Wahr & Unwahr

Wahr ist, dass Bay­erns Minis­ter­prä­si­dent Mar­kus Söder sich für den Bau von »Mini-AKW’s« aus­spricht und die Prä­si­den­tin der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on, Ursu­la von der Ley­en, von einem stra­te­gi­schen Feh­ler im Zusam­men­hang mit Deutsch­lands Aus­stieg aus der Atom­kraft spricht.

Unwahr ist, dass von der Ley­en und Söder ihr eige­nes AKW vor ihre Häu­ser bekämen.

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Wahr ist, dass Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Katha­ri­na Rei­che in einem Inter­view ange­merkt hat, das sich die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger Sor­gen um stei­gen­de Sprit­prei­se machen.

Unwahr ist, dass Rei­che mit­be­kom­men hät­te, dass die Sprit­prei­se längst gestie­gen sind.

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Wahr ist, dass US-Prä­si­dent Trump mit Angrif­fen auf Irans Strom­erzeu­gung droht, soll­te der See­weg nicht geöff­net werden.

Wahr ist auch, dass Trump gleich­zei­tig die Sank­tio­nen gegen den Iran lockern möchte. 

Unwahr ist die Ver­mu­tung, der Prä­si­dent der USA wüss­te, was er tut. 

Wer schreibt hier und wenn ja, wie viele?

Stefan Pfeif­fer bringt es auf den Punkt: In einer Welt vol­ler glatt­ge­bü­gel­ter KI-Tex­te wird der unper­fek­te, eigen­wil­li­ge Ton zum Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­mal. Wer kom­plett auf KI setzt, ver­liert die Wie­der­erkenn­bar­keit. Kann ich nur unterschreiben.

Ich habe das selbst durch­ex­er­ziert. ChatGPT, Clau­de, Per­ple­xi­ty, Gemi­ni – alle vier beka­men die Auf­ga­be, in mei­nem Stil zu schrei­ben. Das Ergeb­nis war jedes Mal ähn­lich: nah dran, aber fremd. Wie ein gut geschnei­der­ter Anzug, der hier und da nicht ganz passt. Irgend­wo steck­te immer ein Satz­bau drin, den ich so nie hin­ge­schrie­ben hät­te. Unheim­lich ist das rich­ti­ge Wort dafür – weil man sich dabei erwischt, sich selbst zu imi­tie­ren, ohne sich wiederzuerkennen.

Auch wenn KI an annä­hernd an mei­nen Stil kam, waren zumin­dest immer Frag­men­te, die ich so nie geschrie­ben hät­te. Der Wort­vo­gel hat aller­dings die Erfah­rung gemacht, dass eine Rezen­si­on, die er test­wei­se von einer KI machen ließ, tat­säch­lich erschre­ckend an sei­ne eige­nen Tex­te heran­lan­gen.

Nichts des­to trotz nut­ze ich KI – für Recher­che, fürs Pro­gram­mie­ren, gele­gent­lich als Lek­tor. Nütz­lich, ja. Geni­al? Nein. Die LLM’s sind und blei­ben ein Werk­zeug, ein Hilfsmittel. 

Judith Peters geht noch einen Schritt wei­ter und zeigt, wie man Clau­de direkt in die Word­Press-Ober­flä­che inte­griert und der KI kom­plett die Redak­ti­ons­pla­nung über­lässt. Für Unter­neh­mens­blogs, die mona­te­lang brach­lie­gen, weil nie­mand Zeit hat ist das ein inter­es­san­ter Ansatz. Für den pri­va­ten Blog eher nicht. Uns geht’s ja nicht ums Seitenfüllen.

Für die freie Mit­ar­bei­ter der Lokal­zei­tun­gen hin­ge­gen wird es unge­müt­lich in den (noch) vor­han­de­nen Redak­tio­nen der Regio­nal­zei­tun­gen. In mei­ner Zeit als frei­er Mit­ar­bei­ter hieß es kurz vor Redak­ti­ons­schluss oft­mals: »Noch 60 Zei­len und das Gan­ze in zehn Minu­ten abga­be­fer­tig.« Die Zei­ten sind mit dem Ein­satz von KI vor­bei. Da frei­en Mit­ar­bei­ter nach Zei­len bezahlt wer­den, dürf­te die Aus­beu­te am Ende des Monats mit Ein­satz von KI ziem­lich dürf­tig ausfallen. 

Bei all­zu viel Ein­satz von KI stellt sich ver­mut­lich irgend­wann die Fra­ge: Wer bin ich, wenn die KI mich bes­ser imi­tiert als ich mich selbst?

Neues Spielzeug – Pure Blog

Pure Blog ist ein wei­te­res CMS in der Kate­go­rie mini­mal, dass ich für mich ent­deckt habe. Neben Blu­dit, CMS­imp­le und Yel­low nun ein CMS, wel­ches mei­ner Mei­nung nach die Vor­tei­le des ein­fa­chen CMS mit Fle­xi­bi­li­tät im Hand­ling ver­eint. Die vor­an­ge­gan­ge­nen CMS hat­ten einen Nach­teil: Sie hat­ten vor­ge­ge­be­ne The­mes, die erst, meist umfang­reich, ange­passt wer­den muss­ten. Zumin­dest für mei­ne Bedürf­nis­se. Anders aus­ge­drückt: Sie hat­ten für ihre ein­fa­che Struk­tur eigent­lich ein wenig zu auf­wen­di­ge Themes. 

Natür­lich ist das alle zu ändern, aller­dings hat mich hier der Vor­teil von Pure Blog. Es gibt kei­ne The­mes, son­dern nur einen ein­heit­li­chen Auf­bau, die Design­spra­che ist trotz­dem anspre­chend und der Ent­wick­ler hat mit einer Art Edi­tor dafür gesorgt, dass man die Far­ben, die Schrift­art und ein wenig das Design nach eige­nen Bedürf­nis­sen ein­fach anpas­sen kann.

Wer mehr möch­te, der kann ande­re Anpas­sun­gen über die style.css rea­li­sie­ren. Das CMS läuft ohne Daten­bank, was es in der Lade­zeit schnell macht – sehr schnell sogar. Auch hier ist Pure Blog dem CMS Yel­low um eine Nasen­län­ge vor­aus. Yel­low lädt extrem schnell, aber nur, wenn man die exter­ne CSS inline integriert. 

Das ist bei Pure Blog nicht nötig. Mei­ne Mes­sun­gen erga­ben teil­wei­se mit mei­nem Micro­blog randvermerke.de einen Wert unter bom­bas­ti­sche 100ms. Selbst mit dem Ein­satz einer exter­nen Schrift bin ich mit mei­ner Test­sei­te textkladde.de immer noch unter 500ms. Für die Farb­ge­stal­tung kann man sich an den Bei­spie­len des Ent­wick­ler Kev Quirk ori­en­tie­ren, bzw. sie auch über­neh­men, wenn man das möch­te. Auch eine Kom­men­tar­fun­ki­on lässt sich leicht inte­grie­ren, aller­dings muss man hier­bei auf exter­ne Anbie­ter wie zurückgreifen.

Pure Blog ist ein wei­ters CMS, mit dem sich ein­fa­che und schnel­le Blogs auf­set­ze las­sen. Mit mei­ner Haupt­sei­te hier, blei­be ich zunächst trotz­dem noch bei Word­Press. An die Mög­lich­kei­ten einer umfang­rei­chen Erwei­te­rung mit­tels Plug­ins kommt bis­her kein CMS her­an. Solan­ge jeden­falls, wie WP schnel­le The­mes bie­tet (Gene­ra­te­Press) und die Mög­lich­keit auch wei­ter­hin den Clas­sic Edi­tor zu nut­zen. Pure Blog ist für Leu­te, die eine ein­fa­che Platt­form für ihren Blog suchen, aber trotz­dem nicht auf Indi­vi­dua­li­tät ver­zich­ten wollen. 

Wurde das Sondervermögen verplempert?

»Wha­te­ver it takes«, ließ Bun­des­kanz­ler Merz im ver­gan­ge­nen Jahr den Steu­er­zah­ler wis­sen, als es dar­um ging hun­der­te von Mil­li­ar­den Euro Ver­tei­di­gung und Infra­struk­tur zu investieren. 

Große Worte, viel Pathos, wenig Wirkung

Als die Bun­des­re­gie­rung das Son­der­ver­mö­gen auf­leg­te, klang das nach Auf­bruch: raus aus dem Inves­ti­ti­ons­stau, rein in die Zukunft. Digi­ta­li­sie­rung, Infra­struk­tur, Sicher­heit – end­lich soll­te Geld kein Pro­blem mehr sein. Die Rea­li­tät? Ernüch­ternd. Und zwar gründ­lich. Denn was poli­tisch als »his­to­ri­scher Schritt« ver­kauft wur­de, ent­puppt sich bei nähe­rem Hin­se­hen als klas­si­scher Fall von: viel ver­spro­chen, wenig gehalten. 

Ein erheb­li­cher Teil der Mit­tel floss nicht in neue Pro­jek­te, son­dern in bereits geplan­te Vor­ha­ben. Haus­halts­lö­cher wur­den gestopft, Aus­ga­ben ver­scho­ben, Bud­gets neu sor­tiert. Statt zu inves­tie­ren, wur­de umeti­ket­tiert. Das ist kein Inves­ti­ti­ons­schub, das ist Bilanzoptimierung.Genau das kri­ti­siert der Bun­des­rech­nungs­hof: Gel­der droh­ten nicht »zusätz­lich« zu wir­ken, son­dern bestehen­de Struk­tu­ren zu ersetzen. 

Die ZEIT schrieb bereits im let­zen Jahr, dass Mit­tel nicht zwin­gend zu mehr Inves­ti­tio­nen füh­ren und so ein rie­si­ges Ver­mö­gen ver­si­ckert, weil der »Bund auf wesent­li­che Stell­schrau­ben für den Erfolg des Geset­zes ver­zich­tet habe.« Geld sinn­voll aus­ge­ben will gekonnt sein. Zwi­schen Ankün­di­gung und Umset­zung lie­gen oft Jah­re. För­der­pro­gram­me ver­san­den in Antrags­ver­fah­ren, Zustän­dig­kei­ten sind zersplittert.

Der Rech­nungs­hof äußert sich kri­tisch: Mehr Geld allein löst die Pro­ble­me nicht – es fehlt an kla­ren Vor­ga­ben und Prioritäten. 

Milliarden gebunden, Wirkung unklar

Ein wei­te­rer blin­der Fleck: die Erfolgs­kon­trol­le. Wo aller­dings Kenn­zah­len, Trans­pa­renz und über­prüf­ba­ren Zie­le feh­len, ent­zieht sich die par­la­men­ta­ri­sche Kon­trol­le. Ohne mess­ba­re Zie­le wird Geld somit zum Selbst­zweck. Die Mil­li­ar­den­schul­den zur Ankur­be­lung ist kein Aus­rut­scher, son­dern Sym­ptom. Ein Sys­tem, das Schul­den in Neben­haus­hal­te aus­la­gert, erzeugt ein »geschön­tes Bild« der tat­säch­li­chen Finanzlage. 

Das Gegen­teil von gut ist gut gemeint. 

Update: Horst Schul­te ergän­zend zum sel­ben Thema.

Ein neuer Anzug

Die ehr­wür­di­ge Ein­la­dung zwingt zum Blick in den Klei­der­schrank. Unter einem Schutz­flies schlum­mert der dunk­le Anzug, schon älter aber nach pro­fes­sio­nel­lem Blick und Frei­ga­be durch Mrs. L durch­aus brauch­bar. Der Schreck offen­bart sich bei der Anpro­be: Wenn der Kör­per die Slim fit Grö­ße vor zwan­zig Jah­ren mit­ge­macht hät­te, tät er pas­sen, der Anzug. 

Die Suche aller­dings gestal­tet sich nicht so ein­fach, wie ich mir das vor­ge­stellt habe. Bis jetzt, bis hier­hin. Einen Anzug kann man nicht online kau­fen, das geht nur off­line, bemerkt aus­ge­rech­net das Netz­kind, die sogar Haar­gum­mis bei Ama­zon bestellt. Nun denn – min­des­tens kommt nach der Aus­sa­ge auch ein Tipp eines Her­ren­aus­stat­ters in Pader­born, der sein Hand­werk ver­ste­hen würde. 

Ein älte­ter Herr erwar­tet uns am Ein­gang, geschäf­tig zwi­schen den Aus­stel­lungs­stü­cken wuselnd, erfragt er schnell unser Begehr. Ich bemer­ke beim Auf­hal­ten der Laden­tür für Mrs. L eine leicht ange­deu­te­te Ver­beu­gung. Aha, den­ke ich, alte Schu­le. Bei nähe­rer Betrach­tung ist der Mann weit über acht­zig, zeigt aber sehr schnell, dass er sein Metier beherrscht. »Ich neh­me an, ein Anzug für den Herrn, sind Sie auf eine Far­be fest­ge­legt?«, über­rascht er Mrs. L und mich. Bevor ich über­haupt mei­ne bevor­zug­te Far­be nen­nen kann, ist er in dem rela­tiv klei­nen Laden zwi­schen hun­der­ten von Anzü­gen verschwunden. 

Als er aus dem Dschun­gel wie­der auf­taucht, drückt er mir ein Sak­ko mit den Wor­ten: »Hose ist eine ande­re Grö­ße«, ent­ge­gen, um im Anschluss wie­der im Klei­der­stän­der­di­ckicht zu ver­schwin­den. Nicht lan­ge aller­dings. Beim Raus­kom­men wirft er mir neben der Hose noch ein wei­ßes Hemd zu, beglei­tet mit Auf­for­de­rung, das alles anzuziehen.

Ich flüs­te­re ver­blüfft zu Mrs. L gewandt, dass ich mei­ne Kon­fek­ti­ons­grö­ße noch nicht genannt hät­te. »Der Anzug passt, Ärmel­län­ge wird ange­passt, ver­trau­en Sie mir«, insis­tiert der gute Mann im freund­li­chen aber deut­li­chen Ton. Ich wage noch kurz ein­zu­wer­fen, dass ich meis­tens Pro­ble­me mit der Arm­län­ge des Sak­kos habe. «Pro­ble­me? Die gibt’s hier nicht in mei­nem Laden«, belehrt er mich, bevor er mich in eine der Umklei­de­ka­bi­nen schiebt. 

Von drau­ßen höre ich, wie der alte Herr mit Mrs. L über Stoff­qua­li­tä­ten spricht, als hät­te er per­sön­lich schon Napo­le­on ein­ge­klei­det. »Nur Schur­wol­le«, höre ich mit einem Ohr mit.

Das Hemd sitzt erstaun­lich gut. Die Hose eben­so. Ich wage mich schließ­lich ins Sak­ko – mit einer gewis­sen Skep­sis, die aus jahr­zehn­te­lan­ger Erfah­rung mit zu kur­zen Ärmeln herrührt. 

Ich tre­te aus der Kabine.
Der alte Herr schaut ein­mal kurz auf mich, kneift ein Auge halb zu, zieht mit zwei Fin­gern den Stoff an der Schul­ter einen Mil­li­me­ter zurecht und sagt:
»Wie ich sagte.«

Mrs. L nickt lang­sam, mit die­sem Blick, den Frau­en auf­set­zen, wenn sie fest­stel­len, dass ein Mann gera­de wider­legt wur­de, ohne dass er es merkt.

»Arm­län­ge?«, fragt der Herr trocken.

Ich stre­cke die Arme aus. Die Ärmel enden fast dort, wo sie sol­len. Kein Pro­blem, er steckt die Ärmel schnel­ler ab, als ich gucken kann.

Der Mann lächelt kaum merklich.

»Das wuss­te ich. Ich mache das seit 64 Jahren.«

Dann greift er hin­ter sich, zieht aus einem Regal eine Kra­wat­te, kno­tet sie mir mit zwei schnel­len Hand­grif­fen um den Hals – ein Kno­ten, den ich in mei­nem Leben noch nie gese­hen habe – und tritt einen Schritt zurück.

„Fer­tig.“

Ich räus­pe­re mich vor­sich­tig und fra­ge, eher aus Pflicht­ge­fühl als aus ech­ter Skep­sis: »Und… was kos­tet der Anzug?«

Der alte Herr nennt einen Preis, der völ­lig in Ord­nung ist. 

Da beugt er sich leicht zu mir her­über, senkt die Stim­me und sagt:
»Und wenn Sie ihn in zwan­zig Jah­ren wie­der anpro­bie­ren und er nicht passt…«

Er macht eine klei­ne Pause.

»…liegt es nicht am Anzug.«

Brüder im Geiste

Nach dem Wahl­sieg von Chem Özd­emir in Baden-Würt­tem­berg pos­tet die rechts­extre­me deut­sche Poli­ti­ke­rin Chris­ti­na Baum auf der Platt­form X: 

»Ich gra­tu­lie­re den noch mehr­heit­lich christ­li­chen Baden-Würt­tem­ber­gern zum ers­ten mus­li­mi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Sul­tan Özdemir.«

Mal abge­se­hen davon, das Chem Özd­emir mit dem Islam wenig am Hut hat, möch­te sich Frau Baum offen­bar mit Ras­sis­mus und Frem­den­feind­lich­keit bei der AFD zu Höhe­rem empfehlen.

Wenn das dort nicht klappt, emp­feh­le ich als Kon­ver­tit zum Sala­fis­mus zu wech­seln, groß sind die Unter­schie­de zwi­schen der AFD und dem radi­ka­len Isla­mis­mus näm­lich nicht. 

  1. Sie for­dern aktiv und offen­siv die Aus­rich­tung und Umori­en­tie­rung der Gesell­schaft und des Staa­tes im Sin­ne ihrer Deutung
  2. Sie leh­nen nicht nur demo­kra­ti­sche Spiel­re­geln offen ab, son­dern bean­spru­chen dar­über hin­aus, die per­sön­li­che Lebens­füh­rung eines jeden bis ins Detail zu bestimmen.
  3. Sie ste­hen für die Unver­ein­bar­keit von frei­em Selbst­be­stim­mungs­recht und der restrik­ti­ven Rol­le der Frau
  4. Für ein Züch­ti­gungs­recht des Ehe­manns gegen­über sei­ner Frau 
  5. Für ein Ver­bot von Homosexualität
  6. Ver­nei­nung der Exis­tenz von meh­re­ren Par­tei­en oder einer Opposition
  7. Kei­ne sich immer wie­der erneu­ern­de Gesetz­ge­bung, da es in der Ideo­lo­gie nur eine
    rei­ne Wahr­heit gibt.

Das ist nicht das Par­tei­pro­gramm der AFD, son­dern die Refe­ren­zie­rung des radi­ka­len Islamismus.

Der nächste Angriff auf den Sozialstaat

Der Vor­schlag klingt zunächst wie ein Witz: Zahn­be­hand­lun­gen sol­len aus dem Leis­tungs­ka­ta­log der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen gestri­chen wer­den. Jeder soll künf­tig selbst zah­len. So emp­fiehlt es jeden­falls der CDU-Wirt­schafts­rat. Der Vor­stoß ist kein Ein­zel­fall, kein Ver­se­hen. Er ist gezielt plat­ziert; als Teil einer brei­te­ren poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Debat­te dar­über, wie weit der Sozi­al­staat in Deutsch­land künf­tig noch rei­chen soll.

Gleich­zei­tig bekla­gen wirt­schafts­na­he Ver­bän­de einen angeb­li­chen »Kipp­punkt« der deut­schen Wirt­schaft und for­dern tief­grei­fen­de Struk­tur­re­for­men und einer poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Debat­te dar­über, wie weit Sozi­al­staat­lich­keit in Deutsch­land künf­tig noch rei­chen soll. Ziel der Kam­pa­gne sind tief­grei­fen­de Kür­zun­gen sozia­ler staat­li­cher Leistungen.

Die Vorschläge sind weitreichend und die Wunschliste ist lang

Ein höhe­res Ren­ten­ein­tritts­al­ter, mög­lichst schnell umge­setzt und lang­fris­tig an die stei­gen­de Lebens­er­war­tung gekop­pelt – also deut­lich über 67 hin­aus. Kür­ze­re Bezugs­zei­ten beim Arbeits­lo­sen­geld I, stren­ge­re Regeln für Früh­ver­ren­tung und höhe­re Abschlä­ge für alle, die frü­her aus dem Berufs­le­ben aus­schei­den. Sozi­al­leis­tun­gen sol­len gedämpft, Ansprü­che ver­schärft und Eigen­be­tei­li­gun­gen aus­ge­wei­tet werden.

Auch bestehen­de Leis­tun­gen ste­hen zur Dis­po­si­ti­on: Müt­ter­ren­te, Ren­te mit 63 oder Grund­ren­te sol­len zurück­ge­nom­men oder redu­ziert wer­den. Selbst Wege­un­fäl­le – also Unfäl­le auf dem Arbeits­weg – könn­ten aus der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung gestri­chen wer­den. In der Pfle­ge wird offen über eine Rück­kehr zur »Teil-Kas­ko-Logik« dis­ku­tiert: mehr Eigen­an­tei­le für Pfle­ge­be­dürf­ti­ge und Ange­hö­ri­ge, weni­ger Absi­che­rung durch die Versicherung.

Par­al­lel dazu for­dern Wirt­schafts­ver­bän­de steu­er­li­che Ent­las­tun­gen für Unter­neh­men, etwa nied­ri­ge­re Kör­per­schaft­steu­ern oder gerin­ge­re Strom­prei­se. Sozi­al­aus­ga­ben wer­den dabei zuneh­mend als zen­tra­ler Hebel zur Haus­halts­kon­so­li­die­rung betrachtet.

In wirt­schafts­na­hen Gut­ach­ten wird inzwi­schen sogar offen for­mu­liert, dass eine »größt­mög­li­che Ent­las­tung« des Staa­tes letzt­lich nur durch mas­si­ve Leis­tungs­kür­zun­gen erreich­bar sei. Im Klar­text: ein umfas­sen­der Rück­bau des Sozialstaats.

Nebelkerzen zur Ablenkung

Wäh­rend­des­sen prä­gen ande­re The­men die öffent­li­che Debat­te. Nebel­ker­zen wie ein mög­li­ches Social-Media-Ver­bot für Kin­der, ein erra­ti­scher US-Prä­si­dent oder stei­gen­de Sprit­prei­se sor­gen für eine gewis­se Lethar­gie in der Bevöl­ke­rung. Vie­les wird hin­ge­nom­men als etwas, das sich ohne­hin nicht ändern lässt. Man hofft, dass es einen selbst nicht trifft. 

Doch das, was sich poli­tisch unter dem Begriff »Herbst der Refor­men« abzeich­net, könn­te der größ­te Angriff auf den Sozi­al­staat seit den Refor­men der Agen­da 2010 unter Ger­hard Schrö­der vor rund zwan­zig Jah­ren sein. Seit­dem ist die Armut in Deutsch­land um gut ein Drit­tel gestie­gen.

Pre­kä­re Beschäf­ti­gung, Angst vor Alters­ar­mut und sozia­lem Abstieg prä­gen für vie­le Men­schen längst den All­tag. Bil­der von fla­schen­sam­meln­den Rent­nern oder die wach­sen­de Bedeu­tung der Tafeln sind zur gesell­schaft­li­chen Nor­ma­li­tät geworden.

Gefährdung des sozialen Friedens

Dabei ist der Sozi­al­staat kein belie­bi­ges poli­ti­sches Instru­ment. Sei­ne Wur­zeln rei­chen von der Sozi­al­ge­setz­ge­bung des Kai­ser­reichs über die Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung bis zum Grund­ge­setz für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, das Deutsch­land aus­drück­lich als demo­kra­ti­schen und sozia­len Staat definiert.

Das trifft mich doch nicht, oder?

Der Sozi­al­staat schützt nicht nur die Schwächs­ten. Er sichert gesell­schaft­li­chen Frie­den, schafft Teil­ha­be und schützt gegen poli­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung. Er sta­bi­li­siert die Gesell­schaft, sichert Teil­ha­be und ver­hin­dert sozia­le Span­nun­gen. Wer ihn abbaut, ris­kiert das erneu­te Erstar­ken des Rechts­extre­mis­mus in Deutsch­land und den sozia­len Frieden. 

Ein Angriff auf den Sozi­al­staat ist des­halb immer auch ein Angriff auf die Sicher­heit jedes Ein­zel­nen. Die Hoff­nung, es wer­de einen selbst schon nicht tref­fen, könn­te sich am Ende als gefähr­li­cher Irr­tum erweisen.