Das Streaming hat ja nicht nur den Vorteil der maßgeschneiderten Unterhaltung, sondern glänzt vor allem mit der Freiheit, jederzeit per Pausentaste aus – und wieder einzusteigen. Seit einiger Zeit bin ich jedenfalls bekennender Fan US-amerikanischer Serien.
Derzeit steht eine ganz oben auf meiner Liste: Homeland.
Zugegeben, die Serie läuft etwas langsam an. Die Charaktere werden intensiv, fast schon sperrig eingeführt, und in der ersten Staffel lässt sich der leise Verdacht der Vorhersehbarkeit nicht gänzlich vermeiden. Aber dann packt es dich.
Wer nach den Anschlägen vom 11. September das kollektive Seelenleben der US-Gesellschaft verstehen will, kommt an dieser Serie eigentlich nicht vorbei. Zwischen 2011 und 2020 lief der Polit- und Agententhriller über die Bildschirme – und das ziemlich erfolgreich über stolze acht Staffeln mit insgesamt 96 Episoden. Die kreativen Köpfe dahinter, Howard Gordon und Alex Gansa, hatten zuvor schon in anderen Serien bewiesen, dass sie wissen, wie man Spannungsbögen bis zum Äußersten dehnt. Für Homeland bedienten sie sich bei der israelischen Vorlage »Hatufim – In der Hand des Feindes« und strickten daraus ein psychologisches Kammerspiel im ganz großen Stil. Schon der Titel ist eine unmissverständliche Anspielung auf das nach 2001 geschaffene US-Heimatschutzministerium (Department of Homeland Security).
Carrie Mathison: Genialität trifft Manie
Im Zentrum des Ganzen steht die CIA-Agentin Carrie Mathison, die an einer bipolaren Störung leidet. Das wäre als bloßes Drehbuch-Detail vielleicht kaum der Rede wert, wenn diese Erkrankung erstens von Claire Danes nicht so verdammt hervorragend interpretiert würde – und wenn zweitens nicht die gesamte, oft verstörende Vorgehensweise der Hauptfigur fest in dieser manischen Achterbahnfahrt verankert wäre.
Carrie kämpft hier nicht nur gegen den globalen Terrorismus, sondern permanent gegen sich selbst. Die Serie fackelt dabei das komplette Repertoire moderner Kriegsführung und Spionage ab: Islamismus, Schläferzellen, Drohnenangriffe und die Allmacht digitaler Informationskriege. Für Kritiker war Carries manischer, oft selbstzerstörerischer Kampf gegen die Bedrohung von außen immer auch ein ziemlich treffendes Gleichnis für die paranoide Verfassung der Post‑9/11-USA.
Keine Helden, kein Pathos, kein einfaches Gut und Böse
Das wirklich Schöne an Homeland ist das Fehlen jenes unangenehmen Pathos der Heldenverehrung, den man aus Hollywood-Produktionen sonst so oft serviert bekommt. Überhaupt Helden – es gibt hier schlichtweg keine. Die CIA und ihre Agenten versuchen sich an der Erklärung des Bösen in der Welt, um vor allem vor sich selbst eine Rechtfertigung für ihre teilweise brutale Vorgehensweise zu finden.
Gut und Böse werden hier eben gerade nicht sauber auseinanderdividiert. Am Ende entscheidet der Zuschauer selbst, wo die Grenze verläuft. Die zahllosen Irrungen, Wirrungen und Nebengeschichten – die wohltuend nie zu langatmig gestrickt sind – machen Homeland zu einem verdammt dichten, absolut sehenswerten Stück Seriengeschichte.
Homeland läuft derzeit auf Netflix und Disney plus

