Schöne neue Diktatur

Bei den Land­tags­wah­len in Sach­sen-Anhalt am 6. Sep­tem­ber deu­tet sich eine kom­for­ta­ble Mehr­heit für die AfD an – und damit die Aus­sicht auf die ers­te rechts­extre­me Lan­des­re­gie­rung in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik seit 1945.

Man ver­lor im fer­nen Mag­de­burg auch kei­ne Zeit und leg­te umge­hend ein soge­nann­tes »10-Punk­te-Pro­gramm« für die ers­ten ein­hun­dert Tage vor. Dass die­se Maß­nah­men mit reich­lich Pathos insze­niert wer­den, über­rascht kaum. Schließ­lich geht es der Par­tei im Kern sel­ten um prag­ma­ti­sche Ver­bes­se­run­gen, son­dern viel­mehr um eine ideo­lo­gi­sche »Umer­zie­hung« der Bevöl­ke­rung – hin zu einer natio­nal­kon­ser­va­ti­ven, alt­ba­cke­nen Rührseligkeit.

Bemer­kens­wert ist dabei, dass die AfD inzwi­schen nicht ein­mal mehr davor zurück­schreckt, die eins­ti­ge sozia­lis­ti­sche Dik­ta­tur, vul­go den Über­wa­chungs­staat DDR, für ihre eige­nen pro­pa­gan­dis­ti­schen Zwe­cke ein­zu­span­nen. Björn Höcke ent­blö­det sich tat­säch­lich nicht, mit dem popu­lis­ti­schen Stan­dard-Satz »Das hät­te es in der DDR nicht gege­ben« Stim­mung zu machen.

Wie dem auch sei: Das 10-Punk­te-Pro­gramm spricht Bän­de. Es offen­bart nicht nur eine tie­fe Rück­wärts­ge­wandt­heit, son­dern zeugt vor allem von einer latent into­le­ran­ten Denk­wei­se und trieft vor alber­ner Deutschtümelei. 

Der Kata­log lis­tet unter ande­rem For­de­run­gen auf wie die dras­ti­sche Strei­chung von Gel­dern für par­tei­na­he Stif­tun­gen sowie für ver­schie­de­ne Pro­gram­me im Bereich der Demo­kra­tie­för­de­rung. Hin­zu kommt die obli­ga­to­ri­sche Beflag­gung von Schu­len mit der Bun­des­flag­ge sowie eine neue Lan­des­kam­pa­gne: Aus der bis­he­ri­gen Initia­ti­ve »#modern­den­ken« soll kur­zer­hand »#deutsch­den­ken« wer­den – was auch immer das kon­kret bedeu­ten mag.
Abge­run­det wird das Paket durch die Kün­di­gung des Rund­funk­staats­ver­trags, flä­chen­de­cken­de Arbeits­pflich­ten für Asyl­be­wer­ber und – wenig über­ra­schend– wei­te­ren und mehr Abschiebungen.

Bei genaue­rer Betrach­tung ist das Gan­ze ein poli­ti­sches Blend­werk. Etli­che der Punk­te dürf­ten schon an den recht­li­chen Hür­den des föde­ra­len Sys­tems oder des Grund­ge­set­zes schei­tern. Ande­re ent­zie­hen sich schlicht jed­we­der Logik. Der Rest ist rei­ne, laut­star­ke Sym­bol- und Iden­ti­täts­po­li­tik für die eige­ne Wählerschaft.

Am Ende ent­puppt sich das voll­mun­di­ge 100-Tage-Pro­gramm vor allem als eines: ein rück­wärts­ge­wand­tes Dreh­buch für den sys­te­ma­ti­schen Abbau demo­kra­ti­scher Struk­tu­ren, ver­packt in das sen­ti­men­ta­le Gewand einer ver­meint­lich bes­se­ren Vergangenheit. 

Wer die DDR-Dik­ta­tur bemü­hen muss, um eine auto­ri­tä­re Zukunft zu legi­ti­mie­ren, hat das Prin­zip der Frei­heit ohne­hin nie verstanden.

Man darf gespannt sein, wie viel Rea­li­tät die­ses Ideo­lo­gie ver­trägt – oder am Ende den Machern ob der eige­nen Macht­be­sof­fen­heit um die Ohren fliegt. 

1 Kommentar zu „Schöne neue Diktatur“

  1. Wenn dort 40% der Men­schen die AfD wäh­len, dann zeigt es, dass bei vie­len noch die “gute alte DDR” im Hin­ter­kopf steckt. Ein Ex-Vor­ge­setz­ter (mit tota­lem Socken­schuss) sag­te selbst mal: “es war nicht alles schlecht unter *dolf”. Klar, kann man ja sagen, wenn man nicht in der Zeit gelebt hat und den Krieg nur aus der ZDF Doku Media­thek kennt.
    Dass Men­schen schlech­te Erleb­nis­se ver­drän­gen und sich gute Erleb­nis­se dafür stär­ker in den Vor­der­grund schie­ben ist zwar für die Psy­che des Men­schen gut — hilft aber bei der mensch­li­chen Evo­lu­ti­on und der per­sön­li­chen Lern­kur­ve kein Stück weiter.
    Naja, sol­len sie machen — die Täte­rä-Bür­ger wer­den fest­stel­len, dass die AfD­ler auch nur mit Was­ser kochen und denen wird sicher durch die ande­ren Par­tei­en ein har­ter Wind ent­ge­gen­we­hen. Schau­en wir mal..

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