Deindustrialisierung um jeden Preis?

Ich habe mir einen Blue­tooth Kopf­hö­rer gekauft. Für 16 € — in Wor­ten — sechs­zehn Euro. Natür­lich kommt das Ding aus Chi­na, kein High­tech Kopf­hö­rer und viel­leicht bei der Bedie­nung nicht ganz durch­dacht. Der Preis aller­dings ist unschlag­bar und der Kopf­hö­rer tut was er soll. Ähn­li­che Model­le aus Deutsch­land kos­ten mind. das Vier­fa­che, nach oben sind kei­ne Gren­zen gesetzt. War­um ich das erzähle? 

Deutsch­land ist preis­lich kein ernst­haf­ter Kon­kur­rent in Sachen Elek­tro­nik für Chi­na und ande­ren Länder.

Und das gilt selbst­ver­ständ­lich auch für Elek­tro­au­tos. In dem Seg­ment wer­den für chi­ne­si­sche Autos knapp die Hälf­te des Prei­ses angezeigt. 

Natür­lich sind E‑Autos bes­ser als Ver­bren­ner, nicht nur für die Umwelt. Dar­um geht’s nicht. Es geht dar­um, dass die Auto­mo­bil­in­dus­trie in Deutsch­land allei­ne mit E‑Autos wohl kaum eine Über­le­bens­chan­ce hat. 

Man könn­te argu­men­tie­ren, dass Deutsch­land ohne die Auto­mo­bi­lis­ten wirt­schaft­lich nicht unter­geht. Eine Recher­che macht schnell klar, dass bei einer kom­plet­ten Abwan­de­rung der Auto­mo­bil­in­dus­trie nicht nur ein paar hun­dert­tau­sen­de Arbeits­plät­ze auf dem Spiel stehen. 

Die deut­sche Auto­mo­bil­in­dus­trie beschäf­tigt direkt 721.400 Per­so­nen, indi­rekt 1,76 Mil­lio­nen. Direk­te Abhän­gig­kei­ten wie Dienst­leis­ter, Han­del und Logis­tik trei­ben die Gesamt­zahl auf etwa 1,8 bis 5 Mil­lio­nen Arbeits­plät­ze hoch. Auto­mo­bil­re­gio­nen wie Baden-Würt­tem­berg wür­de ein Groß­teil der Gewer­be­steu­er aus­fal­len. Die Fol­gen wären im Ein­zel­nen noch nicht abzu­se­hen.(Recher­che: KI)

Ein signi­fi­kan­ter Stel­len­ab­bau in der zweit­größ­ten Indus­trie­bran­che (nach dem Maschi­nen­bau) könn­te zu einer Zunah­me von Armut, Abwan­de­rung und sozia­len Span­nun­gen in Regio­nen füh­ren, die stark von einem ein­zi­gen Indus­trie­zweig abhän­gig sind. Bereits jetzt mel­den sich Tau­sen­de von Arbeit­neh­mern für Kurz­ar­beit an, was lang­fris­tig zu sozia­len Unru­hen füh­ren kann. Zudem wür­de der Ver­lust von Export­kraft und Wohl­stand eine Bedro­hung für den gesell­schaft­li­chen Kon­sens in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land darstellen. 

Wenn das Aus vom Ver­bren­ner-Aus nun ernst­haft dis­ku­tiert wird und mei­ner Mei­nung nach durch­kommt, geht es nicht dar­um, dass das E‑Auto bes­ser, umwelt­freund­li­cher, lei­ser und auch noch bedeu­tend durch­zugs­stär­ker sind als jeder Ver­bren­ner. Das ist nicht die Frage. 

Vor dem Hin­ter­grund der feh­len­den Kon­kur­renz­fä­hig­keit kön­nen wir uns ein­fach kein strik­tes Ver­bot für Ver­bren­ner­au­tos leis­ten. Ohne die gesam­te Auto­mo­bil­in­dus­trie plus Zulie­fe­rer, die anhän­gi­ge Logis­tik und Ver­sand wür­den wir Gefahr zu lau­fen, den sozia­len Frie­den in der Bun­des­re­pu­blik zu gefähr­den und die rechts­extre­me AFD in Regie­rungs­po­si­ti­on befördern. 

Solan­ge also die Bun­des­re­pu­blik mit E‑Autos nicht kon­kur­renz­fä­hig ist, wäre ein strik­tes Ver­bot von Ver­bren­nern fahrlässig. 

Das ist lei­der auch ein Teil der Wahrheit.

2 Gedanken zu „Deindustrialisierung um jeden Preis?“

  1. Wahr­schein­lich wird uns die Ver­län­ge­rung der Fris­ten nicht viel brin­gen. Man­che mei­nen, dass die­ser Wan­kel­mut teu­er bezahlt wer­den könn­te. Ein Auf­sichts­rat von Ford (aus­ge­rech­net) hat genau die­se Risi­ken vor einer Wei­le in einem Inter­view beschrie­ben. Ent­we­der, unse­re Auto­in­dus­trie schafft es, markt­ge­recht zu pro­du­zie­ren oder wir ver­lie­ren die­ses Ren­nen. Viel­leicht ist das auch bereits gelau­fen. Ich fürch­te es zumin­dest. Uns gehts dann so wie den USA. Die­se Autos braucht eigent­lich auch keiner.

  2. Die Auto­in­dus­trie ist das Herz Deutsch­lands, wenn das nicht mehr schlägt, wird das unse­re Wirt­schaft kaum ver­kaf­ten kön­nen. Wie beschrie­ben: Es geht nicht nur um knapp eine Mil­li­on Arbeits­plät­ze, es geht um viel mehr. 

    Ich den­ke immer noch, dass die Hybrid­tech­no­lo­gie die Tech­no­lo­gie für die nähe­re Zukunft ist. Bes­ten­falls sind das dann viel­leicht nur 10 bis 15 Jah­re. Viel­leicht spre­chen wir dann von einer kom­plett ande­ren Mobilität.

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