35 Jahre deutsche Einheit

Nach­dem Deutsch­land nach dem Zwei­ten Welt­krieg von den vier Alli­ier­ten Sie­ger­mäch­ten – der Sowjet­uni­on, den USA, Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich – in vier Besat­zungs­zo­nen auf­ge­teilt wur­de, führ­ten die zuneh­men­den Span­nun­gen im begin­nen­den Kal­ten Krieg 1949 zur Grün­dung zwei­er deut­scher Staa­ten: der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land im Wes­ten und der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik (DDR) im Osten.

Auch Ber­lin wur­de geteilt. Im Jah­re 1961 schließ­lich mach­te das Gerücht vom Bau einer Mau­er mit­ten in Ber­lin die Run­de, das der dama­li­ge Staats­rats­vor­sit­zen­de Wal­ter Ulb­richt in sei­nem cha­rak­te­ris­ti­schen Sing­sang sofort demen­tier­te. Auf die Fra­ge der west­deut­schen Jour­na­lis­tin Anna­ma­rie Doherr, ob die Staats­gren­ze am Bran­den­bur­ger Tor ver­lau­fe, ver­has­pel­te sich Ulb­richt rhe­to­risch und beant­wor­te­te die nicht gestell­te Fra­ge einer Mau­er mit dem berühm­ten Satz: »Nie­mand hat die Absicht, eine Mau­er zu errichten«.

Im August 1961 ließ die Füh­rung der DDR die Sek­to­ren­gren­ze abrie­geln. Die kom­plet­te Grenz­an­la­ge war bereits am 18. August fer­tig­ge­stellt und umfass­te Ber­lin auf einer Län­ge von 156 Kilo­me­ter. Am 9. Novem­ber 1989 fiel die Mau­er in Fol­ge der fried­li­chen Revo­lu­ti­on in der DDR. 

In die­sem Jahr war ich, im Rah­men einer Übung, als jun­ger Pan­zer­kom­man­dant abge­ord­net, die Grenz­be­fes­ti­gung zur Gren­ze nach Thü­rin­gen mit zu sichern. 16 Kampf­pan­zer mit Ziel­rich­tung auf die inner­deut­sche Gren­ze, trotz Übung ein mul­mi­ges Gefühl. 

Offen­sicht­lich funk­tio­nier­te die Kom­mu­ni­ka­ti­on damals nicht so wie heu­te. Jeden­falls wur­de die gesam­te Kom­pa­nie – kaum in Stel­lung – zum sofor­ti­gen Dre­hen der Tür­me und Rück­zug aufgefordert. 

Gor­bat­schow war gera­de in Deutsch­land, um mit dem dama­li­gen Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl ers­te Gesprä­che über eine mög­li­che Sou­ve­rä­ni­tät der Bun­des­re­pu­blik zu sprechen.

Am Abend des 9.November dann die Nach­richt: Die Gren­ze ist offen.

Das die Grenz­öff­nung fried­lich ver­lief, haben wir wohl dem ehe­ma­li­gen Oberst­leut­nant Harald Jäger zu ver­dan­ken, der in der brenz­li­gen Lage und bei unkla­rer Befehls­la­ge ent­schied, alle ver­sam­mel­ten Bür­ge­rin­nen und Bür­ger der DDR an dem Abend aus­rei­sen zu lassen. 

Nicht aus­zu­den­ken, wenn Jäger, so wie es die Befehls­rei­hen­fol­ge anord­ne­te, den Schieß­be­fehl gege­ben hätte. 

Es ist noch nicht alles zusam­men­ge­wach­sen, was zusam­men­ge­hört und von Kohl ver­spro­che­nen „blü­hen­den Land­schaf­ten“ ist noch nicht all­zu viel zu sehen, Löh­ne und Gehäl­ter im Osten hin­ken immer noch hin­ter­her und vie­le Ost­deut­sche sind, oder füh­len sich, immer noch benach­tei­ligt gegen­über den „Wes­sis“.

Die ehe­ma­li­ge Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel, selbst ein Kind der DDR, fass­te es ein­mal pas­send zusam­men: »Es braucht Mut, Frei­heit zu erkämp­fen, und es braucht Mut, Frei­heit zu nutzen«. 

2 Gedanken zu „35 Jahre deutsche Einheit“

  1. Dein Bei­trag ist sehr sach­lich – ich erlau­be mir, ein paar per­sön­li­che Gedan­ken eher aus der Bauch­ge­gend beizusteuern.

    Ich mer­ke bei mir eine gewis­se Skep­sis gegen­über der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Rück­bli­ckend erin­ne­re ich mich ger­ne an die Bon­ner Jah­re, als Deutsch­land weni­ger Füh­rungs­an­sprü­che stell­te. Die­se Zurück­hal­tung habe ich als ange­nehm empfunden.

    Unbe­ha­gen berei­tet mir heu­te, dass man­che Ost­deut­sche die Wie­der­ver­ei­ni­gung als eine Art Fremd­be­stim­mung wahr­neh­men. Die­ses Gefühl ver­bin­det sich mit dem weit ver­brei­te­ten Ein­druck, dau­er­haft benach­tei­ligt zu sein. Zusam­men ergibt das ein Nar­ra­tiv, das der AfD zugu­te­kommt: die Behaup­tung, wir leb­ten längst nicht mehr in einer ech­ten Demokratie.

    Wenn ich die aktu­el­len poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen betrach­te, habe ich Sor­ge, dass sich die­ses Stim­mungs­bild wei­ter ver­schärft – beson­ders dann, wenn unser Sozi­al­staat, der so vie­le Res­sour­cen bin­det, immer weni­ger leis­ten kann.

    Dabei ist die Reprä­sen­tanz von Ost­deut­schen im Bun­des­tag gar nicht so schlecht: Rund 21 % der Abge­ord­ne­ten stam­men von dort. Dass es in ande­ren Berei­chen wie Wirt­schaft, Medi­en oder Kul­tur noch Nach­hol­be­darf gibt, steht für mich außer Frage.

    Viel­leicht zeigt sich dar­an, dass ich in man­cher Hin­sicht kon­ser­va­tiv ticke: In der alten Bun­des­re­pu­blik habe ich mich tat­säch­lich woh­ler gefühlt. Die­se Emp­fin­dung woll­te ich ein­mal los­wer­den – auch wenn sie nicht jedem gefal­len wird.

    • Sach­lich ist tat­säch­lich mein Emp­fin­den am Tag der deut­schen Ein­heit. Ich bin ziem­lich hin und her geris­sen, was die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger im Ost­teil angeht. Ich habe vie­le gute Erfah­run­gen, aber auch eini­ge nicht so schö­ne Erfah­run­gen gemacht. 

      Vie­le Mit­bür­ger aus dem Osten des Lan­des haben uns und sehen uns noch als Bes­ser­wes­si. An eini­gen Stel­len kann ich die Wut nach­voll­zie­hen. Den Osten traf der Kapi­ta­lis­mus unvor­be­rei­tet und mit vol­ler Wucht. Alles, was die Regie­rung der DDR sei­ner­zeit dar­über berich­te hat­te, schien sich nach der Grenz­öff­nung zu bewahr­hei­ten. Die Treu­hand ver­sprach viel und hielt wenig; die DDR wur­de ausgeplündert. 

      Win­di­ge pri­va­te Geschäfts­leu­te aus dem Wes­ten schwat­zen den Neu­bür­gern alles mög­li­che auf. Pri­va­te Ver­käu­fer ver­kauf­ten ihre Schrott­au­tos zu über­höh­ten Prei­sen. Der dama­li­ge Bun­des­kanz­ler ver­sprach blü­hen­de Land­schaf­ten, geblie­ben ist davon wenig. Der Wes­ten blick­te wie­der­um nei­disch auf die gro­ßen Haupt­städ­te, dort wur­de mit Steu­er­gel­dern ordent­lich inves­tiert, wäh­rend hier im Wes­ten immer mehr Infra­struk­tur erodierte. 

      Im Grun­de ist die Wie­der­ver­ei­ni­gung eine Ver­ket­tung gegen­sei­ti­ger Miss­ver­ständ­nis­se zwi­schen Ost und West. Auf der ande­ren Sei­te wächst ja nun, 35 Jah­re spä­ter, die nächs­te Gene­ra­ti­on her­an, die von der DDR nichts mehr mit­be­kom­men hat. Ich glau­be, dass die jun­ge Gene­ra­ti­on die Unter­schei­dung zwi­schen Ost und West über­haupt nicht mehr wahrnimmt.

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