Das Märchen von der Flexibilität

Arbeits­zeit 1906 — Der 12-Stun­den Tag war normal.
Wenn Arbeit­ge­ber­ver­bän­de plötz­lich das Wört­chen „Fle­xi­bi­li­tät“ ent­de­cken, ist höchs­te Vor­sicht gebo­ten. Aktu­ell betrifft das die Debat­te, den klas­si­schen Acht­stun­den­tag durch eine wöchent­li­che Höchst­ar­beits­zeit zu erset­zen. Das Framing ist so durch­schau­bar wie plump: Ver­kauft wird das Gan­ze als Wunsch der Beschäf­tig­ten nach mehr Frei­raum. Dahin­ter steckt aller­dings nichts ande­res als der Ver­such, den Acht­stun­den­tag per Direk­ti­ons­recht aus­zu­he­beln. Zur Erin­ne­rung: Die Begren­zung auf acht Stun­den wur­de 1918 nach dem Ende des Ers­ten Welt­kriegs von der Arbei­ter­schaft hart erkämpft und 1919 in der Wei­ma­rer Repu­blik for­mal ver­an­kert. Aus gutem Grund. Vor dem 19. Jahr­hun­dert schuf­te­ten Men­schen oft 10 bis 16 Stun­den täg­lich. Arbeits­me­di­zi­ni­sche Stu­di­en zei­gen unmiss­ver­ständ­lich, dass Pro­duk­ti­vi­tät und Kon­zen­tra­ti­on nach sechs bis acht Stun­den dras­tisch in den Kel­ler gehen.

Die fes­te Tages­gren­ze ist nicht will­kür­lich gewählt – sie schützt vor Über­las­tung. Wer sie auf­weicht, nimmt sehen­den Auges mehr Unfäl­le und stei­gen­de Kran­ken­zah­len in Kauf. Volks­wirt­schaft­lich ist die­se Dere­gu­lie­rung also ziem­li­cher Blöd­sinn. Wachs­tum ent­steht heu­te nicht mehr dadurch, dass man stumpf mehr Stun­den kloppt, son­dern durch Inno­va­ti­on und Effi­zi­enz­ge­win­ne. Krea­ti­vi­tät und smar­te Pro­blem­lö­sun­gen ent­ste­hen aber nicht unter Dau­er­druck in der elf­ten Arbeits­stun­de. Wenn Beschäf­tig­te nur noch im Über­le­bens­mo­dus funk­tio­nie­ren, bleibt die Inno­va­ti­ons­kraft des Unter­neh­mens auf der Stre­cke. Wir ver­wal­ten dann nur noch den Sta­tus quo, statt die Wirt­schaft zukunfts­fä­hig aufzustellen.

Wenn der Staat zulässt, dass Arbeit­neh­mer sys­te­ma­tisch über­las­tet wer­den, sozia­li­siert das die Kos­ten und pri­va­ti­siert die Gewin­ne. Heißt kon­kret: Die Unter­neh­men strei­chen kurz­fris­tig mehr Leis­tung ein, aber die Zeche für die dar­aus resul­tie­ren­den chro­ni­schen Krank­hei­ten, Burn­outs und psy­chi­schen Lei­den zahlt die All­ge­mein­heit über die Krankenkassen.

Zumal das Argu­ment der „star­ren Regeln“ ohne­hin nicht zieht: Es gibt längst hun­der­te Tarif­ver­trä­ge und Betriebs­ver­ein­ba­run­gen, die fle­xi­ble Lösun­gen erlau­ben. Ob im Schicht­be­trieb oder zur Abwen­dung wirt­schaft­li­cher Schä­den – Betriebs­rä­te haben prag­ma­ti­schen Anpas­sun­gen schon immer zuge­stimmt, natür­lich gegen ent­spre­chen­den mone­tä­ren oder zeit­li­chen Ausgleich.

Und, um auch das Argu­ment der Kapi­tal­eig­ner auf­zu­grei­fen, Wirt­schaft funk­tio­nie­re nur durch Wachs­tum: Wer schuf­tet, shop­pt nicht. Eine Aus­wei­tung der Arbeits­zeit würgt den inner­deut­schen Markt schlicht­weg ab.

Es geht bei der aktu­el­len Kam­pa­gne also kei­nes­wegs um moder­nes, fle­xi­bles Arbei­ten. Es geht schlicht dar­um, Arbeits­zei­ten auf Kos­ten der Beschäf­tig­ten aus­zu­wei­ten. Das Spiel ken­nen wir schon: Vor ein paar Jah­ren ver­such­te man mit dem Euphe­mis­mus »Fle­xi­bi­li­tät«, die 40-Stun­den-Woche durch die Hin­ter­tür wie­der als Stan­dard zu etablieren.

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