Opa der Nazi

Mit­glieds­kar­te des Groß­va­ters zur NSDAP
Das US-Natio­nal­ar­chiv (NARA) hat im März die­ses Jah­res einen Coup gelan­det: Erst­mals sind Daten zur Mit­glied­schaft in der NSDAP online ein­seh­bar.

Die digi­ta­le Suche im Ori­gi­nal-Archiv war aller­dings der­art sper­rig und die Such­kri­te­ri­en so unzu­rei­chend, dass man als Laie schnell die Lust verlor.
Der SPIEGEL hat mit Hil­fe künst­li­cher Intel­li­genz die Daten jour­na­lis­tisch und tech­nisch ordent­lich auf­be­rei­tet Datei­en run­ter­ge­la­den, per KI aus­ge­le­sen, in eine sau­be­re Daten­bank ver­frach­tet und das Gan­ze als durch­such­ba­res Recher­che-Tool zur Ver­fü­gung gestellt. Ziel der Akti­on war es, die oft hand­schrift­li­chen und kaum les­ba­ren Hie­ro­gly­phen so zu tran­skri­bie­ren, dass jeder ohne gro­ßen Auf­wand­nach Ver­wand­ten for­schen kann. 

Das ist ver­dammt gut gelun­gen. Wer sich dort anmel­det – was zeit­lich begrenzt kos­ten­los ist –, jagt ein­fach einen Namen oder noch exak­ter das Geburts­da­tum durch die Mas­ke und hat Gewissheit. 

Der Fund im Familienarchiv

Dass mein Groß­va­ter väter­li­cher­seits ein über­zeug­ter Nazi war, ist für mich kein Geheim­nis. Das ein­zi­ge Bild, das ich von ihm besit­ze, doku­men­tiert das ziem­lich unmiss­ver­ständ­lich: Es zeigt ihn im Esse­ner Tages­blatt inmit­ten eini­ger Nazi­grö­ßen der mitt­le­ren Füh­rungs­ebe­ne. Er war dort für die Pro­pa­gan­da zustän­dig, in öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen aktiv und damit direkt dem Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um unterstellt.
Gekannt habe ich ihn nie, er starb in den frü­hen fünf­zi­ger Jah­ren. Ob und inwie­weit er an hand­fes­ten Kriegs­ver­bre­chen betei­ligt war, lässt sich schwer sagen. Wer tie­fer gra­ben will, wird ohne­hin eher beim Lan­des­ar­chiv NRW fün­dig, wo sich die Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­ten ein­se­hen und her­un­ter­la­den lassen. 

Die Akten zu Karl Loh­ren ver­ra­ten eini­ges: Er war Kreis­pro­pa­gan­da­lei­ter der DAF (Deut­sche Arbeits­front) – jener NS-Ein­heits­or­ga­ni­sa­ti­on von Arbeit­neh­mern und Arbeit­ge­bern. Sei­ne Auf­ga­be: Gehirn­wä­sche im Betrieb. Laut den Akten hielt er bereit­wil­lig »Fach­vor­trä­ge in DAF Betriebs­a­pel­len, Betriebs­ver­samm­lun­gen und Ver­samm­lun­gen über sozia­le Fra­gen«. Nach dem Krieg stuf­ten ihn die Alli­ier­ten in die Kate­go­rie III (Min­der­be­las­te­te) ein, was ihm ein Beschäf­ti­gungs­ver­bot im öffent­li­chen Dienst und 16 Mona­te Haft einbrachte. 

Liest man aller­dings ein biss­chen zwi­schen den Zei­len, war der eigent­li­che Aus­lö­ser für den Knast wohl weni­ger sei­ne poli­ti­sche Gesin­nung als viel­mehr die Rache sei­ner Ex-Frau. 

Die Legende vom „guten“ Nazi

Sei­nen Ein­tritt in die NSDAP im Jahr 1928 begrün­de­te er im Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren recht klas­sisch mit der Welt­wirt­schafts­kri­se und den poli­ti­schen Umtrieben:
»Im Jah­re 1928 war ich erwerbs­los. Ich sah damals die Ent­wick­lung in Deutsch­land dahin­ge­hen, daß eine Radi­ka­li­sie­rung nach links oder rechts ein­tre­ten müs­se. Ich glaub­te, mich für rechts ent­schei­den zu müs­sen, um mei­nem Vater­land zu dienen.« 

Dass die­se Aus­füh­run­gen die rei­ne Wahr­heit waren, darf man getrost bezwei­feln. Als er gegen den Ein­rei­hungs­be­scheid der Alli­ier­ten Beru­fung ein­leg­te, ver­such­te er was alle ver­such­ten: Er gab zwar zu, die Uni­form eines Kreis­haupt­stel­len­lei­ters getra­gen und die­sen Rang gehabt zu haben, will aber angeb­lich nie die Berech­ti­gung eines Mit­glieds des Kreis­stabs beses­sen haben. Das klingt im Nach­gang extrem unglaub­wür­dig. Man darf bei all sei­nen Aus­sa­gen nie ver­ges­sen, dass der Mann eine pro­fes­sio­nel­le Aus­bil­dung in Pro­pa­gan­da und Mani­pu­la­ti­on hin­ter sich hatte.
Immer­hin: Diver­se Leu­munds­zeug­nis­se beschei­ni­gen ihm, dass er zumin­dest nie­man­den an die Gesta­po ver­pfif­fen oder ander­wei­tig aktiv ange­schwärzt hat. 

Unwissenheit schützt vor Mitschuld nicht

Am Ende las­sen die Doku­men­te nur einen Schluss zu: Karl Loh­ren war ein über­zeug­ter Natio­nal­so­zia­list. Sei­ne wirt­schaft­li­chen Beweg­grün­de tau­gen nicht als Ent­schul­di­gung. Wer eine Füh­rungs­po­si­ti­on in Goeb­bels’ Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne beklei­det – und sei es „nur“ auf Kreis­ebe­ne –, mag viel­leicht nicht jede bru­ta­le Ein­zel­heit gekannt haben. Die grund­sätz­li­che, mör­de­ri­sche Sys­te­ma­tik der Nazis dürf­te ihm jedoch voll­kom­men klar gewe­sen sein. 

6 Kommentare zu „Opa der Nazi“

  1. Was man dabei manch­mal erwäh­nen sollte:
    WIR kön­nen nichts dafür
    WIR müs­sen uns dafür nicht rechtfertigen
    WIR tra­gen kei­ne Schuld (die wir irgend­wo abbe­zah­len müssten)

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    • Das ist wahr, aller­dings haben die Gene­ra­tio­nen danach die Ver­pflich­tung, alles dafür zu tun, dass so etwas nicht wie­der vorkommt.

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  2. Hi Peter!
    Puh.. schwie­rig. Mutig, dass Du das schreibst — wüss­te nicht wie ich damit umge­hen wür­de. Glück­li­cher­wei­se war mein Groß­va­ter Sani­tä­ter und damit nicht direkt in Kampf­hand­lun­gen ver­wi­ckelt und auch nicht an Greu­el­ta­ten der Trup­pe, die es lei­der häu­fig gab. Trotz­dem hat der Krieg mit den Men­schen was gemacht. Mei­ne Groß­mutter hat nie den Tod ihres im Krieg gefal­le­nen Man­nes über­wun­den (mein Groß­va­ter war auf­grund der dama­lie­gen Umstän­de nach dem Krieg ein “Lücken­bü­ßer”) und mein Groß­va­ter hat­te sei­ne Frau unter den Zivil-Opfern zu beklagen.
    Eine Lie­be die auf Trüm­mern und gebro­che­nen Her­zen auf­baut? Nein. Eine Zweck-Ehe, wo man sich gegen­sei­tig unter­stützt. Es mag nicht die gro­ße Lie­be gewe­sen sein — trotz­dem hielt sie bis zum Tod der Bei­den. Komisch, oder? Kann man sich in der heu­ti­gen Zeit gar nicht mehr vorstellen..
    Grü­ße aus dem zöli­ba­t­ä­ren Dortmund..

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    • @Dr. Nerd: Ich habe das aus dem­sel­ben Grund auf­ge­schrie­ben, aus dem die Akten eben­falls online ste­hen. Die faschis­ti­sche Zeit soll nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Scha­den kann dar­an nie­mand mehr neh­men. Von väter­li­cher Sei­te lebt nie­mand mehr.

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  3. Ein schwie­ri­ges The­ma, das immer aktu­ell bleibt. Auch jetzt gibt es Krie­ge und auch jetzt wer­den Greu­el­ta­ten began­gen. Wer ver­hin­dert, dass das nicht passiert?

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    • @Holger: Wir als Demo­kra­tie und in dem wir dem Rechts­extre­mis­mus eine Abfuhr erteilen.

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