Gegen das Vergessen

»Wer vor der Ver­gan­gen­heit die Augen ver­schließt, wird blind für die Zukunft«, sag­te Richard Wei­ze­n­ä­cker ein­mal. Gera­de vor dem Hin­ter­grund heu­ti­ger poli­ti­schen Ver­wer­fun­gen, ist das wohl eines der wich­tigs­ten Bot­schaf­ten in Zei­ten wie­der­auf­kei­men­dem Rechts­extre­mis­mus. Drei­ßig Kilo­me­ter von unse­rem Dorf ent­fernt steht die Wewels­burg, die ich ges­tern besucht habe. 

Die Wewels­burg war Teil der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Wahn­idee und soll­te als Kader­schmie­de und mys­ti­sches Zen­trum die Ideo­lo­gie der Nazis auf­bau­en. SS-Chef Hein­rich Himm­ler woll­te eine zen­tra­le ideo­lo­gi­sche Ver­samm­lungs- und Aus­bil­dungs­stät­te. Tei­le der so genann­ten Schutz­staf­fel (SS) der NSDAP hiel­ten sich zwi­schen 1933 und 1945 in dem Schloss aus dem 17. Jahr­hun­dert auf. das sich in der Nähe befind­li­che Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger kom­plet­tier­te den Irrsinn. 

In KZ Nie­der­ha­gen star­ben weit über tau­send Häft­lin­ge durch Zwangs­ar­beit, Miss­hand­lun­gen und Krank­hei­ten. Die meis­ten Opfer waren rus­si­sche, ukrai­ni­sche und pol­ni­sche Zwangsarbeiter.

Die Dau­er­aus­stel­lung »Ideo­lo­gie und Ter­ror der SS« in der Wewels­burg legt Zeug­nis ab: Von Fol­ter und Tod und vom Grö­ßen­wahn der Nazis, Ras­sen­wahn, Eli­te­phan­ta­sien, pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien. Die Schutz­staf­fel insze­niert sich als Orden der Aus­er­wähl­ten – modern orga­ni­siert, mytho­lo­gisch auf­ge­la­den, bru­tal exklusiv.

In der Rea­li­tät war sie ein Macht­ap­pa­rat der Poli­zei und des Geheim­diens­tes. Die Ideo­lo­gie der Nazis wird Ver­wal­tungs­vor­schrift. Gewalt wird Rou­ti­ne. Aus Paro­len wird ein euro­pa­wei­tes Sys­tem des Terrors.

Für Hein­rich Himm­ler soll­te die Wewesl­burg ein spi­ri­tu­el­les Zen­trum der SS wer­den – eine Art Kult­ort für sei­ne ras­sis­ti­sche Wahn­ideen. Wäh­rend oben Plä­ne für eine ideo­lo­gi­sche Zukunft geschmie­det wur­den, star­ben unten Men­schen. Häft­lin­ge des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Nie­der­ha­gen muss­ten die Anla­ge aus­bau­en, vie­le über­leb­ten das nicht. Die Aus­stel­lung der Erin­ne­rungs- und Gedenk­stät­te Wewels­burg 1933 – 1945 infor­miert umfas­send über die loka­len Tätig­kei­ten der Schutz­staf­fel (SS) in Wewels­burg. Vie­le Gegen­stän­de der Ter­ror­zeit sind noch erhal­ten, Berich­te und akri­bi­sche Büro­kra­tie über die Ermor­de­ten kom­plet­tie­ren die bedrü­cken­de Aus­stel­lung. Nach dem Besuch der Gedenk­stät­te feh­len die Wor­te. Schwei­ge­mi­nu­te unfreiwillig. 

Der Ter­ror der SS war kein his­to­ri­scher Unfall. Er war orga­ni­siert. Gewollt. Und erschre­ckend systematisch.

Das Kel­ler­ge­schoß (Die Gruft) soll­te nach dem Vor­bild myke­ni­scher Kup­pel­grä­ber zu einem Wei­he­raum für tote SS-Füh­rer gestal­tet wer­den. in dem Kel­ler­ge­schoss ist eine Aus­stel­lung des Künst­lers Josef Gla­he zu besichtigen.