Geht’s den Rentnern zu gut?

Der Leit­ar­ti­kel im neu­en SPIEGEL ver­sucht sich an einer – ver­mut­lich schreck­lich gewoll­ten – Pro­vo­ka­ti­on. Chris­ti­an Rei­er­mann, selbst Ange­hö­ri­ger der Boo­mer-Rie­ge, zieht gegen die eige­ne Alters­klas­se zu Fel­de. Sein Vor­wurf: Refor­men in die­sem Land ver­san­den regel­mä­ßig an den Ego­is­men der Älte­ren, wäh­rend die Jugend die finan­zi­el­le Zeche zah­len darf. Ker­nig for­dert er ein Ende der „Tyran­nei der Alten“ und plä­diert für mehr Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit. Die Alten sei­en poli­tisch und finan­zi­ell bes­tens gepols­tert, wäh­rend die Jün­ge­ren unter der Last von Renten‑, Steu­er- und Sozi­al­po­li­tik ächzen.

So weit, so popu­lis­tisch. Schaut man sich den Arti­kel genau­er an, stol­pert man aller­dings über eini­ge Denkfehler. 

Als Reform­he­bel schlägt Rei­er­mann bei­spiels­wei­se eine höhe­re Mehr­wert­steu­er vor. Die Logik dahin­ter: In einer altern­den Gesell­schaft trifft das vor allem die­je­ni­gen, die im Herbst des Lebens ihr Erspar­tes ver­pras­sen. Das klingt in der Theo­rie nett, igno­riert aber die Rea­li­tät. Die meis­ten Rent­ner knab­bern ihre Erspar­nis­se nicht aus purem Luxus an, son­dern schlicht, weil sie es zum nack­ten Über­le­ben müs­sen. Das Geld fließt in die täg­li­che Exis­tenz­si­che­rung und nicht, wie der Autor uns womög­lich weiß machen will, in die fünf­te Pra­da-Hand­ta­sche oder den spon­ta­nen Kurz­trip nach Tessin.

Gleich­zei­tig schießt sich der SPIE­GEL-Autor auf den– sei­ner Mei­nung nach – Unfug der „Ren­te mit 63“ ein. Nur blöd, dass es die­se Ren­te mit 63 in der Form über­haupt nicht mehr gibt. Das war ein Pri­vi­leg für die Jahr­gän­ge 1952 bis 1964. Danach ist Schicht im Schacht: Die abschlags­freie Ver­ren­tung greift erst wie­der ab 65 Jah­ren – und auch nur dann, wenn man stol­ze 45 Ver­si­che­rungs­jah­re auf dem Buckel hat. Wer das für rei­nen Unsinn hält, lebt ent­we­der kom­plett an der Lebens­wirk­lich­keit der Men­schen vor­bei oder arbei­tet ver­mut­lich beim SPIEGEL. Dort scheint eine Lebens­ar­beits­zeit jen­seits der 65 offen­bar pro­blem­los mach­bar zu sein – ohne nen­nens­wer­te kör­per­li­che oder gesund­heit­li­che Alt­las­ten, die man sich durch jahr­zehn­te­lan­ge har­te Arbeit ein­ge­han­delt hat.

Auch an ande­rer Stel­le geht Rei­er­manns wohl­fei­le Ein­ord­nung mei­len­weit an der Rea­li­tät vor­bei. Wer ernst­haft die bes­se­re Aner­ken­nung von Erzie­hungs­zei­ten im Ren­ten­sys­tem kri­ti­siert, der braucht sich über den anhal­ten­den Sturz­flug der Gebur­ten­ra­te wahr­lich nicht zu wundern.

Als pri­vi­le­gier­ter Jour­na­list hat man gut reden: Wenn die haus­ei­ge­ne Alters­ver­sor­gung steht, die betriebs­ei­ge­ne Kita parat steht und das Gehalt weit über dem liegt, was ein Nor­mal­ver­die­ner jemals zu Gesicht bekommt, lässt sich herr­lich über die „Tyran­nei der Alten“ schwadronieren.

Die bit­te­re Wahr­heit, die gut­ver­die­nen­de Jour­na­lis­ten und Poli­ti­ker so ele­gant aus­blen­den, ist eine ganz ande­re: Die Alters­ar­mut in Deutsch­land ist in den letz­ten Jah­ren dras­tisch gestie­gen. Das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt mel­de­te für 2025 eine Armuts­ge­fähr­dungs­quo­te von sat­ten 19,5% für Men­schen ab 65 Jah­ren. Wer nicht das gro­ße Los gezo­gen hat, beim SPIEGEL oder in einem Groß­kon­zern mit Luxus-Alters­vor­sor­ge unter­zu­kom­men, der muss nach 45 Ver­si­che­rungs­jah­ren sehen, wie er mit einer Net­to­ren­te von ca.1.500 Euro net­to hin­kommt. Und selbst die­se Sum­me gibt es kei­nes­wegs geschenkt – dafür muss man in die­sen 45 Jah­ren schon rela­tiv gut ver­dient haben.

Wer­fen wir doch mal einen Blick auf die nack­ten Zah­len: Für das lau­fen­de Jahr 2026 liegt das vor­läu­fi­ge Durch­schnitts­ent­gelt in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bei stol­zen 51.944 Euro brut­to im Jahr.

Das bedeu­tet im Klar­text: Nur wer im Lau­fe des Jah­res 2026 exakt die­sen Betrag nach Hau­se bringt – was umge­rech­net 4.328,67 Euro im Monat sind – und dar­auf sei­ne Ren­ten­bei­trä­ge zahlt, bekommt für die­ses Jahr über­haupt einen ein­zi­gen, vol­len Ren­ten­punkt gutgeschrieben.

Schaut man sich alle Erwerbs­tä­ti­gen an, schaf­fen es gera­de ein­mal mick­ri­ge 30 % bis 35 %, die­se Sum­me im Jahr über­haupt zu errei­chen. Heißt im Umkehr­schluss: Gut 70 Pro­zent der zukünf­ti­gen Rent­ne­rin­nen und Rent­ner steu­ern sehen­den Auges auf die Alters­ar­mut zu.

Im Ham­bur­ger Elfen­bein­turm lässt es sich leicht über die „Tyran­nei der Alten“ schrei­ben. Viel­leicht soll­te Rei­er­mann beim nächs­ten Zusam­men­tref­fen mit einem Pfand­fla­schen sam­meln­den Rent­ner fra­gen, wie­so er sei­nen Lebens­abend eigent­lich nicht in der Tos­ka­na verbringt. 

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