Die infantile Gesellschaft

Kinder der sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jah­re wer­den es ken­nen: Der Plump­sack geht rum. Im Stuhl­kreis zog ein Kind sei­ne Run­den, ließ unbe­merkt einen Gegen­stand fal­len – und wer ihn hin­ter sich ent­deck­te, muss­te auf­sprin­gen und den Übel­tä­ter fan­gen. Ein harm­lo­ses Spiel. 

Im Kin­der­gar­ten.

Neu­lich erzähl­te mir eine Bekann­te von einer Team­buil­ding-Maß­nah­me. Erwach­se­ne Men­schen gin­gen um Steh­ti­sche her­um, bis ein Signal ertön­te. Dann soll­ten sie mit dem nächst­ste­hen­den Kol­le­gen Rücken an Rücken ein­ha­ken – und sich gegen­sei­tig Kom­pli­men­te machen.

Firlefanz statt Professionalität

Stuhl­krei­se, die Sit­zun­gen erset­zen, Spiel­chen und Albern­hei­ten, wo frü­her Ver­ant­wor­tung und Ent­schei­dung stan­den. Hüt­chen auf und Tra­la­la scheint zum neu­en Zeit­geist in der Unter­neh­mens­phi­lo­so­phie und in wei­ten Tei­len der Gesell­schaft auf­ge­rückt zu sein. Bloß nicht anecken. Bloß nicht ent­schei­den. Bloß kei­ne Zumu­tung durch Ernsthaftigkeit.

Das hat Fol­gen: Erwach­se­ne gerie­ren sich wie Kin­der – mit erstaun­li­cher Kon­se­quenz. Attri­bu­te wie Selbst­dis­zi­plin, Urteils­fä­hig­keit oder Ver­ant­wor­tungs­be­reit­schaft wir­ken bis­wei­len wie Relik­te aus einer ver­gan­gen Zeit.

Der Publi­zist Alex­an­der Kiss­ler defi­niert in sei­nem Buch »Die infan­ti­le Gesell­schaft« Erwach­sen­sein als Über­win­dung kind­li­cher Unrei­fe durch Mün­dig­keit und Ver­nunft. Erwach­sen ist dem­nach, wer Gren­zen aner­kennt, Argu­men­te über Gefüh­le stellt und Eigen­ver­ant­wor­tung übernimmt.

Die zuneh­men­de Kin­der­gar­ten­men­ta­li­tät bewirkt das Gegen­teil. Wer sich dau­er­haft kin­di­schen Ritua­len hin­gibt, darf sich nicht wun­dern, wenn er nicht mehr ernst genom­men wird. Wo Emo­tio­nen plötz­lich als Garant für „Authen­ti­zi­tät“ gel­ten und ver­ba­les Kuscheln, Tan­zen oder Klet­ter­gär­ten den pro­fes­sio­nel­len Dis­kurs erset­zen, sinkt die Schwel­le zur Manipulierbarkeit.

Infan­ti­le Milieus bevor­zu­gen ein­fa­che Paro­len statt ratio­na­ler Debat­ten. Kom­pro­miss­fä­hig­keit schwin­det. Selbst­ent­mün­di­gung wächst – und mit ihr die Bereit­schaft, Staat oder Medi­en in eine elter­li­che Rol­le zu drän­gen. Kri­ti­sches Den­ken verkümmert.

Auch öko­no­misch sind die Fol­gen spür­bar: Sin­ken­de Eigen­ver­ant­wor­tung hemmt Inno­va­ti­on und Pro­duk­ti­vi­tät. Sozi­al begüns­tigt sie Nar­ziss­mus, Ego­zen­trik und Konfliktvermeidung.

Die Unver­nunft regiert. Wer mit Albern­hei­ten ver­sucht, sei­ne Jugend­lich­keit zu bewah­ren, wird schei­tern. Blie­be die kind­li­che Rück­ent­wick­lung ein indi­vi­du­el­les Phä­no­men, wäre sie hin­nehm­bar. Doch ihre gesell­schaft­li­che Auf­wer­tung – im Beruf wie im öffent­li­chen Dis­kurs – ent­fal­tet Breitenwirkung.
Kri­sen ver­lan­gen Urteils­kraft, Logik, Abwä­gung. Wenn Refle­xi­ons­ver­mö­gen – die intel­lek­tu­el­le Vor­aus­set­zung für bewuss­tes Ent­schei­den und ziel­ge­rich­te­tes Han­deln – ver­lo­ren geht, ver­lie­ren Gesell­schaft und Unter­neh­men ihre Handlungsfähigkeit.

Unter­neh­men, Medi­en und Poli­tik, die die­sen Trend durch „Spiel-und-Spaß“-Kommunikation noch ver­stär­ken, ver­tie­fen Bil­dungs­de­fi­zi­te und ver­län­gern Unrei­fe. Erwach­se­ne blei­ben „ewig kin­disch“ – emp­fäng­lich für Stim­mun­gen statt für Argumente.

Was ist zu tun?

Poli­tik, Bil­dung und Kul­tur sol­len Mün­dig­keit stär­ken – nicht Bequem­lich­keit. Ratio­na­li­tät und Kom­pro­miss­fä­hig­keit ver­die­nen Vor­rang vor Dau­er­be­spa­ßung. Bür­ger brau­chen Ermu­ti­gung zur Selbst­stän­dig­keit, nicht Dauerbehütung.

Logik, kri­ti­sches Den­ken und die Fähig­keit, Kri­tik und Viel­schich­tig­keit aus­zu­hal­ten, sind kein Luxus. Sie sind Vor­aus­set­zung einer funk­tio­nie­ren­den Gesell­schaft. Ver­nunft statt früh­kind­li­cher Ideologisierung. 

Erwach­sen­wer­den heißt: Ver­ant­wor­tung über­neh­men, Ent­schei­dun­gen tref­fen. Ohne die­se Rück­be­sin­nung auf Logik, Ver­nunft, strin­gen­tes Han­deln und Eigen­ver­ant­wor­tung wird das nicht gelingen. 

2 Gedanken zu „Die infantile Gesellschaft“

  1. Dem rech­ten Kul­tur­kampf des Autos (Kiss­ler) konn­te ich noch nie irgend­et­was abge­win­nen. Der Autor von Cice­ro, NZZ und jetzt als Krö­nung von NIUS scheint mir kein geeig­ne­ter Rat­ge­ber. Alles, was links­li­be­ral daher­kommt, ist für sol­che Leu­te Teu­fels­zeug. Wohin uns das führt, könn­ten wir bei den bevor­ste­hen­den Wah­len schmerz­haft vor Augen geführt bekommen.

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    • Mag sein, aber in die­sem Fall hat er recht, das ist zumin­dest mei­ne Mei­nung. Ich neh­me die Kin­der­gar­ten­men­ta­li­tät fast jeden Tag wahr und auch das Ergeb­nis. Ich gebe zu, dass es ich eine beson­de­res Abnei­gung gegen jed­we­de Form von Grup­pen­dy­na­mik habe, ins­be­son­de­re wenn sie mit Moti­va­ti­ons­spiel­chen im beruf­li­chen Kon­text zu tun haben.

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