Energiepreise, Bürokratie, China?

Mein Nach­bar hat ein neu­es Auto. BYD. Chi­ne­sisch. Als ich nach den Beweg­grün­den fra­ge, wird schnell klar, war­um es ein Auto aus dem Land der Mit­te sein soll. Qua­li­tät, Fahr­leis­tun­gen, Reich­wei­te alles passt. Für chi­ne­si­sche Autos gibt es kei­ne Zusatz­pa­ke­te, womög­lich noch im Abo, wie bei eini­gen deut­schen Autos. Indi­vi­dua­li­sier­bar ist nur die Motor­leis­tung, ansons­ten herrscht Voll­aus­stat­tung. Der Preis? Etwas mehr als die Hälf­te zum deut­schen Pendant.
Man könn­te mei­nen, die deut­sche Indus­trie ist in einer Art Schock­star­re ver­fal­len, seit die Chi­ne­sen den deut­schen Markt ins Visier genom­men haben. 

Neue, schö­ne Namen statt Inno­va­ti­on, im Auto­mo­bil­sek­tor Preis­ge­stal­tung jen­seits von Gut und Böse. Qua­li­tät als Allein­stel­lungs­merk­mal deut­scher Inge­nieurs­kunst? Weit gefehlt. Das kön­nen die Chi­ne­sen inzwi­schen auch. Vor­bei die Zeit des belä­chel­ten Chi­na­schrotts. Rich­ten wir uns gera­de sel­ber mit maß­lo­ser Arro­ganz? Haben wir nicht auf­ge­passt? Die War­nun­gen vor den geball­ten wirt­schaft­li­chen Karf­tent­fal­tung der Chi­ne­sen gibt’s ja nicht erst seit ges­tern. Wer erin­nert sich nicht an die Demons­tra­ti­on, frei­lich mit viel Pro­pa­gan­da beglei­tet, des Baus eines Kran­ken­hau­ses wäh­rend der Coro­na Pan­de­mie in zehn Tagen als Beweis der Leis­tungs­fä­hig­keit Chinas? 

Vor­bei die Zei­ten, in denen Chi­na bloß als bil­li­ge Werk­bank durch­ging – auch wenn man das in so man­cher deut­schen Chef­eta­ge viel­leicht immer noch ger­ne glau­ben möchte.

Laut Bran­chen­be­ob­ach­tern gräbt die Kon­kur­renz aus Fern­ost der deut­schen Indus­trie genau dort das Was­ser ab, wo man sich bis­her so herr­lich unan­greif­bar fühl­te: bei Qua­li­tät, Inno­va­ti­on und dem ganz gro­ßen Besteck in Sachen Sys­tem­lö­sun­gen. Chi­ne­si­sche Anbie­ter lie­fern längst das Rund­um-sorg­los-Paket für die Fabrik und stel­len kom­plet­te Pro­duk­ti­ons­li­ni­en inklu­si­ve Maschi­nen, Robo­tik und Steue­rungs­soft­ware aus einer Hand auf den Hof. Der eins­ti­ge Pre­mi­um-Vor­sprung schrumpft also im Eiltempo.

Die Ber­li­ner Zei­tung schreibt: »VCI-Chef Wolf­gang Gro­ße Entrup nennt die Lage der Che­mie­in­dus­trie »dra­ma­tisch«, da chi­ne­si­sche Über­ka­pa­zi­tä­ten (sub­ven­tio­niert, über den Eigen­be­darf hin­aus) mas­si­ven Preis­druck in Euro­pa erzeu­gen. Der Ver­band der Elek­tro- und Digi­tal­in­dus­trie spricht von einem “zwei­ten Chi­na-Schock” – Chi­na ver­ei­ne bereits rund ein Drit­tel des Welt­mark­tes und fast die Hälf­te der glo­ba­len Pro­duk­ti­on auf sich, zusätz­lich ver­schärft durch Abhän­gig­kei­ten bei Sel­te­nen Erden.« 

Ja, die chi­ne­si­sche Wirt­schafts­po­li­tik lässt sich nicht mit der deut­schen ver­glei­chen, schließ­lich för­der­te die chi­ne­si­sche Regie­rung mas­siv Tau­sen­de Indus­trie­un­ter­neh­men mit Sub­ven­tio­nen und Steu­er­erleich­te­run­gen. Ziel war es, tech­no­lo­gisch auf­zu­ho­len, Abhän­gig­kei­ten von aus­län­di­schen Her­stel­lern abzu­bau­en und den deut­schen »Hid­den Cham­pi­ons« zuneh­mend Kon­kur­renz zu machen. 

Das scheint gelungen:
Laut einer Stu­die des Unter­neh­mens­be­ra­ters Ernst & Young vom Mai ver­liert die deut­sche Indus­trie der­zeit meh­re­re tau­send Arbeits­plät­ze pro Monat. 

Schläft die deutsche Wirtschaft also?

So ganz ein­fach scheint das dann doch nicht zu sein. Das IFO Insti­tut in Dres­den bestä­tigt zwar die schrump­fen­de Indus­trie in Deutsch­land, ver­weist aber auf eine eige­ne Aus­wer­tung, wonach ein Groß­teil der Bran­chen sich auf eine Viel­zahl chi­ne­si­scher Pro­duk­te ein­stel­len und ihr Heil in der Nischen­spe­zia­li­sie­rung sehen. 

Eini­ge Unter­neh­men machen eher die Ener­gie­prei­se, die Büro­kra­tie und feh­len­de Inno­va­ti­ons­för­de­rung ver­ant­wort­lich für einen mög­li­chen Strukturwandel. 

Wirt­schafts­wei­se, wie die Vor­sit­zen­de des Sach­ver­stän­di­gen­ra­tes zur Begut­ach­tung der gesamt­wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung, Moni­ka Schnit­zer for­mu­lie­ren schon län­ger den »längst anste­hen­den­den Struk­tur­wan­del, der jetzt bei­spiels­wei­se durch die hohen Ener­gie­kos­ten nur beschleu­nigt wür­de. Aber wür­de das den chi­ne­si­schen Markt nicht zusätz­lich befeuern?

Theo­re­ti­ker mögen ihr Kon­strukt von einer »gesun­den Schrump­fung der Indus­trie« auf einem Blatt Papier skiz­ziert haben. Was aber pas­siert, wenn über kurz oder lang Mil­lio­nen von Arbeits­plät­zen weg­fal­len? Soll sich das Brut­to­in­lands­pro­dukt aus Dienst­leis­tun­gen, Tou­ris­mus und Land­wirt­schaft zusammenrechnen? 

Ich bin davon über­zeugt: Ein skiz­zier­ter Struk­tur­wan­del, der mit einer Deindus­tria­li­sie­rung gro­ßer Tei­le der deut­schen Indus­trie ein­her­geht, wäre in Fol­ge nicht kal­ku­lier­bar – nicht nur für den Wohl­stand in der Bundesrepublik.

4 Kommentare zu „Energiepreise, Bürokratie, China?“

  1. Vie­le glaub­ten, der Kom­mu­nis­mus sei seit 1989 besiegt. In Wirt­schaft und Poli­tik herrsch­te lan­ge die Über­zeu­gung, der Wes­ten habe das bes­se­re Modell end­gül­tig durch­ge­setzt. Dabei wur­de unter­schätzt, mit wel­cher Kon­se­quenz Chi­na sei­ne lang­fris­ti­ge Indus­trie­po­li­tik ver­folg­te. Unter­neh­men wie VW pro­fi­tier­ten zunächst von nied­ri­gen Pro­duk­ti­ons­kos­ten und spä­ter vom rie­si­gen chi­ne­si­schen Absatz­markt. Dass Chi­na dabei zugleich eige­nes Know-how auf­bau­te und tech­no­lo­gisch auf­hol­te, woll­ten vie­le Ver­ant­wort­li­che aus wirt­schaft­li­chem Eigen­in­ter­es­se lan­ge nicht wahr­ha­ben. Vor allem die Geschwin­dig­keit die­ser Ent­wick­lung wur­de dra­ma­tisch unterschätzt.

    Die Auto­mo­bil­in­dus­trie ist damit längst nicht allein. Auch der Maschi­nen­bau, die Che­mie und die Phar­ma­in­dus­trie gera­ten zuneh­mend unter Druck. Aus der eins­ti­gen »ver­län­ger­ten Werk­bank« ist ein hoch­ent­wi­ckel­ter Wett­be­wer­ber gewor­den, der in zahl­rei­chen Berei­chen die Wert­schöp­fungs­ket­ten domi­niert. Die Ver­säum­nis­se der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te holen Euro­pa nun mit vol­ler Wucht ein. In man­chen Schlüs­sel­tech­no­lo­gien hat Chi­na einen Vor­sprung auf­ge­baut, der sich zumin­dest kurz­fris­tig kaum auf­ho­len lässt. 

    Den­ke ich allein an die Wert­schöp­fungs­ket­te von Elek­tro­au­tos, wird das Aus­maß der Ver­säum­nis­se deut­lich. Chi­na hat es geschafft, nahe­zu die gesam­te Ket­te – von der Roh­stoff­ver­ar­bei­tung über die Bat­te­rie­zel­len bis zum fer­ti­gen Fahr­zeug – im eige­nen Land oder unter eige­ner Kon­trol­le auf­zu­bau­en. Euro­pa dage­gen ringt bis heu­te dar­um, bei der Bat­te­rie­tech­nik den Anschluss zu fin­den und die Pro­duk­ti­on in nen­nens­wer­tem Umfang zu ska­lie­ren. Der Vor­sprung Chi­nas ist inzwi­schen so groß, dass er sich nicht in weni­gen Jah­ren auf­ho­len lässt. Wenn über­haupt. Der­weil quä­len sich unse­re Poli­ti­ker damit, was uns die Kapi­ta­lis­ten vor­zu­ge­ben ver­su­chen: den radi­ka­len Abbau des Sozialstaats.

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  2. Ja, das ist schon erschre­ckend, dass die Chi­ne­sen aus dem alten abge­wrack­ten Gam­mel, den man ihnen zur Pro­duk­ti­on sei­ner­zeit lächelnd über­las­sen hat, damit sie mit dem in “Good old Ger­ma­ny” aus­ge­mus­ter­ten Schrott für noch weni­ger Lohn­kos­ten Pro­duk­te für den hie­si­gen Markt pro­du­tie­ren konn­ten, Maschi­nen ent­wi­ckelt haben, bei denen man­chem deut­schen Inge­nieur vor Stau­nen die Kinn­la­de runterfällt
    Konn­te ja kei­ner ahnen, dass es dort Uni­ver­si­tä­ten gibt, in denen Maschi­nen­bau stu­diert wird oder Schu­len an denen ganz anders und effi­zi­en­ter gelernt wird als hier. Aktu­ell ist es sogar in Chi­na so, dass es dort ein Intel­lekt-Pro­blem gibt: der Arbeits­markt kann die gan­zen fer­tig stu­dier­ten jun­gen Hoch­schul­ab­sol­ven­ten gar nicht mehr aufnehmen.
    Dass uns Chi­na in den Sack packt: so etwas kommt nicht über Nacht — aber als ich damals — muss so 30 oder mehr Jah­re her sein — mit­be­kam, dass hier gan­ze Pro­duk­ti­ons­stras­sen nach Chi­na ver­frach­tet wur­den, fürch­te­te ich schon, dass uns das noch böse auf die Füße fal­len wird.
    Was die deut­sche Auto­mo­bil-Indus­trie angeht, da ist das gro­ße ster­ben ange­sagt. Habe ich Mit­leid? Nicht im gerings­ten: Ein “hoch­ef­fi­zi­en­ter” Ver­bren­ner? Bei Sprit­prei­sen von weit über 2 € der Liter — und dann auch noch dop­pelt so teu­er wie ein chi­ne­si­sches E‑Auto? Ich habe sel­ber dar­an gedacht mir einen Chi­ne­sen zu kau­fen — den BAW 212. Sieht aus wie ein Mer­ce­des G‑Modell — kos­tet aber mit knapp 40.000 € Neu­preis nur ein Drit­tel vom Mer­ce­des, der bei über 120.000 € erst anfängt.
    So etwas wie einen Preis­un­ter­schied von 80.000 € kann man in den Ver­kaufs­räu­men nicht mit “deut­scher Qua­li­tät” weg dis­ku­tie­ren. Die Chi­ne­sen sind was die Qua­li­tät angeht den deut­schen Her­stel­lern sogar häu­fig vor­aus. Für das gespar­te Geld kann man sich fast eine Eigen­tums­woh­nung kau­fen! Die Hoch­nä­sig­keit der Ver­käu­fer und der Kon­zern­chefs wird sich übelst rächen. Aber was weiss ich schon..

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    • @Dr. Nerd: Ja genau, so argu­men­tie­ren heim­lich die deut­schen Auto­mo­bil­her­stel­ler: Was weiß der Kun­de schon? Wir erzäh­len ein­fach immer wie­der die Geschich­te, dass Qua­li­tät eben ihren Preis hat. 🤔

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