Oldschool

»Sehr geehr­te Damen und Her­ren schreibt man doch nicht mehr«, gibt mir die Kol­le­gin zu ver­ste­hen. »Wie­so“, fra­ge ich, »was schreibt man denn?« Post­wen­dend (auch ein aus­ster­ben­des Wort) fra­ge ich nach der alter­na­ti­ven Anre­de als Absen­der eines Briefs (noch ein ver­schwin­den­des Wort) oder einer E‑Mail. Mei­ne prä­fe­rier­te Anre­de sei ziem­lich old­school, bemerkt die Kollegin. 

Zustim­mend nicke ich ihr zu und ergän­ze: »Genau wie ich.«

Wobei die Fra­ge nach einer ent­spre­chen­den Anre­de immer noch nicht abschlie­ßend geklärt ist. »Guten Tag; Hal­lo bei wie­der­hol­ter Kor­re­spon­denz.«, wer­de ich auf­ge­klärt. Ok, mei­ne Lieb­lings LLM rela­ti­viert die Aus­sa­ge etwas. Sehr geehr­te Damen und Her­ren ist offen­sicht­lich tat­säch­lich ver­al­tet. Aber nicht das Adjek­tiv geehr­te, bzw. das Adverb in der Ein­gangs­for­mel, son­dern nur die Anre­de ist dem­nach anti­quiert. Ja, mit Namens­nen­nung ist die Anre­de durch­aus noch üblich, klärt mich die Kol­le­gin auf. 

Ich gebe zu beden­ken, dass ich die offen­sicht­lich unmo­der­ne Anre­de ja gera­de da ein­set­ze, wo ich die Namen der/des Ange­schrie­be­nen nicht weiß. 

Ganz modern und trotz­dem for­mell, ist die Anre­de »Guten Tag, lie­bes Sup­port-Team« die rich­ti­ge, rät die Kol­le­gin. Das wie­der­um scheint mir doch zu unpassend. 

»Ich ken­ne die Leu­te doch gar nicht, was weiß ich über deren Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten«, gebe ich zu beden­ken. »Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten? Wie kommst du denn jetzt dar­auf?« »Lie­bes Team kon­sta­tiert die durch­aus posi­ti­ve Eigen­schaft der ent­ge­gen­ge­nom­me­nen und erwi­der­ten Sym­pa­thie, oder etwa nicht?«

»Quatsch, du schreibst doch auch Herz­lich als Schluss­for­mel und das unbe­kann­ter Wei­se, das wäre dann ja genau­so falsch.« 

»Ers­tens schrei­be ich nicht herz­lich, son­dern mit bes­ten Grü­ßen und zwei­tens geht die­se Höf­lich­keits­flos­kel nicht mit der Fest­stel­lung der Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten des Ange­schrie­be­nen ein­her, son­dern ist die wert­freie und zugleich höf­li­che Schluss­for­mel meinerseits.«

»Ich geb’s auf, schreib‘ ein­fach: Sehr geehr­te Damen und Herren.«

4 Gedanken zu „Oldschool“

  1. Kennst du noch: “In der Hoff­nung kei­ne Fehl­bit­te getan zu haben”… Oder “Mit vor­züg­li­cher Hoch­ach­tung”. Da krie­gen die Jun­gen aber einen Herz­kas­par, wenn die das lesen. Oder sie lachen sich kaputt. 

    Wenn ich heu­te einen offi­zi­el­len Brief begin­ne, steht dort: “Sehr geehr­te Damen und Her­ren”. Mit 72 kann ich mir das leisten. 🙂

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  2. @Horst: Dass sich Spra­che wan­delt, kann ich nach­voll­zie­hen, aber dass sich Spra­che anbie­dert, muss ich auch nicht mehr mitmachen.🙂

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  3. Ist völ­lig egal was man für eine Anre­de da reinden­gelt — die meis­ten haben eh eine Schreib-Leseschwäche.
    Ich mach’s halt abhän­gig vom Emp­fän­ger. Ist es eine Sup­port­an­fra­ge, die nicht an eine bestimm­te Per­son gekop­pelt ist: “Hal­lo (oder auch schon mal “How­dy”) Support-Team,”
    bei inter­ner Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Kol­le­gen: Hal­lo “Vor­na­me” (denn bei uns soll man sich duzen, weil es die Nähe zum Kol­le­gen impli­ziert — LOL.. )
    exter­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on: sehr geehr­te Frau/Mann hassenichgesehen..
    Solan­ge die Leu­te kapie­ren, dass sie gemeint sind und etwas machen sol­len oder sie mit Infos raus­rü­cken sol­len ist alles rich­tig — und ob etwas noch zeit­ge­möß ist oder nicht, hat ande­re nicht zu interessieren.
    Ich sag dann immer: “küm­mer dich um dei­nen eige­nen Scheiss!”
    In die­sem Sin­ne: “die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Ihnen war mir ein Vergnügen.”

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  4. Ach, ich dach­te immer, der Zwang zum Du ist eine typi­sche Sau­er­län­der Eigen­schaft, die auf die Unter­neh­men über­ge­schwappt ist. Das wird hier an sämt­li­chen Arbeits­plät­zen exzes­siv von den Vor­ge­setz­ten eingefordert.

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