Sechs Journalisten, fünf Länder, ein Aschenbecher

In den sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jah­ren präg­te eine Sen­dung die Dis­kus­si­ons­kul­tur in Deutsch­land, die in eini­gen Fami­li­en so fest zum Sonn­tags­ri­tu­al gehör­te wie der Sonntagsbraten.

Bezeich­net man den „Inter­na­tio­na­len Früh­schop­pen” als Talk­run­de, wür­de man der Sen­dung Unrecht tun. Unter dem Mot­to „Sechs Jour­na­lis­ten aus fünf Län­dern” dis­ku­tier­ten inter­na­tio­na­le Medi­en­ver­tre­ter tages­ak­tu­el­le welt­po­li­ti­sche Themen.

Früh­schop­pen des­halb, weil stan­dard­mä­ßig Glä­ser mit Wein und Was­ser auf dem Tisch stan­den. Dass dabei jemand zu Was­ser griff, ist mir nicht erinnerlich.

Wäh­rend ande­re Väter sonn­tags nach dem Hoch­amt in die Knei­pe wech­sel­ten, auch zum Früh­schop­pen übri­gens, ließ sich mein Vater bedeu­tungs­schwer mit einem Kaf­fee und einer Schach­tel Reval in den Ses­sel im Wohn­zim­mer fal­len. Dann war klar: Es ist Sonn­tag, 12 Uhr, und jetzt wird’s politisch.

Die The­men waren nicht auf regio­na­le Ereig­nis­se beschränkt, jedoch gab es nur ein aktu­el­les The­ma, das in der Sen­de­zeit von 45 Minu­ten aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven der Her­kunfts­län­der der ein­ge­la­de­nen Jour­na­lis­ten aus­ge­leuch­tet wurde.

Screen­shot: Der inter­na­tio­na­le Früh­schop­pen — ARD Media­thek — Klick zum Video

Beson­ders fas­zi­nie­rend: Es wur­de nicht nur getrun­ken, son­dern auch geraucht, was das Zeug hielt. Aus heu­ti­ger Sicht undenk­bar. Ich glau­be, der letz­te öffent­li­che Rau­cher im TV war der 2015 ver­stor­be­ne ehe­ma­li­ge Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt. Ihm lie­ßen die Mode­ra­to­ren das Qual­men im Stu­dio durch­ge­hen – schon allein aus Respekt davor, ket­ten­rau­chend über 90 Jah­re alt gewor­den zu sein.

Jeden­falls wur­de auch beim Inter­na­tio­na­len Früh­schop­pen mäch­tig gequalmt. Das war zu der Zeit frei­lich nichts Unge­wöhn­li­ches, ich erin­ne­re mich an lan­ge Auto­fahr­ten mit den Eltern, mit über­vol­len Ein­schub­aschen­be­chern im Fond, einem nebel­dich­ten Vor­hang aus Qualm im Opel Rekord und dem Hin­weis, nicht das Fens­ter auf­zu­ma­chen, da wir Kin­der ja sonst krank wer­den könnten.

Rau­chen war damals so nor­mal wie Essen und Trin­ken. Der Inter­na­tio­na­le Früh­schop­pen mach­te da kei­ne Aus­nah­me. Der Erzäh­lung nach soll Mode­ra­tor Wer­ner Höfer immer eine Schach­tel Ziga­ret­ten dabei­ge­habt haben, um lun­gen­schmach­ten­de Jour­na­lis­ten aus der Mise­re zu helfen.

Höfer war übri­gens nicht unum­strit­ten. Im Jah­re 1987 ver­öf­fent­lich­te der SPIEGEL einen Arti­kel, in dem der Jour­na­list und Mode­ra­tor Wer­ner Höfer ein Todes­ur­teil des Volks­ge­richts­hofs im Jah­re 1943 gegen einen Künst­ler gut hieß, und die Hin­rich­tung fei­er­te. Höfer zog sich zurück und starb nach Infor­ma­tio­nen ver­bit­tert im Jah­re 1997 im Alter von 84 Jah­ren. Dass es am Pas­siv­rau­chen im Stu­dio lag, ist nicht belegt. 

Die Sen­dung gibt’s heu­te immer noch, sie heißt jetzt Pres­se­club. Die Ziga­ret­ten­sor­te REVAL gibt’s auch noch. Geraucht wird aller­dings kaum noch. 

6 Kommentare zu „Sechs Journalisten, fünf Länder, ein Aschenbecher“

  1. Sehr schön. Ich erin­ne­re mich so gut. Ich habe als Jugend­li­cher den Intern. Früh­schop­pen ange­se­hen. Nicht, dass ich alles ver­stan­den hät­te. Aber die Wort­ge­walt der dort “auf­tre­ten­den” Journalist/innen hat mich unglaub­lich stark beein­druckt. Das war übri­gens viel spä­ter bei “Das Lite­ra­ri­sche Quar­tett” ganz ähn­lich. Reich-Rani­cki und sei­ne Mit­strei­te­rIn­nen impo­nier­ten mir ob ihrer Wort­ge­walt so krass, dass ich kaum eine Sen­dung aus­ge­las­sen habe. Ver­stan­den habe ich auch hier nicht alles. Und zwar, weil mir die Grund­la­ge, das Bücher­le­sen, fehl­te. Mei­ne Schwes­ter hat das als abso­lu­te Lese­rat­te halb­wegs kompensiert.

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  2. Jau, Wer­ner Höfer ken­ne ich auch noch. Was für ein Klas­sen-Unter­schied zu poli­ti­schen Talk­shows mit Mode­ra­to­ren wie Lanz, der gegen dama­li­ge Urge­stei­ne der öffent­lich recht­li­chen wie ein Zerr­bild wirkt — und sowohl vom Cha­rak­ter als auch vom Fach­wis­sen wirkt wie Haut­schu­le 5. Klas­se abge­bro­chen gegen Staats­examen Jura Sum­ma cum lau­de. Klaus Haven­stein, Hans Rosen­thal, Peter Fran­ken­feld, Hans Joa­chim Kulen­kampf wür­den heu­te in jeder poli­ti­schen Talk­show bes­ser abschnei­den, wie der nar­zis­ti­sche Dumpfdödel Mar­kus L.
    Naja, wenn ich wie ges­tern Fern­se­hen schaue und dann C‑Promis wie Marei­ke Ama­do, Max Kru­se, Ralf Mor­gen­stern und etli­che ande­re tot­ge­glaub­te TV-Zom­bies in “die Ver­rä­ter” sehe, dann ist klar — wir sind am Arsch! Fern­se­hen wird für die brei­te Mas­se gemacht — und die ist strunz­dumm und abgestumpft..
    Wohl dem, der eine NAS hat und knapp 4.000 Fil­me und Seri­en­epi­so­den aus den 70ern, 80ern und 90ern..
    Ich guck dann mal “immer wenn er Pil­len nahm” und hof­fe, dass mei­ne Can­na­bis-Ern­te dies­mal etwas ergie­bi­ger ausfällt..

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