Arbeitszeitverkürzungen gingen historisch fast immer mit Produktivitätszuwächsen einher. Diese entstehen selbstverständlich nicht aus dem Nichts, sondern vor allem durch zunehmende Digitalisierung. Man kann das gut finden oder nicht – fest steht: Ohne substanzielle Investitionen in Digitalisierung wird es kein nachhaltiges Wirtschaftswachstum in Deutschland geben.
Industrie 4.0: Anspruch und Wirklichkeit
So neu ist diese Erkenntnis nicht. Bereits vor rund 15 Jahren wurde mit „Industrie 4.0“ ein Zukunftsprojekt der Bundesregierung ausgerufen. Umgesetzt wurde es jedoch nur teilweise. Zwar setzen heute rund 60 % der deutschen Industrieunternehmen irgendeine Form von Industrie‑4.0‑Anwendungen ein. In vielen modernen Unternehmen ist die digitale Konnektivität zwischen Maschinen, Werkstücken und Menschen Alltag, und Deutschland ist zu einem wichtigen Anbieter von Komponenten und Lösungen für Smart Factories geworden.
Gleichzeitig bleibt die Durchdringung ungleich: Große Unternehmen sind weit, viele kleine und mittelständische Betriebe hängen deutlich hinterher. Statt durchgängig vernetzter Fabriken dominieren häufig isolierte Einzellösungen. Wirklich neue, datenbasierte Geschäftsmodelle und radikal veränderte Wertschöpfungsketten werden zudem deutlich seltener realisiert als ursprünglich erhofft.
Kritiker bemängeln seit Jahren fehlende konkrete Ergebnisse einer gemeinsamen nationalen Strategie, zu viel Gremienarbeit und ein eher reaktives Hinterherlaufen hinter internationalen Initiativen wie dem Industrial Internet Consortium in den USA oder chinesischen Programmen.
Der fatale Rebound-Effekt
Die aktuelle Forderung nach längeren Arbeitszeiten käme einem klassischen Rebound-Effekt gleich: Produktivität würde nicht steigen, sondern durch den vermehrten Einsatz „billigerer“ Ressourcen sogar unter Druck geraten. Warum sollten Unternehmen in teure Digitalisierung investieren, wenn Arbeitszeit faktisch verbilligt verfügbar gemacht wird?
Kurzfristig ließen sich Produkte so womöglich preiswerter anbieten. Mittel- bis langfristig würde sich jedoch der Abstand zu hochautomatisierten und datengetriebenen Volkswirtschaften – insbesondere China – dramatisch vergrößern.
Die Gefahr betrifft dabei nicht nur die Industrie. Stichwort: Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Mit der Verlängerung der Arbeitszeiten ginge nicht nur der Anreiz zur Digitalisierung verloren, sondern auch zur Weiterentwicklung von KI-Anwendungen in Deutschland. In der Folge blieben weitere Innovationsschübe zur Produktivitätssteigerung aus. Im schlimmsten Fall droht der Bundesrepublik dann die Rolle einer verlängerten Werkbank – beispielsweise für China.

Du hast sicher in allen Punkten Recht, aber ich glaube, das die ALLE nur im 4 Jahresrhythmus denken. Wenn sie dann rausgeflogen sind, damit sie sagen können; “bei uns hat’s funktioniert”, weil die Kurve mal kurzzeitig nach oben wollte. Diese, unsere Regierung ist auf “Effekthascherei und Blendung” mit einem ungesunden Mix aus “machen wir wie früher” eingeschwenkt.
So arbeite ich im größten Prüfwerk für Gasflaschen in Europa. Hinter vorgehaltener Hand freut man sich schon auf die Mehrarbeit, dann gehts mit dem selben Personal villeicht auch in 3 Schichten… Und- Ja- was machen die?? eine über 20 Jahre alte Maschine wurde nicht ersetzt sondern bekam eine neue Steuerung- aber das nur, weil es für die alte Steuerung keine Teile mehr gab.
Wir sind also schon mitten drin im “Rebound”.
@Wolf: Die meisten Unternehmen planen noch kürzer — bis zum nächsten Bilanzabschluss. Dabei bietet gerade eine Flaute die Gelegenheit zu investieren, zumindest dann, wenn die Banken dafür auch die Kredite geben. Digitalisierung funktioniert aber nicht nur alleine mit neuen Maschinen, es gehören Leute dazu, die sich der Vernetzung annehmen. Wenn man es dann richtig macht, zeigt eine Maschine nicht nur ihre baldige Verschleißgrenze an, sondern bestellt automatisch ihre Verschleißteile, oder plant vor Stillsetzung die Fertigung auf eine andere Maschine, inclusive angepasstem Arbeitsplan und E‑Mail an die Fertigungssteuerung, dass der Produktionstermin evtl. nicht zu halten ist. Habe ich selber schon gesehen…
In der IT gibt es ja solche Maschinen zum Bruchteil des Preises von Fertigungsstraßen: die heutigen Drucker möchten am liebsten, dass Du ein Abo abschließt und die bestellen dann selbstständig Tinte oder Toner — hauptsache deine Bankdaten stimmen.
Das steht zu befürchten. Aber, bei allem Gemeckere und Rumgeschimpfe wie schlimm das alles ist und das der Teufel LLM erfunden hat, ist eins klar. Wir werden das alles nicht aufhalten und ich persönlich will das auch nicht. Dsa heißt aber nicht, dass wir uns der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz kritiklos ausliefern sollten.