Bezeichnet man den „Internationalen Frühschoppen” als Talkrunde, würde man der Sendung Unrecht tun. Unter dem Motto „Sechs Journalisten aus fünf Ländern” diskutierten internationale Medienvertreter tagesaktuelle weltpolitische Themen.
Frühschoppen deshalb, weil standardmäßig Gläser mit Wein und Wasser auf dem Tisch standen. Dass dabei jemand zu Wasser griff, ist mir nicht erinnerlich.
Während andere Väter sonntags nach dem Hochamt in die Kneipe wechselten, auch zum Frühschoppen übrigens, ließ sich mein Vater bedeutungsschwer mit einem Kaffee und einer Schachtel Reval in den Sessel im Wohnzimmer fallen. Dann war klar: Es ist Sonntag, 12 Uhr, und jetzt wird’s politisch.
Die Themen waren nicht auf regionale Ereignisse beschränkt, jedoch gab es nur ein aktuelles Thema, das in der Sendezeit von 45 Minuten aus unterschiedlichen Perspektiven der Herkunftsländer der eingeladenen Journalisten ausgeleuchtet wurde.

Besonders faszinierend: Es wurde nicht nur getrunken, sondern auch geraucht, was das Zeug hielt. Aus heutiger Sicht undenkbar. Ich glaube, der letzte öffentliche Raucher im TV war der 2015 verstorbene ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt. Ihm ließen die Moderatoren das Qualmen im Studio durchgehen – schon allein aus Respekt davor, kettenrauchend über 90 Jahre alt geworden zu sein.
Jedenfalls wurde auch beim Internationalen Frühschoppen mächtig gequalmt. Das war zu der Zeit freilich nichts Ungewöhnliches, ich erinnere mich an lange Autofahrten mit den Eltern, mit übervollen Einschubaschenbechern im Fond, einem nebeldichten Vorhang aus Qualm im Opel Rekord und dem Hinweis, nicht das Fenster aufzumachen, da wir Kinder ja sonst krank werden könnten.
Rauchen war damals so normal wie Essen und Trinken. Der Internationale Frühschoppen machte da keine Ausnahme. Der Erzählung nach soll Moderator Werner Höfer immer eine Schachtel Zigaretten dabeigehabt haben, um lungenschmachtende Journalisten aus der Misere zu helfen.
Höfer war übrigens nicht unumstritten. Im Jahre 1987 veröffentlichte der SPIEGEL einen Artikel, in dem der Journalist und Moderator Werner Höfer ein Todesurteil des Volksgerichtshofs im Jahre 1943 gegen einen Künstler gut hieß, und die Hinrichtung feierte. Höfer zog sich zurück und starb nach Informationen verbittert im Jahre 1997 im Alter von 84 Jahren. Dass es am Passivrauchen im Studio lag, ist nicht belegt.
Die Sendung gibt’s heute immer noch, sie heißt jetzt Presseclub. Die Zigarettensorte REVAL gibt’s auch noch. Geraucht wird allerdings kaum noch.
Sehr schön. Ich erinnere mich so gut. Ich habe als Jugendlicher den Intern. Frühschoppen angesehen. Nicht, dass ich alles verstanden hätte. Aber die Wortgewalt der dort “auftretenden” Journalist/innen hat mich unglaublich stark beeindruckt. Das war übrigens viel später bei “Das Literarische Quartett” ganz ähnlich. Reich-Ranicki und seine MitstreiterInnen imponierten mir ob ihrer Wortgewalt so krass, dass ich kaum eine Sendung ausgelassen habe. Verstanden habe ich auch hier nicht alles. Und zwar, weil mir die Grundlage, das Bücherlesen, fehlte. Meine Schwester hat das als absolute Leseratte halbwegs kompensiert.
Jau, Werner Höfer kenne ich auch noch. Was für ein Klassen-Unterschied zu politischen Talkshows mit Moderatoren wie Lanz, der gegen damalige Urgesteine der öffentlich rechtlichen wie ein Zerrbild wirkt — und sowohl vom Charakter als auch vom Fachwissen wirkt wie Hautschule 5. Klasse abgebrochen gegen Staatsexamen Jura Summa cum laude. Klaus Havenstein, Hans Rosenthal, Peter Frankenfeld, Hans Joachim Kulenkampf würden heute in jeder politischen Talkshow besser abschneiden, wie der narzistische Dumpfdödel Markus L.
Naja, wenn ich wie gestern Fernsehen schaue und dann C‑Promis wie Mareike Amado, Max Kruse, Ralf Morgenstern und etliche andere totgeglaubte TV-Zombies in “die Verräter” sehe, dann ist klar — wir sind am Arsch! Fernsehen wird für die breite Masse gemacht — und die ist strunzdumm und abgestumpft..
Wohl dem, der eine NAS hat und knapp 4.000 Filme und Serienepisoden aus den 70ern, 80ern und 90ern..
Ich guck dann mal “immer wenn er Pillen nahm” und hoffe, dass meine Cannabis-Ernte diesmal etwas ergiebiger ausfällt..
@Dr. Nerd: Oder nach der Ernte diese Szene. 🙂
Das könnte natürlich auch passieren.. 🙂