Pornös

Ich bin immer wie­der erstaunt über Din­ge, die ich noch nicht gese­hen habe. Eigent­lich bin ich ja in einem Alter, in dem man das meis­te zumin­dest schon mal über­flo­gen, davon gehört oder gele­sen haben soll­te. Und doch schafft es das Leben immer wie­der, mich visu­ell eis­kalt zu erwischen.

Neu­lich im Super­markt mei­nes Ver­trau­ens, direkt an der Fleisch­the­ke. Der Typ dahin­ter – Metz­ger oder Fleisch­fach­ver­käu­fer, man weiß es nicht genau – dürf­te vor­sich­tig geschätzt um die vier­zig gewe­sen sein. Was mich völ­lig fas­zi­nier­te und ver­mut­lich dazu brach­te, ihn mehr als nötig anzu­star­ren, war eine Namen­s­tä­to­wie­rung mit­ten im Gesicht, genau­er — über der rech­ten Augenbraue.

Ganz ehr­lich: Am liebs­ten hät­te ich ein Foto von dem Schrift­zug »Dani­ella« gemacht – und sei es nur, um im Netz auf die aku­ten Gefah­ren offen­sicht­li­cher Voll­trun­ken­heit auf­merk­sam zu machen. Getraut habe ich mich natür­lich nicht. Im Gegen­teil: Um die Sache nicht noch unan­ge­neh­mer zu machen, starr­te ich betre­ten in die Aus­le­ge­wa­re zwi­schen Mett und Kote­letts und biss mir auf die Lip­pen, um dem armen Kerl einen spon­ta­nen Hei­ter­keits­aus­bruch mei­ner­seits zu ersparen.

Nur so als gut gemein­ter Tipp, falls irgend­wer da drau­ßen immer noch der irri­gen Annah­me erliegt, ein Name im Gesicht wäre der ulti­ma­ti­ve Lie­bes­be­weis: Lasst Euch den Scheiß aus dem Gesicht lasern, wenn ihr so einen bescheu­er­ten Feh­ler im Voll­suff oder Dro­gen­rausch gemacht habt. Das Geld dafür ist gut angelegt.

Apro­pos Kör­per­lich­keit: Es gibt tat­säch­lich – und jetzt hal­ten Sie sich bit­te fest – ein Bor­dell, in dem Kun­de und Kun­din­nen ihre sexu­el­le Not­durft an Pup­pen aus­le­ben kön­nen. Das erstaunt mich dann doch noch ein gan­zes Stück mehr als eine Gesicht­stä­to­wie­rung. Ich mei­ne, von zweck­ent­frem­de­ten Staub­saugern hat man ja schon gehört. Eben­so vom unbän­di­gen Bedürf­nis eini­ger Män­ner, ihren Schnie­del in wer weiß was hin­ein­zu­ste­cken. Aber eine kom­mer­zi­el­le Dienst­leis­tung mit der­lei Spiel­zeug zur Trieb­ab­fuhr war mir neu.

KI macht es offen­bar mög­lich. Bewor­ben wird das Gan­ze als das „welt­weit ers­te Rol­len­spiel-Erleb­nis: die Kom­bi­na­ti­on von lebens­ech­ter Lie­bes­pup­pe mit inter­ak­ti­ver mensch­li­cher Stim­me.“ Initia­tor des Pup­pen­puffs ist der Fil­me­ma­cher Phil­ipp Fus­se­n­eg­ger, der nach eige­nen Aus­sa­gen einen „siche­ren Raum“ schaf­fen woll­te, in dem Men­schen und Maschi­nen sich auf sinn­li­che Art näher­kom­men können.

Wenn die Pup­pe dank künst­li­cher Intel­li­genz jetzt auch noch inter­ak­tiv spricht, dürf­te das für die Stamm­kund­schaft Fluch und Segen zugleich sein. End­lich eine Part­ne­rin, die theo­re­tisch nie Kopf­schmer­zen hat – die einem im dumm gelau­fe­nen Pra­xis­test aber wahr­schein­lich per Sprach­be­fehl mit­teilt, dass das Sys­tem auf­grund man­geln­der Per­for­mance vor­zei­tig in den Stand­by-Modus wechselt.

8 Kommentare zu „Pornös“

    • Oder der Name ist falsch geschrieben.

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  1. Alter Fal­ter, wat ne schrä­ge Num­mer … das sich man­che Men­schen das Gesicht mit irgend­ei­nem Unfung voll­ma­len, ist ja schon fast nor­mal könn­te man glau­ben. Als hier irgend­wie. Da ren­nen eini­ge rum, denen das eige­ne Mal­buch nicht mehr reicht. Jeder wie er will. Aber ein Pup­pen­puff? Ich brech zusammen ….

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    • Hier auf dem Dorf sind wir all­ge­mein spä­ter dran mit Trends. Erfreu­li­cher­wei­se möch­te man hinzufügen.

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  2. Ohaaa…
    Dass es Pup­pen gibt — aus Sili­kon, mit Metall­ge­stell im Inne­ren um den mensch­li­chen Bewe­gungs­ab­lauf zu simu­lie­ren — wuss­te ich ja. Dass die eine aus­wasch­ba­re “Mumu” haben auch — was auch immer das bedeu­tet. Auch dass es ver­hei­ra­te­te Män­ner gibt, die mit ihrer über­gro­ßen Anzieh­pup­pe und der Ehe­frau zusam­men leben — wenn man das Gesicht der Ehe­frau sieht, weiß man, was sie davon hält: https://youtu.be/wiyq_TyVAgY?si=FhjA_UuzZXSLz3T6
    aber das was Du beschreibst ist schon stran­ge. Auch dass wir uns lang­sam dem Film IDIOCRACY annä­hern, bzw. schon mit­ten­drin sind, ist für mich nicht neu. Wir sind schein­bar nicht mehr in der Lage Rea­li­tät und Fik­ti­on aus­ein­an­der zu hal­ten. Manch­mal wünsch­te ich mir ich wür­de in den 60er Jah­ren leben, Vico Tor­ria­ni und Peter Alex­an­der Schla­ger träl­lern hören, Komö­di­en mit Peter Kraus und Heinz Rüh­mann sehen und dabei einen Mett­igel und Alt­bier­bow­le schnasseln..
    Doch dann mache ich den Fern­se­her an und sehe Trash-TV wie Love Island, IBES und Co. und füh­le mich kom­plett auf dem fal­schen Pla­ne­ten oder zumin­dest im fal­schen Jahrzehnt..

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  3. @Peter: Jeder nach sei­ner Facon. Ich möch­te gar nicht wis­sen, was sich manch­mal hin­ter der Fas­sa­de eines gepfleg­ten Fami­li­en­hau­ses alles so abspielt. Aber Vico Tor­ria­ni und Peter Alex­an­der? Nee, lass mal, dann lie­ber die Gewiss­heit der Unge­wiss­heit. 😃 Und für den Rest machen wir hier im Sau­er­land das Licht aus. 

    Gruß aus dem prü­den Sauerland

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  4. Ein israe­li­scher Sied­ler, der Mett und Kote­letts ver­kloppt? Unwahr­schein­lich. Aber das aller­un­wahr­schein­lichs­te kommt sicher noch, gera­de in Hin­sicht auf die Nächs­ten­lie­be zwi­schen Mensch und Maschi­ne. Jeden­falls kann ich nichts fal­sches dabei fin­den, einen “siche­ren Raum” zu schaf­fen, in dem sich “Men­schen und Maschi­nen auf sinn­li­che Art näher­kom­men kön­nen”. Das ist zwar avant­gar­dis­tisch, aber sicher­lich auch sehr not­wen­dig und alle­mal sym­pa­thi­scher, als das der­zei­ti­ge Sich-näher-Kom­men von Men­schen und Maschi­nen auf dem Schlachtfeld.

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  5. @Gilbert: Das ist wohl so und wenn man es wei­ter­denkt, könn­te die — wie auch immer zu bezeich­nen­de- Ver­bin­dung zwi­schen Mensch und Maschi­ne eines Tages nor­mal sein. Kuri­os fin­de ich den »digi­ta­len« Puff trotzdem.

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