Serientipp — Homeland

Wenn die Amis eins kön­nen, dann ist das Seri­en pro­du­zie­ren. Wenn ich heu­te eine ver­läss­li­che Ein­schlaf­hil­fe brau­che, schal­te ich ein­fach das klas­si­sche Fern­se­hen ein. Das linea­re TV-Pro­gramm, vor allem die Abend­un­ter­hal­tung und da ins­be­son­de­re die ewi­gen deut­schen Kri­mis, ist in etwa so span­nend wie einer Schild­krö­te beim Fres­sen zuzu­schau­en. Außer für die Nach­rich­ten und die eine oder ande­re Doku auf den Drit­ten habe ich es bereits vor zwei Jah­ren auf­ge­ge­ben, mich mit dem Mist berie­seln zu lassen.

Das Strea­ming hat ja nicht nur den Vor­teil der maß­ge­schnei­der­ten Unter­hal­tung, son­dern glänzt vor allem mit der Frei­heit, jeder­zeit per Pau­sen­tas­te aus – und wie­der ein­zu­stei­gen. Seit eini­ger Zeit bin ich jeden­falls beken­nen­der Fan US-ame­ri­ka­ni­scher Serien.

Der­zeit steht eine ganz oben auf mei­ner Lis­te: Homeland.

Zuge­ge­ben, die Serie läuft etwas lang­sam an. Die Cha­rak­te­re wer­den inten­siv, fast schon sper­rig ein­ge­führt, und in der ers­ten Staf­fel lässt sich der lei­se Ver­dacht der Vor­her­seh­bar­keit nicht gänz­lich ver­mei­den. Aber dann packt es dich.

Wer nach den Anschlä­gen vom 11. Sep­tem­ber das kol­lek­ti­ve See­len­le­ben der US-Gesell­schaft ver­ste­hen will, kommt an die­ser Serie eigent­lich nicht vor­bei. Zwi­schen 2011 und 2020 lief der Polit- und Agen­ten­thril­ler über die Bild­schir­me – und das ziem­lich erfolg­reich über stol­ze acht Staf­feln mit ins­ge­samt 96 Epi­so­den. Die krea­ti­ven Köp­fe dahin­ter, Howard Gor­don und Alex Gan­sa, hat­ten zuvor schon in ande­ren Seri­en bewie­sen, dass sie wis­sen, wie man Span­nungs­bö­gen bis zum Äußers­ten dehnt. Für Home­land bedien­ten sie sich bei der israe­li­schen Vor­la­ge »Hatuf­im – In der Hand des Fein­des« und strick­ten dar­aus ein psy­cho­lo­gi­sches Kam­mer­spiel im ganz gro­ßen Stil. Schon der Titel ist eine unmiss­ver­ständ­li­che Anspie­lung auf das nach 2001 geschaf­fe­ne US-Hei­mat­schutz­mi­nis­te­ri­um (Depart­ment of Home­land Security).

Carrie Mathison: Genialität trifft Manie

Im Zen­trum des Gan­zen steht die CIA-Agen­tin Car­rie Math­ison, die an einer bipo­la­ren Stö­rung lei­det. Das wäre als blo­ßes Dreh­buch-Detail viel­leicht kaum der Rede wert, wenn die­se Erkran­kung ers­tens von Clai­re Danes nicht so ver­dammt her­vor­ra­gend inter­pre­tiert wür­de – und wenn zwei­tens nicht die gesam­te, oft ver­stö­ren­de Vor­ge­hens­wei­se der Haupt­fi­gur fest in die­ser mani­schen Ach­ter­bahn­fahrt ver­an­kert wäre.

Car­rie kämpft hier nicht nur gegen den glo­ba­len Ter­ro­ris­mus, son­dern per­ma­nent gegen sich selbst. Die Serie fackelt dabei das kom­plet­te Reper­toire moder­ner Kriegs­füh­rung und Spio­na­ge ab: Isla­mis­mus, Schlä­fer­zel­len, Droh­nen­an­grif­fe und die All­macht digi­ta­ler Infor­ma­ti­ons­krie­ge. Für Kri­ti­ker war Car­ri­es mani­scher, oft selbst­zer­stö­re­ri­scher Kampf gegen die Bedro­hung von außen immer auch ein ziem­lich tref­fen­des Gleich­nis für die para­no­ide Ver­fas­sung der Pos­t‑9/11-USA.

Keine Helden, kein Pathos, kein einfaches Gut und Böse

Das wirk­lich Schö­ne an Home­land ist das Feh­len jenes unan­ge­neh­men Pathos der Hel­den­ver­eh­rung, den man aus Hol­ly­wood-Pro­duk­tio­nen sonst so oft ser­viert bekommt. Über­haupt Hel­den – es gibt hier schlicht­weg kei­ne. Die CIA und ihre Agen­ten ver­su­chen sich an der Erklä­rung des Bösen in der Welt, um vor allem vor sich selbst eine Recht­fer­ti­gung für ihre teil­wei­se bru­ta­le Vor­ge­hens­wei­se zu finden.

Gut und Böse wer­den hier eben gera­de nicht sau­ber aus­ein­an­der­di­vi­diert. Am Ende ent­schei­det der Zuschau­er selbst, wo die Gren­ze ver­läuft. Die zahl­lo­sen Irrun­gen, Wir­run­gen und Neben­ge­schich­ten – die wohl­tu­end nie zu lang­at­mig gestrickt sind – machen Home­land zu einem ver­dammt dich­ten, abso­lut sehens­wer­ten Stück Seriengeschichte.
Home­land läuft der­zeit auf Net­flix und Dis­ney plus

Juni

Nach­dem ich letz­te Woche noch den Ofen ange­schmis­sen habe, wird’s jetzt tat­säch­lich auch im Sau­er­land mucke­lig. Knapp 30 Grad heu­te Mit­tag, das ist für den eher unbe­stän­di­ges Wet­ter gewohn­ten Sau­er­län­der schon hart an der Gren­ze. Das Bild zeigt das Kon­trast­pro­gramm zum grau­en Einer­lei der letz­ten Mona­te: Son­ne pur und das schon mor­gens, und Far­ben, die ohne Fil­ter aus­kom­men. (Ok, das stimmt nicht, ich habe das Bild durch Lumi­nar und Topaz Stu­dio gejagt 😊) Trotz­dem, ein eher sel­te­ner Moment in einer Regi­on, die sonst eher für wet­ter­fes­te Funk­ti­ons­klei­dung bekannt ist. 

Trumps »Jahrhundert-Deal«

Trump und der ira­ni­sche Prä­si­dent Peseschki­an haben heu­te eine Absichts­er­klä­rung zur Been­di­gung des Iran-Krie­ges digi­tal unter­zeich­net. Trump sag­te, er habe sie in Ver­sailles unter­schrie­ben. Der paki­sta­ni­sche Minis­ter­prä­si­dent Sha­rif bestä­tig­te die Unter­zeich­nung, die mit sofor­ti­ger Wir­kung in Kraft trete.

Donald Trump wie man ihn kennt. Er hat ver­han­delt, er hat unter­schrie­ben und er fei­ert sich selbst für das – natür­lich – »bes­te Ergeb­nis, das jemals erzielt wur­de«. Unter­zeich­net in Ver­sailles und flan­kiert von Peseschki­an und Sharif. 

Der »Iran-Krieg« soll damit Geschich­te sein. Doch schaut man sich das Klein­ge­druck­te die­ses ver­meint­li­chen Genie­streichs an, reibt man sich unwill­kür­lich die Augen. Der Begriff »Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen« wur­de ver­mut­lich nur des­halb ver­mie­den, weil er auf Trumps roten Base­caps optisch nicht gut rüber­ge­kom­men wäre.

Der Ver­trag liest sich im Grun­de wie der Wunsch­zet­tel Tehe­rans, den der Weih­nachts­mann im Wei­ßen Haus unge­prüft abge­hakt hat:

Sofor­ti­ges Kriegs­en­de: An allen Fron­ten (inklu­si­ve des Liba­nons) schwei­gen die Waf­fen. Das ist der unbe­streit­bar gute Teil:

Trup­pen­ab­zug im Eiltempo:
Die USA ver­pflich­ten sich, ihre See­blo­cka­de inner­halb von 30 Tagen auf­zu­he­ben und sämt­li­che Trup­pen aus der Regi­on abzu­zie­hen. Im Gegen­zug macht der Iran die Stra­ße von Hor­mus wie­der auf. Klingt nach einem fai­ren Tausch, wenn man igno­riert, wer vor­her wo die Mus­keln spie­len ließ.

Geld­re­gen für Teheran:
Das US-Finanz­mi­nis­te­ri­um winkt ira­ni­sche Ölex­por­te durch und gibt ein­ge­fro­re­ne Ver­mö­gens­wer­te kom­plett frei.
Oben drauf kommt ein Wie­der­auf­bau­plan für den Iran, den die USA gemein­sam mit regio­na­len Part­nern finan­zie­ren. Volu­men: 300 (in Wor­ten: Drei­hun­dert) Mil­li­ar­den US-Dol­lar. Und was bekom­men die USA im Gegen­zug für die­sen gigan­ti­schen Scheck? Ein müdes Lächeln und die Erlaub­nis, wei­ter zu hoffen.

Das eigent­li­che Kern­pro­blem – das ira­ni­sche Atom­pro­gramm – wur­de schlicht­weg aus­ge­klam­mert. Der Iran wie­der­holt in der Erklä­rung ledig­lich sei­ne ohne­hin bekann­te, offi­zi­el­le Stan­dard-Flos­kel, man wol­le „nie­mals Atom­waf­fen her­stel­len“. Kon­kre­te, lang­fris­ti­ge Ver­pflich­tun­gen? Fehl­an­zei­ge. Das soll angeb­lich in einer zwei­ten Ver­hand­lungs­run­de inner­halb der nächs­ten 60 Tage geklärt wer­den. Wer’s glaubt.

Die Reak­tio­nen aus Washing­ton lie­ßen dem­entspre­chend nicht lan­ge auf sich war­ten. Wäh­rend ein Groß­teil der Repu­bli­ka­ner pein­lich berührt weg­guckt, bringt es der demo­kra­ti­sche Sena­tor Adam Schiff auf den Punkt: Er nennt das Papier eine blan­ke »Kapi­tu­la­ti­on«. Der Iran kriegt die Mil­li­ar­den, die Sank­ti­ons­er­leich­te­run­gen und den Wie­der­auf­bau­fonds – die USA krie­gen ein vages Ver­spre­chen, das das Papier nicht wert ist, auf dem es digi­tal signiert wurde.

Das Nar­ra­tiv der unbe­sieg­ba­ren Super­macht USA und der Mythos ihrer mili­tä­ri­schen Unan­tast­bar­keit dürf­ten mit die­sem Deal nach­hal­tig zer­trüm­mert wor­den sein. Wenn die größ­te Mili­tär­macht der Welt sich der­art vor­füh­ren lässt, hat das mit stra­te­gi­schem Geschick nichts mehr zu tun.

Am Ende bleibt zumin­dest eine Hoff­nung: Dass der Iran Trumps impe­ria­lis­ti­schem Macht­hun­ger mit die­sem Ergeb­nis einen so ordent­li­chen Dämp­fer ver­passt hat, dass die Lust auf das nächs­te »gro­ße Geschäft« im Nahen Osten erst ein­mal ver­gan­gen ist. Ob die 60-Tage-Frist für das end­gül­ti­ge Abkom­men mehr bringt als neue For­de­run­gen aus Tehe­ran, bleibt abzu­war­ten. Die Quit­tung – im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes – haben die USA jeden­falls schon jetzt unterschrieben.

Gewinne ohne Wohlstand

Hohe Ener­gie­prei­se, über­bor­den­de Büro­kra­tie, quä­lend lan­ge Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren und ste­tig stei­gen­de Sozi­al­ab­ga­ben – gar­niert mit schwä­cheln­den Expor­ten und einem hand­fes­ten Reform­stau. Das ist die land­läu­fi­ge Män­gel­lis­te, mit der uns das kol­lek­ti­ve Jam­mern der Kapi­tal­eig­ner über die bis­her längs­te Wirt­schafts­kri­se der Bun­des­re­pu­blik erklärt wird. Klingt plau­si­bel, greift aber zu kurz. Ist das wirk­lich die ein­zi­ge Ursa­che, oder über­se­hen wir das Offen­sicht­li­che? Könn­te es sein, dass ein ent­fes­sel­ter Kapi­ta­lis­mus, der sich immer rück­sichts­lo­ser Bahn bricht, einen erheb­li­chen Teil zu den Plei­ten und Schief­la­gen in den Unter­neh­men beisteuert?

Ein Blick auf die Zah­len ver­rät eini­ges: Im Jahr 2024 ver­zeich­ne­te Euro­pa sat­te 13.700 Fusio­nen und Über­nah­men; allein auf Deutsch­land ent­fie­len rund 3.500 davon. Sol­che Deals müs­sen nicht per se schäd­lich sein. 

Wer aller­dings ernst­haft glaubt, dass bei die­sen Ele­fan­ten­hoch­zei­ten vor­ran­gig das Pro­dukt oder der Kun­de im Mit­tel­punkt ste­hen, der glaubt ver­mut­lich auch noch an den Weih­nachts­mann. Oft­mals geht es schlicht um die pure Kapi­tal­erhö­hung und das stra­te­gi­sche Auf­pum­pen des Aktienkurses.

Finanzakrobaten am Werk

Pri­va­te-Equi­ty-Gesell­schaf­ten und Hedge­fonds, getrie­ben von maxi­ma­ler Gier nach kurz­fris­ti­ger Ren­di­te, ver­kör­pern das exak­te Gegen­teil von nach­hal­ti­ger Unter­neh­mens­po­li­tik. Das Pro­ze­de­re läuft meist nach dem­sel­ben Mus­ter ab: Inves­to­ren sichern sich stra­te­gi­sche Min­der­heits­an­tei­le – in der Regel zwi­schen 5 und 13 Pro­zent der aus­ste­hen­den Akti­en. Mit die­sen Stimm­rech­ten und dem geziel­ten Auf­bau von öffent­li­chem Druck ver­su­chen sie ihre For­de­run­gen durch­zu­set­zen. Das Ziel: Sub­stanz­ab­bau nach Dreh­buch: Anteils­eig­ner for­dern mit schö­ner Regel­mä­ßig­keit den Ver­kauf von Unter­neh­mens­tei­len, Abspal­tun­gen, Akti­en­rück­käu­fe oder Sonderdividenden.

Der Mecha­nis­mus dahin­ter ist so sim­pel wie effek­tiv: Akti­en­rück­käu­fe bspws. ver­rin­gern die Anzahl der umlau­fen­den Papie­re. Bei gleich­blei­ben­dem Gewinn steigt so der Gewinn pro Aktie – und treibt den Kurs. Son­der­di­vi­den­den wie­der­um ver­rin­gern die vor­han­de­ne Liqui­di­tät oder die Erlö­se aus Filet­tie­run­gen und schüt­ten sie direkt an die Aktio­nä­re aus. Bei­des bringt kurz­fris­tig Cash in die Kas­sen der Inves­to­ren, plün­dert aber die finan­zi­el­len Reser­ven für drin­gend not­wen­di­ge Zukunftsinvestitionen.

Strukturelle Filetierung

Auch radi­ka­le Kos­ten­sen­kun­gen ste­hen ganz oben auf dem Wunsch­zet­tel. Per­so­nal­ab­bau oder das Zusam­men­strei­chen von For­schungs- und Ent­wick­lungs­bud­gets hüb­schen kurz­fris­tig die Mar­ge auf. Mas­si­ver Stel­len­ab­bau führt in der Regel zu Kurs­ge­win­nen. Dass dabei die lang­fris­ti­ge Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit und das Human­ka­pi­tal vor die Hun­de gehen, wird als Kol­la­te­ral­scha­den in Kauf genom­men. Alle Ein­grif­fe zie­len ein­zig dar­auf ab, den Kurs­wert nach oben zu prü­geln – sei es durch das Absto­ßen von Unter­neh­mens­tei­len oder das Absau­gen von über­schüs­si­gem Kapital.Das Geschäfts­mo­dell ist unkom­pli­ziert: Akti­en kau­fen, Druck auf­bau­en, den Kurs künst­lich auf­pum­pen und mit fet­tem Gewinn wie­der aus­stei­gen. Ob das Unter­neh­men nach die­sem Ader­lass bes­ser oder schlech­ter auf­ge­stellt ist, tan­giert den Fonds herz­lich wenig, solan­ge die Kas­se beim Aus­stieg stimmt.

Im Würgegriff der »Heuschrecken«

Das Gan­ze trifft jedoch kei­nes­wegs nur bör­sen­no­tier­te Unter­neh­men. Das Vor­ge­hen soge­nann­ter »Heu­schre­cken« im Mit­tel­stand ist nicht min­der per­fi­de. Pri­va­te-Equi­ty-Inves­to­ren sam­meln Mil­li­ar­den bei Pen­si­ons­kas­sen, Ver­si­che­run­gen oder ver­mö­gen­den Fami­li­en ein, um sie als Eigen­ka­pi­tal für Mehr­heits­be­tei­li­gun­gen zu nut­zen. Der Clou: Sie hebeln die­sen Ein­satz mit einem gigan­ti­schen Berg an Kre­di­ten und bür­den die Schul­den für die Über­nah­me dem gekauf­ten Unter­neh­men selbst auf. Der Betrieb wird also gezwun­gen, sei­ne eige­ne Über­nah­me abzuzahlen.

Offi­zi­ell lau­tet das Ver­spre­chen natür­lich immer: bes­se­res Manage­ment, finan­zi­el­le Opti­mie­rung und stra­te­gi­sches Wachs­tum, um den Laden pro­fi­ta­bler zu machen. In der Rea­li­tät endet es oft beim Wei­ter­ver­kauf oder der Zer­stü­cke­lung. Es wird sogar noch absur­der: Das Port­fo­lio­un­ter­neh­men nimmt fri­sche Schul­den auf, nur um eine Son­der­aus­schüt­tung an den Pri­va­te-Equi­ty-Eig­ner zu finan­zie­ren. Der Fonds zieht also mas­siv Kapi­tal ab, ohne auch nur einen Anteil zu ver­kau­fen, wäh­rend die Fir­ma auf einem Schul­den­berg sit­zen bleibt. Am Ende bleibt oft nur noch der trau­ri­ge Gang zum Amts­ge­richt, um Insol­venz anzumelden.

Neu ist die­se Erkennt­nis nicht. Bereits 1979 schrieb der Wirt­schafts­jour­na­list Her­man­nus Pfeiffer:

»Deutsch­land ist wirt­schaft­lich welt­weit füh­rend und wird Glo­ba­li­sie­rungs­sie­ger. Wenn trotz­dem ein öko­no­mi­sches Desas­ter dro­he, sei es haus­ge­macht: Immer bes­se­re Tech­nik und immer mehr Kapi­tal ste­hen immer weni­ger Men­schen in Arbeit und einer sin­ken­den Nach­fra­ge gegen­über. Der wil­de Neo­li­be­ra­lis­mus bie­te kei­ne Ant­wort. Der von ihm ent­fes­sel­te Kapi­ta­lis­mus wer­de am Ende sei­ne Kin­der fressen.«

Geht’s den Rentnern zu gut?

Der Leit­ar­ti­kel im neu­en SPIEGEL ver­sucht sich an einer – ver­mut­lich schreck­lich gewoll­ten – Pro­vo­ka­ti­on. Chris­ti­an Rei­er­mann, selbst Ange­hö­ri­ger der Boo­mer-Rie­ge, zieht gegen die eige­ne Alters­klas­se zu Fel­de. Sein Vor­wurf: Refor­men in die­sem Land ver­san­den regel­mä­ßig an den Ego­is­men der Älte­ren, wäh­rend die Jugend die finan­zi­el­le Zeche zah­len darf. Ker­nig for­dert er ein Ende der „Tyran­nei der Alten“ und plä­diert für mehr Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit. Die Alten sei­en poli­tisch und finan­zi­ell bes­tens gepols­tert, wäh­rend die Jün­ge­ren unter der Last von Renten‑, Steu­er- und Sozi­al­po­li­tik ächzen.

So weit, so popu­lis­tisch. Schaut man sich den Arti­kel genau­er an, stol­pert man aller­dings über eini­ge Denkfehler. 

Als Reform­he­bel schlägt Rei­er­mann bei­spiels­wei­se eine höhe­re Mehr­wert­steu­er vor. Die Logik dahin­ter: In einer altern­den Gesell­schaft trifft das vor allem die­je­ni­gen, die im Herbst des Lebens ihr Erspar­tes ver­pras­sen. Das klingt in der Theo­rie nett, igno­riert aber die Rea­li­tät. Die meis­ten Rent­ner knab­bern ihre Erspar­nis­se nicht aus purem Luxus an, son­dern schlicht, weil sie es zum nack­ten Über­le­ben müs­sen. Das Geld fließt in die täg­li­che Exis­tenz­si­che­rung und nicht, wie der Autor uns womög­lich weiß machen will, in die fünf­te Pra­da-Hand­ta­sche oder den spon­ta­nen Kurz­trip nach Tessin.

Gleich­zei­tig schießt sich der SPIE­GEL-Autor auf den– sei­ner Mei­nung nach – Unfug der „Ren­te mit 63“ ein. Nur blöd, dass es die­se Ren­te mit 63 in der Form über­haupt nicht mehr gibt. Das war ein Pri­vi­leg für die Jahr­gän­ge 1952 bis 1964. Danach ist Schicht im Schacht: Die abschlags­freie Ver­ren­tung greift erst wie­der ab 65 Jah­ren – und auch nur dann, wenn man stol­ze 45 Ver­si­che­rungs­jah­re auf dem Buckel hat. Wer das für rei­nen Unsinn hält, lebt ent­we­der kom­plett an der Lebens­wirk­lich­keit der Men­schen vor­bei oder arbei­tet ver­mut­lich beim SPIEGEL. Dort scheint eine Lebens­ar­beits­zeit jen­seits der 65 offen­bar pro­blem­los mach­bar zu sein – ohne nen­nens­wer­te kör­per­li­che oder gesund­heit­li­che Alt­las­ten, die man sich durch jahr­zehn­te­lan­ge har­te Arbeit ein­ge­han­delt hat.

Auch an ande­rer Stel­le geht Rei­er­manns wohl­fei­le Ein­ord­nung mei­len­weit an der Rea­li­tät vor­bei. Wer ernst­haft die bes­se­re Aner­ken­nung von Erzie­hungs­zei­ten im Ren­ten­sys­tem kri­ti­siert, der braucht sich über den anhal­ten­den Sturz­flug der Gebur­ten­ra­te wahr­lich nicht zu wundern.

Als pri­vi­le­gier­ter Jour­na­list hat man gut reden: Wenn die haus­ei­ge­ne Alters­ver­sor­gung steht, die betriebs­ei­ge­ne Kita parat steht und das Gehalt weit über dem liegt, was ein Nor­mal­ver­die­ner jemals zu Gesicht bekommt, lässt sich herr­lich über die „Tyran­nei der Alten“ schwadronieren.

Die bit­te­re Wahr­heit, die gut­ver­die­nen­de Jour­na­lis­ten und Poli­ti­ker so ele­gant aus­blen­den, ist eine ganz ande­re: Die Alters­ar­mut in Deutsch­land ist in den letz­ten Jah­ren dras­tisch gestie­gen. Das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt mel­de­te für 2025 eine Armuts­ge­fähr­dungs­quo­te von sat­ten 19,5% für Men­schen ab 65 Jah­ren. Wer nicht das gro­ße Los gezo­gen hat, beim SPIEGEL oder in einem Groß­kon­zern mit Luxus-Alters­vor­sor­ge unter­zu­kom­men, der muss nach 45 Ver­si­che­rungs­jah­ren sehen, wie er mit einer Net­to­ren­te von ca.1.500 Euro net­to hin­kommt. Und selbst die­se Sum­me gibt es kei­nes­wegs geschenkt – dafür muss man in die­sen 45 Jah­ren schon rela­tiv gut ver­dient haben.

Wer­fen wir doch mal einen Blick auf die nack­ten Zah­len: Für das lau­fen­de Jahr 2026 liegt das vor­läu­fi­ge Durch­schnitts­ent­gelt in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bei stol­zen 51.944 Euro brut­to im Jahr.

Das bedeu­tet im Klar­text: Nur wer im Lau­fe des Jah­res 2026 exakt die­sen Betrag nach Hau­se bringt – was umge­rech­net 4.328,67 Euro im Monat sind – und dar­auf sei­ne Ren­ten­bei­trä­ge zahlt, bekommt für die­ses Jahr über­haupt einen ein­zi­gen, vol­len Ren­ten­punkt gutgeschrieben.

Schaut man sich alle Erwerbs­tä­ti­gen an, schaf­fen es gera­de ein­mal mick­ri­ge 30 % bis 35 %, die­se Sum­me im Jahr über­haupt zu errei­chen. Heißt im Umkehr­schluss: Gut 70 Pro­zent der zukünf­ti­gen Rent­ne­rin­nen und Rent­ner steu­ern sehen­den Auges auf die Alters­ar­mut zu.

Im Ham­bur­ger Elfen­bein­turm lässt es sich leicht über die „Tyran­nei der Alten“ schrei­ben. Viel­leicht soll­te Rei­er­mann beim nächs­ten Zusam­men­tref­fen mit einem Pfand­fla­schen sam­meln­den Rent­ner fra­gen, wie­so er sei­nen Lebens­abend eigent­lich nicht in der Tos­ka­na verbringt. 

Friede, Freude, Eierkuchen — Der Weg in den Rechtsextremismus?

Die Poli­tik, allen vor­an die Regie­rung beschwört immer wie­der den Kon­sens der Par­tei­en. Man müs­se sich »zusam­men­rau­fen«, um Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler nicht in die Arme extre­mis­ti­scher Par­tei­en zu trei­ben. Genutzt hat das frei­lich wenig, bei den kom­men­den Land­tags­wah­len in Sach­sen-Anhalt pro­gnos­ti­zie­ren die Insti­tu­te mit sat­ten 42% der Stim­men für die AFD einen erheb­li­chen Zuwachs an Wählerstimmen. 

War­um ist das so und vor allem: Kön­nen wir den Macht­zu­wachs der Extre­mis­ten eigent­lich noch stop­pen? Ist es nicht so, dass gera­de der zwang­haf­te ver­such­te Kon­sens in der Poli­tik dazu führt, dass sich der Extre­mis­mus als poli­ti­sche Alter­na­ti­ve Bahn bricht? Die wohl ein­fluss­reichs­te phi­lo­so­phi­sche Abhand­lung hier­zu, stammt von der bel­gi­schen Poli­tik­phi­lo­so­phin Chan­tal Mouf­fe und nennt sich Ago­nis­ti­scher Plu­ra­lis­mus (oder Postpolitik-Kritik).

Mouf­fe kri­ti­siert, dass wenn eine Gesell­schaft ver­sucht, jeden ech­ten poli­ti­schen Kon­flikt weg­zu­dis­ku­tie­ren und einen künst­li­chen, alter­na­tiv­lo­sen Kon­sens zu erzwin­gen, die legi­ti­men demo­kra­ti­schen Ven­ti­le feh­len. Der poli­ti­sche Streit ver­schwin­det aber nicht, son­dern bricht sich dann im Extre­mis­mus Bahn. (vgl: Über das Poli­ti­sche: Wider die kos­mo­po­li­ti­sche Illu­si­on, Chan­tal Mouffe)

Ver­dräng­ter Ago­nis­mus, also die poli­ti­sche Streit­kul­tur, könn­te so als ras­sis­ti­scher Hass und Rechts­extre­mis­mus als »ein­zig dis­kur­si­ves« Ange­bot wie­der­keh­ren. Rechts­po­pu­lis­ten und Extre­mis­ten sind dann oft die Ein­zi­gen, die das Gefühl ver­mit­teln: »Wir bre­chen die­sen ersti­cken­den Kon­sens auf. Wir bie­ten euch wie­der eine ech­te Unter­schei­dung zwi­schen Wir und Die.« Der Extre­mis­mus füllt also das Vaku­um, das die kon­sens­ge­trie­be­ne Poli­tik hin­ter­las­sen hat.

Mouf­fe argu­men­tiert, dass die west­li­che Poli­tik seit den 1990er Jah­ren einem fata­len Irr­glau­ben auf­ge­ses­sen ist: der Annah­me, man kön­ne durch ratio­na­le Debat­ten einen uni­ver­sel­len Kon­sens erzie­len, bei dem am Ende alle das Glei­che wollen.

Wenn eta­blier­te Par­tei­en sich so stark annä­hern, dass dem Bür­ger sug­ge­riert wird: »Es gibt kei­ne ech­ten Alter­na­ti­ven mehr, wir sind uns im Grun­de alle einig«, pas­siert laut Mouf­fe Folgendes:

In einer gesun­den Demo­kra­tie gibt es »Geg­ner«, die man lei­den­schaft­lich bekämpft, deren Exis­tenz­recht man aber respek­tiert. Wenn jedoch der Kon­sens die ein­zig ratio­na­le und mora­lisch rich­ti­ge Lösung ist, wird jeder, der außer­halb die­ses Kon­sen­ses steht, nicht mehr als poli­ti­scher Geg­ner wahr­ge­nom­men, son­dern als mora­lisch böse oder irrational.

Wenn das demo­kra­ti­sche Sys­tem kei­ne Are­na mehr bie­tet, in der die­se Kon­flik­te als legi­ti­me Alter­na­ti­ven aus­ge­tra­gen wer­den kön­nen (z. B. eine ech­te Wahl zwi­schen links und rechts), suchen sich die­se Ener­gien ande­re Kanäle.

Rechts­po­pu­lis­ten und Extre­mis­ten sind dann oft die Ein­zi­gen, die das Gefühl ver­mit­teln: »Wir bre­chen die­sen ersti­cken­den Kon­sens auf. Wir bie­ten euch wie­der eine ech­te Unter­schei­dung.« Der Extre­mis­mus füllt also das Vaku­um, dass die kon­sens­ge­trie­be­ne Gesell­schaft, bzw. Poi­tik hin­ter­las­sen hat.

Die Theo­rie besagt also ver­kürzt zusam­men­ge­fasst: Extre­mis­mus ist oft die Quit­tung für eine Poli­tik, die nur auf Kon­sens bedacht ist. Wo kein Raum für legi­ti­men, har­ten demo­kra­ti­schen Streit gelas­sen wird, radi­ka­li­siert sich der Wider­spruch in Form von Extre­mis­mus, um über­haupt noch gehört zu werden.

Chan­tal Mouf­fe: Über das Politische.

Kunstform CSS

Dave She­as ers­te Sei­te für zengarden.com
Manch­mal wünscht man sich ja ein Zurück, abseits vom Design­ein­heits­brei der meis­ten Web­sei­ten. Tat­säch­lich ach­te ich beim Sur­fen als Ers­tes auf das Design. Damit mei­ne ich noch nicht ein­mal ein anspruchs­vol­les Design, aber: Je weni­ger der Betrei­ber davon ver­steht, des­to schlich­ter und funk­tio­na­ler soll­te das Design einer Web­sei­te sein. In den frü­hen Jah­ren bas­tel­ten die meis­ten an ihren HTML-Web­sei­ten; vie­le ver­schlimm­bes­ser­ten dabei ihr Design ins Unkennt­li­che. Die dama­li­ge end­gül­ti­ge Müll­sei­te«, legt sei­ner­zeit Zeug­nis vom ver­zwei­fel­ten Ver­such eini­ger selbst­er­nann­ten Web­de­si­gner ab, ihre rudi­men­tä­ren HTML-Kennt­nis­se im Netz zu prä­sen­tie­ren. Auf der ande­ren Sei­te gab es die tat­säch­li­chen Künst­ler. Der Web­de­si­gner David Shea rief vor zwan­zig Jah­ren auf der Sei­te zen­gar­den dazu auf, eine krea­ti­ve Sei­te aus HTML und CSS-Bei­spiel­da­tei­en zu ent­wi­ckeln. Shea ging es vor allem dar­um zu zei­gen, was mit CSS mög­lich ist. Der CSS Zen Gar­den ist inzwi­schen einer der geschichts­träch­tigs­ten Orte des Web­de­signs. Er wur­de 2003 von Shea ins Leben geru­fen, um ein damals revo­lu­tio­nä­res Kon­zept zu demons­trie­ren: Die strik­te Tren­nung von Struk­tur (HTML) und Design (CSS).


Das Fas­zi­nie­ren­de am Zen Gar­den ist die Ein­schrän­kung: Jedes ein­zel­ne Design, das du auf der Sei­te aus­wäh­len kannst, nutzt exakt den­sel­ben HTML-Code. Die Teil­neh­mer dür­fen kei­ne ein­zi­ge Zei­le am HTML ändern, kein »div« hin­zu­fü­gen und kei­ne Klas­se umbe­nen­nen. Die gesam­te visu­el­le Trans­for­ma­ti­on – von mini­ma­lis­tisch über futu­ris­tisch bis hin zu klas­sisch – geschieht aus­schließ­lich über eine ein­zi­ge exter­ne CSS-Datei.

Bevor der Zen Gar­den popu­lär wur­de, war das Web voll von „Tabel­len-Lay­outs“ und unsicht­ba­ren Platz­hal­ter-GIFs. Design und Inhalt waren untrenn­bar im Code ver­mischt. Der Zen Gar­den dien­te als „Weg der Erleuch­tung“ (wie es im Text heißt), um Desi­gnern zu zeigen:

Wie­der­ver­wend­bar­keit: Man kann das Aus­se­hen einer kom­plet­ten Web­site ändern, ohne den Inhalt anzufassen.

Bar­rie­re­frei­heit: Da das HTML sau­ber struk­tu­riert bleibt, kön­nen Screen­rea­der den Text pro­blem­los lesen, egal wie wild das CSS dar­über liegt.

Effi­zi­enz: Ein zen­tra­les Style­sheet steu­ert das gesam­te Branding.

Mitt­ler­wei­le ist die Sei­te fast schon eine Art Muse­um. Wäh­rend moder­ne Tech­ni­ken wie Flex­box und CSS Grid heu­te Stan­dard sind, stam­men vie­le der berühm­ten Designs aus einer Zeit, in der man sich noch mit den Feh­lern des Inter­net Explo­rers her­um­schla­gen musste. 🤢

Das Pro­jekt zeigt ein­drucks­voll, dass tech­ni­scher Fort­schritt nicht nur aus neu­en Funk­tio­nen besteht, son­dern vor allem dar­aus, Schön­heit aus Struk­tur zu schaffen.

Ich ver­lie­re mich manch­mal in den wun­der­vol­len, anspruchs­voll gestal­te­ten Sei­ten der CSS-Künst­ler und Künst­le­rin­nen. Das dort wirk­lich nur die Crè­me de la crè­me antre­ten soll, wird schnell bei den Teil­nah­me­be­din­gun­gen klar. Expli­zit wird zur Teil­nah­me hin­ge­wie­sen: Bit­te nur Grafikkünstler.

Die neue Armut in Deutschland

Dem neu­en Armuts­be­richt des Pari­tä­ti­scher Gesamt­ver­band ist ein alar­mie­ren­des Bild der sozia­len Lage in Deutsch­land zu ent­neh­men. Die Armuts­quo­te stieg 2025 auf 16,1 % und erreich­te damit den höchs­ten Stand der ver­gan­ge­nen fünf Jah­re. Ins­ge­samt leben rund 13,3 Mil­lio­nen Men­schen in Ein­kom­mens­ar­mut. Der Titel der Aus­ga­be 2026: „Wach­sen­de Armut, schrump­fen­de Sicher­heit“. Klingt dra­ma­tisch? Ist es lei­der auch, wenn man die nack­ten Zah­len ohne das übli­che poli­ti­sche Weich­spül­ge­fa­sel betrachtet.

Wer dach­te, wir hät­ten nach den Kri­sen­jah­ren das Tal der Trä­nen durch­schrit­ten, wird hier unsanft geweckt. Es gibt kein lan­ges Her­um­re­den: Wir haben einen neu­en, trau­ri­gen Rekord zu vermelden.

Lässt man das sta­tis­ti­sche Vor­ge­plän­kel weg und schaut direkt auf das, was hän­gen­bleibt, so zeich­net sich ein düs­te­res Bild in Deutsch­land: Die rela­ti­ve Ein­kom­mens­ar­mut in Deutsch­land hat im Jahr 2025 (das dem Bericht 2026 zugrun­de liegt) einen his­to­ri­schen Höchst­stand im lau­fen­den Fünf-Jah­res-Beob­ach­tungs­zeit­raum erreicht.

16,1 Pro­zent der Men­schen in die­sem Land sind von Armut betrof­fen. Das ent­spricht der abs­trak­ten Mas­se von sage und schrei­be 13,3 Mil­lio­nen Men­schen. Wenn man sich anschaut, wer beson­ders oft von Armut betrof­fen ist, fal­len vor allem drei Grup­pen auf.

Das Alter als Armutsfalle

Beson­ders bit­ter sieht es am Lebens­abend aus. Bei den Men­schen ab 65 Jah­ren liegt die Quo­te bei 19,5 Pro­zent. Fast jede fünf­te älte­re Per­son in Deutsch­land lebt in Armut, wobei Frau­en ab 65 Jah­ren tmit einer Armuts­quo­te von 21,3 Pro­zent das deut­lich höhe­re Risi­ko tragen. 

Alleinerziehende und Ein-Personen-Haushalte

Wer sein Leben allein oder mit Kin­dern ohne Part­ner wup­pen muss, steht finan­zi­ell fast immer mit dem Rücken zur Wand. Allein­er­zie­hen­de bele­gen eine Quo­te von 28,9 Pro­zent. Bei den Allein­le­ben­den (Ein-Per­so­nen-Haus­hal­te) sind es sogar 30,3 Pro­zent. Kurz: In die­sen Lebens­la­gen ist rund jede drit­te Per­son betroffen.

Die „Unsichtbaren“ in der Statistik

Ein fast schon iro­ni­scher Neben­aspekt des Berichts betrifft die soge­nann­ten „sons­ti­gen Nicht-Erwerbs­tä­ti­gen“. Das klingt im Amts­deutsch wun­der­bar nach Frei­zeit, meint aber Men­schen, die im All­tag bis zum Hals in Arbeit ste­cken: Sie pfle­gen Ange­hö­ri­ge, betreu­en klei­ne Kin­der oder stu­die­ren. Sta­tis­tisch sind sie jedoch beson­ders armutsgefährdet. 

Rela­ti­ve Ein­kom­mens­ar­mut ist das eine – sie misst, wer weni­ger als 60 Pro­zent des mitt­le­ren Ein­kom­mens hat. Das fühlt sich abs­trakt an. Rich­tig greif­bar wird es beim The­ma „mate­ri­el­le Ent­beh­rung“ (Depri­va­ti­on).

4,6 Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land leben in erheb­li­cher mate­ri­el­ler Ent­beh­rung. Das bedeu­tet kon­kret: Da ist kein Geld für eine neue Wasch­ma­schi­ne da, wenn die alte den Geist auf­gibt, kein Geld für eine aus­ge­wo­ge­ne Mahl­zeit oder eine beheiz­te Woh­nung. Beson­ders erschre­ckend: Unter die­sen 4,6 Mil­lio­nen befin­den sich rund eine Mil­li­on min­der­jäh­ri­ge Kin­der und Jugend­li­che sowie 650.000 Alters­rent­ner und Rentnerinnen. 

Was macht die Poli­tik? Die Regie­rung will den Sozi­al­staat »refor­mie­ren« und reagiert mit Spar­plä­nen, die ver­mut­lich die am ehes­ten tref­fen, die im Armuts­be­richt erwähnt sind. Dis­ku­tier­te Kür­zun­gen beim Wohn­geld (das zu über der Hälf­te an Rent­ner geht) oder beim Unter­halts­vor­schuss für Allein­er­zie­hen­de ver­schär­fen die Situa­ti­on noch.

Anstatt struk­tu­rel­le Armut durch gute Löh­ne, ver­nünf­ti­ge Ren­ten und bezahl­ba­ren Wohn­raum anzu­ge­hen, erle­ben wir im gesell­schaft­li­chen Dis­kurs zuneh­mend eine Stig­ma­ti­sie­rung der Betroffenen.

Der Armuts­be­richt 2026 hält uns einen Spie­gel vor: 13,3 Mil­lio­nen Betrof­fe­ne sind kein “sozia­ler Rand” mehr – das ist ein hand­fes­tes struk­tu­rel­les Pro­blem mit­ten in der Gesell­schaft. Wenn jede drit­te allein­er­zie­hen­de Per­son und jeder fünf­te Rent­ner sta­tis­tisch als arm gel­ten, läuft in der Ver­tei­lung etwas mäch­tig schief.

Quel­le: Pari­tä­ti­scher Armuts­be­richt 2026 (PDF)