Zudem verfehlte die Gebühr eine spürbare Steuerungswirkung, d.h. Das ursprüngliche Ziel von “unnötigen” Arztbesuchen wurde verfehlt.
Studien und Auswertungen zeigten, dass die Gebühr kaum Einfluss auf das Arztverhalten hatte: Menschen mit chronischen Erkrankungen mussten trotzdem regelmäßig zum Arzt, während andere den Besuch oft nur hinauszögerten – was medizinisch eher nachteilig war.
Arztpraxen und Krankenkassen mussten viel Zeit und Personal aufbringen, um die Gebühr einzuziehen und zu verbuchen. Dieser bürokratische Aufwand stand in keinem Verhältnis zu den Einnahmen.
Für Menschen mit wenig Geld war die Gebühr spürbar belastend und führte teilweise dazu, dass notwendige Arztbesuche vermieden oder verzögert wurden. Vorsorgeuntersuchtungen wurden vernachlässigt.
Als Alternative könnte das “Hausarztmodell” wieder eingeführt werden, dass den Patienten verpflichet, erst immer den Hausarzt aufzusuchen, der dann bei Bedarf die Überweisung zu den Fachärzten übernimmt.
Ein konsequenter Ausbau der Digitalisierung für die Terminvergabe, der Einsatz von KI-Sprachmodulen für eine erste Einschätzung, Einführung von Videosprechstunden und die Weiterführung von telefonischer Krankschreibung würde die Arztpraxen entlasten.
Zudem könnten die Krankenkassen gesunde Lebensgewohnheiten mit einer Kostenentlastung belohnen, einige Krankenkassen fördern bereits die Teilnahme im Fitnessstudio. Gesundheitsberatungen durch die Krankenkassen rundet die Versorgung ab.
Zuletzt können die Arbeitgeber selber dazu beitragen, unnötige Arztbesuche zu vermeiden, indem sie beispielsweise ihren Mitarbeitern Zeit geben, leichte Erkrankungen auch ohne Arztbesuch und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung unter Lohnfortzahlung zu Haue auszukurieren.
Viele Arbeitgeber machen das bereits, beispielsweise dadurch, Krankschreibungen erst ab dem vierten Tag zu verlangen. Auch Gesundheitszusatzleistungen, die in die Richtung Vorbeugung und Prävention gehen, könnten helfen, Krankheitskosten zu senken.

Bei der Nachricht, dass über die Wiedereinführung der Praxisgebühr diskutiert wird, wusste ich erst nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Nachdem man festgestellt hat, dass sie ihren Zweck völlig verfehlt hat, wird es im zweiten Anlauf bestimmt nicht besser. Man kann nur hoffen, dass es lediglich um medienwirksame Profilierung geht, Hauptsache man macht von sich Reden. Das Hausarztmodel finde ich allerdings auch nicht besser — dann wird es da nur noch voller und ich müsste dann immer zu zwei Ärzten. Dann lieber der Ansatz mit KI. Mit großer Datenbank und schneller Suche/Abgleich kann sie bei Diagnosen meiner Meinung nach eine echte Entlastung für das gesamte System bringen. Und man hat ja schon festgestellt, dass manche einsame Menschen “ihrer” KI ihr Herz ausschütten, da die besser zuhören kann — die chronisch überlasteten Hausärzte wirds freuen.
Die Digitalisierung sehe ich auch als primären Ansatz, leider hinkt Deutschland derart hinterher, das es wohl schwierig werden wird. Deutschland liegt EU-weit im Mittelfeld als digital wettbewerbsfähige Nation, da ist noch viel Luft nach oben.
Ich hatte während meiner Berufszeit nie die Vorgabe im Vertrag stehen, dass ein ärztliches Attest bereits am 1. Tage vorgelegt werden muss. Es war immer so, dass das nach 3 Tagen der Fall sein sollte. Das halte ich für vernünftig, und ich wundere mich immer darüber, wenn ich von einer abweichenden Praxis höre.
Du hast das schön zusammengefasst. Mit den Maßnahmen, die sich die Arbeitgeber “ausgedacht” bzw. hervorgekramt haben, wird sich nichts ändern.
Was hältst du denn von Fratzschers Vorschlag eines verpflichtenden sozialen Jahres? Was mich interessieren würde, wären die finanziellen Auswirkungen, die eine solche Maßnahme haben könnte. Aber es soll ja lt. Fratzscher um eine Art von Motivation gehen, um den mentalen Beeinträchtigungen der Jungen durch die Demografie zu begegnen, nicht wahr? Ein soziales Jahr, um Solidarität zu zeigen. Ich glaube, der Mann hatte einen Fiebertraum. Nur der würde den Schwachsinn erklären. Oder habe ich gute Argumente übersehen?
@Horst: Beim Wort Verpflichtend bekomme ich immer Ausschlag 😆 Ich kenne einige Rentner, die in ihrer Rentenzeit soziale Arbeit leiste. Auf der anderen Seite kenne ich aber auch viele Rentner, die aufgrund von entweder schwerer körperlicher Arbeit, oder aufgrund von Schichten nicht mehr in der Lage sind zu arbeiten. Wer will da wo die Grenzen ziehen? Was Fratzscher offenbar ebenfalls vergisst ist die Tatsache, dass sich ein Großteil der Rentner um die Enkelkinder kümmern muss. (Zumindest in den dörflichen Gemeinden — wir haben hier keine Kitas)
Die böde Praxisgebühr habe ich auch damals erlebt — und zu der Zeit war ich leider auch Hartz IV Empfänger. Da meine Wohnung zu groß war (du hattest im Bürgergeld-Beitrag schon mal drauf hingewiesen, dass dann vom Regelsatz, der eigentlich zum (über)leben gedacht ist noch weiter Geld abgezweigt werden muss um die Miete zahlen zu können) blieben mir auch nur etwa 200 € zum leben. Davon musste ich noch Strom und telefon zahlen. Da überlegst Du ob Du hungrig ins Bett gehst und zum Arzt gehst — oder ob Du Dir das kurz vor verfalldatum und deshalb preisreduzierte Lebensmittel aus der Krabbelkiste im Supermarkt.
Für mich ist die Praxisgebühr der Versuch einer Ausgrenzung von einer unerwünschten Personengruppe, die genauso Anspruch auf ärztliche Hilfe hat , wie jeder sozialversicherte Arbeitnehmer
Die Hausärzte haben ja auch schon müde abgewunken, ich denke da wollte sich wieder einmal jemand in der Sommerpause profilieren.