Man könnte meinen, die deutsche Industrie ist in einer Art Schockstarre verfallen, seit die Chinesen den deutschen Markt ins Visier genommen haben.
Neue, schöne Namen statt Innovation, im Automobilsektor Preisgestaltung jenseits von Gut und Böse. Qualität als Alleinstellungsmerkmal deutscher Ingenieurskunst? Weit gefehlt. Das können die Chinesen inzwischen auch. Vorbei die Zeit des belächelten Chinaschrotts. Richten wir uns gerade selber mit maßloser Arroganz? Haben wir nicht aufgepasst? Die Warnungen vor den geballten wirtschaftlichen Karftentfaltung der Chinesen gibt’s ja nicht erst seit gestern. Wer erinnert sich nicht an die Demonstration, freilich mit viel Propaganda begleitet, des Baus eines Krankenhauses während der Corona Pandemie in zehn Tagen als Beweis der Leistungsfähigkeit Chinas?
Vorbei die Zeiten, in denen China bloß als billige Werkbank durchging – auch wenn man das in so mancher deutschen Chefetage vielleicht immer noch gerne glauben möchte.
Laut Branchenbeobachtern gräbt die Konkurrenz aus Fernost der deutschen Industrie genau dort das Wasser ab, wo man sich bisher so herrlich unangreifbar fühlte: bei Qualität, Innovation und dem ganz großen Besteck in Sachen Systemlösungen. Chinesische Anbieter liefern längst das Rundum-sorglos-Paket für die Fabrik und stellen komplette Produktionslinien inklusive Maschinen, Robotik und Steuerungssoftware aus einer Hand auf den Hof. Der einstige Premium-Vorsprung schrumpft also im Eiltempo.
Die Berliner Zeitung schreibt: »VCI-Chef Wolfgang Große Entrup nennt die Lage der Chemieindustrie »dramatisch«, da chinesische Überkapazitäten (subventioniert, über den Eigenbedarf hinaus) massiven Preisdruck in Europa erzeugen. Der Verband der Elektro- und Digitalindustrie spricht von einem “zweiten China-Schock” – China vereine bereits rund ein Drittel des Weltmarktes und fast die Hälfte der globalen Produktion auf sich, zusätzlich verschärft durch Abhängigkeiten bei Seltenen Erden.«
Ja, die chinesische Wirtschaftspolitik lässt sich nicht mit der deutschen vergleichen, schließlich förderte die chinesische Regierung massiv Tausende Industrieunternehmen mit Subventionen und Steuererleichterungen. Ziel war es, technologisch aufzuholen, Abhängigkeiten von ausländischen Herstellern abzubauen und den deutschen »Hidden Champions« zunehmend Konkurrenz zu machen.
Das scheint gelungen:
Laut einer Studie des Unternehmensberaters Ernst & Young vom Mai verliert die deutsche Industrie derzeit mehrere tausend Arbeitsplätze pro Monat.
Schläft die deutsche Wirtschaft also?
So ganz einfach scheint das dann doch nicht zu sein. Das IFO Institut in Dresden bestätigt zwar die schrumpfende Industrie in Deutschland, verweist aber auf eine eigene Auswertung, wonach ein Großteil der Branchen sich auf eine Vielzahl chinesischer Produkte einstellen und ihr Heil in der Nischenspezialisierung sehen.
Einige Unternehmen machen eher die Energiepreise, die Bürokratie und fehlende Innovationsförderung verantwortlich für einen möglichen Strukturwandel.
Wirtschaftsweise, wie die Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Monika Schnitzer formulieren schon länger den »längst anstehendenden Strukturwandel, der jetzt beispielsweise durch die hohen Energiekosten nur beschleunigt würde. Aber würde das den chinesischen Markt nicht zusätzlich befeuern?
Theoretiker mögen ihr Konstrukt von einer »gesunden Schrumpfung der Industrie« auf einem Blatt Papier skizziert haben. Was aber passiert, wenn über kurz oder lang Millionen von Arbeitsplätzen wegfallen? Soll sich das Bruttoinlandsprodukt aus Dienstleistungen, Tourismus und Landwirtschaft zusammenrechnen?
Ich bin davon überzeugt: Ein skizzierter Strukturwandel, der mit einer Deindustrialisierung großer Teile der deutschen Industrie einhergeht, wäre in Folge nicht kalkulierbar – nicht nur für den Wohlstand in der Bundesrepublik.
Viele glaubten, der Kommunismus sei seit 1989 besiegt. In Wirtschaft und Politik herrschte lange die Überzeugung, der Westen habe das bessere Modell endgültig durchgesetzt. Dabei wurde unterschätzt, mit welcher Konsequenz China seine langfristige Industriepolitik verfolgte. Unternehmen wie VW profitierten zunächst von niedrigen Produktionskosten und später vom riesigen chinesischen Absatzmarkt. Dass China dabei zugleich eigenes Know-how aufbaute und technologisch aufholte, wollten viele Verantwortliche aus wirtschaftlichem Eigeninteresse lange nicht wahrhaben. Vor allem die Geschwindigkeit dieser Entwicklung wurde dramatisch unterschätzt.
Die Automobilindustrie ist damit längst nicht allein. Auch der Maschinenbau, die Chemie und die Pharmaindustrie geraten zunehmend unter Druck. Aus der einstigen »verlängerten Werkbank« ist ein hochentwickelter Wettbewerber geworden, der in zahlreichen Bereichen die Wertschöpfungsketten dominiert. Die Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte holen Europa nun mit voller Wucht ein. In manchen Schlüsseltechnologien hat China einen Vorsprung aufgebaut, der sich zumindest kurzfristig kaum aufholen lässt.
Denke ich allein an die Wertschöpfungskette von Elektroautos, wird das Ausmaß der Versäumnisse deutlich. China hat es geschafft, nahezu die gesamte Kette – von der Rohstoffverarbeitung über die Batteriezellen bis zum fertigen Fahrzeug – im eigenen Land oder unter eigener Kontrolle aufzubauen. Europa dagegen ringt bis heute darum, bei der Batterietechnik den Anschluss zu finden und die Produktion in nennenswertem Umfang zu skalieren. Der Vorsprung Chinas ist inzwischen so groß, dass er sich nicht in wenigen Jahren aufholen lässt. Wenn überhaupt. Derweil quälen sich unsere Politiker damit, was uns die Kapitalisten vorzugeben versuchen: den radikalen Abbau des Sozialstaats.
Ja, das ist schon erschreckend, dass die Chinesen aus dem alten abgewrackten Gammel, den man ihnen zur Produktion seinerzeit lächelnd überlassen hat, damit sie mit dem in “Good old Germany” ausgemusterten Schrott für noch weniger Lohnkosten Produkte für den hiesigen Markt produtieren konnten, Maschinen entwickelt haben, bei denen manchem deutschen Ingenieur vor Staunen die Kinnlade runterfällt
Konnte ja keiner ahnen, dass es dort Universitäten gibt, in denen Maschinenbau studiert wird oder Schulen an denen ganz anders und effizienter gelernt wird als hier. Aktuell ist es sogar in China so, dass es dort ein Intellekt-Problem gibt: der Arbeitsmarkt kann die ganzen fertig studierten jungen Hochschulabsolventen gar nicht mehr aufnehmen.
Dass uns China in den Sack packt: so etwas kommt nicht über Nacht — aber als ich damals — muss so 30 oder mehr Jahre her sein — mitbekam, dass hier ganze Produktionsstrassen nach China verfrachtet wurden, fürchtete ich schon, dass uns das noch böse auf die Füße fallen wird.
Was die deutsche Automobil-Industrie angeht, da ist das große sterben angesagt. Habe ich Mitleid? Nicht im geringsten: Ein “hocheffizienter” Verbrenner? Bei Spritpreisen von weit über 2 € der Liter — und dann auch noch doppelt so teuer wie ein chinesisches E‑Auto? Ich habe selber daran gedacht mir einen Chinesen zu kaufen — den BAW 212. Sieht aus wie ein Mercedes G‑Modell — kostet aber mit knapp 40.000 € Neupreis nur ein Drittel vom Mercedes, der bei über 120.000 € erst anfängt.
So etwas wie einen Preisunterschied von 80.000 € kann man in den Verkaufsräumen nicht mit “deutscher Qualität” weg diskutieren. Die Chinesen sind was die Qualität angeht den deutschen Herstellern sogar häufig voraus. Für das gesparte Geld kann man sich fast eine Eigentumswohnung kaufen! Die Hochnäsigkeit der Verkäufer und der Konzernchefs wird sich übelst rächen. Aber was weiss ich schon..
@Dr. Nerd: Ja genau, so argumentieren heimlich die deutschen Automobilhersteller: Was weiß der Kunde schon? Wir erzählen einfach immer wieder die Geschichte, dass Qualität eben ihren Preis hat. 🤔