Ein Skandal, der keiner ist

Als der »wan­deln­de Alt­her­ren­witz« Rai­ner Brü­der­le im Jahr 2013 mit Blick auf das Dekol­le­té der 28-jäh­ri­gen Jour­na­lis­tin Lau­ra Him­mel­reich bemerk­te, sie kön­ne wirk­lich ein Dirndl aus­fül­len, war das nicht nur geschmack­los, das war tat­säch­lich lupen­rei­ner Sexis­mus.

Die Vor­wür­fe der sexu­el­len Beläs­ti­gung gegen den Grü­nen-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Ste­fan Gelb­haar, die Ende 2024/Anfang 2025 publik wur­den, erwie­sen sich dage­gen als halt­los. Min­des­tens ein zen­tra­ler, stark belas­ten­der Vor­wurf war offen­bar frei erfun­den und ging auf eine Ber­li­ner Grü­nen-Bezirks­frak­ti­ons­vor­sit­zen­de zurück. Poli­tisch ist Gelb­haar damit erledigt.

Dass man nur mit genug Dreck schmei­ßen muss, damit etwas hän­gen bleibt, ist in der Poli­tik kein neu­es Mus­ter. Die Bar­schel-Affä­re ist exem­pla­risch für die schmut­zi­gen Tricks von Poli­ti­kern: 1987 ver­such­te der dama­li­ge Minis­ter­prä­si­dent von Schles­wig-Hol­stein, Uwe Bar­schel, im Wahl­kampf, den SPD-Spit­zen­kan­di­da­ten Björn Eng­holm mit unlau­te­ren Mit­teln mas­siv zu beschädigen. 

In die­sem Jahr nun wird ver­sucht, dem CDU-Kan­di­da­ten für das Minis­ter­prä­si­den­ten­amt in Baden-Würt­tem­berg, Manu­el Hagel, einen Sexis­mus­vor­wurf anzu­hän­gen, weil er in einem Inter­view über einen Schul­be­such sag­te: »Da gibt’s für 29-jäh­ri­ge Abge­ord­ne­te schlim­me­re Ter­mi­ne als die­sen.« Eine Schü­le­rin schien es ihm beson­ders ange­tan zu haben: »Ich werd’s nie ver­ges­sen, die ers­te Fra­ge, sie hieß Eva, brau­ne Haa­re, reh­brau­ne Augen.« [rund­schau-online]

Die Grü­nen-Abge­ord­ne­te Zoe May­er ver­stieg sich zu der Behaup­tung, die­se Sät­ze sei­en als Beleg für Sexis­mus aus­rei­chend: »Was meint ein erwach­se­ner Mann damit, dass es ein beson­ders schö­ner Ter­min ist, wenn er in einem Klas­sen­zim­mer mit maxi­mal 16-Jäh­ri­gen sitzt?« 

Wir ste­hen in den nächs­ten Jah­ren vor den größ­ten demo­kra­tisch gewähl­ten poli­ti­schen Erup­tio­nen in der deut­schen Geschich­te seit 1933. Im Auto­länd­le brodelt’s gewal­tig auf­grund der Auto­mo­bil­kri­se. Die AfD könn­te in Baden-Würt­tem­berg bei den Wah­len am 8.März Zuge­win­ne machen; kann sie sich auf Lan­des- und Bun­des­ebe­ne wei­ter durch­set­zen, könn­ten sie die ers­ten rechts­extre­men Minis­ter­prä­si­den­ten stellen.

Haben wir kei­ne andern Sor­gen, als eine unglück­li­che Äuße­rung eines 29-jäh­ri­gen Man­nes in einem Inter­view vor acht Jahren?

15 Gedanken zu „Ein Skandal, der keiner ist“

  1. Ich fin­de es zwar gut, dass die Grü­nen in BW auf­ge­holt haben. Aber doch nicht um die­sen Preis! Hagel ist mir durch die­se Jagd auf ihn eher sym­pa­thisch gewor­den. Ja, ich bin sehr kri­tisch ein­ge­stellt, was Über­grif­fe auf Frau­en angeht. Aber was sich da abspielt, ist so drü­ber, dass ich manch­mal kaum fas­sen kann, wie bigott man­che sind und wie in Tei­len unmensch­lich man­che Leu­te das Han­deln ande­rer bewerten.

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  2. Der Zeit­punkt und der Zeit­raum der zurück­lie­gen­de Ereig­nis­se las­sen nur den Schluss einer Insze­nie­rung zu. Vor allem aber hat Hagel nicht der Schü­le­rin unan­stän­di­ge Kom­pli­men­te gemacht, son­dern sich in einem Inter­view unpro­fes­sio­nell geäu­ßert. Wer das als Poli­ti­ke­rin aus­schlach­ten muss, hat offen­sicht­lich poli­tisch sonst nichts zu bieten.

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  3. muss ja auch kein Skan­dal sein, die Leu­te fäl­len ein­fach nur ihre Wahl­ent­schei­dun­gen im lich­te der Eig­nung des Kandidaten.

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    • @Gjerv: … und ein Inter­view aus 2018 sagt was über die Eig­nung aus?

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      • @Peter Loh­ren: Es sagt aus, dass die­ser zu die­sem Zeit­punkt bereits drei­ßig­jäh­ri­ge, erwach­se­ne Mann, Manu­el Hagel, für öffent­li­che Ämter unge­eig­net ist, und man, wenn man einen Fun­ken Anstand im Leib hat, über Scham­ge­fühl ver­fügt und ein Inter­es­se dar­an hat, dass das Land Baden-Würt­tem­berg von halb­wegs ver­nünf­ti­gen Leu­ten regiert wird, Manu­el Hagel vom Amt des Minis­ter­prä­si­den­ten fern­hält. Manu­el Hagel ist pein­lich, hat sich nicht im Griff, beherrscht den öffent­li­chen Auf­tritt nicht, hat kein Rück­grat, kei­ne Wür­de und kei­nen Esprit. Män­ner mit Anstand und Ver­stand schä­men sich für Manu­el Hagel. Sie ver­ach­ten Manu­el Hagel.

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        • Ein­fach nur falsch. Wer auf­grund die­ser Äuße­rung so urteilt, hat eine ver­korks­te Vor­stel­lung von so ziem­lich allem, was ich mir vor­stel­len kann. Aber gut. Woke ist halt lei­der nicht tot. Män­ner mit Anstand? Boah eh. Kanns nur bei den Grü­nen geben.

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          • Mit “Ein­fach nur falsch” bringt Horst Schul­te zum Aus­druck, dass Manu­el Hagel sich auf­grund sei­ner pein­li­chen, scham­lo­sen Äuße­run­gen aus Sicht von Horst Schul­te offen­bar beson­ders für ein hohes öffent­li­ches Amt eignet.

            Damit hat sich der Betrei­ber des “Blog für Muti­ge jeden Alters” als der­je­ni­ge offen­bart, der weder fühlt, noch denkt noch wider­spricht, schon gar nicht den Mäch­ti­gen oder den­je­ni­gen, die ger­ne mäch­tig wären. Horst Schul­te ist Unter­tan durch und durch.

          • @ Gjerv: Ich habe ja schon viel dum­mes Zeug gele­sen, aber der Kom­men­tar setzt noch mal einen drauf. Wenn Du nur belei­di­gen willst, mach das du weg­kommst, du Schmock.

  4. @Gierv: Du scheinst ihn bes­ser zu ken­nen, mir war Manu­el Hagel bis­her über­haupt noch nicht auf­ge­fal­len. Jeden­falls könn­te ich ihm aus einer despek­tier­li­chen Ant­wort in einem Inter­view, die­se Eigen­schaf­ten nicht zuschrei­ben, zumin­dest nicht in Gän­ze. Der Jour­na­list Harald Mar­ten­stein sag­te dazu tref­fend: »Bes­ter Cha­rak­ter und die Qua­li­tät als Poli­ti­ker sind aber nun mal nicht immer deckungsgleich.«

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    • Es ist mög­lich und für auf­rech­te Demo­kra­ten lei­der auch nötig, jeman­den, der sich für ein öffent­li­ches Amt bewirbt, ken­nen­zu­ler­nen. Mir wäre es eben­falls lie­ber gewe­sen, Manu­el Hagel, Peter Loh­ren, Horst Schul­te oder Harald Mar­ten­stein nie­mals ken­nen zu müssen.

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      • Ah, ein Bot, deshalb 😂

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  5. Die Scha­blo­ne, die du für Gjerv gefun­den hast, gefällt mir. Alle­mal bes­ser als die, die er für mich fand.

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  6. Heja Heja, hier geht es ja rich­tig ab — die Woken Krie­ger sind auf Kriegspfad.. 🙂
    Ich darf auch mal mei­nen Hut in den Ring wer­fen — mon Cha­peau — sozusagen.
    Inwie­fern eine sol­che Äuße­rung ras­sis­tisch ist, da ist bei jedem die Gren­ze zum Sexis­mus anschei­nend anders gezo­gen — bei eini­gen ist die Lat­te so nied­rig, dass sie auf dem Boden liegt.
    Ich bemü­he mich dahin­ge­hend zurück zu hal­ten — wer mei­ne Blog­bei­trä­ge von vor 15 bis 20 Jah­ren kennt, der weiß, dass ich durch­aus zoti­ge Begrif­fe für “Weibs­volk” (übri­gens ein Wort wel­ches Salon­fä­hig durch den Film “das Leben des Bri­an” wur­de. Ich schrei­be das, damit mich der hier schrei­ben­de selt­sa­me Woke Krie­ger nicht mit einem “Rosa Wat­te­bausch­fluch” belegt). Ich wür­de Äuße­run­gen immer in einem Kon­text sehen und bei wel­cher Gele­gen­heit. Wer kennt nicht die Män­ner­ge­sprä­che wo Män­ner sich bei fei­ern im Krei­se der Freun­de damit brüs­ten, was sie für tol­le Hech­te im Bett sind. Was unter Kum­pels gesagt wird, bleibt unter Kumpels.
    Dort sind des­halb auch aus gutem Grund kei­ne Frau­en gewünscht (wenn ein Freund fragt ob er sei­ne Freun­din mit­brin­gen kann, wird er meist schon schief ange­schaut) — und die meis­ten Frau­en wis­sen was da pas­siert, blei­ben mit dem Arsch zu Hau­se und hal­ten schon mal den Eimer bereit, wenn Ihr Kerl total besof­fen nach Hau­se kommt und 10 Liter Bier auskotzt.
    Das ist eklig aber völ­lig in Ord­nung. Wir las­sen die Part­ner­ein auch mit ihren Freun­din­nen zu ihren Buch­le­sun­gen gehen, oder Ver­nis­sa­gen oder was auch immer — denn das fin­den wir eklig..
    Es sind die per­sön­li­chen Frei­hei­ten aber auch die immer noch in den Genen ste­cken­den Ver­hal­tens­wei­sen, die ein­fach von Zeit zu Zeit ein Ven­til brauchen.
    Auch dass man sich gegen­sei­tig über Mes­sen­ger Vide­os mit durch­aus attrak­ti­ven weib­li­chen Prot­ago­nis­ten schickt fällt in den Bereich.. ja wel­chen denn: ist es Sexis­mus, ekses­si­ve Por­no­gra­fie? ist es unan­stän­dig? ist es etwas für das man sich schä­men soll­te, oder gleich eine The­ra­pie aufsuchen?
    Die weib­li­chen Akteu­re sehen nicht aus, als wür­den ihnen ero­ti­sche Posen schwer­fal­len oder sogar Schmer­zen berei­ten. Da soll­te man dann auch mal die Fra­ge stel­len: wer ist das/die Schwein/in? Der, der sich die Vide­os anschaut oder die, die für Geld, Likes oder was auch immer blank­zieht? Die Män­ner sind trotz­dem glück­lich ver­hei­ra­tet, lie­ben ihre Frau­en und auch Töch­ter ohne Hin­ter­ge­dan­ken zu haben — so what? Wir kön­nen unse­re Macho­sprü­che gut dort anbrin­gen und auch aus­le­ben wo sie ange­bracht sind — genau­so wie wir sie aus­schal­ten wenn wir mit unse­rer Part­ne­rin zusam­men sind. Schein­bar wird uns von Frau­en unter­stellt, dass wir das nicht kön­nen. Das mag lei­der auch auf eini­ge zutref­fen — aber es ist eben nicht die Regel, son­dern eher die Ausnahme.
    Sexis­mus ist es wenn ich eine Frau direkt Sexis­mu­si­s­ie­re (oder wie das heißt).
    Dass es von einem in der Öffent­lich­keit ste­hen­den Poli­ti­ker ziem­lich dumm war die­se Äuße­rung so unbe­dacht in einem Inter­view zu sagen, zeigt nicht, dass er ein Sexist oder gleich ein Sexu­al­straf­tä­ter ist (ganz ehr­lich: der flap­si­ge Spruch hät­te auch von mir kom­men kön­nen!). Es zeigt, dass er noch viel ler­nen muss um im Hai­fisch­be­cken Poli­tik zu überleben.

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  7. Beim Brü­der­le dach­te ich damals: “Wow, das muss die Him­mel­reich ja sehr trau­ma­ti­siert haben, wenn sie sich pas­send zur Wahl dar­an erinnert.”

    Und als sie dann Chef­re­dak­teu­rin bei Vice wur­de, war das ein gutes Bei­spiel für die Opfer­rol­le als Karriereboost.

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