Die ehrwürdige Einladung zwingt zum Blick in den Kleiderschrank. Unter einem Schutzflies schlummert der dunkle Anzug, schon älter aber nach professionellem Blick und Freigabe durch Mrs. L durchaus brauchbar. Der Schreck offenbart sich bei der Anprobe: Wenn der Körper die Slim fit Größe vor zwanzig Jahren mitgemacht hätte, tät er passen, der Anzug.
Die Suche allerdings gestaltet sich nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt habe. Bis jetzt, bis hierhin. Einen Anzug kann man nicht online kaufen, das geht nur offline, bemerkt ausgerechnet das Netzkind, die sogar Haargummis bei Amazon bestellt. Nun denn – mindestens kommt nach der Aussage auch ein Tipp eines Herrenausstatters in Paderborn, der sein Handwerk verstehen würde.
Ein älteter Herr erwartet uns am Eingang, geschäftig zwischen den Ausstellungsstücken wuselnd, erfragt er schnell unser Begehr. Ich bemerke beim Aufhalten der Ladentür für Mrs. L eine leicht angedeutete Verbeugung. Aha, denke ich, alte Schule. Bei näherer Betrachtung ist der Mann weit über achtzig, zeigt aber sehr schnell, dass er sein Metier beherrscht. »Ich nehme an, ein Anzug für den Herrn, sind Sie auf eine Farbe festgelegt?«, überrascht er Mrs. L und mich. Bevor ich überhaupt meine bevorzugte Farbe nennen kann, ist er in dem relativ kleinen Laden zwischen hunderten von Anzügen verschwunden.
Als er aus dem Dschungel wieder auftaucht, drückt er mir ein Sakko mit den Worten: »Hose ist eine andere Größe«, entgegen, um im Anschluss wieder im Kleiderständerdickicht zu verschwinden. Nicht lange allerdings. Beim Rauskommen wirft er mir neben der Hose noch ein weißes Hemd zu, begleitet mit Aufforderung, das alles anzuziehen.
Ich flüstere verblüfft zu Mrs. L gewandt, dass ich meine Konfektionsgröße noch nicht genannt hätte. »Der Anzug passt, Ärmellänge wird angepasst, vertrauen Sie mir«, insistiert der gute Mann im freundlichen aber deutlichen Ton. Ich wage noch kurz einzuwerfen, dass ich meistens Probleme mit der Armlänge des Sakkos habe. «Probleme? Die gibt’s hier nicht in meinem Laden«, belehrt er mich, bevor er mich in eine der Umkleidekabinen schiebt.
Von draußen höre ich, wie der alte Herr mit Mrs. L über Stoffqualitäten spricht, als hätte er persönlich schon Napoleon eingekleidet. »Nur Schurwolle«, höre ich mit einem Ohr mit.
Das Hemd sitzt erstaunlich gut. Die Hose ebenso. Ich wage mich schließlich ins Sakko – mit einer gewissen Skepsis, die aus jahrzehntelanger Erfahrung mit zu kurzen Ärmeln herrührt.
Ich trete aus der Kabine.
Der alte Herr schaut einmal kurz auf mich, kneift ein Auge halb zu, zieht mit zwei Fingern den Stoff an der Schulter einen Millimeter zurecht und sagt:
»Wie ich sagte.«
Mrs. L nickt langsam, mit diesem Blick, den Frauen aufsetzen, wenn sie feststellen, dass ein Mann gerade widerlegt wurde, ohne dass er es merkt.
»Armlänge?«, fragt der Herr trocken.
Ich strecke die Arme aus. Die Ärmel enden fast dort, wo sie sollen. Kein Problem, er steckt die Ärmel schneller ab, als ich gucken kann.
Der Mann lächelt kaum merklich.
»Das wusste ich. Ich mache das seit 64 Jahren.«
Dann greift er hinter sich, zieht aus einem Regal eine Krawatte, knotet sie mir mit zwei schnellen Handgriffen um den Hals – ein Knoten, den ich in meinem Leben noch nie gesehen habe – und tritt einen Schritt zurück.
„Fertig.“
Ich räuspere mich vorsichtig und frage, eher aus Pflichtgefühl als aus echter Skepsis: »Und… was kostet der Anzug?«
Der alte Herr nennt einen Preis, der völlig in Ordnung ist.
Da beugt er sich leicht zu mir herüber, senkt die Stimme und sagt:
»Und wenn Sie ihn in zwanzig Jahren wieder anprobieren und er nicht passt…«
Er macht eine kleine Pause.
»…liegt es nicht am Anzug.«