Das Paradox der AFD-Wähler

Ich bin lan­ge davon aus­ge­gan­gen, dass es einen engen Zusam­men­hang zwi­schen wirt­schaft­li­cher Schwä­che und der Zustim­mung zum Rechts­extre­mis­mus gibt. 

Tat­säch­lich lie­fert eine Stu­die der Hans-Böck­ler-Stif­tung aus dem Jahr 2023 Hin­wei­se dar­auf, dass eine stei­gen­de AfD-Wahl­be­reit­schaft häu­fig mit schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen, man­geln­der Aner­ken­nung im Berufs­le­ben, hohen mate­ri­el­len Sor­gen sowie einem aus­ge­präg­ten Miss­trau­en gegen­über staat­li­chen Insti­tu­tio­nen einhergeht.

Gleich­zei­tig kom­men die Autorin­nen und Autoren der Stu­die jedoch zu einem dif­fe­ren­zier­te­ren Ergeb­nis: Der zen­tra­le Mobi­li­sie­rungs­fak­tor für die AfD ist dem­nach weni­ger öko­no­mi­scher Pro­test als viel­mehr eine aus­ge­prägt migra­ti­ons­feind­li­che Hal­tung – und zwar aus Über­zeu­gung, nicht aus Frus­tra­ti­on oder kurz­fris­ti­ger Ableh­nung der eta­blier­ten Politik.

Zu ähn­li­chen Schluss­fol­ge­run­gen gelangt eine Unter­su­chung des Leib­niz-Insti­tuts. Zwar leben AfD-Sym­pa­thi­san­tin­nen und ‑Sym­pa­thi­san­ten über­durch­schnitt­lich häu­fig in struk­tur­schwa­chen und per­spek­tiv­ar­men Regio­nen, doch lässt sich der Wahl­er­folg der Par­tei nicht allein aus der regio­na­len Wirt­schafts­la­ge erklä­ren. Laut Stu­die sind bei einem AfD-Stimm­an­teil von 30 Pro­zent ledig­lich rund zwei Pro­zent direkt mit der indi­vi­du­el­len wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on der Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler verknüpft.

Beson­ders para­dox erscheint dabei, dass aus­ge­rech­net jene Bevöl­ke­rungs­grup­pen am stärks­ten unter einer AfD-geführ­ten Regie­rung lei­den wür­den, die die Par­tei heu­te am ent­schie­dens­ten unter­stüt­zen. Denn wirt­schafts­po­li­tisch steht die AfD für eine stark neo­li­be­ra­le Aus­rich­tung und für den weit­ge­hen­den Rück­bau sozi­al­staat­li­cher Sicherungssysteme.

Der Prä­si­dent des Leib­niz-Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung, Prof. Reint E. Gropp, warnt in die­sem Zusam­men­hang vor gra­vie­ren­den gesamt­wirt­schaft­li­chen Fol­gen eines AfD-Wahl­er­folgs, ins­be­son­de­re in ost­deut­schen Bun­des­län­dern. Deutsch­land ist bereits heu­te Schluss­licht bei den Fir­men­grün­dun­gen. Eine Regie­rungs­be­tei­li­gung der AfD wür­de, so Gropp, einen erheb­li­chen Abschre­ckungs­ef­fekt auf Inves­to­ren und Fach­kräf­te haben – nicht nur regio­nal, son­dern mit Aus­strah­lung auf das gesam­te Land. Denn außer­halb Deutsch­lands unter­schei­det kaum jemand zwi­schen Nie­der­sach­sen und Sachsen-Anhalt.

Fach­kräf­te und Inves­ti­tio­nen wür­den aus­blei­ben. Was das vor dem Hin­ter­grund der demo­gra­fi­schen Ent­wick­lung und der ohne­hin ange­spann­ten wirt­schaft­li­chen Lage bedeu­tet, liegt auf der Hand.

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