Rentenreform oder Nebelkerze?

IG-Metall Arns­berg mit freund­li­cher Genehmigung
In sel­te­ner Ein­tracht wur­den die Vor­schlä­ge der Kom­mis­si­on zur Ren­ten­re­form von allen Betei­lig­ten gelobt. Von einem Gesamt­kunst­werk ist da die Rede. Aber ist das wirk­lich so? Oder ver­birgt sich hin­ter dem schö­nen Schein vor allem eine hand­fes­te Mogel­pa­ckung für Mil­lio­nen Arbeitnehmer?

Die ver­meint­li­che Reform hat im Grun­de einen ganz simp­len Kern: Die end­gül­ti­ge Abschaf­fung der Mög­lich­keit, vor dem 67. Lebens­jahr regu­lär in Ren­te gehen zu kön­nen. Wer frü­her in den Ruhe­stand will, hat künf­tig schlicht Pech gehabt. Um ganz sicher­zu­ge­hen und auch das letz­te Schlupf­loch zu stop­fen, sol­len die Optio­nen für die Alters­teil­zeit (ATZ) mas­siv ein­ge­schränkt wer­den. Die Alters­teil­zeit Im Block­mo­dell soll es nach Wil­len der Regie­rung nicht mehr geben. 

Dass nicht jeder Hand­wer­ker, jede Pfle­ge­kraft oder jeder Arbeit­neh­mer im Schicht­dienst bis zum 67. Lebens­jahr durch­hält, ist eigent­lich auch den Herr­schaf­ten in den Minis­te­ri­en klar. Doch die ver­spro­che­nen Aus­nah­me­re­ge­lun­gen für beson­ders belas­te­te Beru­fe, um viel­leicht doch eher in den Ruhe­stand gehen zu kön­nen, sind wohl eher Maku­la­tur. Wer sich dar­auf ver­lässt, wird am Ende ver­mut­lich durch die Büro­kra­tie abge­schreckt und nimmt eher eine Ren­ten­kür­zung in Kauf. Wer kör­per­lich nicht mehr kann, muss eben mit Abschlä­gen gehen.

Die Betrof­fe­nen in Zah­len: Min­des­tens ein Vier­tel (25 %) der rund 42,3 Mil­lio­nen Erwerbs­tä­ti­gen in Deutsch­land arbei­tet in Beru­fen, die kör­per­lich so extrem belas­tend sind, dass sie bereits mit 60 Jah­ren nur noch schwer zu bewäl­ti­gen sind. Anders gerech­net bedeu­tet das: Ca. 10 Mil­lio­nen hart arbei­ten­der Men­schen wer­den mit erheb­li­chen Kür­zun­gen ihrer wohl­ver­dien­ten Ren­te rech­nen müssen.

Als wäre das nicht genug, zau­bert die Kom­mis­si­on noch einen alten Bekann­ten aus dem Hut: die Wie­der­ein­füh­rung des Nach­hal­tig­keits­fak­tors. Kon­kret heißt das: Wenn die Zahl der Rent­ner im Ver­hält­nis zu den Bei­trags­zah­lern steigt – weil die Gene­ra­ti­on der Baby­boo­mer sich ver­ab­schie­det und die demo­gra­fi­sche Last wächst –, fällt der Ren­ten­wert auto­ma­tisch. Bis­her gab es zumin­dest ein Sicher­heits­netz: Eine gesetz­li­che Hal­te­li­nie sorg­te seit 2022 dafür, dass das Ren­ten­ni­veau bei min­des­tens 48 Pro­zent gehal­ten wird. Solan­ge die­se Gren­ze stand, war der oben erwähn­te Nach­hal­tig­keits­fak­tor qua­si außer Kraft – das Gesetz ver­bot schlicht jeden Mecha­nis­mus, der die Ren­ten unter die­se Mar­ke gedrückt hätte.

Damit soll es nach den Vor­schlä­gen der Ren­ten­kom­mis­si­on nun vor­bei sein. Dass die 48-Pro­zent-Mar­ke wohl ver­dammt schnell Geschich­te sein wird, lässt sich wun­der­bar an den jüngs­ten Nebel­ker­zen der Poli­tik able­sen. Bun­des­kanz­ler Fried­rich Merz tön­te bereits, dass „per­spek­ti­visch das soge­nann­te Ren­ten­ni­veau dank der Kapi­tal­de­ckung wie­der anstei­gen“ sol­le. Wer zwi­schen den Zei­len liest, weiß, was das auf Deutsch heißt: Erst mal geht es steil bergab.

Als gro­ßer Heils­brin­ger wird uns nun der Ein­stieg in die kapi­tal­ge­deck­te Ren­te ver­kauft. Finanz­ex­per­ten fin­den den Schritt auf den Akti­en­markt zwar prin­zi­pi­ell ganz nett, schüt­teln beim Blick auf die Rea­li­tät aber den Kopf. Die geplan­ten 2 Pro­zent jähr­lich vom Brut­to­ein­kom­men rei­chen laut Fach­leu­ten „bei wei­tem nicht aus“, um die Löcher im Sys­tem auch nur ansatz­wei­se zu stopfen.

Um der Bevöl­ke­rung die Akti­en­ren­te schmack­haft zu machen, ver­weist die Bun­des­re­gie­rung übri­gens beson­ders gern auf das ver­meint­li­che Mus­ter­kna­be-Modell in Schwe­den. Schaut man sich dort die ech­ten Zah­len an, wird es aller­dings schnell ernüch­ternd. Der tat­säch­li­che Anteil der kapi­tal­ge­deck­ten Ren­te ist in Schwe­den über­ra­schend mickrig:

  • Die schwe­di­sche Rea­li­tät: Die Durch­schnitts­ren­te lag dort im Jahr 2019 bei 1.850 Euro.
  • Die tra­gen­de Säu­le: Sat­te 1.300 Euro stamm­ten nach wie vor aus der ganz klas­si­schen ers­ten Säu­le – dem Umlageverfahren.
  • Die betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung macht zwi­schen 25 % und 30 % der Gesamt­ren­te aus. Arbeit­ge­ber zah­len min­des­tens 4,5 % des Brut­to­ein­kom­mens ein.
  • Das Akti­en­er­geb­nis: Gera­de ein­mal 70 Euro – also knap­pe vier Pro­zent der Gesamt­ren­te – kamen am Ende aus der akti­en­ba­sier­ten Prä­mi­en­ren­te herum.
  • Quel­len:
    ing.de
    institutional-money.com
    ftd.de

    Und das, obwohl die­ses Sys­tem in Schwe­den zum dama­li­gen Zeit­punkt bereits seit stol­zen 20 Jah­ren lief. Wer hier­zu­lan­de also auf das gro­ße Akti­en-Wun­der hofft, um die Löcher der gestri­che­nen Hal­te­li­nie zu stop­fen, dürf­te in ein paar Jahr­zehn­ten ziem­lich dumm aus der Wäsche gucken.

    Kurz­um: Gehen die Reform­vor­schlä­ge eins zu eins durch, wan­dert die nächs­te Ren­ten­kür­zung auf den Tisch. Ver­packt wird das Gan­ze in die unrea­lis­ti­sche Sto­ry vom gro­ßen Bör­sen-Aus­gleich, wäh­rend der Staat ver­mut­lich nur den per­fek­ten Ein­stieg sucht, um das The­ma Alters­vor­sor­ge nach und nach dem Kapi­tal­markt zu überlassen.

    4 Kommentare zu „Rentenreform oder Nebelkerze?“

    1. Man muss es nur auf sich wir­ken las­sen, wie alle Poli­ti­ker der Koali­ti­on plötz­lich osten­ta­tiv unab­ge­spro­chen daher­kom­men und behaup­ten: “Das geht aber nur als Gesamt­pa­ket.” “Das darf man jetzt nur nicht auf­schnü­ren.” “Alles aus einem Guss.” “Gesamt­kunst­werk.” Wenn ich das höre, krie­ge ich ohne Ahnung von der Mate­rie zu haben eine ande­re dunk­le Ahnung: Da will man jeg­li­che Dis­kus­si­on ver­mei­den und jetzt schnell Tat­sa­chen schaf­fen. Fehlt nur, dass noch einer sagt: “Lesen/Analysieren müsst ihr das nicht, ver­traut uns!”

      Darf man nicht auf­schnü­ren? War­um eigent­lich nicht? Lasst uns doch mal dar­über reden, was ein­zel­ne Ideen brin­gen, wie man sie viel­leicht auch unter einem ande­ren Fokus wie Alters­ar­mut ver­bes­sern oder kom­bi­nie­ren kann.

      Und zum Schluss betrübt mich immer wie­der, wie für die Neo­li­be­ra­len auf die SPD immer Ver­lass ist, deren Was­ser zu tra­gen. Kann man sich hin­ter­her hin­stel­len und sagen, die Sozen woll­ten das. Unglaublich.

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      • @Gilbert: Wie bereits unter Schrö­der: Wer hat uns ver­ra­ten? Sozi­al­de­mo­kra­ten. Ausgerechnet.

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    2. Bei der aktu­el­len labi­len Welt-Wirt­schaft hal­te ich eine Inves­ti­ti­on in Akti­en eher für sub­op­ti­mal. Egal was für Fonds man wählt — es gibt ein nicht uner­heb­li­ches Risi­ko, dass man weni­ger aus­be­zahlt bekommt, als man ein­ge­zahlt hat.
      Die KI als Geld­druck-Maschi­ne im Akti­en­markt? Ich pro­phe­zeie mal, dass die­se Bla­se plat­zen wird und die Mil­li­ar­den-Inves­ti­tio­nen in strom­fres­sen­de und Res­sour­cen ver­schlin­gen­de Rechen­zen­tren ver­puf­fen und nichts übrig bleibt außer Trä­nen in den Augen der Anle­ger. Ande­re Bran­chen? Eher Sta­gna­ti­on statt Auf­schwung. Klar, der Dow Jones ist bei über 52.000 und die Kur­ve sieht ganz nett aus — man darf aber nicht über­se­hen wie stark der im März abge­kackt ist (genau­so wie der DAX) — und ich den­ke in Trump­land wird es noch ein böses erwa­chen geben.
      Der Schritt in eine ver­pflich­ten­de ZUSÄTZLICHE kapi­tal­ge­deck­te Alters­ren­te kommt 20 bis 30 Jah­re zu spät. Zehn­tau­sen­de, wenn nicht hun­dert­tau­sen­de Arbeit­neh­mer hat­ten nach der Arbeits­markt­re­form (Schrö­der, Cle­ment, Mün­te­feh­ring — alles Sozis!) gar kein Geld übrig um ein zwei­tes finan­zi­el­les Stand­bein für die Ren­te auf­zu­bau­en. Aber wenigs­tens wird die Ries­ter-Ren­te nächs­tes Jahr abgeschafft..

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    3. Na bes­ser spät als nie… Wenn man sich die Akti­en­märk­te lang­fris­tig anschaut, muss man Recht geben, dass es gut für unser Ren­ten­sys­tem gewe­sen wäre, wenn wir dort schon vor 30 Jah­ren ein­ge­stie­gen wären. Ob das am Akti­en­markt nach einer kur­zen Kor­rek­tur lang­fris­tig so posi­tiv wei­ter­geht, bleibt abzu­war­ten. Wenn nicht, ste­hen wir aber nicht nur mit der Ren­te vor sys­te­mi­schen Umwäl­zun­gen in der Wirtschaft.

      Ja, finanz­te­chisch muss AI erst mal schei­tern, ich hat­te hier mal das Argu­ment zusam­men­ge­tra­gen: https://www.claudia-klinger.de/digidiary/2026/06/02/das-ki-dillemma-google-startet-rattenrennen-um-die-finanzierung/#comment-625897

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