Der nächste Angriff auf den Sozialstaat

Der Vor­schlag klingt zunächst wie ein Witz: Zahn­be­hand­lun­gen sol­len aus dem Leis­tungs­ka­ta­log der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen gestri­chen wer­den. Jeder soll künf­tig selbst zah­len. So emp­fiehlt es jeden­falls der CDU-Wirt­schafts­rat. Der Vor­stoß ist kein Ein­zel­fall, kein Ver­se­hen. Er ist gezielt plat­ziert; als Teil einer brei­te­ren poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Debat­te dar­über, wie weit der Sozi­al­staat in Deutsch­land künf­tig noch rei­chen soll.

Gleich­zei­tig bekla­gen wirt­schafts­na­he Ver­bän­de einen angeb­li­chen »Kipp­punkt« der deut­schen Wirt­schaft und for­dern tief­grei­fen­de Struk­tur­re­for­men und einer poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Debat­te dar­über, wie weit Sozi­al­staat­lich­keit in Deutsch­land künf­tig noch rei­chen soll. Ziel der Kam­pa­gne sind tief­grei­fen­de Kür­zun­gen sozia­ler staat­li­cher Leistungen.

Die Vorschläge sind weitreichend und die Wunschliste ist lang

Ein höhe­res Ren­ten­ein­tritts­al­ter, mög­lichst schnell umge­setzt und lang­fris­tig an die stei­gen­de Lebens­er­war­tung gekop­pelt – also deut­lich über 67 hin­aus. Kür­ze­re Bezugs­zei­ten beim Arbeits­lo­sen­geld I, stren­ge­re Regeln für Früh­ver­ren­tung und höhe­re Abschlä­ge für alle, die frü­her aus dem Berufs­le­ben aus­schei­den. Sozi­al­leis­tun­gen sol­len gedämpft, Ansprü­che ver­schärft und Eigen­be­tei­li­gun­gen aus­ge­wei­tet werden.

Auch bestehen­de Leis­tun­gen ste­hen zur Dis­po­si­ti­on: Müt­ter­ren­te, Ren­te mit 63 oder Grund­ren­te sol­len zurück­ge­nom­men oder redu­ziert wer­den. Selbst Wege­un­fäl­le – also Unfäl­le auf dem Arbeits­weg – könn­ten aus der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung gestri­chen wer­den. In der Pfle­ge wird offen über eine Rück­kehr zur »Teil-Kas­ko-Logik« dis­ku­tiert: mehr Eigen­an­tei­le für Pfle­ge­be­dürf­ti­ge und Ange­hö­ri­ge, weni­ger Absi­che­rung durch die Versicherung.

Par­al­lel dazu for­dern Wirt­schafts­ver­bän­de steu­er­li­che Ent­las­tun­gen für Unter­neh­men, etwa nied­ri­ge­re Kör­per­schaft­steu­ern oder gerin­ge­re Strom­prei­se. Sozi­al­aus­ga­ben wer­den dabei zuneh­mend als zen­tra­ler Hebel zur Haus­halts­kon­so­li­die­rung betrachtet.

In wirt­schafts­na­hen Gut­ach­ten wird inzwi­schen sogar offen for­mu­liert, dass eine »größt­mög­li­che Ent­las­tung« des Staa­tes letzt­lich nur durch mas­si­ve Leis­tungs­kür­zun­gen erreich­bar sei. Im Klar­text: ein umfas­sen­der Rück­bau des Sozialstaats.

Nebelkerzen zur Ablenkung

Wäh­rend­des­sen prä­gen ande­re The­men die öffent­li­che Debat­te. Nebel­ker­zen wie ein mög­li­ches Social-Media-Ver­bot für Kin­der, ein erra­ti­scher US-Prä­si­dent oder stei­gen­de Sprit­prei­se sor­gen für eine gewis­se Lethar­gie in der Bevöl­ke­rung. Vie­les wird hin­ge­nom­men als etwas, das sich ohne­hin nicht ändern lässt. Man hofft, dass es einen selbst nicht trifft. 

Doch das, was sich poli­tisch unter dem Begriff »Herbst der Refor­men« abzeich­net, könn­te der größ­te Angriff auf den Sozi­al­staat seit den Refor­men der Agen­da 2010 unter Ger­hard Schrö­der vor rund zwan­zig Jah­ren sein. Seit­dem ist die Armut in Deutsch­land um gut ein Drit­tel gestie­gen.

Pre­kä­re Beschäf­ti­gung, Angst vor Alters­ar­mut und sozia­lem Abstieg prä­gen für vie­le Men­schen längst den All­tag. Bil­der von fla­schen­sam­meln­den Rent­nern oder die wach­sen­de Bedeu­tung der Tafeln sind zur gesell­schaft­li­chen Nor­ma­li­tät geworden.

Gefährdung des sozialen Friedens

Dabei ist der Sozi­al­staat kein belie­bi­ges poli­ti­sches Instru­ment. Sei­ne Wur­zeln rei­chen von der Sozi­al­ge­setz­ge­bung des Kai­ser­reichs über die Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung bis zum Grund­ge­setz für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, das Deutsch­land aus­drück­lich als demo­kra­ti­schen und sozia­len Staat definiert.

Das trifft mich doch nicht, oder?

Der Sozi­al­staat schützt nicht nur die Schwächs­ten. Er sichert gesell­schaft­li­chen Frie­den, schafft Teil­ha­be und schützt gegen poli­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung. Er sta­bi­li­siert die Gesell­schaft, sichert Teil­ha­be und ver­hin­dert sozia­le Span­nun­gen. Wer ihn abbaut, ris­kiert das erneu­te Erstar­ken des Rechts­extre­mis­mus in Deutsch­land und den sozia­len Frieden. 

Ein Angriff auf den Sozi­al­staat ist des­halb immer auch ein Angriff auf die Sicher­heit jedes Ein­zel­nen. Die Hoff­nung, es wer­de einen selbst schon nicht tref­fen, könn­te sich am Ende als gefähr­li­cher Irr­tum erweisen.

3 Kommentare zu „Der nächste Angriff auf den Sozialstaat“

  1. Es wird immer deut­li­cher: das Sys­tem ist in der End­pha­se- vor dem Reset. Pro­blem: In der Ver­gan­gen­heit war ein “Reset” immer von Tod, Ver­wüs­tung und rie­si­gem Leid beglei­tet- über die Umwelt­schä­den gibt es kaum kon­kre­te Zah­len- “immens” wird da gesagt.
    Nie­mand der “Trei­ber” wird ein­se­hen das er nicht mehr so viel Geld ver­die­nen darf um die Armuts­sche­re zu schlie­ßen, die Mit­tel “vor­wärts” zu kom­men wer­den immer rabia­ter. Seit Jah­ren wer­den Bil­dung und Sozi­al­sys­te­me her­un­ter gefah­ren- Men­schen mit guter Bil­dung sind schwer zu den Waf­fen zu bekom­men. Schlech­te Sozi­al­sys­te­me ver­brei­ten Unru­he und Unzufriedenheit.
    Eigent­lich kann sich die­se Mensch­heit die­sen Unfug gar nicht leis­ten: die Kli­ma und Umwelt­pro­ble­me GLOBAL zu lösen wäre vordringlich.
    Wie sehr unse­re Poli­ti­ker das wol­len ist am “neu­en” Hei­zungs­ge­setz und der “täg­li­chen Sprit­preis­ober­gren­ze zu sehen: alles für den fos­si­len Gewinn.
    Über die Ver­bre­cher Trump, Putin und Net­han­ja­hu muss man kein Wort mehr ver­lie­ren. Die Welt ist in Flammen.

    • @Wolf: Wir haben es sel­ber in der Hand, wir sind der Staat. Wenn wir zu Tau­sen­den im Herbst auf die Stra­ße gehen, um gegen »Refor­men« zu demons­trie­ren, könn­te das zu einem Umden­ken in der Poli­tik führen.

      • Den Glau­ben dar­an habe ich schon vor lan­ger Zeit ver­lo­ren. Das Gefühl, das poli­tisch immer nur mit Blend­werk reagiert wird, ist in den letz­ten Jah­ren in mir gewach­sen. Momen­tan ken­ne ich Kei­ne poli­ti­sche Kraft, die ich wäh­len würde/ könn­te. Demo­kra­tie ist wun­der­bar, das ist kei­ne Fra­ge, aber mir drängt sich das Gefühl auf, das die “Volks­ver­tre­ter” zum größ­ten Teil lob­by­is­tisch gesteu­ert sind. Wenn ich auf die Anfän­ge der bei­den Deut­schen Staa­ten schaue- an der Spit­ze ehr­li­che Men­schen, die eine Visi­on FÜR ALLE hat­ten- egal ob Ost oder West.
        Ich bin mir ziem­lich sicher, das bei rie­si­gen regie­rungs­feind­li­chen Demos, Gene­ral­streik etc. die Poli­zei ein­schrei­ten wür­de. Unter dem Deck­man­tel, die Demo­kra­tie zu schüt­zen- obwohl die­se Leu­te “nur” eine ande­re, bes­se­re Regie­rung woll­ten. In der DDR hat das nur geklappt, weil die Dok­trin sag­te: “WIR sind die DDR, der Sol­dat und der Poli­zist beschützt die Arbei­ter und Bau­ern- die Arbei­ter und Bau­ern haben Mili­tär und Poli­zei an ihrer Sei­te WIR gehö­ren alle zusam­men!” Das ist in unse­rer ego­ma­nen Demo­kra­tie etwas anders.

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