
Die feste Tagesgrenze ist nicht willkürlich gewählt – sie schützt vor Überlastung. Wer sie aufweicht, nimmt sehenden Auges mehr Unfälle und steigende Krankenzahlen in Kauf. Volkswirtschaftlich ist diese Deregulierung also ziemlicher Blödsinn. Wachstum entsteht heute nicht mehr dadurch, dass man stumpf mehr Stunden kloppt, sondern durch Innovation und Effizienzgewinne. Kreativität und smarte Problemlösungen entstehen aber nicht unter Dauerdruck in der elften Arbeitsstunde. Wenn Beschäftigte nur noch im Überlebensmodus funktionieren, bleibt die Innovationskraft des Unternehmens auf der Strecke. Wir verwalten dann nur noch den Status quo, statt die Wirtschaft zukunftsfähig aufzustellen.
Wenn der Staat zulässt, dass Arbeitnehmer systematisch überlastet werden, sozialisiert das die Kosten und privatisiert die Gewinne. Heißt konkret: Die Unternehmen streichen kurzfristig mehr Leistung ein, aber die Zeche für die daraus resultierenden chronischen Krankheiten, Burnouts und psychischen Leiden zahlt die Allgemeinheit über die Krankenkassen.
Zumal das Argument der „starren Regeln“ ohnehin nicht zieht: Es gibt längst hunderte Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen, die flexible Lösungen erlauben. Ob im Schichtbetrieb oder zur Abwendung wirtschaftlicher Schäden – Betriebsräte haben pragmatischen Anpassungen schon immer zugestimmt, natürlich gegen entsprechenden monetären oder zeitlichen Ausgleich.
Und, um auch das Argument der Kapitaleigner aufzugreifen, Wirtschaft funktioniere nur durch Wachstum: Wer schuftet, shoppt nicht. Eine Ausweitung der Arbeitszeit würgt den innerdeutschen Markt schlichtweg ab.
Es geht bei der aktuellen Kampagne also keineswegs um modernes, flexibles Arbeiten. Es geht schlicht darum, Arbeitszeiten auf Kosten der Beschäftigten auszuweiten. Das Spiel kennen wir schon: Vor ein paar Jahren versuchte man mit dem Euphemismus »Flexibilität«, die 40-Stunden-Woche durch die Hintertür wieder als Standard zu etablieren.