Operationsplan D

Noch bis vor einem hal­ben Jahr hät­te ich die Annah­me des Mili­tärs zur Sicher­heits­la­ge in Deutsch­land ver­neint. War­um soll­te Putin in zwei, drei Jah­ren eine „bedeu­ten­de mili­tä­ri­sche Her­aus­for­de­rung“ für die NATO sein? Was soll­te Russ­lands Prä­si­den­ten dazu bewe­gen, die NATO anzu­grei­fen? Ein Angriff auf ein NATO Gebiet ver­wei­ger­te sich jed­we­der Logik, so mei­ne Vermutung.

Aller­dings ent­zie­hen sich zuwei­len Macht­an­sprü­che einer Ver­nunft­s­be­trach­tung, erkenn­bar ist das immer dann, wenn ein Land die gül­ti­ge regel­ba­sie­ren­den Ord­nung nicht mehr aner­kennt. Dann näm­lich gilt wie­der das Recht des Stärkeren.

Natür­lich kann nie­mand in Putins Kopf gucken, aber die Vor­zei­chen sind der­zeit groß, dass der rus­si­sche Staats­chef sei­ne ter­ri­to­ria­len Ein­fluss und sei­ne Macht­struk­tu­ren erwei­tert. Vor allem auch des­halb, weil sich Euro­pa nicht sicher sein kann, ob das sicher­heits­po­li­ti­sche Kon­zept der NATO für die USA noch bin­dend ist.

Das Schre­ckens­sze­na­rio auf das sich Deutsch­land vor­be­rei­ten soll ist der Ein­marsch rus­si­scher Trup­pen an der Ost­flan­ke der NATO. Bei einem Über­ra­schungs­an­griff stün­de nach heu­ti­gem Stand, eine in der Mann­stär­ke deut­li­che Über­le­gen­heit der rus­si­schen Streit­kräf­te vor den Gren­zen Europas.

Die­ser Ver­tei­di­gungs­fall wird in Deutsch­land sehr ernst genom­men und unter dem Schlag­wort Ope­ra­ti­ons­plan D vor­be­rei­tet und durch­ge­spielt. Dabei geht es um eine Zusam­men­ar­beit von Mili­tär, Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Zivil­be­völ­ke­rung für einen mög­li­chen Ver­tei­di­gungs­fall. Dass es dabei von Sei­ten Russ­lands bereits ers­te Vor­be­rei­tun­gen zu einer Ter­ri­to­re­al­ver­let­zung gibt, das steht für die geheim­dienst­li­chen Orga­ne in Deutsch­land außer Frage.

In Arns­berg refe­rier­te ges­tern dazu der Kom­man­deur des Lan­des­kom­man­dos NRW, Gene­ral Mül­ler, bei der IHK Arns­berg vor Unter­neh­mern und komm­mu­na­len Verantwortlichen.

Das, was der Gene­ral unter Beach­tung der Geheim­hal­tung der Ein­zel­hei­ten zu sagen hat­te, ließ — zumin­dest bei mir und den Anwe­sen­de – den Schluss zu, dass tat­säch­lich sein kann, was nicht sein darf.

Nicht nur die der­zei­ti­gen Umtrie­be Russ­lands in Form von Des­in­for­ma­ti­on, Sabo­ta­ge, Spio­na­ge und Hacker­ang­tif­fen auf die kri­ti­sche Infra­struk­tur neh­men rasant zu.

Auch die Umstel­lung der rus­si­schen Wirt­schaft auf eine Kriegs­wirt­schaft deu­ten auf eine Vor­be­rei­tung grö­ße­rer Aktio­nen hin. Als Zah­len­werk zur Ver­deut­li­chung nann­te Gene­ral Mül­ler die Jah­res­pro­duk­ti­on von 1500 rus­si­schen Pan­zern. Man muss nicht mathe­ma­tisch begabt sein, um fest­zu­stel­len, über wel­ches Kriegs­ge­rät Russ­land in zwei, drei Jah­ren ver­fü­gen könnte.

Im Ver­tei­di­gungs­fall ist Deutsch­land Dreh­schei­be für die Ver­le­gung von NATO-Trup­pen an die Ost­flan­ke. Infra­struk­tur, Ver­pfle­gung, Betan­kung und Mit­hil­fe von Blau­licht­or­ga­ni­sa­tio­nen und Zivil­be­völ­ke­rung müs­sen sicher­ge­stellt sein.

Allein die Bewäl­ti­gung eines sol­chen Orga­ni­sa­ti­ons­auf­wands, eine Kern­kom­pe­tenz Deutsch­lands, könn­te einen mög­li­chen Aggres­sor abschre­cken. Soll­te sich Russ­lands Trup­pen an der Ost­flan­ke eine rie­si­ge „euro­päi­sche Armee“ ent­ge­gen stel­len, könn­te das bereits für maxi­ma­le Abschre­ckung sorgen.

Gene­ral Mül­ler erklär­te den Anwe­sen­den, dass es nicht das Zeil sei, Angst zu ver­brei­ten. Aller­dings soll auch nicht ver­ges­sen wer­den, was der rus­si­sche Staats­chef am 20. Juni 2025 beim Wirt­schafts­fo­rum in St. Peters­burg sag­te: „Es ist eine alte Regel: „Wo der Fuß eines rus­si­schen Sol­da­ten hin­tritt, das gehört uns.“

7 Gedanken zu „Operationsplan D“

  1. Beängs­ti­gen­de Ent­wick­lun­gen, dan­ke für den Bericht!

    Habe übri­gens ver­sucht, dei­nen Blog-Feed in mei­ne Blogroll ein­zu­bin­den. Das klappt lei­der nicht, Mel­dung lautet: 

    “RSS-Feh­ler: https://textrebell.de/feed is inva­lid XML, likely due to inva­lid cha­rac­ters. XML error: Reser­ved XML Name at line 11, column 39″

    • Mich hat das auch ziem­lich nach­denk­lich gemacht. Die Erkennt­niss der deut­schen Geheim­diens­te spre­chen eine kla­re Spra­che und ich den­ke inzwi­schen auch, dass jemand, dem kei­ne Kon­se­quen­zen in sei­nem Tun dro­hen, der zumin­dest psy­cho­pa­ti­sche Ver­hal­tens­mus­ter zeigt und zum Grö­ßen­wahn und zur Auto­kra­tie neigt, ziem­lich gefähr­lich ist und sich der Ver­nunft­s­ebe­ne kom­plett entzieht. 

      Das ist natür­lich nicht nur Putin, die Rei­he der skru­pe­lo­sen Auto­kra­ten in der Welt lässt sich leicht auf­zäh­len. Aber Putin ist eben der­je­ni­ge, der nach jet­zi­gen Erkennt­nis­sen mas­siv an den Vor­be­rei­tun­gen für eine Ter­ri­to­re­al­ver­schie­bung gen Wes­ten arbei­tet und sich – so mein Ein­druck – nur durch unnach­gie­bi­ge Här­te davon abrin­gen lässt. 

      BTW: Der RSS Feed scheint zu funk­tio­nie­ren, zumin­dest lädt Fire­fox die XML-Datei. Über einen Rea­der habe ich das noch nicht ausprobiert.

  2. Unwill­kür­lich schleicht sich das Gefühl ein, ich müs­se mei­nen Kopf unver­züg­lich in den Sand ste­cken und dort belas­sen. Aber – atmen muss ich ja auch. Dan­ke für die­sen Bei­trag. Der hat mei­ne Sor­gen aller­dings nur ver­grö­ßert. Wie vie­len ande­ren Men­schen es wohl ähn­lich ergeht, wenn sie mit der­art abs­trak­ten und unvor­stell­ba­ren Per­spek­ti­ven kon­fron­tiert sind?

    • Die Offen­si­ve dient vor­nehm­lich der Abschre­ckung. Putin ist schlau genug zu wis­sen, dass die Abschre­ckung durch die USA womög­lich nicht mehr funk­tio­niert. Auf der ande­ren Sei­te könn­te eine gute Außen­po­li­tik die Chi­ne­sen als zweit­wich­tigs­ter Han­dels­part­ner mit ins Boot holen, um gemein­sam zu signa­li­sie­ren, dass sie (Die Chi­ne­sen) eine stö­rungs­freie Wirt­schafts­be­zie­hung mit Deutsch­land anstreben. 

      Ein Kon­flikt an der Nato-Ost­gren­ze wür­de Chi­na in ihrem Bestre­ben, wirt­schaft­lich die größ­te Welt­macht zu wer­den, nur im Wege stehen.

      • Wer die Mili­tär­pa­ra­de in Peking ver­folgt, spürt als geschichts­be­wuss­ter Deut­scher sofort ein Unbe­ha­gen. Zu ver­traut wir­ken die Bil­der – sie erin­nern an die Auf­mär­sche der Nazis mit Wehr­macht, SS und ihren Para­mi­li­tärs, die den Stech­schritt gera­de­zu per­fek­tio­niert hatten.

        Die alte Rede von der „gel­ben Gefahr“ klingt heu­te zwar über­holt und ras­sis­tisch, doch ange­sichts der aktu­el­len Macht­ver­schie­bun­gen zwi­schen den USA und Chi­na erscheint die Sor­ge um Chi­nas wach­sen­den Ein­fluss nicht völ­lig aus der Luft gegriffen.

        Noch setzt Chi­na stark auf gute Wirt­schafts­be­zie­hun­gen zu Euro­pa und beson­ders zu Deutsch­land. Doch was geschieht, wenn der Absatz­druck steigt, wenn Kon­kur­renz und poli­ti­sche Blo­cka­den die Zusam­men­ar­beit erschwe­ren? Genau die­se Fra­ge erfüllt mich mit einer gewis­sen Beklemmung.

        • Mir sag­te mal ein Chi­na-Ken­ner, dass das über­ge­ord­ne­te Ziel Chi­nas die wirt­schaft­li­che Welt­macht sei. Nicht die schie­re Mas­se der Bevöl­ke­rung soll­te uns dem­nach Angst machen, son­dern dass sich über eine Mil­li­ar­de Chi­ne­sen die­sem Ziel unterordnen. 

          Für die­ses Ziel sind gute Han­dels­be­zie­hun­gen mit Euro­pa unum­gäng­lich; Chi­na könn­te also durch­aus eine Art Ver­mitt­ler­rol­le spielen.

          Ich den­ke, dass sich die Vor­macht­stel­lung eines Staa­tes zukünf­tig durch wirt­schaft­li­che und tech­ni­sche Über­le­gen­heit zei­gen wird, nicht mehr durch Waffengewalt.

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