Ein Blick auf die Zahlen verrät einiges: Im Jahr 2024 verzeichnete Europa satte 13.700 Fusionen und Übernahmen; allein auf Deutschland entfielen rund 3.500 davon. Solche Deals müssen nicht per se schädlich sein.
Wer allerdings ernsthaft glaubt, dass bei diesen Elefantenhochzeiten vorrangig das Produkt oder der Kunde im Mittelpunkt stehen, der glaubt vermutlich auch noch an den Weihnachtsmann. Oftmals geht es schlicht um die pure Kapitalerhöhung und das strategische Aufpumpen des Aktienkurses.
Finanzakrobaten am Werk
Private-Equity-Gesellschaften und Hedgefonds, getrieben von maximaler Gier nach kurzfristiger Rendite, verkörpern das exakte Gegenteil von nachhaltiger Unternehmenspolitik. Das Prozedere läuft meist nach demselben Muster ab: Investoren sichern sich strategische Minderheitsanteile – in der Regel zwischen 5 und 13 Prozent der ausstehenden Aktien. Mit diesen Stimmrechten und dem gezielten Aufbau von öffentlichem Druck versuchen sie ihre Forderungen durchzusetzen. Das Ziel: Substanzabbau nach Drehbuch: Anteilseigner fordern mit schöner Regelmäßigkeit den Verkauf von Unternehmensteilen, Abspaltungen, Aktienrückkäufe oder Sonderdividenden.
Der Mechanismus dahinter ist so simpel wie effektiv: Aktienrückkäufe bspws. verringern die Anzahl der umlaufenden Papiere. Bei gleichbleibendem Gewinn steigt so der Gewinn pro Aktie – und treibt den Kurs. Sonderdividenden wiederum verringern die vorhandene Liquidität oder die Erlöse aus Filettierungen und schütten sie direkt an die Aktionäre aus. Beides bringt kurzfristig Cash in die Kassen der Investoren, plündert aber die finanziellen Reserven für dringend notwendige Zukunftsinvestitionen.
Strukturelle Filetierung
Auch radikale Kostensenkungen stehen ganz oben auf dem Wunschzettel. Personalabbau oder das Zusammenstreichen von Forschungs- und Entwicklungsbudgets hübschen kurzfristig die Marge auf. Massiver Stellenabbau führt in der Regel zu Kursgewinnen. Dass dabei die langfristige Innovationsfähigkeit und das Humankapital vor die Hunde gehen, wird als Kollateralschaden in Kauf genommen. Alle Eingriffe zielen einzig darauf ab, den Kurswert nach oben zu prügeln – sei es durch das Abstoßen von Unternehmensteilen oder das Absaugen von überschüssigem Kapital.Das Geschäftsmodell ist unkompliziert: Aktien kaufen, Druck aufbauen, den Kurs künstlich aufpumpen und mit fettem Gewinn wieder aussteigen. Ob das Unternehmen nach diesem Aderlass besser oder schlechter aufgestellt ist, tangiert den Fonds herzlich wenig, solange die Kasse beim Ausstieg stimmt.
Im Würgegriff der »Heuschrecken«
Das Ganze trifft jedoch keineswegs nur börsennotierte Unternehmen. Das Vorgehen sogenannter »Heuschrecken« im Mittelstand ist nicht minder perfide. Private-Equity-Investoren sammeln Milliarden bei Pensionskassen, Versicherungen oder vermögenden Familien ein, um sie als Eigenkapital für Mehrheitsbeteiligungen zu nutzen. Der Clou: Sie hebeln diesen Einsatz mit einem gigantischen Berg an Krediten und bürden die Schulden für die Übernahme dem gekauften Unternehmen selbst auf. Der Betrieb wird also gezwungen, seine eigene Übernahme abzuzahlen.
Offiziell lautet das Versprechen natürlich immer: besseres Management, finanzielle Optimierung und strategisches Wachstum, um den Laden profitabler zu machen. In der Realität endet es oft beim Weiterverkauf oder der Zerstückelung. Es wird sogar noch absurder: Das Portfoliounternehmen nimmt frische Schulden auf, nur um eine Sonderausschüttung an den Private-Equity-Eigner zu finanzieren. Der Fonds zieht also massiv Kapital ab, ohne auch nur einen Anteil zu verkaufen, während die Firma auf einem Schuldenberg sitzen bleibt. Am Ende bleibt oft nur noch der traurige Gang zum Amtsgericht, um Insolvenz anzumelden.
Neu ist diese Erkenntnis nicht. Bereits 1979 schrieb der Wirtschaftsjournalist Hermannus Pfeiffer:
»Deutschland ist wirtschaftlich weltweit führend und wird Globalisierungssieger. Wenn trotzdem ein ökonomisches Desaster drohe, sei es hausgemacht: Immer bessere Technik und immer mehr Kapital stehen immer weniger Menschen in Arbeit und einer sinkenden Nachfrage gegenüber. Der wilde Neoliberalismus biete keine Antwort. Der von ihm entfesselte Kapitalismus werde am Ende seine Kinder fressen.«
Da habe ich letztens einen witzigen Beitrag im ÖR zu gesehen. Griechenland — du erinnerst dich? Vor 10 Jahren noch DAS Pleite-Mitglied der EU steht aktuell besser das als Deutschland.
Hier: https://www.ardmediathek.de/video/europamagazin/wachstum-und-weniger-schulden-griechenlands-comeback/ard/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2V1cm9wYW1hZ2F6aW4vMjY0MDNkMWUtZjdjYy00MmEyLWIxYmEtZjY2MmEzMmNlOThm
und hier: https://www.marktundmittelstand.de/politik/griechenland-saniert-sich-selbst
Da hat man in 10 Jahren geschafft, was Deutschland in 100 Jahren nicht schaffen wird: Digitalisierung. Fast alle Amtsgänge lassen sich online erledigen, was immense Zeit spart. Da wird aber auch hart dran gearbeitet: es wurden Beamte eingestellt um gegen Steuerhinterziehung zu ermitteln — mit viel Erfolg: in Deutschland dagegen: “da ist kein Geld für da” — da fragt man sich, wenn ein einziger Beamter im Jahr 10 bis 30 Millionen Steuern ins Staatssäckel schaufelt — wie kann dann kein Geld für ihn da sein?
Griechenland geht es dadurch so gut, dass man sogar Steuersenkungen machen konnte. Und hier? Klagen, klagen, klagen..
Dadurch, dass man sich hier dem naheliegendstem verweigert: das Geld da abzuschöpfen, wo es reichlich vorhanden ist um den Menschenmassen unten in der Nahrungkette ein besseres leben zu ermöglichen und auch den Konsum und Binnenmarkt anzukurbeln, schürt man Existenzangst und dunkle Zukunftsaussichten. Ist der Großteil der Bevölkerung zufrieden sind auch die Konzerne zufrieden. Turbo-Kapitalismus wird sich nicht gänzlich verhindern lassen, aber ich appeliere da an die mehrzahl der “vernünftigen” Aktionäre, die lieber langfristig ihr Kapital moderat über die Inflationsgrenze hinaus vergrößern wollen, als ein Unternehmen ausbluten zu lassen, was letztlich den Exitus bedeutet.
Exakt meine Gedanken. Die von Merz und seinen Aktionärsgaunern versuchte Einführung des Turbokapitalismus führt zu einer noch größeren Schere zwischen Arm und Reich mit der Folge des Wegfalls der kompletten Mittelschicht. Ich würde wetten, es würde in der Bundesrepublik reichlich ungemütlich, wenn die ersten Arbeitnehmer im Auto auf dem Firmenparkplatz übernachten müssen , weil sie sich keine Wohnung mehr leisten können. Das ist kein Randphänomen, sondern ein wachsender Trend in den USA, (»vehicle residency«, »mobile homeless»). Es gibt sogar einen Guide »for People Living in Vehicles«