
Die digitale Suche im Original-Archiv war allerdings derart sperrig und die Suchkriterien so unzureichend, dass man als Laie schnell die Lust verlor.
Der SPIEGEL hat mit Hilfe künstlicher Intelligenz die Daten journalistisch und technisch ordentlich aufbereitet Dateien runtergeladen, per KI ausgelesen, in eine saubere Datenbank verfrachtet und das Ganze als durchsuchbares Recherche-Tool zur Verfügung gestellt. Ziel der Aktion war es, die oft handschriftlichen und kaum lesbaren Hieroglyphen so zu transkribieren, dass jeder ohne großen Aufwandnach Verwandten forschen kann.
Das ist verdammt gut gelungen. Wer sich dort anmeldet – was zeitlich begrenzt kostenlos ist –, jagt einfach einen Namen oder noch exakter das Geburtsdatum durch die Maske und hat Gewissheit.
Der Fund im Familienarchiv
Dass mein Großvater väterlicherseits ein überzeugter Nazi war, ist für mich kein Geheimnis. Das einzige Bild, das ich von ihm besitze, dokumentiert das ziemlich unmissverständlich: Es zeigt ihn im Essener Tagesblatt inmitten einiger Nazigrößen der mittleren Führungsebene. Er war dort für die Propaganda zuständig, in öffentlichen Einrichtungen aktiv und damit direkt dem Propagandaministerium unterstellt.
Gekannt habe ich ihn nie, er starb in den frühen fünfziger Jahren. Ob und inwieweit er an handfesten Kriegsverbrechen beteiligt war, lässt sich schwer sagen. Wer tiefer graben will, wird ohnehin eher beim Landesarchiv NRW fündig, wo sich die Entnazifizierungsakten einsehen und herunterladen lassen.
Die Akten zu Karl Lohren verraten einiges: Er war Kreispropagandaleiter der DAF (Deutsche Arbeitsfront) – jener NS-Einheitsorganisation von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Seine Aufgabe: Gehirnwäsche im Betrieb. Laut den Akten hielt er bereitwillig »Fachvorträge in DAF Betriebsapellen, Betriebsversammlungen und Versammlungen über soziale Fragen«. Nach dem Krieg stuften ihn die Alliierten in die Kategorie III (Minderbelastete) ein, was ihm ein Beschäftigungsverbot im öffentlichen Dienst und 16 Monate Haft einbrachte.
Liest man allerdings ein bisschen zwischen den Zeilen, war der eigentliche Auslöser für den Knast wohl weniger seine politische Gesinnung als vielmehr die Rache seiner Ex-Frau.
Die Legende vom „guten“ Nazi
Seinen Eintritt in die NSDAP im Jahr 1928 begründete er im Entnazifizierungsverfahren recht klassisch mit der Weltwirtschaftskrise und den politischen Umtrieben:
»Im Jahre 1928 war ich erwerbslos. Ich sah damals die Entwicklung in Deutschland dahingehen, daß eine Radikalisierung nach links oder rechts eintreten müsse. Ich glaubte, mich für rechts entscheiden zu müssen, um meinem Vaterland zu dienen.«
Dass diese Ausführungen die reine Wahrheit waren, darf man getrost bezweifeln. Als er gegen den Einreihungsbescheid der Alliierten Berufung einlegte, versuchte er was alle versuchten: Er gab zwar zu, die Uniform eines Kreishauptstellenleiters getragen und diesen Rang gehabt zu haben, will aber angeblich nie die Berechtigung eines Mitglieds des Kreisstabs besessen haben. Das klingt im Nachgang extrem unglaubwürdig. Man darf bei all seinen Aussagen nie vergessen, dass der Mann eine professionelle Ausbildung in Propaganda und Manipulation hinter sich hatte.
Immerhin: Diverse Leumundszeugnisse bescheinigen ihm, dass er zumindest niemanden an die Gestapo verpfiffen oder anderweitig aktiv angeschwärzt hat.
Unwissenheit schützt vor Mitschuld nicht
Am Ende lassen die Dokumente nur einen Schluss zu: Karl Lohren war ein überzeugter Nationalsozialist. Seine wirtschaftlichen Beweggründe taugen nicht als Entschuldigung. Wer eine Führungsposition in Goebbels’ Propagandamaschine bekleidet – und sei es „nur“ auf Kreisebene –, mag vielleicht nicht jede brutale Einzelheit gekannt haben. Die grundsätzliche, mörderische Systematik der Nazis dürfte ihm jedoch vollkommen klar gewesen sein.
Was man dabei manchmal erwähnen sollte:
WIR können nichts dafür
WIR müssen uns dafür nicht rechtfertigen
WIR tragen keine Schuld (die wir irgendwo abbezahlen müssten)
Das ist wahr, allerdings haben die Generationen danach die Verpflichtung, alles dafür zu tun, dass so etwas nicht wieder vorkommt.
Hi Peter!
Puh.. schwierig. Mutig, dass Du das schreibst — wüsste nicht wie ich damit umgehen würde. Glücklicherweise war mein Großvater Sanitäter und damit nicht direkt in Kampfhandlungen verwickelt und auch nicht an Greueltaten der Truppe, die es leider häufig gab. Trotzdem hat der Krieg mit den Menschen was gemacht. Meine Großmutter hat nie den Tod ihres im Krieg gefallenen Mannes überwunden (mein Großvater war aufgrund der damaliegen Umstände nach dem Krieg ein “Lückenbüßer”) und mein Großvater hatte seine Frau unter den Zivil-Opfern zu beklagen.
Eine Liebe die auf Trümmern und gebrochenen Herzen aufbaut? Nein. Eine Zweck-Ehe, wo man sich gegenseitig unterstützt. Es mag nicht die große Liebe gewesen sein — trotzdem hielt sie bis zum Tod der Beiden. Komisch, oder? Kann man sich in der heutigen Zeit gar nicht mehr vorstellen..
Grüße aus dem zölibatären Dortmund..
@Dr. Nerd: Ich habe das aus demselben Grund aufgeschrieben, aus dem die Akten ebenfalls online stehen. Die faschistische Zeit soll nicht in Vergessenheit geraten. Schaden kann daran niemand mehr nehmen. Von väterlicher Seite lebt niemand mehr.
Ein schwieriges Thema, das immer aktuell bleibt. Auch jetzt gibt es Kriege und auch jetzt werden Greueltaten begangen. Wer verhindert, dass das nicht passiert?
@Holger: Wir als Demokratie und in dem wir dem Rechtsextremismus eine Abfuhr erteilen.