Auch Berlin wurde geteilt. Im Jahre 1961 schließlich machte das Gerücht vom Bau einer Mauer mitten in Berlin die Runde, das der damalige Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht in seinem charakteristischen Singsang sofort dementierte. Auf die Frage der westdeutschen Journalistin Annamarie Doherr, ob die Staatsgrenze am Brandenburger Tor verlaufe, verhaspelte sich Ulbricht rhetorisch und beantwortete die nicht gestellte Frage einer Mauer mit dem berühmten Satz: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten«.
Im August 1961 ließ die Führung der DDR die Sektorengrenze abriegeln. Die komplette Grenzanlage war bereits am 18. August fertiggestellt und umfasste Berlin auf einer Länge von 156 Kilometer. Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Folge der friedlichen Revolution in der DDR.
In diesem Jahr war ich, im Rahmen einer Übung, als junger Panzerkommandant abgeordnet, die Grenzbefestigung zur Grenze nach Thüringen mit zu sichern. 16 Kampfpanzer mit Zielrichtung auf die innerdeutsche Grenze, trotz Übung ein mulmiges Gefühl.
Offensichtlich funktionierte die Kommunikation damals nicht so wie heute. Jedenfalls wurde die gesamte Kompanie – kaum in Stellung – zum sofortigen Drehen der Türme und Rückzug aufgefordert.
Gorbatschow war gerade in Deutschland, um mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl erste Gespräche über eine mögliche Souveränität der Bundesrepublik zu sprechen.
Am Abend des 9.November dann die Nachricht: Die Grenze ist offen.
Das die Grenzöffnung friedlich verlief, haben wir wohl dem ehemaligen Oberstleutnant Harald Jäger zu verdanken, der in der brenzligen Lage und bei unklarer Befehlslage entschied, alle versammelten Bürgerinnen und Bürger der DDR an dem Abend ausreisen zu lassen.
Nicht auszudenken, wenn Jäger, so wie es die Befehlsreihenfolge anordnete, den Schießbefehl gegeben hätte.
Es ist noch nicht alles zusammengewachsen, was zusammengehört und von Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ ist noch nicht allzu viel zu sehen, Löhne und Gehälter im Osten hinken immer noch hinterher und viele Ostdeutsche sind, oder fühlen sich, immer noch benachteiligt gegenüber den „Wessis“.
Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, selbst ein Kind der DDR, fasste es einmal passend zusammen: »Es braucht Mut, Freiheit zu erkämpfen, und es braucht Mut, Freiheit zu nutzen«.

Dein Beitrag ist sehr sachlich – ich erlaube mir, ein paar persönliche Gedanken eher aus der Bauchgegend beizusteuern.
Ich merke bei mir eine gewisse Skepsis gegenüber der Wiedervereinigung. Rückblickend erinnere ich mich gerne an die Bonner Jahre, als Deutschland weniger Führungsansprüche stellte. Diese Zurückhaltung habe ich als angenehm empfunden.
Unbehagen bereitet mir heute, dass manche Ostdeutsche die Wiedervereinigung als eine Art Fremdbestimmung wahrnehmen. Dieses Gefühl verbindet sich mit dem weit verbreiteten Eindruck, dauerhaft benachteiligt zu sein. Zusammen ergibt das ein Narrativ, das der AfD zugutekommt: die Behauptung, wir lebten längst nicht mehr in einer echten Demokratie.
Wenn ich die aktuellen politischen Entwicklungen betrachte, habe ich Sorge, dass sich dieses Stimmungsbild weiter verschärft – besonders dann, wenn unser Sozialstaat, der so viele Ressourcen bindet, immer weniger leisten kann.
Dabei ist die Repräsentanz von Ostdeutschen im Bundestag gar nicht so schlecht: Rund 21 % der Abgeordneten stammen von dort. Dass es in anderen Bereichen wie Wirtschaft, Medien oder Kultur noch Nachholbedarf gibt, steht für mich außer Frage.
Vielleicht zeigt sich daran, dass ich in mancher Hinsicht konservativ ticke: In der alten Bundesrepublik habe ich mich tatsächlich wohler gefühlt. Diese Empfindung wollte ich einmal loswerden – auch wenn sie nicht jedem gefallen wird.
Sachlich ist tatsächlich mein Empfinden am Tag der deutschen Einheit. Ich bin ziemlich hin und her gerissen, was die Bürgerinnen und Bürger im Ostteil angeht. Ich habe viele gute Erfahrungen, aber auch einige nicht so schöne Erfahrungen gemacht.
Viele Mitbürger aus dem Osten des Landes haben uns und sehen uns noch als Besserwessi. An einigen Stellen kann ich die Wut nachvollziehen. Den Osten traf der Kapitalismus unvorbereitet und mit voller Wucht. Alles, was die Regierung der DDR seinerzeit darüber berichte hatte, schien sich nach der Grenzöffnung zu bewahrheiten. Die Treuhand versprach viel und hielt wenig; die DDR wurde ausgeplündert.
Windige private Geschäftsleute aus dem Westen schwatzen den Neubürgern alles mögliche auf. Private Verkäufer verkauften ihre Schrottautos zu überhöhten Preisen. Der damalige Bundeskanzler versprach blühende Landschaften, geblieben ist davon wenig. Der Westen blickte wiederum neidisch auf die großen Hauptstädte, dort wurde mit Steuergeldern ordentlich investiert, während hier im Westen immer mehr Infrastruktur erodierte.
Im Grunde ist die Wiedervereinigung eine Verkettung gegenseitiger Missverständnisse zwischen Ost und West. Auf der anderen Seite wächst ja nun, 35 Jahre später, die nächste Generation heran, die von der DDR nichts mehr mitbekommen hat. Ich glaube, dass die junge Generation die Unterscheidung zwischen Ost und West überhaupt nicht mehr wahrnimmt.