Er kann’s nicht

Man hät­te fast hof­fen kön­nen, dass Lars Kling­beil die Kur­ve kriegt und end­lich mal ein paar ech­te Plus­punk­te für die Sozi­al­de­mo­kra­ten ein­sam­melt. Aber Pus­te­ku­chen – er hat’s ver­mas­selt, und zwar mit Ansa­ge. Beim Ver­such, die anste­hen­den Refor­men im Herbst vor­ab schön­zu­re­den, lie­fer­te er genau das, was die Leu­te von der SPD eigent­lich nicht mehr hören können.

Es ist kein Geheim­nis: Wenn Poli­ti­ker von »Refor­men« spre­chen, mei­nen sie meis­tens eine mone­tä­re Ver­schlech­te­rung für die brei­te Mas­se. War­um? Weil dort mathe­ma­tisch am meis­ten zu holen ist und der Wider­stand – im Gegen­satz zu den gro­ßen Lob­bys – ange­nehm über­schau­bar bleibt. Also knöpft man sich wie­der die­je­ni­gen vor, die kei­ne mil­lio­nen­schwe­re Lob­by im Rücken haben: die abhän­gig Beschäf­tig­ten, Rent­ner und Sozialhilfeempfänger.

Dabei fing Kling­beil gar nicht so übel an. Vor­schlä­ge wie die Ren­ten­kopp­lung an Arbeits­jah­re oder eine höhe­re Belas­tung für ech­te Ver­mö­gen klan­gen fast nach sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Hand­schrift, um nur zwei Sät­ze spä­ter in neo­li­be­ra­le Gebe­te zu ver­fal­len, die man sonst eher aus der FDP-Zen­tra­le kennt.

Phrasendrescher auf Hochtouren

Was dann folg­te, war der klas­si­sche Griff in die neo­li­be­ra­le Mottenkiste:

  • »Wir müs­sen als Gesell­schaft ins­ge­samt mehr arbei­ten« – der Klas­si­ker für alle, die schon jetzt am Limit laufen.
  • »Abbau von Teil­zeit-Anrei­zen« – genau, Aldi machts vor. Job­an­ge­bo­te für Ver­käu­fe­rin gibt’s fast nur in Teilzeit.
  • »Locke­rung von Befris­tun­gen«, damit Unter­neh­men noch schmerz­frei­er »fle­xi­bi­li­sie­ren« können.


  • Mit Sät­zen wie »2026 wird uns Mut abver­lan­gen“« oder der Auf­for­de­rung, »alte Gewohn­hei­ten auf­zu­ge­ben«, wirkt Kling­beil eher wie ein Anwär­ter auf den FDP Par­tei­vor­sitz als ein Sozi­al­de­mo­krat, der sein Kli­en­tel – die Arbei­ter und die Mit­tel­schicht – ver­tritt, bzw. ver­tre­ten sollte.

    Die Zeit der Schonung ist vorbei

    Hans Wal­low brach­te es im Blog der Repu­blik in einem offe­nen Brief hart, aber herz­lich auf den Punkt: 

    Wil­ly Brandt war auch wie Du, im Gegen­satz zu Hel­mut Schmidt, kein bril­lan­ter Red­ner. Aber er begeis­ter­te oft Men­schen­men­gen, die sei­nen Gedan­ken fol­gen konn­ten, unter­füt­tert von Cha­ris­ma, Krea­ti­vi­tät und einer Pri­se Humor. All das fehlt Dir! Wahr­hei­ten sind schmerzlich.

    Mein ers­ter Gedan­ke war: »Autsch, das ist dras­tisch.« Mein zwei­ter: »Recht hat er.« 

    Wer zuse­hen muss, wie 39 Pro­zent der Arbei­ter allei­ne im Wes­ten zur AfD abwan­dern, darf sich nicht wun­dern, wenn der Ton rau­er wird. 

    Die SPD muss sich ent­schei­den: Ent­we­der sie macht end­lich wie­der Poli­tik für ihre Basis – die abhän­gig Beschäf­tig­ten und den Mit­tel­stand – oder sie ver­schwin­det wie die FDP in der poli­ti­schen Bedeutungslosigkeit.

    Spä­tes­tens wenn das Lob von der fal­schen Sei­te kommt, ist Selbst­kri­tik gefragt. 

    4 Gedanken zu „Er kann’s nicht“

      • @Nachtkatze: Bei Hans Wallow ✊

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    1. Au Mann, gut das mei­ne 1997 ver­stor­be­ne Groß­mutter den Nie­der­gang der SPD nicht mehr erlebt hat. Immer (selbst wäh­rend der Nazi-Zeit) in der SPD gewe­sen, nach dem Krieg die Bei­trä­ge per Pedes kas­siert, aber — ich glau­be so 1990 muss es gewe­sen sein — des­il­lu­sio­niert aus­ge­tre­ten, weil die SPD damals die alten Wer­te ver­ra­ten hat.
      Jetzt ist die SPD nur noch eine hilf­lo­se Par­tei mit Vor­sit­zen­den, die so blass sind, dass man weder weiß wie die hei­ßen — umso­we­ni­ger für was sie stehen..
      Ich wür­de sagen: “kann weg”

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      • @Peter: Mich wun­dert die Aus­rich­tung der SPD eigent­lich nicht, wenn man weiß, wo Klin­gen­beil her­kommt. ER war nicht nur Mit­glied, son­dern auch Spre­cher im See­hei­mer Kreis. Da braucht man sich über die neo­li­be­ra­le Spra­che nicht zu wundern.

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