünstigsten Momenten entkommen wollte, man aber auf öffentlichen Toiletten wie ein Behinderter das “gute Stück” rauspfriemeln musste, weil es sich in der hintersten Ecke der Feinripp verkrochen hatte.
Doch das nur am Rande…
Meine Oma hatte noch ein Bügelbrett mit Ärmelaufsatz — ich bügel seit knapp 30 Jahren nicht mehr — trage aber auch keine Business-Hemden.
Habe das Teil schon vor Jahren entsorgt — das Bügeleisen gleich dazu! Und ich habe es nicht eine Sekunde vermisst. Es gibt aber “Bügelstationen” mit dem ganzen Schickimicki im Web zu kaufen — falls man ein hoffnungsloser Romantiker ist..
@Peter: Schiesser Feinripp hießen die Dinger 😂. BTW. Jetzt wars’t du bei mir kommentarmäßig doppelt gelistet. Wenn das auch ein Hinweis auf einen nahenden Verfall war, können wir ja bald zusammen Entenfüttern am Baldeneysee. 😀
Ich glaub wir sind echt am Arsch, wenn wir jetzt schon so einen Firlefanz brauchen.
Von der Nummer mit dem klammen Hemd hab ich ja noch nie gehört, das mit der Jeans schon und selbstverständlich selbst praktiziert.
An das was Dr. Nerd erzählt, erinnere ich mich auch noch. Schiesser Feinripp mit Eingriff…zum Glück alles Geschichte.
@Martin: Klammes Portemonnaie, klammes Hemd. War bei mir eher der Tatsache geschuldet, dass das Geld nur für zwei drei Hemden reichte, die dann in den Kategorien: a)kann mal noch mal anziehen b) muss in die Wäsche c) kommt aus der Wäsche, eingeordnet wurden.